Wie? Er hat die Beschneidung nicht gepredigt? Hat er nicht den Timotheus beschnitten? Ja, er hat ihn beschnitten. Wie kann er da sagen: Ich predige nicht? — Erkenne auch hier die Sorgfalt, mit der er sich ausdrückt! Er sagt nämlich nicht: Beschneidung übe ich nicht, sondern: Beschneidung predige ich nicht, d. h. ich fordere nicht auf, so zu glauben. Damit du es nicht als eine Bekräftigung gewisser Lehrsätze nehmest, so erkläre ich: ich habe wohl beschnitten, aber ich habe die Beschneidung nicht gepredigt.
„Dann ist abgetan das Ärgernis des Kreuzes.“
D. h. das Anstößige, das Hinderliche ist behoben, wenn anders es sich so verhält, wie ihr behauptet. Denn nicht so fast das Kreuz war den Juden zum Ärgernis als die Weisung, man dürfe das Gesetz der Väter nicht mehr befolgen. Als sie z. B. den Stephanus vorführten, sagten sie nicht: Dieser Mensch verehrt den Gekreuzigten, sondern: er spricht gegen das Gesetz und den heiligen Ort, Auch gegen Jesus erhoben sie den gleichen Vorwurf, daß er das Gesetz aufhebe. Deshalb schreibt Paulus: Wenn die Beschneidung zugegeben wird, ist unser Streit zu Ende; dann gibt es keine Feindschaft gegen Kreuz und Evangelium mehr. Wenn sie aber tagtäglich auf unseren Tod sinnen, wie können sie uns dann diesen Vorwurf machen? Mich wenigstens haben sie deshalb angegriffen, weil ich einen Unbeschnittenen in den Tempel brachte. Bin ich denn wirklich so töricht, meint er, daß ich, die Beschneidung einmal zugegeben, mir ohne allen Grund solchen Nachteil und dem Kreuze solches Ärgernis bereite? Ihr sehet ja, daß sie mich gerade wegen der Beschneidung so heftig befehden. So töricht also waren wir, um ein Nichts Verfolgungen zu erleiden und anderen Ärgernis zu geben? — Er nannte es „Ärgernis des Kreu- 128 zes“, weil die Lehre des Kreuzes dieses befahl, und weil der Umstand zumeist die Juden ärgerte und von der Annahme des Kreuzes abhielt, daß sie von der Vätersitte abstehen sollten.
V. 12: „Möchten doch auch abgeschnitten werden die, die euch aufheizen!“
Sieh, wie bitter er hier gegen die Betrüger wird! Anfänglich richtete er seine Anklage gegen die Betrogenen und nannte sie ein über das andere Mal Unverständige; nachdem er sie aber nach Gebühr gezüchtigt und zurechtgewiesen, wendet er sich schließlich gegen die Betrüger. Wir müssen auch hier seine Weisheit bewundern, wie er jene als Kinder des Hauses und besserungsfähig ermahnt, warnt, zur Vernunft bringt, die Betrüger aber als Fremdlinge und unheilbar erkrankt von sich stößt. Das eine Mal droht er: „Sein Strafurteil wird tragen, wer immer es sei“; das andere Mal verflucht er sie mit den Worten: „Möchten doch auch abgeschnitten werden die, die euch aufhetzen!“ — Treffend sagt er: „die euch aufhetzen“. Denn jene nötigten sie, die angestammte Heimat, die Freiheit, die Gotteskindschaft aufzugeben und in der Fremde eine Zufluchtsstätte zu suchen; sie trieben sie hinaus aus dem himmlischen, freien Jerusalem und zwangen sie, wie Sklaven und Landstreicher umherzuirren. Darob flucht er ihnen. Er meint nämlich so: An jenen liegt mir nichts: denn „einen ketzerischen Menschen weise von dir nach einer und der anderen Vermahnung!“ Mögen sie also nach Belieben nicht bloß beschnitten, sondern auch abgeschnitten werden!
Wo sind nun jene, die sich selbst zu verstümmeln wagen, den Fluch auf sich laden, die Schöpfung Gottes lästern, mit den Manichäern gemeinsame Sache machen? Denn diese behaupten, der Leib sei etwas Feindliches, eine Ausgeburt der Materie; jene aber geben durch ihr 129 Gebaren zu solch unseligen Lehren den Anlaß: sie schneiden nämlich das (Zeugungs-) Glied ab wie einen Feind und Versucher. Da sollte man doch viel eher die Augen verstümmeln; denn durch die Augen steigt die Begierlichkeit in die Seele. Indes weder die Augen noch ein anderes Glied tragen die Schuld, sondern einzig der böse Wille. Vermagst du dich nicht zu beherrschen, warum schneidest du nicht auch die Zunge ab wegen der Gotteslästerung, die Hände wegen des Raubes, die Füße, weil sie zum Bösen laufen, ja den ganzen Leib, um mich so auszudrücken? Denn auch die Ohren haben durch süße Musik schon oft den Geist verweichlicht; die Nase fing lieblichen Geruch auf und machte den Verstand verrückt, von sinnlicher Begierde trunken. Also müßten wir alles abschneiden: Ohren und Hände und Nase. Das ist heller Wahnsinn, wahrhaft satanische Verblendung. Nur der ungeordnete Trieb der Seele mußte in Schranken gehalten werden; der Böse aber, der stets am Morde Gefallen findet, verleitete sie, daß sie das Werkzeug zerschlugen, dem Künstler gleich, der einen Fehler gemacht hat. — Doch warum, sagst du, entbrennt die Begierde, wenn der Leib gemästet wird? Siehe wiederum die Schuld der Seele! Denn das Fleisch zu mästen ist nicht Sache des Fleisches, sondern der Seele. Wollte sie es aufreiben, so stünde dies ganz in ihrer Gewalt. Du aber ähnelst einem Menschen, der einen anderen Feuer schüren, Holz darauflegen und das Haus in Brand stecken sieht, und der den Brandstifter gehen läßt und das Feuer schilt, weil es, durch das viele Holz genährt, mächtig in die Höhe schlägt. Nicht dem Feuer gebührt der Tadel, sondern dem, der es geschürt hat! Denn 130 das Feuer hat den Zweck, die Speise zu bereiten, Licht zu spenden und andere dergleichen Dienste zu verrichten, nicht aber Häuser anzuzünden. So verhält es sich auch mit der Begierlichkeit. Sie diene zur Zeugung von Kindern und zur Erhaltung des Lebens, nicht zu Ehebruch und Hurerei und Ausschweifung; Vater sollst du werden, nicht Ehebrecher; rechtmäßig mit dem Weibe Umgang haben, nicht widerrechtlich es schwächen; dir einen Sprößling hinterlassen, aber nicht fremde Saat verderben! Der Ehebruch ist nicht das Werk naturgemäßer Lust, sondern widernatürlichen Frevels; denn die Begierde verlangt nur fleischliche Befriedigung überhaupt, nicht eine solche Art der Befriedigung.