sie tragen in ihrer Art zum Ganzen der Schöpfung bei. Die Giftpflanzen Heilmittel, für gewisse Tiere Nahrungsmittel. Ihrer Gefahr läßt sich vorbeugen, ihr Nutzen wahrnehmen: wie versteht sich selbst das unvernünftige Tier auf beides! Der vernünftige Mensch sollte für Gottes Gaben kein Verständnis haben?
§ 38
102 Doch vielleicht möchte der eine oder andere einwenden: Wie kommt es, daß mit den nützlichen (Pflanzen) auch tod- und verderbenbringende aufwachsen? mit dem Weizen Schierling, eine Giftpflanze, die unter den Lebensmitteln sich vorfindet und, wenn man nicht Obacht gibt, der Gesundheit zu schaden pflegt? Unter anderen Lebensmitteln hinwiederum trifft man die Nieswurz an. Auch Eisenhut trügt und täuscht häufig den Sammler. Doch das wäre so, als wollte man die Erde tadeln, weil nicht alle Menschen gut sind. Indes höre, was noch mehr heißt: Nicht einmal alle Engel im Himmel blieben gut; auch die Sonne macht durch ihre übermäßige Hitze die Ähren dorren, das erste Wachstum der keimenden Saat aber verdorren; der Mond desgleichen zeigt den Pilgern den Pfad, fristet aber den Räubern die Zeit zu Nachstellungen. Wäre es nun anbetrachts der Geschöpfe, die uns frommen, recht, mit dem Lobpreis auf des Schöpfers Huld zurückzuhalten und wegen der paar Schädlinge unter den Lebensmitteln des Schöpfers Fürsorge herabzusetzen? Als ob wirklich alle Dinge nur der Gaumenlust wegen hätten erzeugt werden müssen! Oder als ob das so wenig wäre, was Gottes gnädige Hand unserem Bauche dargeboten! Wir haben unsere bestimmten Speisen, allen sind sie bekannt: Genuß sollen sie erzeugen und Wohlfahrt für den Leib.
§ 39
Alles aber, was der Erde entsproßt, hat seine besondere Zweckbestimmung und trägt nach Kräften 103 bei zur Vollendung der Gesamtschöpfung. Die einen Erzeugnisse dienen zur Nahrung, andere zu anderweitigem Gebrauch. Nichts ist umsonst, nichts unnütz, was die Erde sproßt. Was dir nutzlos dünkt, nützt anderen, ja nützt häufig dir selbst bei anderweitigem Gebrauch. Was nicht zur Speise dient, wirkt als Heilmittel, und oftmals bietet das nämliche, was für dich schädlich ist, Vögeln und wilden Tieren eine unschädliche Nahrung. So verzehren die Stare, ohne daß es ihnen schadet, den Schierling, indem sie durch ihre physische Beschaffenheit gegen den tödlichen Giftsaft gefeit sind. Dieser Saft nämlich erzeugt ein Frösteln, das sie überschauert. Bevor ihn nun die feinen Poren in die Herzkammer leiten, treiben sie ihn noch rechtzeitig, ehe er die Lebensorgane gefährdet, auf dem Wege der Verdauung ab. Kenner der Nieswurz aber behaupten, sie diene den Wachteln zu Fraß und Futter, indem diese infolge ihrer glücklichen natürlichen Körperbeschaffenheit der Wirkung der schädlichen Speise entgehen. Wenn sich dieselbe nämlich gar häufig als Medizin zur Heilung des menschlichen Leibes zubereiten läßt, dem sie doch an sich schädlich zu sein scheint, wieviel mehr muß sie, die durch die Hand des Arztes zum Heilmittel sich wandeln läßt, kraft ihrer natürlichen Beschaffenheit ein zuträgliches Nahrungsmittel sein? Ebenso verschafft die Mandragora (Alraun) häufig denen, die am Übel der Schlaflosigkeit leiden, Schlaf. Was soll ich vom Mohnsaft reden, der auch bei uns bekannt geworden ist und fast täglich als Betäubungsmittel bei recht heftigen innerlichen Schmerzen gebraucht wird. Auch das ist nicht unbekannt, daß auf Schierling schon oft das Toben der sinnlichen Begierden sich legte und mit Nieswurz alte Leiden eines siechen Körpers gehoben wurden.
§ 40
Es liegt also in diesen Giftpflanzen nicht bloß kein Grund zum Tadel des Schöpfers vor, sondern 104 vielmehr ein Anlaß zu erhöhtem Dank, da ja das Erzeugnis, in welchem du nur Gefahr vermutetest, ein wirksames Heilmittel für deine Gesundheit ist. Dem Gefährlichen läßt sich durch Vorsicht aus dem Wege gehen, des Heilsamen geht man bei Achtsamkeit nicht verlustig. Oder haben Schafe und Ziegen, was ihnen schädlich ist, erst meiden lernen müssen? Verstehen sie nicht, obschon sie unvernünftige Tiere sind, vernünftigerweise mit dem bloßen Geruchsinn infolge eines geheimen Naturinstinktes der Gefahr auszuweichen und das Leben zu schützen? Und wissen sie nicht zwischem dem Schädlichen und Nützlichen gleicherweise zu unterscheiden, so daß sie, wie man sich erzählt, falls sie sich von giftgetränkten Geschossen getroffen fühlen, wohlbekannte Kräuter aufsuchen und daraus ein Heilmittel für die Wunde sich verschaffen? Die Nahrung selbst dient ihnen zur Arznei: Die Pfeile sieht man aus der Wunde treten, das Gift entweichen, nicht mehr schleichen. So ist auch dem Hirsche die Speise ein Gegengift. Die Schlange flieht den Hirsch, tötet den Löwen. Eine Riesenschlange umschlingt den Elefanten. Sein Sturz würde den Tod der Siegerin bedeuten. Mit äußerster Kraftanstrengung wird darum beiderseits der Kampf geführt. Erstere sucht den Fuß des letzteren zu umschnüren, weil so des Umwundenen Fall ihr nicht schaden könne. Dieser trachtet, daß er nicht als letzter oder nicht an einem Engpaß am Hinterfuß angefallen werde, wo er weder selbst sich wenden und mit einem starken Fußtritt die Schlange zerstampfen, noch von einem nachkommenden Elefanten Hilfe erlangen könnte.
§ 41
Wenn nun die unvernünftigen Tiere die Kräuter kennen, mit welchen sie Heilung, die Mittel, mit welchen sie Hilfe sich schaffen: sollte der Mensch mit dem ihm angeborenen vernünftigen Sinn es nicht? Oder sollte er der Wirklichkeit so fremd gegenüberstehen, daß er gar nicht einsieht, was sich jeweils zum 105 Gebrauch eignet? Oder wollte er für die Gaben der Natur so undankbar sein und glauben, es hätte, weil ein Schluck Stierblutes für den Menschen todbringend ist, das Zugtier entweder gar nicht ins Dasein oder aber ohne Blut ins Leben treten sollen? Und doch ist seine Kraft ― so nützlich für den Ackerbau, so tauglich für den Wagendienst, so köstlich zum Genusse ― in mannigfacher Dienstleistung eine starke Stütze für die Landleute. Diesen hat Gott überhaupt, „wenn sie ihre Güter erkennen wollten“, mit den Worten: „Es sprosse die Erde das Grün des Grases, Samen treibend nach seiner Art“ alles geschenkt. Er meinte nämlich darunter nicht bloß die von selbst sich darbietende Nahrung, wie sie an Kräutern, Bäumen und sonstigen Fruchtpflanzen hängt, sondern auch die durch wirtschaftlichen Fleiß gewonnene und durch ländlichen Ackerbau mühsam erworbene.
§ 42
[Forts. v. 105 ] Wie geziemend aber, daß Gott die Erde nicht mit einem Male Samen und Frucht hervorbringen hieß, sondern bestimmte, es sollten die Gefilde erst keimen, dann sprossen, hierauf die Saat ihrer Art entsprechend heranreifen, so daß es den Feldern zu keiner Zeit an Anmut gebräche! Erst sollten sie in lieblicher Pracht erblühen, dann der Früchte Segen spenden.