Die Synagoge in Halbdunkel und Winterszeit, die Kirche in Mittagshelle und Sommerzeit. Je länger der Tag (des Herrn), je höher die Sonne (der Gerechtigkeit), um so weniger Schatten (Askier, Amphiskier). Die Sonne die Beherrscherin des Tages. Das Mond und Sonnenjahr.
§ 20
[Forts. v. 150 ] Vieles haben wir angeführt, mehr wollen wir nicht, damit nicht einer glaube, es seien die Punkte, die wir aus den Aufstellungen der Astrologen zum Zweck der Widerlegung herausgriffen, zur Einführung in dieselben angezogen worden. Wie könnten wir denn Dinge, über die wir schon als Kinder lachten, als Greise noch in den Mund nehmen? ― Jetzt wollen wir uns der Besprechung dessen zuwenden, was nach der Schriftlesung noch erübrigt.
§ 21
„Es sollen Leuchten sein, heißt es, zu Zeichen und zu Zeiten und zu Tagen und zu Jahren“. Die Zeichen haben wir besprochen. Welche Zeiten aber wären gemeint als die in stetem Wechsel sich ändernden: Winter, Frühling, Sommer und Herbst? In diesen Zeiten nun zieht die Sonne bald schneller, bald langsamer ihre Bahn; das eine nämlich streift sie nur mit ihrem Strahle, anderes macht sie vor Hitze glühen. Steht die Sonne im Süden, haben wir Winter; denn ist sie weit entfernt, gefriert die Erde vor Frost 151 und starrt vor Kälte, und bedeckt viel Nacht und Finsternis die Lande, so daß die Zeit der Nacht viel länger als die des Tages währt. Damit hängt zusammen, daß während des winterlichen Stürmens übergroße Schnee- und Regenmassen sich ergießen. Kehrt jedoch die Sonne vom Süden her ins Land zurück, bewirkt sie die Nacht- und Taggleiche. Und je mehr ihr Lauf an Dauer zunimmt, um so größere Wärme führt sie allmählich wiederum unserer Atmosphäre zu, um so milderes Windeswehen weckt sie von neuem, dessen belebender Hauch alles zu neuer Fruchtbarkeit anregt, so daß die Erde sproßt und die in den Furchen erstorbenen Samen wieder aufleben, die Bäume grünen und, was auf dem Festlande sich regt und in den Wassern alljährlich der Brut sich erfreut, zur Forterhaltung der Art sich fortpflanzt. Nimmt dagegen die Sonne gegen die Sommerwende den Lauf noch mehr gen Norden, fristet sie die Zeit des Tages hinaus, engt und schränkt dagegen die Nachtzeit ein. Je mehr sie sich nun mit ihrem ständigen Strahlen unserer Atmosphäre verbindet und mitteilt, um so mehr erwärmt sie die Atmosphäre, trocknet der Erde Nässe auf, macht die Samen sprossen und die Obsthaine zu triebkräftiger Säftebildung heranreifen. Zu dieser Zeit, da sie am hellsten strahlt, wirft sie auch mittags die kürzesten Schatten, weil sie die betreffende Stelle von der (Mittags-) Höhe bescheint.
§ 22
Daher ruft denn auch die Synagoge im Hohen Liede aus: „Sage mir an, du, den meine Seele geliebt hat, wo du weidest, wo du weilest am Mittag, daß ich nicht etwa werde wie eine Verschleierte bei den Herden deiner Genossen“. Das heißt: Sage mir an, Christus, den meine Seele geliebt hat. Warum nicht besser ‚liebt‛? Doch die Synagoge ‚hat ihn geliebt‘, die Kirche ‚liebt‘ ihn und ändert nimmer ihre Gesinnung gegen Christus. „Wo weidest du,“ fragt sie, „wo weilest du am Mittag?“ Ich verlange als Jüngerin dir zu folgen, die ehedem als Vermählte dich umfing; und deine Herden 152 aufzusuchen, da ich die meinigen verloren habe. „Am Mittag“ weidest du, auf dem Weideplatz der Kirche, wo die Gerechtigkeit erstrahlt und das Recht leuchtet wie die Mittagssonne, wo kein Schatten sichtbar ist, wo die Tage länger sind, weil an ihnen die „Sonne der Gerechtigkeit“ wie in den Sommermonaten länger weilt. So ist denn auch der Tag des Herrn nicht kurz, sondern von großer Dauer, wie geschrieben steht: „Bis der Tag des Herrn kommt, der große“. Daher auch Jakobs Klage: „Die Tage meines Lebens insgesamt, die ich verlebe, sind kurz und schlimm“. Schlimm nämlich ist das Halbdunkel. Über kurzen Tagen lagern Halbdunkel und lange Schatten, in Tage von großer Dauer fällt kein Schattendunkel, wie es beispielsweise und erfahrungsgemäß schon Unzählige in heißeren Gegenden, wo sie auch liegen, erlebt haben. So litt denn die Synagoge ― ihr Vorbild stellt zumal Jakob, sei es in eigener Person, sei es als Repräsentant dieses Volkes dar ― unter gar vielem Dunkel: sie schaute die Sonne der Gerechtigkeit nicht, schaute sie nicht in der Mittagshöhe über ihrem Haupte leuchten, sondern nur aus dem (fernen) Süden, da es Winter für sie war. Der Kirche aber gilt die Botschaft: „Der Winter ist vorbei, vorüber ist’s mit ihm. Blumen kamen auf der Erde zum Vorschein, die Zeit der Ernte ist da“. Vor der Ankunft Christi war es Winter, nach der Ankunft Christi grüßen Frühlingsblumen und des Sommers Ernte. Im Schattendunkel schmachtet jene, aus dem (fernen) Süden, aus der bekehrten Heidenwelt sieht sie ihn leuchten. Das Heidenvolk hingegen, das schmachbedeckte, die Heiden, „die in Finsternis saßen, sahen ein großes Licht“; „die im Bereich des Todesschattens saßen, ihnen strahlte ein Licht auf“, das große Licht der Gottheit, das kein Todesschatten verdunkelt. Aus der Mittagshöhe leuchtet es darum. Auch das steht geschrieben, indem Zacharias beteuert: „Worin uns heimgesucht hat der Aufgang 153 aus der Höhe, um denen zu leuchten, die in Finsternis und im Todesschatten sitzen“. Es gibt freilich auch eine Art Heils-, nicht bloß Todesschatten. So besagt: „im Schatten deiner Fittiche wirst du mich bergen“ zwar einen Schatten, weil von einem Körper herrührend, einen Schatten, weil vom Kreuze fallend, aber einen Schatten des Heils, weil er die Vergebung der Sünden und die Auferstehung der Toten in sich barg.
§ 23
Beispielsweise nun können wir anführen, daß die Wintertage kurz sind und längere Schatten werfen, die Sommertage länger, aber kürzere Schatten werfen. Desgleichen fällt am Mittag kürzerer Schatten als zu Tagesanfang oder -ende. So ist es bei uns im Abendlande. Dagegen gibt es in den Mittagsgegenden Bewohner, die volle zwei Tage während des ganzen Jahres ohne Schatten sind, indem sie die Sonne in ihrem Scheitelpunkte haben und darum ihr Licht rings um sich auf allen Seiten. Sie heißen deshalb auf griechisch Askier (Schattenlose). Vielfach auch wird versichert, daß die Sonne so direkt in der Mittagshöhe über uns zu stehen kommt, daß man durch einen engen Brunnenschacht das Wasser in der Tiefe heraufleuchten sieht. Es soll aber in der Mittagszone auch sogenannte Amphiskier (Zweischattige) geben, weil sie nach zwei Seiten Schatten werfen. Wer nämlich die Richtung der Sonne zu einschlägt, hat den Schatten im Rücken: so wenn man in den Morgenstunden gen Osten geht, wenn man am Mittag gen Süden, wenn man bei Tagesuntergang gen Westen sich wendet. Von drei Seiten also kann man die Sonne sich gegenüber haben: von Osten, von Süden, von Westen. Morgens und ebenso abends kann man sie im Rücken, mittags zur Seite haben; dagegen im Norden steht die Sonne niemals, darum kann auch, ob man morgens oder abends oder mittags seine Schritte gen Norden lenkt, kein Schatten im Rücken fallen. Auf dem 154 von uns bewohnten Erdkreise scheinen nur allein die Bewohner der Mittagsgegend den Schatten gen Süden zu werfen. Das soll aber nur im Hochsommer der Fall sein, wenn die Sonne gen Norden sich wendet.
Sodann nimmt uns der Herbst auf. Er macht nun zwar der großen Hitze ein Ende, führt uns aber, wenn die Hitze bei mittlerer Temperatur mehr und mehr nachläßt und aufhört, sonder Falsch und Arg dem winterlichen Wehen entgegen.
§ 24
[Forts. v. 154 ] „Zu Tagen“ auch sollen sie (Sonne und Mond) sein. Sie sollen die Tage nicht schaffen, wohl aber darüber die Herrschaft führen. Es soll die Sonne den anbrechenden Tag mit reichlicherem Glanze aufhellen, soll die Macht haben, mit ihrem Leuchten ihm den Lauf den ganzen Tag über aufzuzeigen. Manche verstehen des Propheten Worte: „Die Sonne (hat er geschaffen) zur Herrschaft über den Tag, den Mond und die Sterne zur Herrschaft über die Nacht“ so: sie sollen rings Licht verbreiten.
„Zu Jahren“ sind desgleichen Sonne und Mond gesetzt. Der Mond vollendet in je dreißig Tagen zwölfmal seinen Umlauf, bis er das Jahr beschließt, wobei nach jüdischer Observanz noch mehrere Tage ergänzt werden, nach römischer alle vier Jahre einmal durch Einfügung eines Tages der Schalttag begangen wird. Ein Sonnenjahr desgleichen liegt vor, wenn die Sonne nach Vollendung ihres Umlaufes durch den ganzen Tierkreis an den Punkt zurückkehrt, wo sie den Ausgang genommen hat; sie soll nämlich ein Jahr brauchen, bis sie ihre ganze Bahn zurücklegt.