Die Entwicklungsphasen des Samenkorns: Ein Blick in die Wunder der Pflanzenwelt wie in das wunderbare Walten Gottes. Die Mutter-Erde zahlt dem Landmann, ihrem Gläubiger, mit Zinseszins zurück. Die wundervolle Schönheit der Pflanzenwelt: des “vollen Feldes”, der Lilie. Von der Heilkraft der Pflanzen.
§ 33
* „Es sprosse die Erde das Grün des Grases nach seiner Art“*. Von allem, was man mit dem Namen ‚Bodenerzeugnisse‘ zusammenfaßt, ist der Keim das erste. Sobald er sich ein wenig über dem Boden erhoben hat, entwickelt er sich zum Grün, dann zur Pflanze, und reift hierauf zur Frucht heran. Es gibt nun Erzeugnisse, die aus einer Wurzel sprossen; so wächst der Baum ohne Saat aus der Wurzel anderer Bäume hervor. An einem Rohrschafte können wir beobachten, wie ganz unten seitlich eine Knotenbildung sich ansetzt und daraus ein zweiter Schaft hervorschießt. So ruht denn in der Wurzel eine Art Samentriebkraft. Pfropfreiser treiben auch an höher gelegenen Stellen. Für die einen Pflanzen läßt sich demnach die Fortpflanzung aus der Wurzel, für andere auf eine davon verschiedene Weise erzielen; entweder bedingt nämlich ein Same die Entstehung der einzelnen oder aber irgendeine samenartige Triebkraft, und zwar von derselben Art: was aus ihr ersteht, läßt ein dem Saatsamen bezw. der Pflanze, aus deren Wurzel es wächst, gleichartiges Erzeugnis emporsprossen: aus Weizen Weizen, aus Hirse Hirse; aus dem Birnbaum treibt der in weißem Blütenschmuck prangende Birnbaum, ebenso ersteht aus der Wurzel der Kastanie eine Kastanie.
§ 34
„Es sprosse die Erde das Grün des Grases nach seiner Art.“ Und sogleich öffnete die Erde ihren Schoß 99 und verjüngte sich in neuen Erzeugungen, legte an das Kleid frischen Grünes, schmückte sich mit der Anmut üppiger Fruchtbarkeit und empfing mit der bunten Zier sprossender Pflanzen ihren eigenen Schmuck. Wir wundern uns, wie sie ihre Erzeugnisse so schnell hervorbrachte. Wie unvergleichlich größere Wunder erschließen sich dem Auge bei der Betrachtung des einzelnen! Wie beispielsweise das Samenkorn, das in die Erde gelegt wird, verwest und, wenn es nicht abstirbt, keinerlei Frucht bringt, wenn es aber gleichsam sich selbst abstirbt und der Verwesung anheimfällt, zu überreicher Frucht ersteht! Die gelockerte Scholle nimmt das Weizenkorn auf, die Egge deckt die Saat ein und die Erde hegt und befruchtet sie wie in einem Mutterschoße. Wenn sodann das Samenkorn sich auflöst, treibt das sprossende Pflänzlein, das selbst schon einen lieblichen Anblick gewährt, das junge Grün, das sofort seine Art durch die Ähnlichkeit mit seinem Samen verrät: Schon beim ersten Wachstum des Pflänzchens läßt sich die Art des jungen Grüns erkennen und im jungen Grün die (künftige) Frucht ersehen. Allmählich nun entwickelt sich dasselbe zur Pflanze, richtet sich zum Halme erstarkend auf und wächst in die Höhe. Sobald aber die schon mit knotenförmigen Ansätzen versehene Ähre hervorsticht, bilden sich darin Kapseln für die künftige Frucht. Hier nun bildet sich das Korn ― im Inneren, daß nicht die Kälte seine ersten zarten Anfänge schädige oder die Sonnenhitze sie versenge oder rauhe Winde und heftige, stürmische Regenschauer sie ausschlügen. An der Ähre setzen sich allmählich wunderbar kunstvoll geformte Körnerreihen an, die ebenso köstlichen Anblick gewähren wie sicheren Schutz, indem sie durch ein natürliches Gefüge, das die göttliche Vorsehung formte, eng miteinander verbunden sind. Und damit nicht infolge der Schwere der überreichen Frucht die Stützkraft des Halmes versage, ruht er selbst in einer Art Schaft, so daß er, doppeltstark, imstande ist, die vielfältige Frucht zu tragen ohne, weil etwa der Last nicht gewachsen, zur Erde geknickt zu werden. Über die Ähre selbst 100 sodann türmt sich der Wall der Grannen: wie in einer Festung lagernd schiebt sie ihn vor, damit sie nicht unter den pickenden Hieben kleinerer Vögel Schaden leide oder ihrer Frucht beraubt oder durch deren Krallen auf den Boden gestreut werde.
§ 35
[Forts. v. 100 ] Was brauche ich erwähnen, wie doch Gottes Mildtätigkeit zu Nutz und Frommen des Menschen Vorsorge traf? Mit Zinseszinsen und reichem Fruchtertrag gemehrt, stattet die Erde zurück, was sie empfangen. Menschen betrügen oft und bringen ihren Gläubiger um sein Eigentum, die Erde bleibt verlässig, und wenn sie einmal nicht heimbezahlte, wenn etwa rauhe Kälte oder übermäßige Dürre oder endloser Regen das verhinderten, so leistet sie in einem anderen Jahre Schadenersatz für das vorausgehende. Einerseits läßt es also die Erde auch dann keineswegs fehlen, wenn einmal die Ernte die Hoffnung des Landmannes enttäuscht; andrerseits ist es, wenn ihm dieselbe lacht, gerade die große Fruchtbarkeit der Mutter-Erde, die in Fruchterzeugungen überquillt. Nimmer läßt sie ihren Gläubiger irgendwie zu Schaden kommen.
§ 36
Wie schönen Anblick gewährt doch ein „volles Feld“! Welchen Duft, welche Anmut, welche Freude für den Landmann! Wie könnten wir’s geziemend darstellen, wenn wir auf unsere eigenen Worte angewiesen wären? Doch wir haben die Schriftzeugnisse, durch welche wir des Feldes Anmut mit der Segens- und Gnadenfülle der Heiligen verglichen finden. So spricht der heilige Isaak: „Der Wohlgeruch meines Sohnes ist wie der Wohlgeruch eines vollen Feldes“. Wozu also eine Schilderung der purpurblauen Veilchen, der weißschimmernden Lilien, der rötlich glühenden Rosen, der bald von goldigen, bald von buntfarbenen, bald von lichtgelben Blumen prangenden Gefilde, von denen man nicht weiß, ob mehr ihrer Blumen Pracht oder deren würziger Duft erfreuen? Es weidet das Auge sich am 101 entzückenden Anblicke, weit und breit strömt Wohlgeruch aus, dessen süßer Duft uns erfüllt. Daher das würdige Wort des Herrn: „Und des Feldes Zierde ist bei mir“.Bei ihm ist sie, weil er sie geschaffen hat. Denn welcher Meister sonst hätte eine so wunderbare Schönheit in die einzelnen Dinge legen können? „Betrachtet die Lilien des Feldes“: welch wundervolles Weiß doch in ihren Blättern schimmert! Wie die Blätter selbst, eines nach dem anderen, so zur Höhe streben, daß sie die Form eines Bechers bilden; daß ihr Inneres wie funkelndes Gold leuchtet, das indes, weil ringsum die Blüte von einem Walle umfriedet ist, keiner Verletzung ausgesetzt ist! Wollte man diese Blume pflücken und in ihre Blätter auflösen: wo wäre eine so geschickte Künstlerhand, die der Lilie Anmut von neuem formen könnte? Wo der Meister, der die Natur so treu nachzuahmen verstünde, daß er sich an die Wiederherstellung dieser Blume wagen dürfte? Hat ihr doch der Herr ein so herrliches Zeugnis ausgestellt, daß er versicherte: „Selbst Salomo in all seiner Pracht war nicht also gekleidet wie eine von diesen“. Der reichste und weiseste König steht nach diesem Urteile der Schönheit dieser Blume nach.
§ 37
[Forts. v. 101 ] Was sollte ich noch die Heilsäfte in den Pflanzen, was die Heilkräfte in den Sträuchern und Blättern anführen? Der kranke Hirsch kaut die zarten Zweige des Ölbaumes und gesundet. Den Heuschrecken bringen desgleichen die Olivenblätter, die sie verzehren, Genesung von Krankheit. Brombeerblätter, die man auf eine Schlange wirft, töten sie. Die Schnaken werden dich nicht berühren, wenn du Wermut abkochst und dich damit einreibst.