Große Mannigfaltigkeit der Bäume und ihres Schmuckes. Geschlechtsverschiedenheit und Befruchtung der Bäume (Palme). Künstliche Befruchtung (Kaprifikation, Pfropfreis). Vom Obste. Das Obst eine gesunde Kost, eine natürliche Arznei, neben den Kräutern das älteste Heilmittel der Menschen.
§ 53
Doch wie dürfte ich beim Weinstock allein stehen bleiben, da doch sämtliche Arten von Bäumen 115 nutzbar sind? Die einen traten als Fruchtbäume ins Dasein, andere wurden als Nutzholz verliehen. Denn auch jene, welche keine reichere Frucht tragen, lassen sich umso wertvoller verwenden. So eignet sich die Zeder zur Aufrichtung von Dachgiebeln; denn solches Bauholz läßt sich über weite Räume spannen und drückt nicht schwer auf das Mauerwerk. Zur Deckentäfelung desgleichen und zur Ausschmückunng des Vordergiebels paßt Zypressenholz. Daher spricht auch die Kirche im Hohen Liede: „Das Gebälke unserer Behausung sind Zedern, unser Getäfel Zypresse“. Auf denen, will sie sagen, beruht der zierliche Schmuck ihres Giebelbaues, die wie Balken mit ihrer Tugendkraft den Hochbau der Kirche stützen und ihre Front schmücken. ― Lorbeer und Palme sind Sinnbild des Sieges: der Lorbeer bekränzt des Siegers Haupt, die Palme in der siegreichen Hand ist sein Schmuck. Daher jubelt auch die Kirche: „Ich habe es gesagt, hinaufsteigen will ich auf die Palme und erfassen ihre Höhen“. Sie schaut die Erhabenheit des Wortes, und voll Zuversicht, zu seiner Höhe und zum Gipfel seiner Weisheit emporsteigen zu können, spricht sie: „Ich will hinaufsteigen auf die Palme“. Alles Niedrige will sie zurücklassen und nach dem Höheren streben, in die Arme Christi, um seine süße Frucht zu pflücken und zu kosten; denn süß ist der Tugend Frucht. ― Worauf anders ferner deutet mystisch die Pappel, der schattige Baum mit der Siegeskrone, und die gefügige, zum Binden der Reben sich eignende Weide als auf den Segen der Bande Christi, die nicht schaden, der Bande der Gnade, der Bande der Liebe, so daß jeder seiner Bande sich rühmen darf, wie Paulus sich rühmt mit den Worten: „Paulus, der Gefesselte Jesu Christi“? In diese Fesseln geschlagen pflegte er auszurufen: „Wer soll uns scheiden von der Liebe Jesu Christi?“ ― in die Fesseln der Entsagung, in die 116 Fesseln der Liebe geschlagen. In diese Fesseln geschlagen bekennt auch David: „An die Weiden in ihrer Mitte hingen wir unsere Harfen auf“. ― Der Buxbaum desgleichen, der mit seinem weichen Holze sich vorteilhaft zum Schnitzen von Buchstaben eignet, lehrt die Kinderhand. Darum das Schriftwort: „Schreib es in Buxbaum!“ Zugleich soll das Schreibmaterial, das immer grün ist und nimmer sein Laub verliert, dich gemahnen, daß du niemals deine Hoffnung aufgebest und ablegest, sondern daß dir immerdar durch den Glauben die Hoffnung des Heils erblühe.
§ 54
[Forts. v. 116 ] Was sollte ich aufzählen, wie groß die Mannigfaltigkeit unter den Bäumen ist? Wie abwechslungsreich und schön der Schmuck jedes einzelnen Baumes? Wie breitästig die Buche ist, wie schlank die Tanne, wie nadelreich die Pinie, wie schattig die Eiche, wie doppelfarbig die Pappel, wie dichtbelaubt und neu sich verjüngend die Kastanie, die, sobald sie gefällt ist, fast einen Wald neuer Sprößlinge zu treiben pflegt? Wie sich selbst auch an den Bäumen ein hohes oder jugendliches Alter unterscheiden läßt? Die jüngeren haben schmächtigere Zweige, ältere strecken kräftigere und knorrige Arme aus; erstere tragen glatte und flache Blätter, letztere mehr zusammengeschrumpfte und rauhe. Auch gibt es Bäume, die aus ihrem altersschwachen und abgestorbenen Wurzelstocke, wenn sie gefällt werden, keinen neuen Nachwuchs zu treiben vermögen; andere, denen frische Jugendkraft und größere natürliche Fruchtbarkeit eignet, denen die fällende Axt mehr frommt denn schadet, so daß sie von neuem nachsprossen und in vielen Schößlingen sich verjüngen und fortvererben.
§ 55
Merkwürdigerweise ist sogar auch in den Obstbäumen eine Geschlechtsanlage, ist in den Bäumen ein Geschlechtsunterschied vorhanden. So kann man 117 wahrnehmen wie die Palme, welche die Dattelfrucht hervorbringt, so manchmal ihre Äste zu einem Baum herabläßt, den die Landkinder Palmmännchen nennen, sich darunter neigt und eine Art Geschlechtsverlangen und -verkehr an den Tag legt. Sie ist sonach die weibliche Palme und verrät durch dieses Sichherabneigen ihr Geschlecht. Daher streuen die Pflanzer von Palmenhainen über die Palmzweige männlichen Dattel- oder Palmensamen, durch welchen in jenem weiblichen Baume eine Art instinktmäßige Geschlechtsbetätigung geweckt und die ersehnte Geschlechtsbefriedigung geboten wird. Damit beglückt, richtet er sich wiederum auf, streckt seine Zweige aufwärts und trägt seine Fächerkrone zur früheren Höhenlage empor.
Auch über den Feigenbaum herrscht die gleiche Ansicht. Man bindet vielfach, wie es gerüchtweise heißt, den wilden Feigenbaum an der zahmen Edelfeige entlang, weil sonst die Frucht dieser zahmen Edelfeige durch irgendwelche schädliche Einwirkung sei es der Luft sei es der Hitze zur Erde fallen soll. Wer darum von diesem Mittel weiß, bindet die Feigen des wilden Baumes an jenen Fruchtbaum und heilt ihn von seiner Schwäche, so daß er seine Frucht, die ohne das künstliche Mittel abfallen würde, zu behalten vermag. Wie aus einem Naturrätsel spricht daraus die Mahnung zu uns, jene, die von unserem Glauben und unserer Gemeinschaft getrennt leben, nicht zu meiden. Es kann ja ein Heide, der gewonnen wird, aus einem leidenschaftlichen Anhänger des Irrtums ein umso eifrigerer Verteidiger des Glaubens werden. Und ein Irrgläubiger, der sich bekehrt, mag doch gewiß jene Seite (des Glaubens) verfechten, der er sich nach Änderung seiner Anschauung 118 zuwandte, insbesondere dann, wenn er etwa ein besonderes natürliches Geschick besitzt, seiner Überzeugung lebendig Ausdruck zu geben, wenn Nüchternheit, deren er sich befleißigt, und Keuschheit, die er beobachtet, ihn empfiehlt. So bemühe dich denn um ihn, um womöglich gleich jener Fruchtfeige aus der unmittelbaren Nähe und Verbindung mit jenem wilden Baume Stärkung deiner eigenen Tugendhaftigkeit zu erzielen. So wird dir nämlich einerseits das eigene Tugendstreben nicht erlahmen, andrerseits die Frucht der Liebe und des Wohlwollens aufbewahrt bleiben.
§ 56
Wie viele Tatsachen aber sprechen dafür, daß sich der natürlichen Sprödigkeit eines Dinges durch Fleiß und Eifer begegnen lasse. Ein Beispiel hierfür bietet der Landbau. Gar manchmal nämlich blüht der Granatapfelbaum zu rasch auf und vermag dann, wenn nicht Sachkundige ihm durch geeignete Mittel sorgsame Pflege angedeihen lassen, keine Frucht hervorzubringen. Gar manchmal schwindet seine innere Saftfülle dahin, während äußerlich sein Aussehen einen prächtigen Anblick gewährt. Man vergleicht dasselbe nicht mit Unrecht mit der Kirche. So findet sich im Hohen Liede in Hinblick auf die Kirche die Wendung: „Wie die Schale des Granatapfels sind deine Wangen“; und im folgenden (die Frage): „Ob wohl blühe der Weinstock, blühen die Granatäpfel“. Die Kirche nämlich strahlt den hehren Glanz des Glaubens und des Bekenntnisses aus, herrlich schimmernd vom Blute so vieler Märtyrer und, was noch mehr besagt, beglückt mit dem Blute Christi. Mit diesem Fruchtgenuß wahrt sie zugleich noch eine Menge Früchte unter gleich sorgfältiger Hut in ihrem Schoße und vereinigt in ihrer Hand tausend Bemühungen auf dem Feld des Tugendlebens: der Weise müht sich ja in stiller Geistesarbeit.
Auch den Mandelbaum soll der Landmann, um aus dessen bitterer Frucht süße zu erzielen, folgendermaßen 119 behandeln: Er bohrt die Wurzel dieses Baumes an und pfropft ihr ein Reis von jenem Baum auf, den die Griechen * πεύκη* [peukē], wir Pechföhre nennen. Durch dieses Verfahren nämlich wird seinem Safte die Bitterkeit genommen. Wenn nun schon der Landbau die Beschaffenheit eines Wurzelstockes verändern kann, sollte nicht auch Streben nach Erkenntnis und Zuchtbeflissenheit krankhafte Leidenschaften aller Art dämpfen können? Niemand, der auf der Jugend oder der Unenthaltsamkeit schlüpfrigem Pfade steht, gebe demnach die Hoffnung auf seine Bekehrung auf! Holz läßt sich so häufig für bessere Zwecke ändern: Menschenherzen sollen sich nicht wandeln lassen?
§ 57
[Forts. v. 119 ] Wir haben nicht bloß gezeigt, wie an verschiedenen Baumsorten eine Verschiedenheit der Früchte hervortritt, sondern wie vielfach an gleichartigen Bäumen ungleichartige Früchte reifen. So ist die männliche Frucht spezifisch von der weiblichen verschieden, wie wir es von den Datteln bereits oben erwähnten. Wer aber könnte die Mannigfaltigkeit, Pracht und Lieblichkeit des Obstes vollauf würdigen, desgleichen die Nützlichkeit jeder Fruchtsorte und die Säfte, die dem Obste eignen? Es scheint für jeden Gebrauch tauglich zu sein. Wie heilsam ist nicht säuerliches Obst für erkrankte innere Organe des Menschen? Wie lindernd wirkt es nicht bei innerer Blähung und Störung? Wie läßt sich nicht hinwiederum das Herbe der Bittersäfte mittels süßer Obstessenzen mildern? War doch jene Heilkunst, welche mit Kräutern und Säften kurierte, die ursprüngliche. Und keine kräftigere Gesundheit gibt es als jene, die auf gesunder Kost beruht. So sagt uns denn schon die natürliche Erfahrung: die Kost allein ist Arznei für uns. In der Tat durch Kräuter lassen sich offene Wunden schließen, durch Kräuter innerliche ausheilen. Aufgabe der Ärzte ist es darum, die Heilkräfte der Kräuter zu studieren; denn von da nahm die Heilpraxis, die sich einführte, ihren Ausgang.