Nachdem er nun auf diese Weise ihre Furcht gesteigert, ihr Gemüt erschüttert und den Schiffbruch, der ihnen drohte, in seiner ganzen Schrecklichkeit gezeigt hat, eröffnet er ihnen nahe Aussicht auf den Hafen der Gnade. Das tut er überall, indem er die Rettung von dieser Seite her als überaus leicht und ganz sicher darstellt. Deshalb fährt er fort:
V. 5: „Denn wir erwarten durch den Geist aus dem Glauben die erhoffte Rechtfertigung.“
Keines jener Gesetzeswerke bedürfen wir, sagt er; es genügt der Glaube, uns den Geist zu verschaffen und durch ihn Gerechtigkeit und alle die herrlichen Güter.
V. 6: „Denn in Christus Jesus hat weder Beschneidung Wert noch Unbeschnittenheit, sondern (einzig) der Glaube, welcher durch Liebe wirksam ist.“
Siehst du, wie er nunmehr mit größerem Freimut sein Herz enthüllt? Wer Christus angezogen hat, meint er, soll sich nicht mehr um solche Dinge kümmern. — Er hat aber doch die Beschneidung für etwas Schädliches erklärt; wie kann er sie jetzt unter die gleichgültigen Dinge rechnen? — Gleichgültig ist sie bei denen, welche sie schon vor dem Glauben empfingen, nicht aber bei denen, welche sich nach der Verkündigung des Glaubens beschneiden lassen. Bemerke übrigens, bis zu wel- 124 chem Grade er sie herabwürdigt, indem er sie mit der Unbeschnittenheit auf eine Stufe stellt! Denn was den Unterschied begründet, ist der Glaube. Sowie es, wenn einer Athleten auswählt, bei der Prüfung nichts zur Sache tut, ob sie eine Habichts- oder Stumpfnase haben, ob sie schwarz oder weiß sind, sondern man sein Augenmerk einzig darauf richten muß, daß sie stark und geschickt seien: so schadet auch dem, der in den Neuen Bund aufgenommen werden will, der Mangel dieser körperlichen Dinge nicht, wie ihm deren Besitz anderseits keinen Nutzen bringt. — Was aber soll die Bemerkung: „welcher durch Liebe wirksam ist“? Hier versetzt er ihnen einen tüchtigen Hieb, indem er zu verstehen gibt, sie seien auf diesen Irrweg geraten, weil die Liebe Christi in ihren Herzen keine Wurzeln faßte. Denn nicht allein der Glaube wird verlangt, sondern auch das Verbleiben in der Liebe. Als ob er sagen wollte: Wenn ihr Christus die schuldige Liebe geschenkt hättet, wäret ihr nicht aus freien Stücken zur Knechtschaft übergelaufen, wäret ihr nicht von eurem Erlöser abgefallen, hättet ihr nicht euren Befreier mit Schimpf überhäuft. — Er spielt hier aber auch auf ihre Verführer an und zeigt, daß auch diese, wenn sie wahre Liebe zu ihnen im Herzen trugen, nie solchen Frevel gewagt haben würden. Übrigens will er mit diesem Mahnworte auch verbessernd auf ihren Lebenswandel einwirken.
V. 7: „Ihr liefet gut. Wer hielt euch auf?“
Nicht Frage sind seine Worte, sondern Unverstehen und Klage. Wie konnte ein so rüstiger Lauf unterbrochen werden? Wer war solches imstande? Ihr, die ihr allen voraus wäret und den Lehrern gleichstandet, seid nicht einmal den Schülern gleich geblieben! Was ist geschehen? Wer hat solches zuwege gebracht? Das ist 125 mehr der Aufschrei eines bekümmerten Herzens, ähnlich dem, was er früher sagte: „Wer hat euch bezaubert?“
V. 8: „Diese Umstimmung kommt nicht von dem, der euch berufen hat.“
Nicht dazu hat der Rufende euch berufen, daß ihr also schwanket; nicht das hat er euch vorgeschrieben, daß ihr die jüdischen Gebräuche haltet. — Da konnte nun einer erwidern: Warum machst du davon so viel Aufhebens und übertreibst in deiner Rede? Nur eine einzige Gesetzesvorschrift haben wir befolgt, und du erhebst einen solchen Lärm? Höre also des weiteren, wie seine Furcht nicht der Gegenwart, sondern der Zukunft gilt! Er sagt:
*V. 9: „Ein wenig Sauerteig durchsäuert die ganze Masse.“
So kann es auch bei euch geschehen, meint er, daß dieser kleine Unfug, wenn er nicht abgestellt wird, euch dem vollendeten Judentum zuführt, wie der Sauerteig die Masse.
V. 10: „Ich vertraue zu euch in Christus, * daß ihr keine andere Gesinnung haben werdet.“ *
Er sagt nicht: daß ihr keine andere Gesinnung habt, sondern: daß ihr keine andere Gesinnung haben werdet, d, i., daß ihr euch bekehren werdet. Er sagt nicht: ich weiß, sondern: ich vertraue. Ich vertraue auf Gott, und indem ich seine Mithilfe zum Werke eurer Bekehrung anrufe, bin ich voll Zuversicht. Auch sagte er nicht einfach: Ich vertraue zu euch, sondern fügt bei: „im Herrn“. Überall verflicht er Tadel mit Lob. Als ob er sagen wollte: Ich kenne meine Schüler; ich weiß, wie leicht ihr euch bessern laßt. Ich bin voll Zuversicht einerseits wegen Gott, der nichts, und wäre es noch so unbedeutend, zugrunde gehen läßt, anderseits wegen euch, die 126 ihr euch schnell wieder zurechtfinden könnt. Zugleich aber drängt er sie, entschieden das Ihrige beizutragen, da es nicht möglich ist, Gottes Hilfe ohne unser eigenes Zutun zu erlangen.
„Der aber, welcher euch in Verwirrung bringt, wird das Strafurteil tragen, wer immer es sei.“
Von beiden Seiten her spornt er sie an, durch den Mut, den er ihnen zuspricht, und durch den Fluch, den er jenen androht. Beachte übrigens, wie er nirgends die Verführer mit Namen nennt, damit sie nicht vollends alle Scham verlieren. Der Sinn seiner Worte ist: deswegen, weil ihr keine andere Gesinnung haben werdet, sollen die Urheber jenes Truges dennoch nicht straflos ausgehen; nein, sie werden ihre Strafe finden. Denn es ist unbillig, daß der Eifer der einen zum Milderungsgrunde für die Bosheit der anderen werde. Sie werden ihre Strafe finden, damit sie nicht auch anderen Fallstricke legen. Er schreibt nicht einfach: die euch in Verwirrung bringen, sondern mit Betonung: „Wer immer es sei“.
V. 11: „Brüder, wenn ich noch die Beschneidung predigte, warum würde ich dann noch verfolgt?“
Da sie ihn nämlich verleumdeten, er sei vielerorts für das Judentum eingetreten und seine Predigt sei Heuchelei, siehe, wie er sich gerade auf dieses ihr Zeugnis beruft, um sich rein zu waschen! Ihr wißt ja selber, spricht er, die ausgesprochene Ursache meiner Verfolgung besteht darin, daß ich auffordere, dem Gesetze den Rücken zu kehren. Wenn ich nun aber die Beschneidung predige, warum werde ich dann noch verfolgt? Denn etwas anderes können mir die aus dem Judentum nicht vorwerfen als nur dieses. Denn hätte ich ihnen gestattet, mit dem Glauben die Vätersitte zu verbinden, würden weder die Gläubigen noch die Ungläubigen mir Nach- 127 stellungen bereitet haben, weil nichts vom Brauche des Volkes angetastet worden wäre.