Sie gab hierauf folgende Erwiderung: „So hast denn auch du einen Punkt, der bereits von vielen anderen besprochen wurde, zur Untersuchung gestellt, nämlich, wofür man den Zorn und das Begehrungsvermögen halten solle: sei es, daß man beides als zum Wesen der Seele gehörig und als von vorneherein mit ihrem Entstehen vorhanden betrachte, sei es, daß man beides als etwas von ihr Verschiedenes auffasse, das erst später zu ihr hinzugekommen sei. Denn daß man jene Kräfte an der Seele wahrnehme, wird von allen gleichmäßig zugestanden; aber was man von ihnen zu halten habe, konnte die Untersuchung noch nicht so genau feststellen, so daß sich eine feste und bestimmte Ansicht gebildet hätte, vielmehr gehen die Meister in irrtümlichen und verschiedenen Meinungen auseinander. Wenn für uns die heidnische Philosophie, welche diese Frage kunstgerecht behandelt, beweiskräftig wäre, so würde es für uns wohl überflüssig sein, überhaupt eine Erörterung über die Seele anzustellen. Da aber heidnische Philosophen ihre Lehrsätze über die Seele, welche den Eindruck der Folgerichtigkeit erwecken, in uneingeschränkter Freiheit entwickeln, wir jedoch eine solche Freiheit nicht besitzen (ich meine die Freiheit, alles anzunehmen, was uns nur immer einfällt), vielmehr die Heilige Schrift als Richtschnur und Gesetz bezüglich aller Lehrsätze betrachten, so richten wir unseren Blick auf dieselbe notwendig auch in der vorliegenden Frage und nehmen nur das an, was mit dem Geiste der Schriftworte übereinstimmt; darum verzichten wir auf den Wagen Platos und das Zwiegespann 267 mit den beiden jugendlichen, ungleich ausgreifenden Rossen davor und dem Wagenlenker darüber ― jene Gleichnisse, in welchen er über die Seele philosophiert. Verzichten wir desgleichen auf die Ansichten seines Nachfolgers in der Philosophie, der allen Erscheinungen genau nachging und sorgfältig unser gesamtes Leben prüfte, aber dennoch lehrte, die Seele sei sterblich! Indem wir auch die Vorgänger und die Nachfolger der genannten Philosophen, mögen sie in Prosa oder in Rhythmus und Versmaß ihre Meinungen vortragen, beiseite lassen, wollen wir unsere Erörterung unter die Aufsicht und Hut der von Gott eingegebenen Schrift stellen, welche als auszeichnendes Merkmal der Seele nur gelten läßt, was auch Gott zukommt. Denn dadurch, daß er (Moses oder der Heilige Geist) die Seele als das Ebenbild Gottes erklärte, hat er auch erklärt, daß alles Gottwidrige aus dem wesentlichen Bereich der Seele ausscheidet; die Ebenbildlichkeit würde ja nicht gewahrt, falls eine Gegensätzlichkeit zwischen göttlichem und menschlichem Geist vorhanden wäre. Da nun Derartiges (Gottwidriges) an der göttlichen Natur nicht angenommen werden darf, so wird man solches auch nicht als zum Wesen der Seele gehörig betrachten dürfen.“
„Ein Verfahren also, das mit dialektischer Gewandtheit durch syllogistische und analytische Kunst auch unsere Glaubenssätze begründen möchte, erachten wir zum Erweise der Wahrheit als ungenügend und verdächtig; deshalb lehnen wir einen solchen Aufputz der Erörterung ab. Allen ist ja hinreichend bekannt, daß die dialektische Spitzfindigkeit nach beiden Seiten gleiche Kraft besitzt, nämlich zum Umsturz der Wahrheit wie zur Widerlegung der Lüge. Infolgedessen bringen wir die Wahrheit selbst, dadurch daß sie mit solch dialektischer Kunst vorgetragen wird, nicht selten in Verdacht, so daß eine derartige Fertigkeit unser Denken sogar abstoßen und um die Wahrheit bringen könnte. Wenn man aber nur eine Erörterung zulassen will, die jeden Aufputz verschmäht und sich keiner Kunstgriffe bedient, so müssen wir mit aller Entschiedenheit reden und die 268 Untersuchung über unsere Fragen Schritt für Schritt unter der Leitung der Heiligen Schrift anstellen.“