„Der Zorn aber ist nach der Ansicht der meisten ein Aufwallen des Herzblutes, nach der Meinung mancher aber das Streben, dem wehe zu tun, der uns zuvor wehe getan hat; wie wir selbst annehmen, ist der Zorn das Trachten, Böses mit Bösem zu vergelten; auf keinen Fall hat der Zorn etwas mit dem Begriffe der Seele zu tun. Wollen wir nun das Wesen der Begierde bestimmen, so möchten wir sie ein Verlangen nach dem nennen, was uns fehlt, oder ein Streben nach Lustgenuß oder eine Trauer darüber, daß wir nicht besitzen, was wir 270 wünschen, oder ein gewisses Verhalten gegenüber dem Angenehmen, dessen Genuß uns nicht gewährt wird. All das und ähnliches weist auf ein Begehren hin, hängt aber mit dem Begriff der Seele nicht zusammen, so wenig wie viele andere Eigenschaften, welche, Gegensätze bildend, an unserer Seele sich zeigen können, wie Feigheit und Mut, Trauer und Freude, Furcht und Verachtung und noch manche derartige Regungen, welche mit Zorn und Begierde verwandt zu sein scheinen, aber doch durch besondere Grenzbestimmung ihr eigenes Wesen umschreiben. Denn Kühnheit und Stolz bedeuten ein Aufleuchten der Zornesregung; letztere läßt nach oder verschwindet, wenn Feigheit oder Furchtsamkeit sich geltend macht. Schmerz aber kann aus Zorn und aus Begierde entstehen: denn der Zorn läßt, falls er sich zu ohnmächtig fühlt, den Feind abzuwehren, Schmerz zurück; aber dieselbe traurige Stimmung wird in uns hervorgebracht, wenn wir die Hoffnung auf das, was wir ersehnten, aufgeben mußten, oder wenn wir verlieren, was wir hochschätzten und liebten. Doch auch das Gegenteil von Schmerz, das Gefühl der Freude entspringt teils aus Zorn, teils aus Begierde, je nachdem diese oder jene Regung den Affekt hervorruft. All das ist an der Seele, ist aber nicht die Seele selbst, sondern mehr warzigen Auswüchsen zu vergleichen, die aus dem denkenden Teile der Seele emporkeimen. Man kann sie für Teile der Seele halten, weil sie an ihr haften, aber sie sind nicht etwas, das das Wesen der Seele ausmachte.“