Der ab und zunehmende Mond, sein Einfluß auf gewisse Naturvorgänge. Doch nicht der Neumond, sondern Gottes Vorsehung spendet den Regen. Der zunehmende Mond die Ursache von Ebbe und Flut.
§ 29
Auch vom Monde trifft Ähnliches zu, was wir 158 von seiner Genossin und Schwester hervorgehoben haben. Er bekleidet ja mit der Schwester den nämlichen Dienst; hellt die Finsternis auf, hegt die Samen, fördert die Frucht. Manches auch hat er verschieden von der Schwester: so ersetzt der Tau in der kurzen Spanne der Nacht genau die Feuchtigkeit, welche die Hitze den ganzen Tag über auftrocknet. Auch der Mond selbst soll ja reichlich von Tau triefen. So ergießt sich denn, wie man versichert, gerade bei heiterer Nacht und nächtlichem Mondschein besonders reichlicher Tau über die Fluren. Und gar mancher, der im Freien nächtigte, machte die Wahrnehmung, daß auf seinem Haupte um so mehr Feuchtigkeit sich ansetzte, je mehr er dem Mondlicht ausgesetzt war. Darum auch Christi Entgegnung im Hohen Liede der Kirche gegenüber: „Mein Haupt ist voll des Taues und meine Locken perlen von nächtlichen Tropfen“. ― Ferner sodann nimmt der Mond ab und zu. Den geringsten Umlauf hat er bei seiner Verjüngung als Neumond; zu nimmt er auf seine Abnahme hin. Darin nun liegt ein großes Geheimnis. Es machen nämlich die Naturdinge sowohl seine Abnahme mit, wie sie auch nach ihrer Abnahme mit seinem Wachstum zunehmen: so das Hirn der lebenden Wesen, die Saftmenge der Seetiere; am vollsaftigsten sollen ja die Austern und die vielen anderen (Muscheltiere) bei zunehmendem Monde sein. Vom Inneren der Bäume berichten Leute, die aus eigener Erfahrung schöpfen, dasselbe. Daraus sehen wir also, daß die Zunahme und Abnahme des Mondes auf Zweckmäßigkeit beruht, nicht Mangelhaftigkeit verrät. Er würde ja nimmer eine so große Veränderung bei den Dingen hervorrufen, käme ihm nicht ein besonderes Maß von Kraft und Vorzüglichkeit zu, das ihm vom Schöpfer verliehen wurde.
§ 30
Ebenso soll sich, wofür auch einige christliche Gelehrte sich aussprachen, die Luft regelmäßig ändern, sobald der Mond von neuem zunimmt. Doch würde das eine notwendige Wirkung des Mondwechsels sein, müßte 159 der Himmel jedesmal bei zunehmendem Monde sich mit Wolken bedecken, strömender Regen fallen. So äußerte jemand, als vor Tagen vom Regen die Rede war und dabei die Bemerkung fiel, wie nützlich er wäre: „Sehet! Der Neumond wird ihn bringen.“ Und doch, so sehr wir den Regen herbeisehnten, wünschte ich nicht, daß solche Behauptungen sich bewahrheiteten. So war ich denn froh, daß kein Regen fiel, bis er dann auf die Bitten der Kirche gespendet wurde: ein klarer Beweis dafür, daß er nicht von der beginnenden Zunahme des Mondes zu erhoffen ist, sondern von der Vorsehung und der Barmherzigkeit des Schöpfers. ― Die Sunde nun freilich stehen, während sie bei den übrigen Mondphasen ringsum mächtig wogen, die Wassermassen, die sie aufgenommen, zurückwälzen, oder aber selbst von deren gewaltigen Strömung fortgerissen werden, beim Eintritt des Neumondes, solange er ohne Licht ist, stille. Sobald ihn aber die folgenden Tage wieder in Sicht bringen, beginnen sie von neuem den hin- und wiederflutenden Wogengang. Auch die Ebbe, wie sie vom Ozean berichtet wird, soll, während sie an den sonstigen Tagen ihren regelmäßigen Verlauf nimmt, bei wiederzunehmendem Monde eine auffallende Änderung zeigen. Es wogt das Westmeer, welches das Schauspiel der Ebbe bietet, weiter als sonst hin und zurück. Es schlägt mit größerer Brandung ans Gestade, wird unter gewissen Einflüssen des Mondes zurückgeworfen, unter den nämlichen Einflüssen von neuem herangewälzt und zurückgeschleudert, bis es wiederum seinem normalen Wogengange anheimgegeben wird.