Letztere ist in religiös-sittlicher Beziehung ein verderblicher Aberglaube, in physischer eine Unmöglichkeit, in mehr als einer Hinsicht eine Absurdität. Sie gleicht dem Spinnengewebe: schwache Geister bleiben darin hängen, starke durchreißen es: die Allgemeinheit und das Alltagsleben gehen darüber zur Tagesordnung über.
§ 12
141 So schuf denn Gott die Sonne, den Mond und die Sterne und wies ihnen zum voraus eine bestimmte Zeit an, der Sonne die Tag-, dem Mond und den Sternen die Nachtzeit. Erstere sollte des Tages holdes Licht mehren, letztere die Dunkelheit und Finsternis aufhellen. „Und sie sollen sein zu Zeichen und zu Zeiten und zu Tagen und zu Jahren“. Unterschiedliche Zeiten und gleiche Zeitmaße, abwechselnd zugemessen, haben die Sonne und der Mond samt den Sternen. „Und sie sollen sein zu Zeichen.“ Wir können nicht leugnen, daß sich der Sonne und dem Monde manche Zeichen entnehmen lassen. Denn auch der Herr sprach: „Und es werden Zeichen an der Sonne und dem Monde und den Sternen sein“. Und den Aposteln gab er auf die Frage, welches das Zeichen seiner Wiederkunft sein werde, zur Antwort: „Die Sonne wird verfinstert werden und der Mond sein Licht nicht geben und die Sterne vom Himmel fallen“. Das, wollte er sagen, werden die Anzeichen des künftigen Endes sein. Doch muß, wenn wir uns darum kümmern, ein entsprechendes Maßhalten beobachtet werden.
§ 13
Manche haben denn versucht, die Nativität, die Zukunft jedes Neugeborenen, festzustellen. 142 Und doch ist das nicht bloß ein eitles, sondern auch ein verderbliches Beginnen für den Fragesteller, eine Unmöglichkeit für den Auskunfterteiler. Was wäre auch so verderblich für einen jeden als die Selbsteinrede, er sei das, was die Geburt aus ihm gemacht hat? Niemand darf demnach sein Leben, seinen Stand, seinen Charakter ändern und ernstlich der Besserung sich befleißigen, sondern bei jener Einrede es bewenden lassen. Den Rechtschaffenen kann man nicht loben, den Ungerechten nicht verurteilen, da er ja augenscheinlich seinem Geburtsverhängnis entsprechend handelte. Und wie konnte der Herr den Guten Lohn oder den Ungerechten Strafe in Aussicht stellen, wenn die sittliche Führung auf innerer Nötigung beruht und den Wandel der Gestirne Lauf vorzeichnet? Nichts der Charakter-, nichts der Verstandesbildung, nichts dem Willensstreben überlassen, was heißt das anders als dem Menschen den Menschen ausziehen? Wie viele sehen wir, die dem Laster und Sündenleben entrissen, zu einem besseren Zustande sich bekehrt haben! Nicht die Geburtsstunde erlöste und berief die Apostel aus Sündern, sondern Christi Ankunft heiligte sie, und die Stunde des Leidens des Herrn erlöste sie vom Tode. Der verurteilte Schächer, der mit dem Herrn gekreuzigt wurde, ging nicht dank seiner Geburt, sondern kraft seines Glaubensbekenntnisses in die Ewigkeit des Paradieses ein. Den Jonas warf nicht ein Geburtsverhängnis ins Meer, sondern die Sünde, mit der er sich der göttlichen Verkündigung entzog. Und ein Fischungeheuer nahm ihn auf und spie ihn zur Sinnbildung eines künftigen Geheimnisses nach drei Tagen wiederum aus und gab ihn dem Verdienste des Prophetenamtes zurück. Den Petrus, der schon vor Tod und Hinrichtung stand, befreite Christi Engel, nicht der Sterne Lauf aus dem Kerker. Den Paulus bekehrte die Blindheit zur Gnade und retteten, als er vom Vipernbiß getroffen war und als er im Schiffbruch trieb, nicht die Heilmittel der Geburt, sondern die Verdienste seiner 143 Frömmigkeit. Was brauchen wir jener Erwähnung tun, die auf das Gebet (der Apostel) wieder aufstanden, nachdem sie gestorben waren? Rief sie ihr Geburtsstern oder der Apostel Gnadenerweis ins Leben zurück? Wozu war es (für letztere) nötig, sich Fasten und Gefahren hinzugeben, wenn sie dank ihrer Geburt an das gewünschte Ziel gelangen konnten? Hätten sie das geglaubt, würden sie bei ihrem Zuwarten auf das notwendige Eintreten des Fatums nimmer zu so großem Gnadenbesitz gelangt sein. ― Verderblich also ist solche Einrede.
§ 14
Aber auch wie unmöglich ist sie! Denn um nur einiges aus ihren (der Astrologen) Aufstellungen zum Zwecke der Widerlegung, nicht der Billigung herauszugreifen, so betonen sie die große Bedeutung der Nativität, wie ferner dieselbe aus gewissen kleinsten und bestimmten Momenten erschlossen werden müsse und wie, wenn nicht genau verfahren werde, ein völlig abweichendes Resultat sich ergebe; denn nur ein winziger Augenblick, ein kurzer Moment trenne die Geburt des Schwachen und Mächtigen, des Armen und Reichen, des Schuldlosen und Schuldigen, und die gleiche Stunde führe oft den für ein langes Leben bestimmten und den schon in der ersten Kindheit dem Tode geweihten Menschen ins Dasein, wenn der sonstige Befund ungleich und auch nur in einem Punkte abweichend sei. Wie sie das beweisen können, dafür mögen sie Antwort stehen! Vergegenwärtige dir die Niederkunft einer Frau. Die Hebamme erfährt doch zuerst hiervon, horcht auf einen Wimmerlaut, um ein Lebenszeichen zu bekommen, sieht zu, ob es ein Knäblein oder Mägdlein sei. Wie viele Augenblicke willst du inzwischen verstrichen lassen sein? Denk dir dazu einen Astrologen in Bereitschaft. Kann ein Mann überhaupt am Geburtsakt sich beteiligen? Während nun die Hebamme Weisungen erteilt, der Chaldäer darauf achtet, das Horoskop einstellt, 144 ist das Fatum des Neugeborenen auch schon in das Geburtslos eines andern eingerückt: dem andern gilt die Untersuchung, des andern Nativität wird gestellt. Angenommen, es beruhe ihr Nativitätsfatalismus auf Wahrheit, so kann doch dessen Feststellung nicht der Wahrheit entsprechen. Es eilen vorüber die Augenblicke, „es flieht dahin die unwiederbringliche Zeit“. Es ist kein Zweifel, daß die Zeit in Momenten und Augenblicken besteht, zu dieser Annahme werde ich bestimmt, da einmal alle in einem Moment, in einem Augenblick auferweckt werden. So bezeugt es der Apostel mit den Worten: „Sehet, ein Geheimnis spreche ich aus: Alle zwar werden wir auferstehen, nicht alle aber verwandelt werden in einem Moment, in einem Augenblick, bei der letzten Posaune, und die Toten werden auferstehen in Unverweslichkeit, und wir werden verwandelt werden“. Bis das Kind geboren und aufgenommen und niedergelegt wird, bis ein Laut von ihm festgestellt und gemeldet wird: wieviele Zeitmomente sind inzwischen verstrichen! Soviel, um nur einfach diese Vorgänge zu nennen. Denn jene selbst teilen auch noch den Kreis der zwölf (Tier-) Zeichen, der von vitaler Bedeutung sei, in zwölf Teile ein, zerlegen, weil die Sonne in dreißig Tagen ein Zwölftel dieses nicht näher bestimmbaren Kreises zurücklegt ― sie vollendet somit ihre Bahn im Laufe eines Jahres ―, jeden dieser zwölf Teile in dreißig Teilchen, griechisch Moiren genannt, teilen das Teilchen selbst wiederum sechzigmal ab und zerstückeln jedes von diesen sechzig nochmals sechzigmal. Wie unfaßlich! Ein Sechzigstel von einem Sechzigstel soll den Augenblick der Geburt ausmachen! Die Bewegung oder die Art des jedesmaligen Zeichens im Augenblick der Geburt eines Neugeborenen soll sich feststellen lassen! So ist also, da eine genaue Bestimmung 145 so winziger Zeitteilchen unmöglich ist, die geringste Abweichung aber eine irrtümliche Feststellung des ganzen Falles zur Folge hat, das ganze Verfahren voll eitlen Truges. Seine Vertreter kennen ihr eigenes Schicksal nicht: wie wollen sie fremdes kennen? Was ihnen selbst bevorsteht, wissen sie nicht: können sie anderen die Zukunft verkünden? Lächerlich wäre es, das zu glauben; denn vermöchten sie es, würden sie doch lieber für sich selbst Vorsorge treffen.
§ 15
Jetzt nun Folgendes. Wie ungereimt ist es, einen, der angeblich im Zeichen des Widders geboren ist, zufolge der Art dieses Tieres, das unter der Herde aus seinesgleichen herausragt, für besonders hervorragend an Einsicht zu halten! Oder für besonders reich, weil der Widder von Natur ein Vlies trage und alljährlich ein kostspieliges Fell bekomme, und darum jenem Menschen anscheinend einträglicher Erwerb beschieden sei! Ähnliche Schlüsse zieht man auch aus dem Zeichen des Stieres und der Fische. Aus der natürlichen Beschaffenheit gemeiner Tiere glaubt man also, die Bewegungen am Himmel und die Bedeutung der Himmelszeichen erklären zu dürfen. Was uns zur Speise dient, stellt unsere bindenden Lebensnormen fest! Was uns Nahrung ist: Widder, Stier, Fische, prägt uns das Sittengesetz ein! Wie wollen sie uns denn die Ursachen der Dinge und die Grundbedingungen dieses Lebens vom Himmel herleiten, wenn sie selbst den Himmelszeichen nur Bewegungsursachen zuteilen, welche sie der Beschaffenheit gemeiner Speise entnehmen? Als freigebig gilt ihnen, wer im Zeichen des Widders geboren ist, weil der Widder nicht ungern von seiner Wolle lasse. Sie wollen eine derartige Tugend lieber auf die Natur eines gemeinen Tieres als auf den Himmel zurückführen, von wo uns heiterer Sonnenschein lacht und häufig Regen niederträufelt. Arbeitsam und dienstwillig sollen jene sein, die bei ihrer Geburt der Stier anglotzte, weil dieses Zugtier bereitwillig seinen Nacken dem Joche beuge; ein Meuchler desgleichen, den der Skorpion bei seiner Geburt umklammerte; das Gift der Bosheit soll er speien, weil es ein giftiges Tier sei. Was 146 schützt du also vor, auf Grund erhabener Himmelszeichen die maßgebende Lebensnorm feststellen zu wollen, und entnimmst doch nur gewissen Lächerlichkeiten den Grund deiner Behauptung? Werden nämlich einem kraft der Himmelsbewegungen solche von Tieren herübergenommene sittliche Proprietäten eingeboren, dann scheint der Himmel selbst dem Einflusse der tierischen Natur zu unterstehen; denn von ihr empfing er den grundwesentlichen Lebensinhalt, den er dem Menschen beschied. Wenn nun das der Wahrheit Hohn spricht, so ist es umso lächerlicher, wenn jene, von aller Wahrheit verlassen, gerade hieraus die Glaubwürdigkeit ihrer Behauptungen schöpfen.
§ 16
[Forts. v. 146 ] Laßt uns sodann die weitere Tatsache ins Auge fassen, daß sie jene Zeichen, durch deren Bewegungen ihrer Behauptung zufolge die unabänderlichen Geschicke unseres Lebens bestimmt werden, Planeten nennen. Sei es nun daß diese, was ihr Name sagt, stets unstet schweifen, sei es daß sie sich, was jene selbst behaupten, rasch vorwärts bewegen und zehntausendmal im Tag oder, wenn das unglaublich scheinen sollte, doch recht oftmals infolge unzähliger Selbstumdrehungen ihr Bild ändern: unglaublich bleibt es, daß sie uns mit ihrem so unsteten Irren und so raschen Drehen einen unabänderlich feststehenden Lebensinhalt und Lebensgang bestimmen. Es sollen übrigens nach ihnen nicht alle Planeten die gleiche Geschwindigkeit besitzen, vielmehr die einen schneller, die anderen langsamer ihren Umlauf betätigen, so daß sie sich in derselben Stunde beim Vorüberziehen aneinander häufig zeigen und häufig dem Blick entschwinden.
§ 17
Sehr viel aber soll, wie sie behaupten, darauf ankommen, ob günstige oder ungünstige und schädliche Zeichen auf den Geburtsvorgang niederschauen, und bei der Nativität der Unterschied bestehen, daß der Anblick eines günstigen Zeichens Vorteil, der eines ungünstigen 147 und nachteiligen Zeichens Nachteil über Nachteil bedeute. So pflegen sie nämlich die Zeichen, zu denen sie abergläubisch aufblicken, zu benennen: ich muß mich, nachdem ich mich auf ihre Behauptungen beziehe, auch ihrer Bezeichnungen bedienen, damit sie nicht sagen, man habe ihre Beweisführungen nicht sowohl entkräftet und widerlegt, als vielmehr nicht gekannt. Weil sie nun jene unstete und rasche Bewegung nicht genau bestimmen können, kommt es häufig vor, daß sie wegen der Winzigkeit des unbestimmbaren Zeitpunktes und Zeitmomentes den Anblick eines günstigen Zeichens feststellen, wo das Dräuen eines unheilvollen und schädlichen in Sicht kam. Was Wunder, wenn da, wo unschädliche Zeichen verlästert werden, nur Menschen genarrt werden? Hält man sie ihrer Natur nach für schädlich, trifft Gott den Höchsten der Vorwurf, wenn er etwas Schlechtes schuf und zum Urheber eines Unrechts wurde. Hält man aber dafür, daß sie das Unheil, das sie über Schuldlose, die noch keines verworfenen Verbrechens sich bewußt sind, denen vielmehr vor Schuld Strafe zuerkannt wird, heraufbeschwören, aus ihrem eigenen Übelwollen schöpfen: was wäre so unvernünftig und über den rohen Unverstand unvernünftiger Tiere noch hinausgehend, als ein solches gehässiges, oder aber wohlwollendes Verhalten nicht auf Rechnung des Menschen zu setzen, sondern den Bewegungen der Gestirne zuzuschreiben? Nichts, hieße es da, hat der Mensch verschuldet, sondern ein Unglücksstern hat ihn angeblickt; das Saturngestirn trat ihm in den Weg; ein bißchen Ausweichen würde das Unglück abgewendet, das Verbrechen hintangehalten haben.
§ 18
Diese ihre Weisheit indes gleicht dem Spinnengewebe. Gerät eine Mücke oder Fliege darein, kann sie sich nicht davon losmachen, sieht man hingegen ein kräftigereres Tierchen irgendwelcher Art hineingelangen, ist es auch schon darüber hinaus, hat das schwache Gewebe durchschlagen und die nichtigen Fäden zerrissen. So ist das Netz der Chaldäer. Schwache Geister bleiben darin hängen, stärkere können nicht zu Schaden kommen. Seht ihr also, die ihr zu den stärkeren 148 zählt, Astrologen, so sagt euch: Ein Spinnengewebe weben sie, keinerlei Nutzen kann es bergen, aber auch keine Schlingen, wenn du nicht, ein Opfer der eigenen Schwachheit, der Mücke oder der Fliege gleich darin dich verstrickst, sondern dem Sperlinge oder der Taube gleich das schwache Gespinst in raschem, kühnem Flug zerteilst. Welcher vernünftige Mensch wollte denn glauben, daß einem die Bewegungen der Gestirne, die so oft binnen Tagesfrist wechseln und vielfach in sich zurückkehren, die Abzeichen der Herrschergewalt in die Wiege legen? Wenn dem so wäre, wieviele Zeichen würden binnen Tagesfrist die Geburt von Königskindern melden! Tagtäglich würden sonach Könige geboren und ein Übergang der Königskrone auf die Söhne ausgeschlossen sein. Es würden vielmehr stets aus anderen Ständen Prätendenten hervortreten, welche auf die Herrschaft Anspruch erheben. Welcher Herrscher nun braucht seinem Sohne die Nativität stellen lassen, wenn demselben ohnehin die Herrschaft notwendig gebührt, und wenn er die Nachfolge in der Regierung gar nicht nach eigenem Befinden auf die Seinigen übertragen kann? Wir lesen aber fürwahr: „Abias zeugte den Asaph, Asaph zeugte den Josaphat, Josaphat zeugte den Joram, Joram zeugte den Ozias“; und die ganze übrige, bis zur Gefangenschaft herabgeführte Reihenfolge der Könige beruhte auf dem Adel der Geburt. Oder konnten etwa die Könige als solche den Gestirnen die Bewegungen vorschreiben, die sie zu machen hatten? Wo wäre denn der Mensch, der über sie Gewalt hätte?
§ 19
Wenn ferner für unsern Handel und Wandel das Fatum der Geburt, nicht die Sittenlehre bestimmend ist: warum wurden dann Gesetze hinausgegeben, desgleichen rechtskräftige Bestimmungen veröffentlicht, durch welche den Ruchlosen Strafe zuerkannt, den Schuldlosen Schutz zugesichert wird? Warum werden Schuldige nicht freigesprochen, nachdem sie doch nach 149 der Behauptung jener (Astrologen) nicht zufolge ihrer Selbstbestimmung, sondern zufolge des Fatums gefehlt haben? Warum müht sich der Landmann und gibt sich nicht lieber der Erwartung hin, die Erntefrucht ob seines Geburtsvorrechtes mühelos in die Scheuerräume sammeln zu können? Ging seine Geburt unter Umständen vor sich, daß ihm sonder Mühe Wohlstand ströme, darf er doch erwarten, daß ihm der Boden von selbst, ohne jede Aussaat, die Erträgnisse erzeuge, daß er die Pflugschar nicht in den Acker senken, die Hand nicht an die krumme Sichel legen, nicht der mühsamen Weinlese sich unterziehen brauche, daß sich ihm vielmehr der strömende Wein von selbst in alle Traubengehänge ergieße, die Olive von freien Stücken, ohne dem Stamm des wilden Ölbaums eingepfropft zu sein, das Öl träufle. Und der geschäftige Kaufmann braucht, da er das weithin wogende Meer durchquert, für sein Leben besorgt, nicht vor Gefahr sich fürchten, wenn ihm des Reichtums Schatz, wie sie sagen, infolge des Geburtsloses müßig in den Schoß fallen kann. Doch so denkt die Allgemeinheit nicht. Unverdrossen durchfurcht daher der Landmann mit „tiefeingelassener Pflugschar“ den Boden, bloß pflügt er, bloß sät er, bloß drischt er in der Sonne Glut die vor Hitze dürre Frucht. Und der Kaufmann kann es, wenn der Süd weht, kaum mehr erwarten, mit dem so oft gefährdeten Fahrzeug das Meer zu durchfurchen. Daher des Propheten Warnung, mit der er deren Kühnheit und Waghalsigkeit verurteilt: „Erröte Sidon, spricht das Meer!“ Das heißt: wenn Gefahren euch nicht hierzu bewegen, soll Scham euch zurückhalten, Scheu einschüchtern. „Erröte Sidon!“ Denn du hast nicht Raum für die Tugend, keine Sorge um das Heil, keine Jugend kampfgewöhnt und kriegsgeschult zur Hut des Vaterlandes, sondern deine ganze Sorge gilt dem Erwerb, dein ganzes Interesse dem Handel. „Wie die Saat des Kaufmanns, so seine Ernte“, 150 heißt es da. Welchen Lohn aber soll der Christ ernten, wenn er in seinem Sinnen und Trachten nicht dem Willen, sondern dem Zwange folgt? Wo Zwangsgebot ― kein Mühelohn.