Siehe, er zeigt noch einen anderen Weg, der die Tugend leicht macht und seine Mahnungen zur Tat werden läßt, einen Weg, der Liebe erzeugt und dem die Liebe wiederum zur festen Stütze dient. Denn kein Ding, ja keines macht so zur Liebe geneigt wie der Wandel im Geiste; und nichts bestimmt den Geist so 134 mächtig, bei uns zu bleiben, wie die Gewalt der Liebe. Deswegen sagt er: „Wandelt im Geiste, dann werdet ihr gewiß nicht des Fleisches Begehren vollbringen.“ (Nachdem er nämlich die Ursache der Krankheit bestimmt, nennt er auch das Heilskraut, das die Gesundheit zu geben vermag. Welcher Art ist dieses, und wodurch lassen sich die besagten Übel beseitigen, außer durch ein Leben im Geiste? Deswegen sagt er: „Wandelt im Geiste, dann werdet ihr gewiß nicht des Fleisches Begehren vollbringen.“)
V. 17: „Denn das Fleisch begehrt wider den Geist, der Geist aber wider das Fleisch; denn diese stehen im Gegensatze zueinander, so daß ihr nicht das, was ihr wollet, auch tut.“
Hier greifen nun gewisse Leute zu und behaupten, der Apostel teile den Menschen in zwei Teile, gleich als ob er ihn aus zwei entgegengesetzten Substanzen zusammengewachsen sein ließe und lehrte, der Leib streite wider die Seele. Allein dem ist nicht so, ganz und gar nicht. Denn unter Fleisch versteht er hier nicht den Leib. Wäre das der Fall, wie würde sich das Folgende dazu reimen? „…begehrt“, sagt er, „wider den Geist“. Der Leib ist kein Ding, das bewegt, sondern das bewegt wird; ist kein Ding, das treibt, sondern das getrieben wird. Wie vermag er also zu begehren? Denn die Begierde ist eine Tätigkeit der Seele, nicht des Fleisches. Heißt es doch anderswo: „In Begierden ist meine Seele;“ und: „Was begehrt deine Seele, und ich will es dir tun;“ und: „Wandle nicht nach den Gelüsten deiner Seele;“ und wiederum: „So verlangt meine Seele.“ Inwiefern also sagt Paulus: „Das Fleisch begehrt wider den Geist?“ Unter Fleisch versteht er, wie es bei ihm Brauch ist, nicht den physischen Leib, sondern den bösen Willen, z. B. wenn er spricht: „Ihr aber 135 lebt nicht dem Fleische, sondern dem Geiste;“ und wiederum: „Die aber, welche dem Fleische leben, können Gott nicht gefallen.“ — Was also? Soll man das Fleisch vernichten? Aber war nicht er, von dem diese Stelle stammt, selbst mit dem Fleische bekleidet? Das sind nicht Fleisches-, sondern Teufelslehren. Denn „dieser war ein Menschenmörder von Anbeginn“. Was meint er also? Unter Fleisch versteht er hier den irdischen Sinn in seiner Leichtfertigkeit und Nachlässigkeit. Das aber ist keine Anklage des Leibes, sondern eine Beschuldigung der leichtfertigen Seele. — Das Fleisch ist ein Werkzeug; niemand aber haßt und verabscheut das Werkzeug, sondern denjenigen, der einen schlechten Gebrauch davon macht. Unser Haß und unsere Ahndung trifft ja auch nicht das Eisen, sondern den Mörder. — Aber, entgegnet man, gerade das ist eine Anklage des Leibes, daß die Sünden der Seele mit dem Namen des Fleisches bezeichnet werden. Ich für meinen Teil bekenne einerseits, daß das Fleisch unter dem Geiste steht, anderseits, daß es auch selbst etwas Gutes ist. Denn was weniger gut ist, ist doch auch gut; das Böse aber ist nicht weniger gut, sondern das Gegenteil. Du aber klage das Fleisch an, wenn du zu beweisen vermagst, daß die Bosheit vom Leibe stammt; wenn du aber deine Lästerung auf den bloßen Namen stützen willst, dann beeile dich, auch die Seele anzuklagen! Denn ein „seelischer“ Mensch heißt auch der, welcher der Wahrheit enträt; und „Geister der Bosheit“ werden genannt die Scharen der Teufel. Hinwieder aber wendet die Schrift — etwas Gewöhnliches — den Namen des Fleisches selbst bei Mysterien an, ja versteht die ganze Kirche darunter, indem sie von ihr sagt, sie sei Christi Leib. — Wenn du ferner die nützlichen Verrichtungen aufzählen willst, die durch dasselbe geschehen, so lösche einmal in Gedanken alle Sinnes- 136 wahrnehmung aus, und du wirst sehen, daß die Seele jeglicher Erkenntnis bar ist und kein irgendgeartetes Wissen besitzt. Wenn nämlich die Kraft Gottes von Erschaffung der Welt an durch seine Werke sichtbar geschaut wird, wie könnten wir sehen ohne Augen? Und wenn der Glaube vom Hören kommt, wie sollen wir hören ohne Ohren? Umherziehen und predigen, dazu bedarf es der Füße und der Zunge; „denn wie werden sie predigen, wenn sie nicht gesandt werden?“ Das Schreiben geschieht durch die Hände. Siehst du, daß der Dienst des Fleisches uns unzählige Güter vermittelt? — Wenn er aber sagt: „Das Fleisch begehrt wider den Geist“, so spricht er von zwei Gedankenrichtungen. Denn im Gegensatze stehen Tugend und Laster, aber nicht Seele und Leib. Wäre letzteres der Fall, dann müßten beide einander aufheben, wie Feuer und Wasser, Licht und Finsternis. Wenn es wahr ist, daß die Seele für den Leib sorgt und sich viel um ihn bekümmert und eine Menge Leiden erduldet, nur um ihn nicht verlassen zu müssen, und jeder gewaltsamen Trennung widerstrebt; und wenn hinwiederum der Leib im Dienste (der Seele) steht und ihr viele Kenntnisse zuführt, ja in seiner Einrichtung (geradezu) auf ihre Tätigkeit Bezug nimmt: wie könnten dann beide einander widersprechen oder widerstreiten? Ich für meinen Teil sehe nicht bloß keinen Gegensatz, sondern innige Harmonie und festen Zusammenhang. So liegen die Tatsachen! — Also nicht von diesen behauptet er, daß sie im Gegensatze stehen, sondern er spricht von einem Widerstreit der bösen und guten Gesinnung. Wollen und Nichtwollen ist Sache der Seele. — Er betont deshalb: „Diese stehen im Gegensatze“, damit du nicht die Seele nach ihren schlechten Begierden wandeln lassest. Wie ein Lehrer und Erzieher wollte er schrecken; darum redete er in dieser Weise.