Ephräm der Syrer · Ausgewählte Gesänge gegen die Grübler über die Glaubensgeheimnisse · Buch 15 · Kapitel 5
5. Die drei Wege zur Erkenntniß Gottes.
119 Einfältige schauten und verirrten sich, weil drei Wege gebahnt waren. Der oberste (Alles erforschen zu wollen) ist ermüdend; der unterste (ganz von Gott zu schweigen) ist zu hart. Erwähle dir demnach den mittlern und wandle darauf einfältig! Bekenne den Vater und den Sohn ohne Forschung! Wenn aber auf den zwei Wegen durch allerlei Fragen gehadert wird, so wandle du in Einfalt auf deinem Wege ohne Zänkerei. Stelle jedoch niemals eine vorwitzige Untersuchung über den Vater und Sohn und den preiswürdigen Geist an! Erfreche dich nie, zu so armseligen Vergleichungen ein Wesen zu erniedrigen, von dem man nie begreift, wie und was es ist! Mit Schweigen halte dich fern von ihm; denn wer es erforscht, wird durch die Fragen über dasselbe nur verwirrt.
147Hieher paßt sehr gut eine Stelle aus dem zweiundvierzigsten Gesange, die also lautet: „Wir können nicht bloß eines von den Geschöpfen zur Vergleichung (als Bild der Trinität) anwenden. Nehmt daher die Dreieinigkeit an, wie sie gepredigt wird! Wir haben es damit einem Gegenstande zu thun, der nicht von der Anordnung unserer Willkür abhängig ist. Die Gottheit ist einmal drei=einig; warum und wie sie so ist, können wir niemals begreifen; denn ihr Wesen ist unerforschlich. Hast du den Geschmack einer Frucht nie verkostet, so glaubst du darüber einem, der sie versucht hat. Weil die unsichtbare Gottheit deiner Fassungskraft unzugänglich ist, so glaube der Frucht, wodurch ihre Erhabenheit verkostet ward (d. i. dem Sohne Gottes)! — Die Beispiele und Gleichnisse sind schwach und unvermögend, sie reichen nicht an das Urbild. Mögen die Bilder auch noch so erhaben sein, wir dürfen sie doch nicht als nahe dem Urbild ansehen; denn sie sind unendlich von ihm entfernt.“