Beweis: sie erscheint allen Menschen aller Lande im gleichen Augenblicke gleich groß, gleich nah und fern: ihr scheinbar ellengroßer Umfang nur Sinnestäuschung. Gottes weise Vorsehung in der Regelung der Sonnenwärme für die Erde.
§ 25
155 „Es schuf also Gott diese beiden großen Leuchten“: ‚groß‘ ― so können wir es verstehen ― nicht sowohl im Vergleich zu den anderen Dingen, als vielmehr in ihrer Ausstattung selbst. So ist der Himmel groß, das Meer groß. Ja groß ist auch die Sonne, die mit ihrer Wärme den Erdkreis, bezw. der Mond, der mit seinem Lichte nicht bloß die Erde, sondern auch die Luft und das Meer und den sichtbaren Himmel erfüllt. Wo immer sie am Himmel stehen, leuchten sie allen Wesen und werden allen gleicherweise sichtbar. So meint jedes Volk, sie weilten nur in ihrem Bereiche und seien da und leuchten nur für sie, während sie gleicherweise allen übrigen leuchten. Niemand darf glauben, es stünde jemand anderer denselben näher als er selbst. Beispielsweise spricht augenscheinlich für ihre Größe, daß die Mondscheibe allen gleich erscheint; denn wenn auch ihr Licht zeitweise zu- oder abnimmt, so erscheint sie doch in der gleichen Nacht allen genau so wie mir. Käme sie nämlich Fernstehenden kleiner, Näherstehenden größer vor, würde sie damit ein Anzeichen beschränkten und geringen Umfanges geben. Alles andere dünkt uns ja aus der Ferne kleiner; beim Besehen aus größerer Nähe halten wir’s schon für größer; und je mehr man in die nächste Nähe kommt, um so mehr wächst einem der Gegenstand, den man sieht, an Umfang. Der Sonne Strahl hingegen ist keinem näher, keinem ferner. Ähnlich ist auch der Mond für alle gleich groß. Die gleiche Sonne wird im nämlichen Augenblick, da sie aufgeht, den Indern und Britannen 156 sichtbar; und da sie im Westen hinabsinkt, erscheint sie dem Morgenländer nicht kleiner als dem Abendländer; und da sie aufgeht, dünkt sie dem Abendländer nicht geringer als dem Morgenländer. „Wie weit doch, heißt es, liegt der Aufgang vom Niedergange!“ Weitab liegen beide voneinander, doch die Sonne liegt keinem weitab, liegt keinem näher, keinem ferner.
§ 26
[Forts. v. 156 ] Stoße dich nicht daran, weil dir der Sonnenball, wenn er aufleuchtet, nur ellengroß erscheint, bedenke vielmehr, welch unermeßlicher Raum zwischen der Sonne und der Erde sich dehnt, den unser schwacher Blick nicht ohne große Selbsteinbuße zu durchmessen vermag. Es dunkelt vor unserem Auge: dunkelt darum auch die Sonne oder der Mond? Eng begrenzt ist unser Blick: verengt und verkleinert er darum auch die Gegenstände, auf die er fällt? Nur scheinbar nehmen sie ab, ihre Größe leidet keine Einbuße. Wir dürfen eben die Mangelhaftigkeit, an der wir leiden, nicht auf die Himmelsleuchten übertragen, als ob diese daran litten. Unser Auge trügt, halte darum sein Urteil nicht für sicher! Es verringert sich vielmehr nur das Bild, das sich das Auge von den Himmelskörpern macht, nicht die wirkliche Gestalt. Verlangt es dich, von einem hohen Berggipfel das Gefilde, das tief unten vor deinen Augen sich breitet, und die weidenden Herden darauf zu schauen: werden dir ihre Leiber nicht wie Ameisen vorkommen? Läßt du von irgendeinem Aussichtspunkte am Gestade den Blick über das Meer schweifen: kommen dir nicht die größten Schiffe, die ihre weißen Segel aus der blauen Flut aufschimmern lassen, wie Tauben vor, die in der Ferne über dem Meere schweben? Wie? Selbst die Inseln, die das Meer teilen, die hier und dort fruchtbares Festland darin einbetten: wie knapp dünkt einem der Ufersaum, der sie einschließt? Wie abgerundet erscheinen sie trotz ihrer Zerrissenheit! Wie dicht aneinanderliegend trotz ihrer sporadischen Vereinzelung! Diese Schwächen deines Auges also bedenke, und du wirst, ein richtiger Beurteiler, aus dir selbst die Glaubwürdigkeit unserer Ausführungen schöpfen.
§ 27
157 Doch willst du die Größe der Sonne nicht bloß mit dem geistigen, sondern auch mit dem leiblichen Auge messen? Betrachte, wie viele Sternenbälle die Himmelsachse verbrämen und mit unzähligen Lichtern prägen! Und doch vermögen sie das Dunkel der Nacht und des Himmels finstere Wolken nicht zu verscheuchen. Sobald die Sonne die Zeichen ihres Aufganges voraussendet, verblaßt aller feuriger Glanz der Sterne vor dem Strahl des einen Lichtgestirnes, der Luftkreis erschließt sich und purpurrot flammt rings des Himmels Flur. Ein erstes Aufleuchten nur:und schon erstrahlt mit Blitzesschnelle voller Lichtglanz, und haucht der aufgehenden Sonne süßes Wehen. Sage mir doch: wäre der Sonnenball nicht groß, wie könnte er den großen Erdkreis mit Licht erfüllen?
§ 28
[Forts. v. 157 ] Was aber soll ich von der so genau abwägenden und abmessenden Fürsorge des Schöpfers sprechen, der die Tätigkeit der Sonne derart regelte, daß ihre, wie es scheint, lohende Glühhitze weder die Wasseradern der Erde und der Dinge Anmut aufzehren, noch umgekehrt beim Hindurchgehen durch die so unermeßlichen Welträume soweit abkühlen sollte, daß sie der Erde keine befruchtende Wärme mehr zuführt, sondern, statt mit warmem Hauche den Segen ihrer Fruchtbarkeit zu wecken, sie arm und bar an Früchten läßt?