Die Sonne bei aller Vorzüglichkeit ein Geschöpf, dessen Herrlichkeit von der des Schöpfers unvergleichlich überstrahlt wird, das Mitgeschöpfen den Vorzug der zeitlichen Priorität einräumen muß. Der Erde Fruchtbarkeit nicht wesentlich durch Sonnenlicht und wärme bedingt.
§ 1
131 Wer Weinlese hält, pflegt zuvor die Gefäße, in welche der Wein gegossen wird, zu reinigen, daß keinerlei Schmutz des Weines Klarheit trübe. Denn was nützte es, den Weinstock reihenweise zu setzen, alljährlich aufzugraben, mit dem Pfluge Furchen zu ziehen, ihn zu beschneiden, emporzurichten, an die Ulmen zu binden und mit ihnen gleichsam zu vermählen, wenn der so mühsam gewonnene Wein im Gefäße verdürbe? Ebenso reinigt einer, der den Aufgang der Morgensonne betrachten möchte, seine Augen, daß kein Stäubchen, daß keine Unreinigkeit darin stecke, die den Blick beim Schauen hemmte, daß kein nebeliges Dunkel beim Betrachten das Auge umflore. Uns soll nun bei der Schriftlesung die Sonne aufgehen, die zuvor noch nicht da war. Schon durchwanderten wir ohne die Sonne den ersten Tag, durchschritten ohne die Sonne den zweiten, vollendeten ohne die Sonne den dritten. Am vierten Tag nun ergeht Gottes Befehl, es sollen Leuchten entstehen: die Sonne, der Mond und die Sterne. Die Sonne macht den Anfang. Reinige das Auge des Geistes, o Mensch, und den inneren Blick der Seele, daß 132 kein Sündensplitter die Sehkraft deines Geistes hemme und das Schauen des reinen Herzens trübe! Reinige das Ohr, um in reinem Gefäß die klare Flut des göttlichen Schriftwortes aufzunehmen, daß keine Befleckung eindringe! Mit großer Pracht zieht die Sonne dem Tage voraus, mit großer Lichtfülle die Welt durchflutend und wärmedampfend. Hüte dich , o Mensch, nur auf ihre Größe deinen Blick zu richten, daß nicht ihr übergroßer Lichtglanz das Auge deines Geistes blende, wie einem, der die Sonne im Zenith hat und den Blick in ihren Strahl taucht, von ihrem Licht getroffen augenblicklich alles Sehen vergeht. Wendet er Gesicht und Auge nicht anderswohin, glaubt er überhaupt nicht mehr schauen zu können und das Sehvermögen eingebüßt zu haben; kehrt er hingegen den Blick ab, erfreut er sich der vollen Funktion des letzteren weiterhin. Hüte dich also, daß nicht der Sonne aufgehender Strahl auch deinen Blick verwirre! Und darum schaue zuerst hin auf das Firmament, das vor der Sonne geschaffen wurde! Schaue hin auf die Erde, die, bevor die Sonne hervortrat, anfing, sichtbar und wohlgestaltet zu sein! Schaue hin auf ihren Pflanzenschmuck, der vor dem Sonnenlichte prangte! Früher denn die Sonne war der Käfer, älter denn der Mond ist der Grashalm. So halte sie denn nicht für Gott, nachdem du ihr Geschöpfe vorgezogen siehst, die Gott ihr Dasein verdanken! Drei Tage sind vorübergegangen, und niemand fragte nach der Sonne. Genug Helligkeit war da, denn auch der Tag hat sein Licht, den Vorläufer der Sonne.
§ 2
Traue also nicht blindlings dem so wundervollen Glanze der Sonne ― sie ist das Auge der Welt, die Freude des Tages, des Himmels Schönheit, der Natur Anmut, der Juwel der Schöpfung ―, sondern denk, so oft du sie schaust, an ihren Meister! Preise, so oft du sie bewunderst, ihren Schöpfer! Wenn schon die Sonne, die Sein und Schicksal der Schöpfung teilt, so lieblich 133 strahlt, wie gut muß jene „Sonne der Gerechtigkeit“ sein! Wenn jene solche Schnelligkeit besitzt, daß sie auf ihrem gewaltigen Lauf bei Tag und Nacht alles bescheint, wie groß muß der sein, der immer und überall ist und mit seiner Majestät alles erfüllt! Wenn jene wunderbar ist, die auf Geheiß hervortritt, wie über die Maßen wunderbar der, welcher, wie zu lesen steht, „der Sonne gebeut, und sie geht nicht auf!“ Wenn jene groß ist, die im Wechsel der Stunden täglich über die Lande her- und wegzieht, wie muß jener sein, der auch noch in seiner Entäußerung, da wir ihn sichtbar schauen konnten, „das wahre Licht war, das jeden Menschen erleuchtet, der in diese Welt kommt!“ Wenn jene unvergleichlich vorzüglich ist, die so oft, wenn sie die Erde gegenüber hat, verblaßt, wie groß muß die Majestät dessen sein, der da spricht: „Noch bin ich einmal da und will erschüttern die Erde!“ Die Erde macht jene schwinden, des Herrn Erschütterung könnte sie nicht bestehen, würde sie nicht kraft seines Willens gestützt werden. Wenn es für den Blinden ein Unglück ist, daß er das holde Licht dieser Sonne nicht schaut, welches Unglück für den Sünder, wenn er der Wohltat des „wahren Lichtes“ beraubt, die Finsternis ewiger Nacht erleiden muß!
§ 3
Wenn du also die Sonne schaust, so denk an die Erde, die vor ihr gefestigt wurde, denk an das Grün des Grases, das die zeitliche Priorität vor ihr voraus hat, denk an die Bäume, die freudig rauschen, weil sie eher denn die Leuchten des Himmels ins Dasein traten! Hatte etwa das Gras es mehr verdient als die Sonne? Oder hatten etwa die Bäume ein besonderes Vorrecht? Fern sei es, daß wir bewußtlose Wesen der Spenderin so großen Segens vorziehen! Was anders also bezweckte „die Tiefe der Weisheit und Erkenntnis Gottes“ 134 mit der zeitlichen Priorität der Bäume vor jenen beiden Leuchten der Welt, gleichsam den Augen der Himmelsveste, als daß alle auf Grund des Zeugnisses der Schriftlesung erkennen möchten, daß auch ohne Sonne eine Fruchtbarkeit der Erde möglich ist. Denn konnte diese ohne Sonne die ersten Samen der Dinge zum Sprossen bringen, kann sie auch ohne Sonnenwärme den aufgenommenen Samen zur Entwicklung bringen und aus eigener belebender Kraft ihre Früchte erzeugen.
§ 4
[Forts. v. 134 ] So ruft gleichsam laut die Natur mit der Stimme ihrer Gaben: Gut ist die Sonne, doch nur meine Dienerin, nicht Herrin; gut die Förderin, doch nicht die Schöpferin meiner Fruchtbarkeit; gut die Nährerin, doch nicht die Urheberin meiner Früchte! Zuweilen versengt gerade auch sie meine Erzeugnisse; häufig wird gerade auch sie mir schädlich und läßt da und dort mich mit leeren Händen zurück. Nicht undankbar bin ich deshalb meiner Mitgehilfin: mir ist sie zu Nutz und Frommen verliehen, mit mir ist sie der Mühseligkeit anheimgegeben, mit mir der Vergänglichkeit unterworfen, mit mir der Knechtschaft des Verderbens unterstellt. Mit mir seufzt sie, mit mir liegt sie in Wehen, daß kommen möchte die Aufnahme zur Kindschaft und die Erlösung des Menschengeschlechtes, um auch uns Befreiung aus der Knechtschaft zu ermöglichen. An meiner Seite preist sie den Schöpfer, an meiner Seite jubelt sie Lob dem Herrn, unserem Gott. Wo ihr Wohltun am reichlichsten fließt, dort teile ich mich gemeinsam mit ihr darein. Wo die Sonne Segen spendet, dort spendet Segen die Erde, spenden mit mir Segen die Fruchtbäume, Segen die Tiere, Segen die Vögel. Der Schiffer auf dem Meere beklagt sich über sie, nach mir verlangt es ihn. Der Hirte auf den Bergen weicht ihr aus, unter mein Laubdach, unter meine Bäume eilt er, deren Schatten dem Erhitzten Kühlung fächelt; zu meinen Quellen lenkt er durstig und müde den raschen Schritt.