Die Rose ursprünglich ohne Dornen, nachmals mit Dornen: ein Bild des Menschenlebens.
§ 47
109 Wir haben vom Grün des Grases gesprochen. Jetzt wollen wir sprechen von den “Fruchtbäumen, welche Frucht bringen nach ihrer Art, deren Samen in ihnen selbst ist“. „Er sprach und sie waren“, und mit einem Male prangte die Erde, wie vorher im Blumenschmuck und frischem Grün der Kräuter, so jetzt im Schmuck der Wälder. Bäume an Bäume reihten sich, Wälder an Wälder erhoben sich, die Höhen der Berge bedeckten sich plötzlich mit Laub. Hier strebte eine Pinie, dort eine Zypresse zur Höhe auf. Zedern und Kiefern gesellten sich dazu. Die Tanne desgleichen schoß auf: nicht zufrieden, die Wurzeln in den Boden zu schlagen, den Wipfel in die Luft zu tragen, wollte sie mit sicherem Ruderschlag den Gefahren des Meeres trotzen und nicht bloß mit den Stürmen, sondern auch mit den Wogen kämpfen. Der Lorbeer auch, der nie sein Kleid ablegen sollte, wuchs empor und verbreitete seinen Duft. Desgleichen trugen schattige Steineichen ihren Wipfel in die Luft. Auch sie sollten ihr struppiges Laub künftig bewahren. Jene eigenartige Ausstattung nämlich, welche die Natur im Augenblick der Weltentstehung empfing, behielt sie für allzeit in den Einzeldingen bei. Sonach bleibt den Eichen, bleibt den Zypressen ihr Vorzug gewahrt, daß kein Sturm sie ihres Laubgewandes beraubt.
§ 48
Ohne Dornen war ehedem die Rose unter den Blumen der Erde emporgewachsen und ohne Falsch blühte der Blumen schönste; nachher umzäunte sie ihrer Blüte Anmut mit dem Dorn: ein Spiegelbild des 110 Menschenlebens, das die süße Lust seines Tuns und Treibens so oft durch der Sorgen nachbarliche Stacheln in stechenden Schmerz wandelt. Denn wie von einem Walle, wie von einem Zaune quälender Sorgen ist unseres Lebens holder Reiz eingeschlossen, so daß Lust und Trauer sich nahe berühren. Mag einer der köstlichen Gabe der Vernunft oder eines fortgesetzt glücklicheren Lebenslaufes sich freuen, soll er sich billig der Schuld erinnern, um derentwillen durch rechtskräftiges Strafurteil Dornen im Geiste und Stacheln im Herzen unser Teil wurden, nachdem wir zuvor in des Paradieses Wonne blühten. Magst du also im Ruhmesglanz des Adels strahlen, o Mensch, oder durch Hoheit der Macht oder durch Glanz der Tugend: stets steht dir der Dorn, stets der Stachel in nächster Nähe, stets denk an das Niedere in dir! Zwischen Dornen blühst du empor und nicht lange währt die Anmut: rasch entfliehen die Jahre und welkt einer in der Blüte dahin.