Letzteres verleiht dem ersteren größere Helligkeit und Glanz. Beide dienen zur Scheidung von Tag und Nacht. Die Leuchtkraft ist beiden gemeinsam, Wärme und Hitzestrahlung nur dem feurigen Sonneball eigen. Das Feuer der Gottheit ein leuchtendes Licht für die Guten, ein “verzehrendes Feuer” für die Gottlosen. Licht und Finsternis ausschließende Gegensätze. Die Nacht der natürliche Schatten der Erde.
§ 8
138 Zu denken aber könnte es geben, daß es heißt: „Es sollen Leuchten entstehen zur Beleuchtung der Erde, die da scheiden den Tag von der Nacht“. Denn auch oben, wo Gott das Licht geschaffen, hatte es geheißen: „Gott schied zwischen dem Lichte und der Finsternis. Und es ward Abend und es ward Morgen, ein Tag“. Doch bedenken wir, daß das Licht des Tages verschieden ist vom Lichte der Sonne und des Mondes und vom Sternenlichte! Denn die Sonne verleiht mit ihren Strahlen dem Tageslichte nur größere Helligkeit: ein Vorgang, den Anbruch wie Ende des Tages ersehen lassen. Denn wohl bricht das Tageslicht vor der Sonne an, doch es strahlt nicht, weil es heller erst im Glanze der Mittagssonne schimmert. Das spricht auch der Prophet deutlich aus mit den Worten: „Und er wird hervorführen wie Licht Deine Gerechtigkeit und Dein Recht wie den Mittag“. Nicht dem Lichte überhaupt, sondern gerade dem Mittagslichte verglich er die Gerechtigkeit des Heiligen.
§ 9
Ferner nicht bloß ein Zeichen, sondern vielmehr zwei wollte er zur Scheidung von Tag und Nacht haben: sowohl das Tageslicht wie der Sonnenaufgang sollte diese Scheidung bewirken, und umgekehrt des Lichtes Erlöschen wie der Sterne Aufgang den 139 untergehenden Tag vor der beginnenden Nacht unterscheiden. Auch nach Sonnenuntergang bleibt nämlich einige Tageshelle zurück, bis die Dunkelheit die Erde deckt: und jetzt geht der Mond auf und die Sterne. Und zwar ist das hinsichtlich der Nacht offenkundig und klar: des Mondes und der Sterne Scheinen, der Nacht Bereich selbst sind Zeugen davon; macht doch tagüber die Sonne mit ihrem Aufgang dem Funkeln des Mondes und des ganzen Sternenhimmels ein Ende. Hinsichtlich des Tages aber kann uns schon der bloße Glanz der Sonne überzeugen, daß das Tageslicht und das Sonnenlicht ihrer Natur nach verschieden und selbst ihrer Erscheinung nach ungleichartig sind. Einfach ist des Lichtes Schein: es leuchtet nur. Dagegen kommt der Sonne nicht bloß Leuchtkraft, sondern auch Wärmestrahlung zu; denn sie ist ein Feuerball, Feuer aber leuchtet und brennt. Darum erschien Gott, da er dem Moses sein wunderbares Wirken offenbaren wollte, um ihn zu gewissenhaftem Gehorsam anzuspornen und sein Herz zum Glauben zu entflammen, im Dornbusche in Feuer. Und der Dornbusch verbrannte nicht, sondern schien nur nach Art eines Feuers zu brennen. Die eine Funktion des Feuers fehlte also, die andere Wirkung war da: es fehlte seine verzehrende Kraft, seine Leuchtkraft war wirksam. Es stutzte darum Moses, wie das Feuer wider seine Natur den Dornbusch nicht verzehrte, nachdem es selbst widerstandsfähigeren Stoff zu verzehren pflegt. Doch des Herrn Feuer pflegt eben zu erleuchten, pflegt nicht zu verzehren.
§ 10
Vielleicht möchtest du einwenden: Wie kann geschrieben stehen: „Ich bin ein verzehrendes Feuer?“ Gut, daß du daran erinnert hast. Es pflegt nicht zu verzehren ― außer allein die Sünden. Auch bei der Vergeltung der Verdienste gewinnen wir Einsicht in die Natur des göttlichen Feuers: die einen erleuchtet es, die anderen brennt es aus: es erleuchtet die Gerechten, es brennt aus die Gottlosen. Nicht brennt es zugleich jene aus, die es erleuchtet, und erleuchtet es die, welche es 140 ausbrennt; sein Erleuchten, das unauslöschliche, bezweckt vielmehr die Vollendung der Guten, sein heftiges Brennen die Bestrafung der Sünder.
§ 11
[Forts. v. 140 ] Doch kehren wir zurück zur Scheidung zwischen Tag und Nacht. Beim Anbruch des Tageslichtes muß die Nacht entfliehen, beim Scheiden des Tages breitet die Nacht sich aus. Denn das Licht hat nichts gemein mit der Finsternis. Schon bei der Urschöpfung hat der Herr dies durch ein Naturgesetz so bestimmt. Denn als er das Licht schuf, schuf er zugleich die Scheidung des Lichtes von der Finsternis. So können wir am hellen Tage, da schon das Sonnenlicht über die Erde ausgegossen ist, beobachten, wie der Schatten eines Menschen oder eines Strauches vom Lichte sich abhebt, so daß er am Morgen in der Richtung gen Niedergang fällt, am Abend umgekehrt gen Aufgang, in den Mittagsstunden gen Mitternacht sich neigt. Doch vermengt und vermischt er sich nicht mit dem Lichte, sondern weicht und flieht davor. Ähnlich weicht auch die Nacht dem Tage und zieht sich vor seinem Lichte zurück; denn sie ist, wie es ausgezeichnete Gelehrte, die uns an Alter und Begabung voraus sind, nachgewiesen haben, der Schatten der Erde. Dem Körperlichen haftet nämlich naturgemäß der Schatten an, so wesentlich, daß auch die Maler den Schatten von Körperdingen, die sie malen, darzustellen sich bemühen; sie behaupten, es gehöre das zur Kunst, eine Auswirkung der Natur nicht zu übergehen, und glauben, es habe ein Künstler, dessen Gemälde nicht auch seinen Schatten aufweist, wider eine natürliche Forderung verstoßen. Wie nun bei Tag an einem Körperding, das der Sonne gegenüber sich befindet, auf der Seite, wo das Licht zurückgestrahlt wird, ein Schatten entsteht, so deckt dunkler Schatten auch die Luft, wenn beim Scheiden des Tages die Erde dessen (des Tages) oder der Sonne Licht gegenüber zu liegen kommt. Daraus geht klar hervor, daß der Schattenwurf der Erde die Nacht verursacht.