§ 17
22 Es ist diese Welt ein Spiegelbild des göttlichen Schaffens: das Schauen des Werkes führt zum Lobe des Meisters. Es verhält sich da ähnlich wie mit den Künsten. Diese sind teils praktischer Art, beruhend in Körperbewegung oder im Ton der Stimme ― die Bewegung oder der Ton geht vorüber, und nichts bleibt den Zuschauern oder Zuhörern hiervon übrig und zurück ―; teils theoretischer Art, die ihre Anforderungen an die geistige Kraft stellen; teils derart, daß das Werk als solches, wenn auch der Akt des Wirkens vorübergeht, noch wahrnehmbar bleibt, wie ein Bau, ein Gewebe. Schweigt auch der Künstler, geben diese doch Kunde von seinem Können, so daß das Werk den Meister lobt. Ähnlich ist auch diese Welt ein Spiegel der göttlichen Majestät, aus welchem Gottes Weisheit widerstrahlt. Sie betrachtete der Prophet und richtete zugleich das Auge seines Geistes zum Unsichtbaren empor: da rief er aus: „Wie erhaben sind deine Werke, o Herr! Alles hast du in Weisheit gemacht“.
§ 18
Nicht umsonst sicherlich lesen wir: „geschaffen“; denn gar manche Heiden, welche die Welt gerne als den Schatten der göttlichen Kraft, gleichewig mit Gott hinstellen möchten, behaupten, sie subsistiere von selbst. Wiewohl sie zugestehen, daß sie ihren Grund in Gott hat, wollen sie doch diesen Grund nicht aus seinem Willen und Walten hergeleitet wissen, sondern nach Analogie des Schattens, der seinen Grund in einem Körperding hat. Der Schatten folgt ja dem Körper, und der Strahl dem Lichte mehr infolge einer 23 natürlichen Zugehörigkeit als einer freien Willensbestimmung. Mit feiner Berechnung also betonte Moses: „Gott hat den Himmel und die Erde geschaffen“. Er sagte nicht: Er hat sie subsistieren gemacht; er sagte nicht: er hat der Welt die Ursache des Seins mitgeteilt, sondern: er schuf als der Gütige, was da frommte, als der Weise, was ihm als das Beste dünkte, als der Allmächtige, was er als das Erhabenste voraussah. Wie aber hätte die Welt ein Schattenwurf sein können, nachdem kein Körperding da war? Von der unkörperlichen Gottheit konnte doch kein Schatten fallen. Wie könnte desgleichen von einem immateriellen Lichte ein materieller Glanz ausstrahlen?
§ 19
Doch wenn du nach dem Abglanze Gottes fragst: Der Sohn ist das Bild des unsichtbaren Gottes. Wie also Gott, so auch das Bild: Unsichtbar ist Gott, unsichtbar auch das Bild. Es ist nämlich der Sohn der Abglanz der Herrlichkeit des Vaters und das Bild seiner Wesenheit. „Im Anfang“, heißt es, „hat Gott den Himmel und die Erde geschaffen.“ Geschaffen also ward die Welt, und zu sein angefangen hat sie, die nicht war; das Wort Gottes aber war am Anfange und war immerdar. Aber auch die Engel, Herrschaften und Gewalten, die zwar einmal zu sein anfingen, waren bereits da, bevor diese Welt geschaffen wurde. Denn „alles ist erschaffen und gemacht worden, das Sichtbare und das Unsichtbare, seien es Throne oder Herrschaften oder Fürstentümer oder Gewalten: Alles, heißt es weiter, ist durch ihn und für ihn erschaffen worden“. Warum „für ihn erschaffen“? Weil er der Erbe des Vaters ist, indem vom Vater das Erbe auf ihn übergegangen ist, wie es der Vater beteuert: „Verlange von mir, und als dein Erbe will ich dir die Völker geben“. Indes vom Vater ging dieses Erbe auf den Sohn über, und auf den Vater fällt es vom Sohne zurück. 24 Nachdrucksvollst bezeichnet also der Apostel einerseits an der obigen Stelle den Sohn als den Urheber aller Dinge, dessen Majestät alles umfaßt; andrerseits schreibt er an die Römer von dem Vater: „Denn aus ihm und durch ihn und für ihn ist alles“: „aus ihm“ der Anfang und Ursprung der Wesenheit aller Dinge, d. i. aus seinem Willen und seiner Macht ― aus seinem Willen nämlich nahm alles seinen Anfang; denn der eine Gott ist der Vater, aus dem alles ist; aus dem Seinigen gleichsam schuf er, der da schuf, woraus er wollte ― „durch ihn“ der Fortbestand, „für ihn“ das Endziel: „aus ihm“ also der Stoff, „durch ihn“ die Kraft, die das All in bindende und zwingende Gesetze fügte, „für ihn“ alles, weil es, solange er will, durch seine Kraft fortdauert und fortbesteht und sein Endziel, zu dem es zurückstrebt, in Gottes Willen hat und nach dessen freiem Belieben der Auflösung anheimfällt.