Lolch und Unkraut überhaupt spezifische Pflanzenarten. Das Schöpferwort: “es sprosse die Erde” weckte eine Fruchtbarkeit, welche die Erde nach dem Sündenfall nicht mehr schaute. Sie muß seitdem dem Boden abgerungen werden. Zum Teil bietet die Erde auch jetzt noch von selbst die Fülle des Fruchtsegens.
§ 43
Doch vielleicht möchte jemand einwenden: Wie bringt denn die Erde Samen „nach seiner Art“ hervor, 106 nachdem doch der ausgestreute Same gar vielfach aus der Art schlägt: wenn eine gute Weizensorte gesät wurde, eine mindere Farbe und minderwertige Form daraus erzielt wird? Indes ist dieser Fall, wenn er dann und wann eintritt, augenscheinlich nicht auf eine Artveränderung, sondern auf eine krankhafte und anormale Beschaffenheit des Samens zurückzuführen. Denn der Weizen hört nicht auf, Weizen zu sein, wenn er entweder bei Kälte brandig wird oder unter Nässe fault. Die Änderung ist mehr am Aussehen als an der Art, sowie desgleichen an der Farbe und infolge der Verkümmerung vor sich gegangen. So nimmt ja häufig Getreide, das unter Nässe gelitten, sein ursprüngliches Aussehen wiederum an, wenn es an der Sonne oder am Feuer trocknet oder unter der pflegenden Hand der fleißigen Landleute an der milden Luft oder im fetten fruchtbaren Boden neubelebt wird. So verjüngt sich in der folgenden Generation der Same, der in der vorausgehenden degenerierte. Wir brauchen darum nicht fürchten, daß jene Anordnung Gottes, die zum ständigen Naturgesetze ward, in der Folgezeit etwa durch mangelnde Fortpflanzung eingebüßt hat: heute noch wird im Samen die (ursprüngliche) unverfälschte Art bewahrt.
§ 44
Daß man Lolch und die übrigen unechten Samenarten, die sich häufig unter den Feldfrüchten vorfinden, Unkraut nennt, ersehen wir aus dem verlesenen Evangelium. Sie stellen indes eine eigene Art dar, nicht eine verkümmerte Natur, die sie angenommen haben, indem sie etwa, zum Schlechteren sich verändernd, aus Weizensamen in eine andere Samenart übergingen. Dies lehrt ja auch der Herr, wenn er spricht: „Das Himmelreich ist gleich einem Manne, der guten Samen auf seinen Acker säte. Während aber die Leute schliefen, kam sein Feind und säte darüberhin Unkraut unter den Weizen“. Wir ersehen doch daraus, daß Unkraut und Weizen wie dem Samen so der Art nach augenscheinlich verschieden sind. Es sprechen denn auch die Knechte 107 zum Hausvater: „Herr, hast du nicht guten Samen auf deinen Acker gesät? Woher hat er also das Unkraut? Und er sprach: Ein feindlicher Mensch hat das getan“. Ein anderer ist der Same des Teufels, ein anderer der Same Christi, der gesät wird zur Gerechtigkeit. Ist doch auch eine andere die Saat, die der Menschensohn, eine andere die, welche der Teufel ausstreute. In dem Grade ist die Natur beider Samenarten verschieden, als der (eine) Sämann das Gegenteil (vom andern) ist. Was Christus sät, ist das Reich Gottes, was der Teufel sät, ist die Sünde. Wie könnte denn das Reich und die Sünde ein und derselben Art sein? „Also, heißt es, ist das Reich Gottes, wie wenn jemand Samen auf die Erde streut“.
§ 45
Es gibt auch einen Sämann, der das Wort sät. Von ihm steht geschrieben: „Der, welcher sät, sät das Wort“. Dieser Sämann hat das Wort über die Erde gesät, als er sprach: „Es sprosse die Erde das Grün“. Und sogleich sproßten hervor die Keime in der Erde, und mannigfacher Art waren die Dinge, die zum Vorschein kamen. Hier bot der Wiesen anmutiges Grün überreiche Weide, dort goldene Ährenfelder mit ihrer schwankenden übervollen Saat das Bild des wogenden Meeres. Von selbst bot die Erde alle Frucht dar. Konnte auch ohne den Pflüger ― es war ja noch kein Ackersmann erschaffen ― kein Pflug sie furchen: ungepflügt doch prangte sie in überreichen fetten Saaten und, wie ich nicht zweifle, noch in größerer Fruchtfülle (als nachmals), da ja noch keine Lässigkeit des Ackerbauers ihre Fruchtbarkeit beeinträchtigen konnte. Jetzt entspricht, wohin der Blick auf bebautes Land fällt, die Fruchtbarkeit, die einer erzielt, dem Verdienste seiner Arbeit: bei Nachlässigkeit oder Fahrlässigkeit, bei Regenschauer, anhaltender Dürre des Bodens, Hagelschlag oder welcher Ursache immer straft ihn der ergiebige Boden mit Unfruchtbarkeit. Damals aber erfüllte 108 die Erde alle Lande mit Früchten, die sie von selbst hervorbrachte, weil es derjenige befohlen hatte, der die Fülle von allem ist. Das Wort Gottes weckte die Fruchtbarkeit auf dem Festlande. Dazu war die Erde noch von keinem Fluch getroffen. Denn weiter als unsere Sünden liegen die Anfänge der werdenden Welt zurück, jünger ist die Schuld, derentwegen wir verurteilt wurden, „im Schweiße unseres Angesichtes das Brot essen“, ohne Schweiß der Nahrung entbehren zu müssen.
§ 46
[Forts. v. 108 ] Doch entfaltet endlich auch heute noch der Erde Fruchtbarkeit das reiche Wachstum von ehedem, indem sie von selbst ihres Schoßes Fülle öffnet. Denn wie viele Erzeugnisse gibt es nicht, die jetzt noch von selbst wachsen! Aber sogar auch in jenen, welche der Arbeit Frucht sind, warten großenteils nur Gottes Gaben unser: so gerade im Getreide, das herangedeiht, während wir ruhen. Das lehrt auch das Gleichnis des vorliegenden Lesestückes, worin der Herr spricht: „Also ist das Reich Gottes, wie wenn jemand Samen auf die Erde streut. Er mag“, fährt er fort, „schlafen oder aufstehen bei Tag und bei Nacht: der Same keimt und wächst auf, ohne daß er es wahrnimmt. Die Erde trägt von selbst Frucht, zuerst den Halm, dann die Ähre, endlich die volle Frucht in der Ähre. Und wenn sie die Frucht hervorgebracht hat, so legt er alsbald die Sichel an, weil die Ernte da ist“. Während du also schläfst, o Mensch,und nichts davon merkst, bringt die Erde von selbst ihre Früchte hervor. Du schläfst und stehst auf und staunst, wie das Getreide über Nacht zugesetzt hat.