Nicht der Sonne, sondern Gottes Huld dankt die Erde ihre Fruchtbarkeit. Die untergehende Sonne ein Bild des sterbenden Heilandes, der wechselnde Mond ein Bild der Kirche. An Licht, nicht an Umfang nimmt derselbe ab.
§ 5
135 Um aber das Zeugnis der Augen nicht zu unterschätzen, reinige das Ohr und leih es den himmlischen Aussprüchen; denn „auf der Aussage zweier oder dreier Zeugen steht fest jedes Wort“. Höre den, der spricht: * „Es sollen Leuchten entstehen an der Veste des Himmels zur Beleuchtung der Erde!“* Wer spricht das? Gott spricht es. Und zu wem anders spricht er es als zum Sohne? Gott Vater spricht: „es werde die Sonne“, und der Sohn schuf die Sonne; denn so gebührte es sich, daß „die Sonne der Gerechtigkeit“ die Sonne der Welt schuf. Er also führte sie in das Lichtreich ein, er gab ihr den Glanz, er verlieh ihr die Leuchtkraft. Nur Geschöpf also ist die Sonne, darum auch sie dienstbar; denn geschrieben steht: „Du hast die Erde gegründet, und sie besteht fort. Nach Deiner Anordnung währt der Tag, weil alles Dir dienstbar ist“. Wenn der Tag dienstbar ist, wie sollte die Sonne nicht dienstbar sein, die „unter die Herrschaft des Tages gegeben ward“? Wie sollten Mond und Sterne nicht dienstbar sein, die „unter die 136 Herrschaft der Nacht gestellt wurden?“ Je größer die Schönheit ist, die ihnen der Schöpfer verliehen, so daß die Luft vom Glanze der Sonne heller denn sonst erstrahlt, der Tag freundlicher leuchtet, das Dunkel der Nacht durch des Mondes und der Sterne Gefunkel aufgehellt wird, der Himmel im Schimmer feuriger Lichtgestirne schwimmt, wie von Blumen besät, als ob ein Paradies erblühte, als ob er farbenprächtig vom lebendigen Schmucke duftatmender Rosen erglühte: je größer also die Pracht erscheint, mit der sie bedacht wurden, um so mehr schulden sie; denn wem mehr anvertraut wird, der schuldet auch mehr. „Schmuck des Himmels“ hat man das vielfach genannt, insofern die Gestirne das kostbare Geschmeide desselben seien.
§ 6
[Forts. v. 36 ] Damit wir ferner wüßten, daß die Fruchtbarkeit der Erde nicht der Sonnenwärme zuzuschreiben, sondern Gottes Huld zu danken ist, spricht der Prophet: „Sie alle erwarten von Dir, daß Du ihnen Speise gebest zu seiner Zeit. Du gibst ihnen, und sie sammeln ein für sich; Du tust auf Deine Hand, und alles wird gesättigt von Deiner Güte“. Und im folgenden: „Sende Deinen Geist, und sie werden geschaffen, und Du erneust das Angesicht der Erde“. Und im Evangelium: „Betrachte die Vögel des Himmels! Sie säen nicht, sie ernten nicht, und euer himmlischer Vater ernährt sie“. Nicht also die Sonne oder der Mond sind die Urheber der Fruchtbarkeit, sondern Gott der Vater verleiht die Fruchtbarkeit allen Dingen durch den Herrn Jesus in freigebigem Maße.
§ 7
Die schöne Erklärung aber über den Sinn seiner Worte: „Gott habe die Sonne unter die Herrschaft des Tages und den Mond unter die Herrschaft der Nacht gestellt“, gab uns der Prophet selbst. Eben im 103. Psalme [Hebr. Ps. 104], den wir oben angezogen haben, schrieb 137 er nämlich: „Er schuf den Mond für die (wechselnden) Zeiten, die Sonne erkannte ihren Niedergang“. Beschließt der Tag mählich seiner Stunden Lauf, so erkennt die Sonne, daß sie niedergehen müsse. So steht also die Sonne unter der Herrschaft des Tages ― und der Mond unter der Herrschaft der Nacht. Er muß sich dem Wechsel der Zeiten fügen: eben noch erstrahlt er im Vollglanze: da verblaßt er.
[Forts. v. 137 ] Die meisten Autoren freilich scheinen unsere Stelle mystisch auf Christus und die Kirche zu beziehen. Christus habe, da er sprach: „Vater, die Stunde ist gekommen, verherrliche Deinen Sohn“, den Leidenstod seiner Menschheit erkannt, auf daß durch diesen seinen Untergang der Vater allen, die vom Untergange des ewigen Todes bedroht waren, das ewige Leben verleihe, und die Kirche ihre Zeiten habe, die der Verfolgung und des Friedens. Denn gleich dem Monde scheint sie abzunehmen, nimmt aber tatsächlich nicht ab. Dunkle Schatten können sie verhüllen, abnehmen kann sie nicht. Sie nimmt mit dem Abfalle des einen und anderen bei Verfolgungen nur ab, um mit dem Bekenntnisse der Märtyrer zum Vollglanze zu gelangen; um, vom Ruhme des sieghaft für Christus vergossenen Blutes überstrahlt, noch herrlicheres Licht der Frömmigkeit und des Glaubens über den ganzen Erdkreis auszuströmen. Denn nur eine Abnahme des Lichtes, nicht des Umfanges erleidet der Mond, wenn er allmonatlich sein Licht abzugeben scheint, um es der Sonne wiederum zu entlehnen, eine Erscheinung, die sich bei reiner klarer Luft, wenn keine Nebelhülle ihn verdunkelt, leicht beobachten läßt: die Mondscheibe bleibt ganz, wenn sie auch nicht ganz im nämlichen Lichte erstrahlt wie ein Teil derselben. An Umfang ist sie genau so groß, wie man sie bei Vollmond sieht; sie sieht aber infolge der Verdunkelung so her, als wäre sie ihres Lichtes beraubt. Es glänzen daher nur noch ihre Sicheln; ihre Gestalt ist nämlich kreisförmig und wird als solche noch angedeutet, wenn ihr Licht teilweise abnimmt.