Gregor von Nazianz · Orationes XLV · Buch 4 · Kapitel 70
Buch 4 · Kapitel 70
Hiefür hast du keine Verehrung, sondern Verachtung. Du bewunderst dagegen den Scheiterhaufen des Herakles, den doch Mißgeschick und Weiberbosheit verschuldet hatten, bewunderst den für Gäste oder 111 Götter zerfleischten Pelops, aus welchem die durch ihre Elfenbeinschulter berühmten Pelopiden hervorgingen, bewunderst die Verstümmlung der Phrygier, welche von Flötenspiel sich betäuben lassen, um dann geschändet zu werden. Du bewunderst als recht und billig die mystischen Kasteiungen und Verbrennungen im Mithraskult, bewunderst die Sitte der Taurier, die Fremden zu opfern, und das Opfer der trojanischen Königstochter, ferner das Blut, welches Menoikeus für die Thebaner vergossen hatte, und das Blut der später in Leuktra getöteten Töchter des Skedasus. Du lobst die spartanischen Knaben, welche gegeißelt wurden und deren Blut auf dem Altare zur Besänftigung der reinen, jungfräulichen Göttin vergossen wurde. Du ehrst den Schierlingstrank, den Sokrates genießen mußte, das Bein, an dem Epiktet gefesselt war, den Sack, in den Anaxarchus gesteckt wurde; aber ihre Philosophie war doch weniger eine sittliche Tat als vielmehr die Folge eines Zwanges. Du lobst den Kleombrotus aus Ambrakia, der seine Philosophie aus dem Buche über die Seele geschöpft hatte, ferner die Erbitterung des Pythagoras 112 über die Bohnen und die Todesverachtung der Theano und all derer, welche etwa in den Kult und in die Lehren des Pythagoras eingeweiht sind.
360Herakles bestieg den Scheiterhaufen nicht aus Opfermut. Von seinem Weib Deianira durch das Gewand des Nessus vergiftet, wurde er wahnsinnig, worauf er sich verbrannte. Vgl. Ovid, Met. 9, 9 ff. Hyginus, Fabul. 34 ff.
361Tantalus ließ seinen Sohn Pelops schlachten und als Speise den Göttern vorsetzen, welche jedoch Pelops wieder das Leben gaben, indem sie die Fleischstücke wieder zusammenfügten mit Ausnahme der einen Schulter, die von Demeter verzehrt worden war und an deren Stelle Pelops eine Elfenbeinschulter erhielt, welche sich bei seinen Nachkommen als weißer Fleck auf der Schulter vererbte. Vgl. Ovid, Met. 6, 404. Virgil, Georg. 3, 7.
362Bei Festen der Kybele.
363Polyxena, die Tochter des trojanischen Königs Priamus, wurde von den aus Troja heimkehrenden Griechen an der thrakischen Küste geopfert, weil des Achilles Schatten sie als Sühne für seinen Tod gefordert hatte. Vgl. Ovid, Met. 13, 448.
364Menoikeus, Sohn des Thebanerkönigs Kreon, hatte sich, um Ares zu sühnen und die bedrohte Stadt Theben zu retten, auf der Burg der Stadt erstochen und in die Kluft des Aresdrachens unterhalb der Burg gestürzt. Vgl. Cicero, Tusc. 1, 116.
365Dies geschah an den Festen der Artemis.
366Kleombrotus soll, nachdem er Piatos Buch über die Unsterblichkeit der Seele gelesen hatte, aus Sehnsucht nach dem Tode von einer Mauer aus ins Meer gesprungen sein. Vgl. Cicero, Tusc. 1, 34.
367Theano soll nach ihrer Gefangennahme, um ihr Vaterland nicht zu verraten, ihre Zunge abgebissen haben.