Allzu Verwegener, Todesmutiger ― wenn überhaupt einer so gewesen ist ―, mußt du nicht vor solchen Tatsachen erschrecken? Hast du davor keine Achtung? Viel geringere Achtung verdient die unersättliche Gier des weisen Gesetzgebers Solon, den das lydische Gold des Krösus verraten hatte, oder die Schönheitsliebe des Sokrates; von seiner Päderastie zu sprechen schäme ich mich, obwohl man sie zu beschönigen sucht. Geringere Achtung verdient das Schmarotzertum, welches Plato in Sizilien trieb und dessentwegen er verkauft wurde, ohne daß er aber von einem seiner Schüler oder überhaupt von einem Griechen losgekauft worden wäre, oder die Freßlust des 114 Xenokrates, oder die witzige Mundfertigkeit, durch welche der Faßbewohner Diogenes Fremde vor Tyrannen und gewöhnliche Brote vor Kuchen im Anschluß an ein Dichterwort ausweichen ließ, oder die Philosophie des Epikur, nach welcher das sinnliche Vergnügen das einzige Gut ist. Groß war nach eurer Meinung Krates. Allerdings ist es eines Philosophen würdig, seinen Besitz für Schafweiden herzugeben, erinnert auch an das Verhalten unserer Philosophen. Allein in einer Rede tat er mit seiner Freiheit groß, als hätte er nicht die Weisheit, sondern vielmehr den Ruhm geliebt. Für groß haltet ihr den, der, als bei stürmischer Seefahrt alles über Bord geworfen wurde, dem Schicksale Dank sagte, weil es ihn zum Tragen des Philosophenmantels verdemütigte. Groß gilt euch Antisthenes, weil er, als ein ausgelassener, frecher Mensch ihm das Gesicht zerschlagen hatte, nur den Namen des Raufboldes auf seine Stirne schrieb, gleich dem Bildhauer, der den Namen der Statue einmeißelt; es sollte wohl eine recht kräftige Anklage sein. Über einen von denen, welche nicht lange vor uns gelebt haben, weißt du lobend zu berichten, daß er den ganzen Tag dagestanden sei und zur Sonne gebetet habe. Doch vielleicht hatte er gewartet, bis die Sonne (am Abend) sich der Erde nähert, um sein Gebet kurz fassen und mit Sonnenuntergang beenden zu 115 können. Du lobst den, der in Potidäa zur Winterszeit die ganze Nacht hindurch dagestanden sei, um angestrengt zu betrachten, ohne aber in seiner Verzückung den Frost zu spüren. Du lobst die Wißbegierde des Homer anläßlich der Frage, welche die Arkader an ihn gestellt hatten, und des Aristoteles ausdauerndes Studium über die Strömungen des Euripus, weil beide ihrem Eifer durch Tod erlegen seien. Du lobst den Brunnen des Kleanthes, den „Riemen“ des Anaxagoras, die Traurigkeit des Heraklit.