1. Wenn du unter dem Gehorsame geistlicher Väter dich befindest, so zeigt sich die Festigkeit deines Glaubens nicht, wenn man sich dir gefällig erweist und du Reden der Schmeichelei vernimmst, sondern wenn du dich (gegen Beleidigungen) wehren mußt und geschlagen wirst; denn zahm und sanft wird auch ein wildes Thier, wenn man ihm schmeichelt. Erbittre dich daher nicht gegen Denjenigen, welcher dich zurechtweist, wenn du anders ein Gefäß der Auserwählung werden willst, sondern wisse im Herrn Fortschritte zu machen in Unterwürfigkeit und Demuth, weil du dazu gekommen bist, wenn du anders im Bewußtsein der Herrlichkeit derselben sie dir erwählt hast!
2. Das Leben der Heiligen, o Bruder, zeigt sich dadurch im glänzendsten Lichte verherrlicht. So hat z. B. Moses, der Diener des Herrn, obschon er nicht Schüler nach der Lehre des Jethro (seines Schwiegervaters) war, diesem sich doch unterworfen und gedient, wenn er gleich während seines Aufenthalts in Ägypten hinreichend ausgebildet worden war. Auch Josue, der Sohn Nave’s (oder Nun), wurde seines vollkommnen Gehorsams wegen einer so hohen Gabe (Auszeichnung) gewürdigt, der Nachfolger des Moses zu werden. Samuel wurde, als er unter dem Gehorsam des Priesters Heli sich befand, der Anrede von Gott gewürdigt. Elisäus aber hat dieser Tugend wegen den Mantel und die Gnade seines Lehrmeisters (Elias) erhalten. Doch — was rede ich von Menschen, welche gleichen Leidenschaften, wie wir, unterworfen waren? Wurde ja Gott, das Wort, selbst Mensch und brachte sein Leben in Demuth und Unterwürfigkeit zu, wie uns der Evangelist belehrt, indem er sagt: „Und er war ihnen unterthänig.“ Der Apostel aber sagt ferner: „Er hat sich selbst verdemüthigt, indem er gehorsam geworden bis zum Tode und zwar zum Tod am Kreuze.“
3. Allein auch dem gewöhnlichen Leben nach stürzen sich Diejenigen, welche die gute Erziehung der Eltern nicht annehmen wollen, in nicht geringe Gefahr: denn die Meisten von Denjenigen, welche in Städten von Obrigkeiten bestraft werden, müssen wegen Ungehorsams, Widerspenstigkeit und Halsstarrigkeit Prügelstrafen aushalten. Auch Mädchen, welche den guten Ermahnungen nicht gehorchen, verlassen den Pfad der Eingezogenheit, schweifen als öffentliche Buhldirnen auf Gassen und Straßen herum und überlassen sich dem frechsten Muthwillen. Die aber fleissig sich der Arbeit widmen und in sittsamer Ruhe ein zurückgezogenes Leben führen, werden bei den Menschen Ehre erlangen, von Gott aber verherrlicht werden. Du hast einen guten Entschluß gefaßt; halte standhaft darin aus, auf daß du mit den Sanften und Demüthigen vom Herrn in dem Himmelreiche großen Ruhm erlangest!