Da sprach ich zur Jungfrau: „Und doch sehen wir, wie tugendhaften Menschen aus ihnen kein geringer Gewinn für das Seelenheil erwächst. So war die Begierde für Daniel ein Lob, und Phinees vermochte durch Zorn Gott zu versöhnen, und vollends heißt es von der Furcht, daß sie der Anfang der Weisheit ist. Auch von Paulus hören wir, daß die gottgemäße Traurigkeit zum Heile führt, und das Evangelium gebietet, uns nicht vor Schrecknissen zu fürchten, und Schrecknisse nicht 271 fürchten, ist eine bloße Umschreibung des Mutes, den die Weisheit unter die guten Eigenschaften zählt. Hierdurch zeigt also das Wort Gottes deutlich, daß wir die genannten Seelenregungen nicht für krankhafte Zustände halten dürfen; denn solche können nicht zum Aufbau der Tugend verwendet werden.“
Meine Lehrerin sprach nun zu mir: „Wie es scheint, habe ich selbst die hier vorliegende Gedanken-Verwirrung verschuldet, weil ich in meiner Rede hierüber keine so scharfe Unterscheidung gemacht habe, welche in die Erörterung die richtige Ordnung und Konsequenz hätte bringen können. Von nun an soll daher auf eine solche Ordnung in der Darstellung Bedacht genommen werden, damit bei folgerichtigem Fortgang der Untersuchung kein Raum mehr für solche Einwände bleibt. Wir behaupten nämlich, der Seele sei ein Erfassungs- und Unterscheidungs- und Betrachtungs-Vermögen eigen und naturgemäß, und hiedurch trage sie das Ebenbild der göttlichen Schönheit in sich ― denn auch vom göttlichen Geist, was er auch sein mag, machen wir uns die Vorstellung, daß er imstande sei, alles zu überschauen und das Gute vom Bösen zu unterscheiden ― alles aber, was auf dem Grenzgebiet der Seele liegt und seiner Natur gemäß der Biegung nach beiden Seiten fähig ist, so daß es ja nach der Anwendung sowohl zum Guten als auch zum Bösen dienen kann, wie z. B. der Zorn und die Furcht oder andere derartige Regungen der Seele, zu denen jegliche Beobachtung der menschlichen Natur führt, von dem meinen wir, daß es von außen an die Seele herangekommen sei, weil sich solche Bewegungen an ihrem Urbild, das ewig schön und vollkommen ist, nicht finden. Die Ausführung hierüber lassen wir einstweilen auf dem Kampfplatz stehen, um den Schmähungen verleumderischer Zungen zu entkommen.“