Es kam (wie oben gesagt) der unsichtbare Arzt, der alles Verborgene erreicht, und fühlte den Puls dem Volke, das da irrte und irreführte und sich selbst schmückte. Er mischte (als Arznei) seine süße Milde und verschmähte die Strenge der Gerechtigkeit, um sich in den Kampf mit dem versteckten Übel einzulassen, damit er als Arzt die Arznei kräftiger zur Heilung mache. Der Gute sah, daß das Volk aus freiem Willen krank war. Krank ist Jener, der zur Genesung nicht gelangen will. Wunden lassen sich verbinden, Schmerzen können geheilt werden; schwer aber ist es, einen kranken Willen zu heilen. Jedoch wenn er sich ergibt, kann der Arzt durch seine Heilmittel glänzend siegen. Eine häßliche und heimliche Gewohnheit ist sehr schwierig zu heilen; denn sie ist ein tückisches Leiden. Anschwellend schleicht sie verstohlen weiter, um dem Arzte zu entgeh’n; denn der Tod senkte sich verborgen Tropfen gleich in’s Herz hinein. Auswendig sieht da der Mensch schön und ganz gesund ans, allein im Innern ist er faul und vermodernd. Deßwegen 306 hat er sie (die Pharisäer) mit gezierten Gräbern verglichen. Er öffnete in seiner Güte den Schatz des Lebens, damit Jeder nach seiner Freiheit die ihm zuträgliche Arznei wähle und nehme. Er ist ein Arzt, welcher kein Wohlgefallen an unser’n Krankheiten hat. Er wendete nicht scharfe Schnitte und gewaltsame Brennungen an; eine sehr gelinde Arznei bereitete er uns, um unsere Wunden mit der Wurzel auszurotten.