“Das Wasser über der Himmelsveste”: seine Möglichkeit, Wirklichkeit, Zweckmäßigkeit. Feuer und Wasser paralysieren gegenseitig ihre verheerenden Wirkungen. Der Sternenhimmel eine glühende Feuerzone, die Sonne ein Feuerball.
§ 8
Unser Thema ist Gottes Ausspruch: „Es werde eine Veste inmitten des Wassers, und sie sei Scheide zwischen dem Wasser“; und zwar handelt es sich um die Frage, ob er „Firmament“ das nennt, was er bereits 57 geschaffen, worauf also das Schriftwort sich bezieht: „Im Anfang hat Gott den Himmel und die Erde geschaffen“. Es entgeht (mir) nicht, daß einige vor uns die Stelle dahin verstanden, daß die Schrift, weil sie im vorausgehenden die Erschaffung und Festigung des Himmels durch den Schöpfer-Gott konstatiert habe, hier nur eine nähere Erklärung über das Schöpfungswerk gebe: dort habe sie eine kurze summarische Zusammenfassung des Schöpfungsinhaltes gegeben, hier eine genauere Ausführung über das Wie des Schöpfungsaktes auf Grund der spezifischen Beschaffenheit der gleichzeitig ins Dasein tretenden Dinge geboten. Doch hiergegen muß es unser Bedenken erregen, daß eine andere Namensbezeichnung („Firmament“) gewählt, die festere Art („Veste“) und der wirkursächliche Charakter („sie sei Scheide“) unterschieden und in Verbindung damit die Person des Mitwirkenden (Gott) genannt wird; denn so steht geschrieben: „Und es machte Gott eine Scheide mitten zwischen dem Wasser, das unter der Veste war, und mitten zwischen dem Wasser, das über der Veste war“.
§ 9
Zunächst nun wollen sie mit jener Auffassung, die sich mit der häufigen Schriftlesung unserem Geiste eingebürgert und eingeprägt hat, aufräumen: es könne über den Himmeln keine Wasser geben; denn die Himmelskugel, in deren Mitte die Erde schwebe, sei rund, und an ihrer Peripherie könne sich unmöglich Wasser halten; es müsse notwendig abfließen und herabrinnen, indem es seinen Lauf von oben nach unten nehme. Denn wie könnte es, sagen sie, stehendes Wasser über einer Kugel geben, wenn die Kugel sich dreht? Das ist die berüchtigte Kniffigkeit der Sophistik. Gib mir Gelegenheit, dir zu antworten! Wird sie verweigert, braucht kein weiteres Wort verschwendet werden. Sie verlangen, man solle ihnen zugeben, die Himmelsachse sei in starker Bewegung begriffen, die Erdkugel hingegen unbeweglich; sie wollen damit beweisen, es könne keine Wasser über den Himmeln geben, weil die Himmelsachse sie samt und 58 sonders wegschleudere: als ob sie, um ihrem Verlangen stattzugeben und bei der Antwort auf ihre Ansichten einzugehen, leugnen könnten, daß es bei jener Höhe und Tiefe (des Himmels) doch auch eine Länge und Breite geben müsse, die nur derjenige voll zu ermessen vermag, der nach des Apostels Wort voll bis zur ganzen Fülle der Gottheit erfüllt ist! Wer (sonst) denn wird so leicht Gottes Schöpfung ausmessen können? Es gibt sonach in der Höhe des Himmels eine Ausdehnung nach der Breite. So gibt es ja auch, um von Dingen zu reden, die unserem Wissen zugänglich sind, so manche Gebäude, die außen rund, innen viereckig, oder aber außen viereckig und innen rund sind, während sie in der Höhe abgeflacht sind, so daß darauf gern stehendes Wasser sich befindet. Wir führen das jedoch nur deshalb an, damit sie einsehen möchten, wie ihre Hypothesen durch noch wahrscheinlichere sich widerlegen lassen, und daß sie davon abstehen möchten, Gottes so großartiges Schöpfungswerk unter dem Gesichtspunkt menschlichen Tuns und unserer Leistungsfähigkeit zu bemessen.
§ 10
Wir aber halten uns an den Text und die Anordnung der Schrift und richten bei der Beurteilung des Schöpfungswerkes den Blick auf den Schöpfer. Was ward gesprochen? Wer hat gesprochen? Zu wem hat er gesprochen? „Es werde eine Veste inmitten des Wassers, und sie sei Scheide zwischen den Wassern.“ Ich höre, wie auf sein Geheiß eine Veste wurde, durch welche das Wasser geschieden und das obere vom unteren getrennt werden sollte. Gibt es etwas Klareres als das? Und er, der auf sein Geheiß das Wasser schied, indem er dazwischen und mittenhinein eine Veste schuf, sorgte auch vor, wie es nach der Scheidung und Absonderung beharren könne. Das Wort Gottes gibt der Natur ihre Kraft und der Substanz ihre Dauerhaftigkeit, solange er, der ihr den Bestand gab, sie fortdauern lassen will; denn so steht geschrieben: „Er stellte sie hin auf ewig und für alle Ewigkeit; ein Gesetz stellte er auf, 59 und es wird nicht vergehen“. Und damit du dich überzeugest, daß diese Worte eben von jenen Wassern gesprochen wurden, deren Vorhandensein über dem Himmel dir unmöglich dünkt, so höre die vorausgehenden: „Lobet ihn, ihr Himmel der Himmel! Und die Wasser, die über den Himmeln sind, sollen loben den Namen des Herrn“. Galt nicht dir, dem Leugner, die weitere Beteuerung: „Denn er sprach, und sie waren da, er gebot, und sie waren geschaffen: Er stellte sie hin auf ewig und für alle Ewigkeit; ein Gesetz stellte er auf, und es wird nicht vergehen“. Oder dünkt dir der Schöpfer nicht mächtig genug, um seiner Schöpfung ein Gesetz zu geben? Gott ist’s, der da spricht, verehrungswürdig seiner Natur nach, unermeßlich an Größe, unendlich in seinen Vergeltungen, unbegreiflich in seinen Werken. Wer vermag die Tiefe seiner Weisheit zu ergründen? Doch er spricht es zum Sohne, d. i. seinem Arme, er spricht es zu seiner Kraft, er spricht es zu seiner Weisheit, er spricht es zu seiner Gerechtigkeit. Und es schafft der Sohn als der Mächtige, er schafft als die Kraft Gottes, er schafft als die Weisheit Gottes, er schafft als Gottes Gerechtigkeit. Wenn du dies hörst, wie willst du dich wundern, wenn über der Himmelsveste durch die Schöpferhand der so unendlichen Majestät Wasserflut sich festigen ließ?
§ 11
Noch aus anderen Tatsachen mögt ihr das folgern, aus solchen, welche in den Gesichtskreis des menschlichen Auges fallen. Wie konnte sich, wenn du die Vernunft fragst, beim Durchzug der Juden die Flut teilen? Es liegt das nicht im gewöhnlichen Lauf der Natur, daß das Wasser sich teilt und Wasser, die in der Tiefe strömen, durch eine dazwischen führende Festlandsschicht sich trennen lassen. „Es stockten die Fluten“, heißt es, und setzten wie eine Feste ihrem Wogengang ein ungewohntes Ende. Hätte etwa Gott das Hebräervolk nicht auch anders befreien können? Doch 60 er wollte dir zeigen, wie du dich durch ein solches Schauspiel zum Glauben dessen, was sich deinem Auge entzieht, bestimmen lassen solltest. Auch der Jordan kehrte, indem seine Strömung zurückgestaut ward, zu seiner Quelle zurück. Daß Wasser, während es noch dahingleitet, stillsteht, gilt für etwas Ungewöhnliches, daß es ohne jegliches Stauwerk den Lauf aufwärts nimmt, für eine Unmöglichkeit. Doch was wäre dem unmöglich, der den Schwachen das Vermögen gibt, so daß ein solcher Schwacher bekennt: „Ich vermag alles in dem, der mich stärkt“. Mögen doch jene sagen, wie „Luft zu Gewölk sich verdichtet?“ Ob der Regen aus den Wolken entsteht oder im Schoß der Wolken sich ansammelt? Wir sehen so häufig die Wolken von den Bergen niederwallen. Ich frage: steigt das Wasser von der Erde auf oder strömt das über den Himmeln befindliche in reichlichem Regen nieder. Steigt es auf, ist’s doch wider die Natur, wenn es als das schwerere Element emporsteigt und von der Luft, dem leichteren Element, getragen wird. Oder wird das Wasser von der Bewegung der ganzen rasch rotierenden Himmelskugel mitgerissen, so wird es, wie es von der Tiefe mitemporgerissen wird, ebenso von der Kugelhöhe fort herabgeschleudert. Wird es, wie jene wollen, unaufhörlich herabgeschleudert, so wird es auch unaufhörlich mitemporgerissen; denn wenn die Himmelsachse sich immerfort dreht, wird auch das Wasser immerfort absorbiert. Strömt es herab, muß es folgerichtig andauernd über den Himmeln vorhanden sein, wenn es von dort soll herabströmen können. Welche Schwierigkeit soll denn auch der Annahme entgegenstehen, daß über den Himmeln Wasser gefestigt wurde? Wie wollen sie denn sonst das Wort in den Mund nehmen und sagen, die Erde, die doch schwerer ist als die Luft, schwebe in der Mitte und beharre unbeweglich? Aus demselben Grund könnten sie zugeben, daß das Wasser, welches über dem Himmel vorhanden ist, durch die Umdrehung der 61 Himmelskugel nicht herabstürze. Wie nämlich die Erde im leeren Raume schwebt und unbeweglich nach allen Seiten im Gleichgewicht beharrt, so wird auch das Wasser durch ein noch größeres oder gleiches Gewicht wie die Erde in Schwebe erhalten. Eben darum kann das Meer auch das Festland nicht überschwemmen, es müßte denn auf (Gottes) Befehl aus den Ufern treten.
§ 12
Wenn ferner, was jene selbst zugeben, die von feurigen Gestirnen erstrahlende Himmelssphäre in rotierender Bewegung ist, mußte dann nicht die göttliche Vorsehung notwendig Vorsorge treffen, daß unterhalb und oberhalb derselben reichlich Wasser sich ergieße, um jene lohende Hitze oder glühende Achse zu dämpfen? Deshalb, weil übergroß und glühendheiß das Feuer ist, ist überreich auch Wasser auf Erden vorhanden, daß nicht der Brand der aufgehenden Sonne und der funkelnden Sterne sie versenge und die ungewohnte Hitzestrahlung das erste zarte Wachstum der Dinge schädige. Wie viele Quellen, Flüsse, Seen bewässern das Festland, weil im Innern Feuer es durchglüht! Wie könnten denn die Bäume knospen oder das Getreide und die Saaten hervorkeimen oder die aufgegangenen reifen, wenn nicht Feuer auch im Innern sie belebend erwärmte? Auch aus Gestein läßt es sich häufig schlagen, und selbst aus Holz züngelt es oft beim Spalten hervor.
Wie nun das erschaffene Feuer zum Fortbestand der planmäßigen Ordnung der Dinge und zur Temperierung des eiskalten Wassers durch einen milden (Luft-) Himmel notwendig ist, so ist auch die überreichliche Menge des Wassers nicht umsonst: es soll das eine Element vom andern nicht aufgezehrt werden. Dann wären beide nicht in erforderlichem Maße vorhanden, würde ebenso das Wasser das Feuer auslöschen, wie das Feuer das Wasser auftrocknen. Nach Gewicht und Maß hat darum der Schöpfer alles abgewogen. Selbst die Zahl der Regentropfen ist ihm bekannt, wie wir es im Buche Job lesen. Er wußte, wie leicht die Dinge ihrem Ende, das 62 Universum seiner Auflösung anheimfiele, würde ein Element im Vergleich zum anderen zu reichlich vorhanden sein. Darum ließ er eine Verminderung beider nur in der Einschränkung zu, daß das Feuer nicht zuviel absorbiere, das Wasser nicht zuviel überfließe: beide sollten soweit verringert werden, daß einerseits der Überfluß beseitigt würde, andrerseits das notwendige Maß erhalten bliebe. So große, zu übergewaltigen Strömen anschwellende Flutmassen brechen doch aus der Erde hervor: der Nil, der austretend Ägypten überschwemmt; die Donau, die vom Westen her die Scheide zwischen den Barbarenstämmen und Roms Völkern bildet, bis das Schwarze Meer sie aufnimmt; der Rhein, der seinen Lauf von der Kammhöhe der Alpen zu den Tiefen des Ozeans nimmt, der berühmte Schutzwall des römischen Reiches gegen die wilden Völkerstämme; der Po, die sichere Einfuhrstraße für die Seehandelsprodukte zur Versorgung Italiens: die Rhone teilt, mit raschem Lauf daherstürmend, die Flut des Tyrrhenischen Meeres, und keine geringe Gefahr entsteht den Schiffen aus dem Ringen der Meereswogen und des Flusses Strömung; desgleichen ergießt sich von Mitternacht her, dem Kaukasusgebirge entspringend, der Phasis mit mehreren anderen Flüssen ins Schwarze Meer ― es würde zu weit führen, den einzelnen Flüssen namentlich nachzugehen, die teils unserem Meere zueilen, teils vom Ozean verschlungen werden ―: so groß doch (sage ich) ist die Fülle des Wassers, und dennoch wird die Erde in der Mittagsgegend so häufig von versengender Wärme ausgebrannt und zerstäubt vor Hitze, und zunichte ist des bedauernswerten Landmannes Arbeit, so daß ihm oft, wenn die Brunnen bis auf den morschen Grund vertrocknen, der zum Leben notwendige Trunk fehlt. Zwar wird der Zeitpunkt erst kommen, da der Herr zur Tiefe sprechen wird: „Zur Wüste werde und deine Ströme trockne ich aus“, wie er es durch Isaias [Jesaja] für die Zukunft angekündigt hat: aber auch schon bevor jener von Gottes Willen frei vorausbestimmte Tag kommen wird, liegt die Natur der Elemente in nicht geringem Kampfe unter 63 sich. Häufig wird daher diese Welt entweder von Überschwemmungen betroffen oder von übergroßer Hitze und Dürre heimgesucht.
§ 13
So halte denn das Vorhandensein einer großen Wassermenge nicht für unglaubhaft, bedenke vielmehr die gewaltige Hitze, und du wirst nicht mehr ungläubig sein! Viel ist es, was das Feuer auftrocknet. Das muß uns wenigstens aus folgenden Experimenten klar werden: Wenn ein Arzt ein Glas mit enger Mündung, flachem Rande und hohlem Raume mit einem schwachen Lampenlicht darunter an einen Leib drückt, wie zieht da die Wärme alle Feuchtigkeit an sich! Wer könnte also zweifeln, daß jener feurige, von großer Hitze erglühende Äther, würde er nicht durch ein Gesetz seines Schöpfers daran verhindert, alles in Brand und Asche legen würde, so daß weder Flüsse noch Seen noch selbst die Meere seine Glut löschen könnten? Eben darum strömt so häufig wie auf einen Anprall hin Wasser von der Höhe und ergießt sich in so gewaltigen Regengüssen, daß mit einem Mal Flüsse und Seen sich füllen, selbst die Meere austreten. Deshalb sehen wir häufig auch die Sonne von Feuchtigkeit und Dunst umflort. Sie verrät damit deutlich, wie sie sich des Wasserelementes zu ihrer Abkühlung bedient.
§ 14
Eine so leidenschaftliche Sucht zur Bekämpfung der Wahrheit aber steckt in jenen, daß sie der Sonne selbst den natürlichen Hitzezustand absprechen, deshalb weil sie weiß und nicht nach Art des Feuers rot oder rötlich sei. Sie sei, behaupten sie darum, überhaupt von Natur nicht feurig, und wenn sie etwas Wärmegehalt besitze, so sei dies, wie sie meinen, eine zufällige Wirkung aus der übergroßen Drehungsbewegung. Sie glauben dies deshalb behaupten zu sollen, damit es nicht scheine, als absorbiere sie irgendwelche Feuchtigkeit, nachdem sie eine natürliche Wärme nicht besitze, durch welche die Feuchtigkeit verringert oder so manches Mal aufgezehrt werde. Doch sie erreichen nichts mit ihrer Finte, weil es gleichgültig ist, ob ein 64 Ding von Natur oder durch äußere Einwirkung oder sonst aus einem Grund Wärme besitzt; denn jedes Feuer zehrt Feuchtigkeit oder ähnlichen derartigen Stoff, den Feuer zu verbrennen pflegt, auf. Mag man mit Blattwerk das Feuer auffangen, das man nicht einmal aus halbverbrannten, sondern nur aneinandergestoßenen Holzklötzen schlägt: es lodert die Flamme auf, als würde man eine Fackel am Feuer anzünden. Oder mag man das Licht an einer Flamme anfachen: die Art und Natur des Lichtes ist die gleiche, als hätte nicht natürliches Feuer es entfacht, sondern eine zufällige Ursache es erzeugt. Man sollte doch wenigstens von dem Gesichtspunkt aus die Sonnenwärme ins Auge fassen, daß Gott ihr deshalb auf ihrem Lauf verschiedene Standorte und Zeiten festgesetzt hat, damit sie nicht, wenn sie stets an den gleichen Orten verweilte, dieselben durch ihre tägliche Hitzeausstrahlung versenge. Vom Meere geben sie selbst zu, es habe deshalb salzhaltiges und bitteres Wasser, weil das Flußwasser, das in seine Becken einmünde, durch die Wärme absorbiert werde. Und zwar werde soviel durch die Wärme tagüber absorbiert, als Tag für Tag durch der Ströme Lauf von verschiedenen Seiten her zugeführt werde. Man führt den Grund hiervon auf eine unterschiedliche Wirkung der Sonne zurück, die was klar und leicht ist an sich zieht, was schwer und erdenhaft ist zurückläßt. Aus letzterem Grund bleibt nun das Salzhaltige und Trockene zurück.