137 * V. 18: „Wenn ihr euch aber vom Geiste leiten tasset, seid ihr nicht unter dem Gesetze.“ *
Wie folgt das? Ganz zwingend und klar. Denn wer den Geist hat, wie er soll, erstickt mit dessen Hilfe jegliche böse Lust; wer aber diese losgeworden ist, bedarf der Hilfe des Gesetzes nicht, da er über dessen Gebote weit erhaben ist. Wer nicht zürnt, wie braucht er auf das Wort zu achten: „Du sollst nicht töten?“ Wer die frechen Blicke meidet, wie bedarf er noch der Mahnung, daß er nicht ehebreche? Wird man über die Frucht des Lasters mit einem reden, der schon die Wurzel ausgerottet hat? Die Wurzel des Mordes nämlich ist der Zorn, die des Ehebruchs der Vorwitz der Augen. Deshalb schreibt er: „Wenn ihr euch aber vom Geiste leiten lasset, seid ihr nicht unter dem Gesetze.“ Es bedünkt mich übrigens, als spende er hier dem Gesetze auch Lob, und zwar ein großes und auffallendes, wenn nämlich vor der Ankunft des Geistes das Gesetz gemäß der ihm innewohnenden Kraft des Geistes Stelle vertrat; doch folgt daraus mitnichten, man müsse unter der Zuchtrute verbleiben. Damals standen wir mit Recht unter dem Gesetze, um mittels der Furcht unsere Gelüste zu bezähmen, da der Geist noch nicht erschienen war; jetzt aber, nachdem die Gnade gegeben ward, welche nicht bloß die Enthaltsamkeit vorschreibt, sondern auch die Lüste ertötet und zu höherer Vollkommenheit verleitet, was tun wir jetzt mit dem Gesetze? Wer von selber auf das Höhere Bedacht nimmt, hat der noch den Zuchtmeister nötig? Der Philosoph bedarf auch des Schulmeisters nicht. Warum also erniedrigt ihr euch, indem ihr euch zuerst dem Geiste weihtet und jetzt (wieder) vor dem Gesetze kriecht?
138 * V. 19: „Offenkundig aber sind die Werke des Fleisches, als da sind Buhlschaft, Ehebruch, Unlauterkeit, Üppigkeit, V. 20: Götzendienst, Zauberei, Feindschaften, Zwist, Eifersüchteleien, Zorn, Gezanke, Zerwürfnisse, Spaltungen, V. 21: Neid, Mordtaten, Trunkenheit, Schwelgereien und dem Ähnliches, hinsichtlich dessen ich euch voraussage, was ich schon früher vorausgesagt habe, daß die, welche solches treiben, das Reich Gottes nicht erben werden.“ *
Hier steh mir übrigens Rede, der du dein eigen Fleisch anklagst und glaubst, dieses sei von Feindschaft und Streit gesagt! Zugegeben, Ehebruch und Hurerei sei, wie ihr wollt, Sache des Fleisches; —aber die Feindschaften, die Zwistigkeiten, die Eifersüchteleien, die Zänkereien, die Spaltungen, die Zaubereien! Das, wie auch alles übrige, kommt einzig vom verderbten Willen; wie könnte es da Sache des Fleisches sein? Siehst du, nicht das Fleisch meint er hier, sondern die irdische, im Staube kriechende Gesinnung. Deshalb auch seine Drohung: „Die, welche solches treiben, werden das Reich Gottes nicht erben.“ Gingen diese Dinge aus der verderbten Natur hervor und nicht aus dem bösen Willen, so wäre der Ausdruck „sie treiben“ ganz unpassend; denn (dann) treiben sie nicht, sondern erleiden sie. Und warum verlieren sie auch den Himmel? Lohn und Strafe gebührt ja nicht dem, was die Natur, sondern was der Wille schafft! Deshalb jene Drohung Pauli.
V. 22: „Die Frucht des Geistes aber ist: Liebe, Freude, Friede.“
Er sagt nicht: Das Werk des Geistes, sondern „die Frucht“. Ist mithin die Seele überflüssig? Denn wenn 139 nur vom Fleisch und Geist die Rede ist, wo bleibt die Seele? Spricht er etwa von Unbeseeltem? Denn wenn das Böse auf Rechnung des Fleisches und das Gute auf Rechnung des Geistes kommt, dann ist die Seele überflüssig. Keineswegs; denn die Beherrschung der Leidenschaften geht von ihr aus und zielt auf sie ab; und indes Laster und Tugend als Preis winken, vergeistigt sie den Leib, wenn sie ihn geziemend gebraucht, zieht es aber in den Staub herab, wenn sie dem Geiste entsagt und sich der bösen Lust hingibt. Ersiehst du aus all dem, daß er jetzt nicht die Substanz des Fleisches meint, sondern den bösen bzw. den guten Willen? — Warum aber redet er von einer „Frucht“ des Geistes? Weil die bösen Werke uns allein ihren Ursprung verdanken; deshalb heißt er sie auch Werke; die guten aber bedürfen nicht bloß unserer eigenen Bemühung, sondern auch der liebreichen Fürsorge Gottes. — Er geht nun daran, sie aufzuzählen, und nennt an erster Stelle die Wurzel der guten Werke, indem er also spricht:
*„Liebe, Freude, Friede, Langmut, Milde, Güte, Treue, Sanftmut, Enthaltsamkeit.“
V. 23: „Wider dergleichen ist nicht das Gesetz.“ *
Denn welche Vorschriften könnte man dem noch geben, der von sich selbst alles hat, auch die vollendete Lehrerin der Weisheit, die Liebe? Wie ein frommes und ganz williges Pferd die Peitsche nicht braucht, so braucht eine Seele, die unter Antrieb des Geistes die rechte Tugend übt, nicht die Ermahnung des Gesetzes. Auch hier entledigt er sich des Gesetzes auf eine wundervolle Art: nicht als schlecht, aber als schlechter denn die Wissenschaft des Geistes.
140 * V. 24: „Die aber, welche Christus angehören, haben ihr Fleisch gekreuzigt mitsamt den Leidenschaften und Begierlichkeiten.“ *
Damit man nicht frage: Wer ist ein solcher?, macht er aus den Werken jene kenntlich, die solches zustandebringen. Auch hier versteht er unter Fleisch die schlechten Handlungen. Das Fleisch (selbst) vertilgten sie nicht; wie hätten sie sonst leben sollen? Denn, was gekreuzigt ist, ist tot und regungslos; er aber enthüllt die vollkommene Lebensweisheit. Wenn die Begierlichkeit auch lästig fällt, sie wütet ohne Erfolg. — Weil nun der Geist so mächtig wirkt, wollen wir mit ihm leben, mit ihm zufrieden sein. Das sagt er auch selbst im folgenden:
V. 25: „Laßt uns demnach leben im Geiste und wandeln im Geiste“,
indem wir das Leben nach seinen Vorschriften einrichten. Denn dies bedeutet das „wandeln“, nämlich: laßt uns zufrieden sein mit der Kraft des Geistes und nicht Hilfe vom Gesetze dazu verlangen. Um sodann die Absicht jener Menschen, welche die Beschneidung einführten, als eine ehrsüchtige zu brandmarken, betont er:
V. 26: „Laßt uns nicht nach eitlem Ruhme trachten“ — der da ist die Quelle aller Laster —, „indem wir einander reizen“ — zu Streit und Zank —, „einander beneiden.“
Denn eitle Ruhmsucht erzeugt den Neid, der Neid aber all die tausend anderen Laster.