Sie bedingt auch den Unterschied der Harze. Der Bernstein pflanzlicher Herkunft. Selbst Salomos Auge durchschaute nicht die letzten Geheimnisse der Natur.
§ 62
Es würde an kein Ende führen, wollte man den Eigentümlichkeiten der einzelnen Dinge nachgehen, ihre Verschiedenheiten mit überzeugender Klarheit auseinandersetzen oder ihre verborgenen und geheimen Ursachen mit endlosen Nachweisen aufdecken. So ist doch das Wasser ein und dasselbe, und nimmt gar oft verschiedenartige Veränderungen an. Die Farbe nach dem Gelände wechselnd, das es bespült, fließt es durch Sandsteppen gelblich dahin, durch Felsenriffe wildschäumend, durch Haine grünlich, durch Blumengefilde verschiedenfarbig: heller leuchtend durch Lilienbeete, rötlich schimmernd durch Rosengärten, reiner ist es im Tau des Grases, trüber im Sumpfe, durchsichtiger im Quell, dunkler im Meere. ― Gleicherweise ändert es auch seinen Kältegrad: in der Hitze wird es siedend heiß, im Schatten kühlt es ab, vom Sonnenstrahl getroffen verdampft es, bei Schneefall gefriert es zu Eis und wird 123 grau. ― Wie wechselt doch auch sein Geschmack! Verschiedentlich mundet es nach der Beschaffenheit der beigemischten Ingredienzien, bald herb, bald bitter, bald scharf, bald widerlich, bald süß. Herben Geschmack nimmt es an von unreifem Fruchtsaft, zerstoßener Nußrinde und ausgepreßten Nußblättern, bitteren von Wermut, scharfen von Wein, widerlichen von Knoblauch, ätzenden von Gift, süßen von Honig. Wird ihm aber Mastix, desgleichen Terpentin oder der Fruchtsaft im Nußinneren beigemischt, läßt es sich leicht in lindes natürliches Öl überführen. ― Als Nährsaft aller Pflanzen aber leistet es jeder einzelnen die verschiedensten Dienste. Ob es die Wurzeln bespült oder aus den Wolken strömend darauf niederrieselt, es strömt allen Teilen in verschiedener Weise Kraft zu: es macht die Wurzel schwellen, den Stamm wachsen, die Äste sich breiten, die Blätter grünen, nährt den Fruchtsamen, mehrt das Obst. Obschon es also der gemeinsame Nährquell aller Bäume ist, erzeugen die einen Arten herbere, andere süßere, die einen spät-, andere frühreife Fruchtsäfte. Sogar auch in der Süßigkeit macht sich ein Unterschied merklich: anders kostet sie sich beim Weinstock, anders bei der Olive, anders beim Kirschbaum, anders bei der Feige, verschieden davon beim Apfelbaum, ungleich anders beim Dattelbaum.
§ 63
Selbst für den Tastsinn fühlt sich das Wasser hier weich, dort rauher, so manchmal auch fettig an. Desgleichen ist es häufig wie an Aussehen so an Gewicht verschieden: an manchen Stellen wiegt es schwerer, an manchen leichter. Kein Wunder also, daß, wenn das Wasser selbst schon Unterschiedlichkeiten aufweist, auch das Harz der Bäume, das aus einer Aussonderung aus eben dem Wasser besteht, solche zeigt. Obwohl sonach der Entstehungsgrund bei sämtlichen Harzen der gleiche ist, ist doch ihr Gebrauch und ihre Natur verschieden. Eine andere Wirkung eignet dem Kirschbaumharz, eine andere dem Mastixharz. Verschieden davon ist der Balsam, den wohlriechende Bäume des Orients ausschwitzen sollen, verschieden desgleichen die Flüssigkeit, welche die Narthexpflanze in Ägypten 124 und Libyen kraft einer mehr verborgenen Naturbeschaffenheit träufelt. Was aber brauche ich dir erst melden ― die Rede mag weich bleiben ―, daß selbst Bernstein ein Pflanzenharz ist, und daß ein Harz zu so fester Masse sich verhärtet? Nicht auf schwache Gründe stützt sich das, da häufig Blätter oder kleine Teilchen von Zweigen, oder gewisse Arten von Tierchen im Bernstein sich vorfinden, die er anscheinend, da er noch ein weicherer Tropfen war, aufgenommen und nach der Versteinerung festgehalten hat.
§ 64
[Forts. v. 124 ] Doch wie darf mein schwaches Wort sich messen mit der tiefen und großartigen Zweckmäßigkeit der Natur, da doch dieses Wort nur von Menschengeist gespeist wird, die Natur aller Dinge aber aus der schöpferischen Hand der göttlichen Vorsehung hervorging? Darum muß dem Zuviel der Worte wie mit Zügeln Einhalt getan werden, daß wir nicht, wie geschrieben steht, „über die Unterschiede der Bäume, die Kräfte der Wurzeln und das sonst Verborgene und Unwahrnehmbare“ anmaßende Erörterungen anstellen: eine besondere Gabe der Weisheit, die anscheinend dem Salomo von Gott verliehen wurde. Und selbst von ihm wurde das nicht ans volle Licht gestellt. Meines Erachtens hätte er wohl über die Pflanzenarten sich des näheren verbreiten, doch nicht volleren Aufschluß über deren tieferes Wesen geben können.