Wie konnte das eine Weltmeer alle Wasser fassen? Drei Erklärungsversuche: 1) Ausdehnung des Flächeninhaltes der Erde, 2) Vertiefung des Meeresgrundes, 3) Ableitung großer Wassermengen in die Binnengewässer.
§ 12
82 Jetzt eine Frage. Wenn es heißt: „Es sammle sich das Wasser . . . an einen Sammelort“, wie konnte denn ein einziges Sammelbecken alles Wasser fassen, das, Seen, Sümpfe, Weiher füllend und Täler und Ebenen und alles Flachland bedeckend, in Quellen und Flüssen abfloß? Oder wie kann von einem einzigen Becken die Rede sein, nachdem es doch heutzutage verschiedene Meere gibt? Wir nennen den Ozean Meer und reden von einem Tyrrhenischen, Adriatischen, Indischen, Ägyptischen, Pontischen, Propontischen, Hellespontischen, Euxinischen, Ägäischen, Jonischen, Atlantischen Meere; manche nennen dazu noch das Kretische und das Kaspische Meer in der Mitternachtsgegend. Wir wollen darum den Wortlaut der Schrift, der mit genauer Wage abgewogen ist, näher ins Auge fassen.
§ 13
„Es sammle sich das Wasser an einen Sammelort“. „Nur einen ununterbrochen zusammenhängenden Sammelort der Wasser gibt es, hingegen verschiedene Meerbecken, wie schon ein Profanschriftsteller hervorhebt. Denn auch der Pontus ist nur ein unermeßlich weites Becken unseres Meeres. Und mit Recht führt es an den verschiedenen Orten verschiedene Namen, indem die Bezeichnung der Gegenden sich auf die Gewässer übertrug. Nur „einen Sammelort der Wasser“ aber gibt es, weil es nur eine ununterbrochen zusammenhängende Flut ist, die vom Indischen Meere bis an den gaditanischen Küstenstrich 83 und von da zum Roten Meere die Enden des Erdkreises einschließt, vom Ozean umgürtet, der ringsum wogt. Auch innnerhalb desselben geht die Adria in das Tyrrhenische, die übrigen Meere, die nur dem Namen, nicht der Flut nach unterschieden sind, in die Adria über. Darum die zutreffende Wendung: Gott „nannte die Sammlungen der Wasser Meere“. So gibt es also einesteils nur ein allgemeines Sammelbecken, das ‚Meer‘ genannt wird, andernteils viele Becken, die, nach den Gegenden zubenannt, ‚Meere‘ heißen. Wie es nämlich viele nach dem Namen der Gegenden bezeichnete Erdenländer (‚terrae‘) gibt, wie Afrika, Spanien, Thrakien, Mazedonien, Syrien, Ägypten, Gallien, Italien, und nur eine Erde (‚terra‘), so redet man auch je nach den Namen der Gegenden von vielen Meeren, und hinwiederum nur von einem Meere, wie es der Prophet bestätigt, wenn er spricht: „Dein ist der Himmel und Dein ist die Erde. Den Erdkreis und seine Fülle hast Du gegründet; Nord und Meer: Du hast sie erschaffen“. Und zu Job spricht der Herr selbst: „Ich aber schloß das Meer ein mit Toren“.
§ 14
Jetzt, da wir von dem einen Sammelbecken gesprochen haben, ergibt sich die weitere Frage: Wenn fast auf der ganzen Erde und über der Erde Wasser ausgegossen lag, über den Niederungen der Gefilde, den Taleinschnitten der Gebirge, dem ebenen Flachlande: konnte dann ein einziges Sammelbecken nach Art eines Meeres alle jene Wasser fassen und das Festland, das zuvor seiner ganzen Ausdehnung nach unter Wasser stand, davon befreien? Denn wenn alles in solcher Weise bedeckt war ― die Schrift würde sonst nicht bemerkt haben: „es kam die Erde zum Vorschein“, hätte sie dieselbe nicht allerorts als bedeckt erscheinen lassen wollen ―, wenn die Sintflut zu Noes Zeit, da die Ausscheidung der Wasser über den Himmeln und unter dem Firmamente bereits vor sich gegangen war, selbst die 84 Berge einhüllte, wieviel mehr waren zweifelsohne von jener Überschwemmungsflut auch noch die Scheitel der Berge verdeckt? Wohin nun wurden jene ganze übergroße Wasserfülle abgeleitet? Welches sind die so ununterbrochen zusammenhängenden Behälter, die sie aufzunehmen vermochten?
§ 15
Darauf ließe sich nun vieles erwidern: fürs erste, daß der Schöpfer des Alls den Flächeninhalt der Erde hätte erweitern können, eine Behauptung, welche auch einige vor uns als ihre subjektive Ansicht vortrugen. Ich meinerseits will nicht verschweigen, was er möglicherweise hätte tun können: was er wirklich getan, darüber will ich, weil ich von der Autorität der Schrift nichts Bestimmtes erfahre, wie über Verborgenes schweigen, damit man nicht auch das noch als Anlaß zu weiteren Fragen auszunützen suche. Gleichwohl möchte ich im Einklang mit der Schrift betonen: Es konnte Gott des Geländes Niederungen und des Flachlandes freie Strecken weiter ausdehnen, wie er selbst versicherte: „Ich werde vor dir herziehen und die Berge eben machen“. Es konnte ferner der Wasser Gewalt selbst die Stellen vertiefen, die mit so reißender Strömung und so wilder Brandung des stürmischen Elementes, die noch täglich die Meerestiefen aufzuwühlen und die Kiesmassen vom tiefen Grund fortzuwälzen pflegen, eingeströmt war. Wer weiß ferner, wie weit jenes große Meer, in das noch kein Schiffer sich hinauswagte und das noch kein Seefahrer durchquerte, sich ergießt, das mit seiner gewaltigen Wasserzone Britannien umgürtet und noch höher hinauf nach unbekannten, selbst der Sagenwelt verschlossenen Ländern sich erstreckt? Wer wollte endlich nicht in Erwägung ziehen, welche Wassermenge das einströmende Meer an den Lukriner-und Avernersee in Italien 85 abgibt, ferner an den See von Tiberias in Palästina und an jenen, der zwischen Palästina und Ägypten Arabiens Wüste vorlagert, sowie an die verschiedenen Hafenanlagen des Augustus und Trajan und so viele andere auf dem ganzen Erdkreis?
§ 16
Es gibt freilich auch Seen und Gewässer, die nicht (mit dem Meere) verbunden sind, die mit ihrer Flut sich nicht darein ergießen, wie der Comersee und Gardasee, ferner der Albanersee und andere mehr. Wie kann da von „einer Sammlung der Wasser“ die Rede sein? Doch wie es heißt, Gott habe zwei Leuchten geschaffen, d. i. die Sonne und den Mond, obschon es doch auch noch die leuchtenden Sterne gibt, so ist auch nur von einer Sammlung der Wasser die Rede, wiewohl es deren gar viele gibt. Sie kommen nämlich für die Aufzählung nicht in Betracht, weil sie nicht erwähnt werden.