§ 1
Vor Allem ist der Unterschied festzuhalten zwischen der göttlichen Natur in Christus, insofern er der eingeborene Sohn des Vaters ist, und der menschlichen Natur, die er in den letzten Zeiten nach der Heilsanstalt Gottes angenommen hat. Es fragt sich also zuerst, was das heiße: der eingeborne Sohn Gottes? Er hat sonst noch viele und verschiedene Namen, je nach den Umständen und Ansichten der Namengeber. So heißt er die Weisheit bei Salomo (Spr. 8, 22 ff.); auch der Erstgeborne bei dem Apostel (Kol. 1, 15.); beides ist dasselbe, der Erstgeborene ist seinem Wesen nach nichts anderes als die Weisheit. Endlich nennt ihn der Apostel auch „göttliche Kraft und göttliche Weisheit“ (1 Kor. 1, 24.).
§ 2
Man glaube ja nicht, daß wir etwas Unwesenhaftes bezeichnen, wenn wir ihn die Weisheit Gottes nennen; in welchen Falle wir ihn nicht als bestimmtes weises Wesen, sondern nur als Eigenschaft, die den Weisen ausmacht, betrachteten, indem er dann nur in dem Bewußtsein der seiner Kraft und Einsicht fähigen Geister inwohnte. Wenn nun einmal der Begriff richtig gefaßt ist, daß der eingeborne Sohn Gottes seine an sich selbstständige Weisheit sey, so weiß ich nicht, wie unsere Wißbegierde sich dahin verirren sollte, zu vermuthen, es möchte gerade diese Wesenhaftigkeit (υποστασις) etwas Körperliches enthalten, da doch alles Körperliche nach Gestalt, Farbe oder Größe bezeichnet wird. Wer hat aber je bei gesunden Sinnen Gestalt, Farbe oder Raumgröße bei der Weisheit gesucht, sofern sie Weisheit ist? Wer kann ferner die Ansicht oder Ueberzeugung haben, daß Gott auch nur den geringsten Augenblick außer der Zeugung dieser Weisheit gewesen, wenn er nur einigermaßen 24 fromm von Gott zu denken gelernt hat? Entweder wird er behaupten, Gott habe die Weisheit nicht zeugen können, ehe er sie zeugte, so daß er sie, die vorher nicht war, erst in’s Daseyn rief; oder, er habe sie zwar zeugen können, aber (was, von Gott gesagt, ruchlos wäre) nicht wollen. Offenbar ist eins so ungereimt und so gottlos als das andere. Denn entweder wäre Gott vom Nichtkönnen zum Können fortgeschritten, oder hätte er das Können unterdrückt und verschoben. Daher müssen wir uns Gott als den ewigen Vater des eingebornen Sohnes denken, der aus ihm seinen Ursprung und sein Wesen hat, jedoch ohne irgend einen Anfang, nicht blos ohne den, der nach Zeitverhältnissen bestimmt wird, sondern selbst ohne einen solchen, der nur der reinen Vernunft und dem abgezogensten Verstande begreiflich ist. Somit ist die Zeugung der Weisheit vor jeden nennbaren oder denkbaren Anfang zu setzen. Eben in Beziehung auf diese Selbstständigkeit der Weisheit, insofern aller Bildungstrieb der künftigen Schöpfung, sowohl der ursprünglich bestehenden, als der nochwendig sich entwickelnden, in dem Vorherwissen begründet und geordnet ist, sagt die Weisheit bei Salomo selbst von sich, sie sey geschaffen als der Anfang der Wege Gottes. Sie enthält in sich Ursprung-, Form und Gestaltung des gesammten Schöpfung.
§ 3
So wie wir aber gesehen haben, daß die Weisheit „der Anfang der Wege Gottes“ sey, und wie sie geschaffen heißt, als Etwas an sich, das den Urgrund aller Schöpfung bildet und erhält: so ist es auch zu verstehen, wenn sie „das Wort Gottes“ ist, insofern sie allem Uebrigen, d. h. der ganzen erschaffenen Welt die Geheimnisse und die Tiefen eröffnet, die immerhin in der Weisheit Gottes verschlossen liegen. Denn sie ist gleichsam der Träger des Offenbarung göttlicher Geheim- 25 nisse; und der Ausdruck in den „Thaten des Paulus“ „er ist das Wort, ein lebendiges Wesen“ scheint mir vollkommen richtig. Erhabener und deutlicher spricht jedoch Johannes am Anfang seines Evangeliums, wo er durch eine bestimmte Erklärung das Wort als „Gott“ bezeichnet. Wer hingegen dem Wort oder der Weisheit Gottes einen Anfang gibt, sehe zu, daß er sich nicht an dem ungezeugten Gott selbst versündige, wenn er läugnet, daß dieser von Ewigkeit Vater gewesen und das Wort gezeugt habe; und von jeher in allen frühern Zeiten oder Jahrhunderten, oder wie man es nennen mag, im Besitze der Weisheit gewesen sey.
§ 4
Dieser Sohn ist nun auch „die Wahrheit und das Leben“ von Allem, was ist. Mit Recht; denn wie sollte das Geschaffene leben ohne Lebensgrund? Wie würde das Bestehende in Wahrheit bestehen, wenn es nicht aus der Wahrheit stammt? Wie könnte es vernünftige Wesen geben, wenn nicht die Vernunft Allem vorausgienge? Woher würden die Weisen kommen, wenn es keine Weisheit gäbe? Da es aber einmal Wesen geben sollte, die dem Leben entsagten und sich den Tod wählten (eben weil sie dem Leben entsagten; denn den Tod wählen ist nichts anders als dem Leben entsagen), und doch nicht die nothwendige Folge war, daß das zum Leben einmal Bestimmte gänzlich zu Grunde gienge, so mußte noch vor dem Tode eine Kraft in’s Mittel treten, die den künftigen Tod vernichtete. Es mußte eine Auferstehung geben, die eben in der selbstständigen Weisheit Gottes, in dem Wort 26 und dem Leben gegründet wäre. Weil sodann wirklich einige Geschöpfe, insofern ihnen das Gute nicht von Natur, d. h. wesentlich inwohnte, sondern nur beigegeben war, nicht immer unverführbar und unveränderlich bleiben und stets in gemessenem Gleichgewicht des nehmlichen Guten beharren wollten, sondern verführt und verändert aus ihrem Zustand fielen, so wurde das Wort und die Weisheit Gottes der Weg, um die Verirrten zum Vater zurückzuführen. Was wir nun von der Weisheit Gottes gesagt haben, das wird sich vollkommen auch darauf anwenden lassen, daß der Sohn Gottes, der Weg, daß er das Wort (λογος), die Wahrheit, und daß er die Auferstehung sey: weil, alle diese Bezeichnungen von Handlungen und Eigenschaften desselben hergeleitet sind, und nicht im Geringsten etwas Körperliches dadurch angedeutet wird, was eine Größe, Gestalt, Farbe bezeichnete; wie etwa, die Kinder der Menschen oder der anderen Geschöpfe dem Samen, aus dem sie erzeugt sind, entsprechen oder irgend was von denen, in deren Leib sie gebildet und ernährt werden, bei der Geburt mit zur Welt bringen. Ein frevelhaftes Gerede, wäre es, zu sagen, daß Gott in der Zeugung seines eingebornen Sohnes und in Bezug auf das Wesen desselben mit irgend einem in der Zeugung begriffenen Menschen oder Thiere Aehnlichkeit habe. Im Gegentheil muß es etwas Außerordentliches und Gotteswürdiges seyn, dem durchaus nichts, sey es in der Wirklichkeit oder in Gedanken und Gefühlen, an die Seite gestellt werden darf, um nach menschlicher Weise begreiflich zu machen, wie der unerschaffene Gott Vater eines eingebornen Sohnes wird. Dem die Zeugung ist so ewig und lückenlos, wie die Erzeugung des Glanzes aus dem Lichte. Nicht durch An- 27 nahme eines lebendigen Odems wird der Sohn ein Aeußeres, sondern er ist von Natur Sohn.
§ 5
Laßt uns nun sehen, wie wir das Gesagte mit Stellen der heiligen Schrift belegen können. Der Apostel Paulus sagt ( Kol. 1, 15.), der eingeborne Sohn sey das Bild des unsichtbaren Gottes und der Erstling der ganzen Schöpfung. An die Hebräer (1, 3.) schreibt er: er sey der Abglanz seiner Herrlichkeit und das Ebenbild seines Wesens. Auch am Buch der Weisheit, das dem Salomon zugeschrieben wird, finden wir folgende, so zu sagen, Zeichnung von der Weisheit Gottes: „Sie ist das Hauchen der göttlichen Kraft, und ein Strahl der Herrlichkeit des Allmächtigen, darum kann nichts Unreines zu ihr kommen. Denn sie ist ein Glanz des ewigen Lichtes, und ein unbefleckter Spiegel der göttlichen Wirksamkeit und ein Bild seiner Vollkommenheit“ (Weish. 7, 25. 26.). Die Weisheit aber nennen wir, wie gesagt, etwas, das in nichts Anderem als in dem Grunde alles Seyns sein Bestehen hat, woraus auch jede Weisheit geboren ist, weil jeder Grund (η αρχη των παντων) eben der ist, der allein von Natur Sohn ist, und deßwegen der Eingeborne heißt.
§ 6
Sehen wir ferner, wie es zu verstehen sey, wenn er „das unsichtbare Ebenbild“ besitzt, um auch darin zu zeigen, in welchem Sinne Gott wirklich Vater seines Sohnes sey. 28 Und zwar erstlich wollen wir es von der Seite aufnehmen, wie man auf menschliche Weise etwas Ebenbild nennt. Bild heißt bisweilen das, was auf irgend einem Stoffe, sey es Holz oder Stein, gemalt oder geschnitzt ist. Ein andermal heißt der Erzeugte ein Ebenbild seines Erzeugers, wenn er in keinem Zuge die Aehnlichkeit mit demselben verläugnet. Das erstere Beispiel läßt sich, denke ich, anwenden auf den, der nach Gottes Bild geschaffen ist den Menschen, worauf ich später in der Erklärung jener Stelle der Genesis zurückkommen werde. Dem andern kann die Ebenbildlichkeit des Sohnes Gottes, wovon hier die Rede ist, namentlich insofern zur Seite gestellt werden, als er das unsichtbare Ebenbild des unsichtbaren Gottes ist, so wie wir von Adam geschichtlich wissen, daß sein Sohn Seth sein Ebenbild war (Gen, 5, 3.). Diese Ebenbildlichkeit begreift auch die Einheit des Wesens von Vater und Sohn. Denn wenn alles, was der Vater thut auch der Sohn auf gleiche Weise thut, so bildet sich eben dadurch, daß der Sohn alles so thut, wie der Vater, das Bild des Vaters im Sohne ab, der immerhin aus ihm geboren ist, wie sein Wille aus dem Denken hervorgeht. Darum glaube ich auch, daß der Wille des Vaters hinreichen muß zum Daseyn dessen, was er will. Denn bei seinem Wollen bedarf er keines weitern Mittels als dessen, welches mit dem Entschluß des Willens gegeben ist. So wird demnach auch der Sohn von ihm gezeugt. Dieß ist eine nothwendige Voraussetzung derer, die außer Gott, dem Vater, nichts Unerschaffenes aner- 29 kennen. Denn man hat sich dabei sehr zu hüten, daß man nicht in den ungereimten Irrthum derer gerathe, welche nach willkührlichen Vorstellungen die göttliche Natur als Partheien betrachten und Gott Vater an sich theilen; was man doch von einem unkörperlichen Wesen ohne die größte Versündigung, ja ohne große Thorheit kaum denken kann. Es ist auch wider allen gesunden Menschenverstand, eine wirkliche Theilung eines unkörperlichen Wesens anzunehmen. Wie also der Wille aus dem denkenden Wesen hervortritt, ohne einen Theil desselben abzureißen, noch von ihm getrennt, und getheilt zu werden, auf gleiche Weise ist auch die Zeugung des Sohnes durch den Vater zu denken, als seines Ebenbildes, das er, wie er selbst von Natur unsichtbar ist, ebenfalls unsichtbar gezeugt. Denn der Sohn ist der »Λογος« und deswegen nichts Sinnlich-Wahrnehmbares an ihm. Er ist die Weisheit, und in der Weisheit läßt sich nichts Körperliches denken. Er ist „das wahre Licht, das alle Menschen erleuchtet, die in die Welt kommen“; allem es hat nichts gemein mit dem Lichte dieser Sonne. So ist also der Sohn Gottes, als das unsicht- 30 bare Ebenbild des Vaters, diesem gegenüber nicht die Wahrheit an sich, sondern in seinem Verhältniß zu uns, die wir die absolute Wahrheit in Gott nicht fassen können, erscheint er als ebenbildliche Wahrheit, so daß die Herrlichkeit und Macht dessen, der größer ist, in ihrer Beschränkung geschaut wird im Sohne: der Vater ist unergründliches Licht; Christus der Abglanz dieses Lichtes, der für unsere Schwachheit immer noch groß ist; für uns, denen er den Vater offenbart, ist er das Bild, vermittelst dessen wir den Vater erkennen (Joh. 14, 9.). Er offenbart ihn aber dadurch, daß er selbst begriffen wird: denn von wem Er begriffen wird, von dem wird auch der Vater begriffen (Joh. 14, 9.).
§ 7
Da wir den Ausspruch Pauli (Hebr. 1, 3.) angeführt haben, worin er sagt, er sey der Abglanz der Herrlichkeit Gottes und das Ebenbild seines Wesens so wollen wir sehen, was darunter zu verstehen. „Gott ist ein Licht“, sagt Johannes. Der Glanz dieses Lichtes also ist der eingeborne Sohn, der unzertrennbar wie der Glanz vom Lichte aus ihm 31 hervorgeht, und die ganze Schöpfung erleuchtet. Wie wir nun oben erklärt haben, inwiefern er der Weg sey, der zum Vater führt, inwiefern das Wort, das die Geheimnisse der Weisheit und Wissenschaft offenbart und dem vernünftigen Geschöpfe mittheilt, inwiefern die Wahrheit, und die Auferstehung und das Leben: so müssen wir folgerichtig auch die Bedeutung des Glanzes verstehen; der Glanz nehmlich ist dasjenige, wodurch das Licht an sich wahrgenommen und erkannt wird. Indem dieser Glanz die schwachen und vergänglichen Augen der Sterblichen sanfter und zarter berührt und allmählich gleichsam gewöhnt, die Klarheit des Lichtes zu ertragen, durch Entfernung alles dessen, was das Sehen verdeckt und hindert ( Luca. 6,42. „Wirf den Balken aus deinem Auge“): macht er sie fähig, die Herrlichkeit des Lichtes aufzunehmen, auch darin gewissermaßen der Mittler zwischen dem Menschen und der Wirkung des Lichtes.
§ 8
Wenn er ferner bei dem Apostel nicht bloß der „Abglanz der Herrlichkeit“, sondern auch „das Ebenbild seines Wesens“ heißt, so scheint es mir keine müßige Frage zu seyn, in welchem Sinne denn außer dem Wesen Gottes an sich (was immer darunter begriffen seyn mag) noch ein Anderes das Ebenbild dieses Wesens genannt werde? Nun siehe, ob der Sohn Gottes nicht etwa darum, weil er als Wort und Weisheit Gottes allein den Vater kennt, und ihn offenbart, wem er will, nehmlich denen, die sich des Wortes und der Weisheit fähig gemacht haben, insofern er also Gott kennen und begreifen lehrt, — das Ebenbild seines Wesens ausdrücken könne: oder ob nicht auch das das Ebenbild des Wesens Gottes heiße, daß die Weisheit sich selbst als das Ursprüngliche darstellt, was sie den übrigen offenbaren will, und woraus Gott von ihnen erkannt werden soll. Um uns aber diese Vorstellung 33 noch mehr zu verdeutlichen, wollen wir uns eines, wenn auch nicht ganz zutreffendes, doch insoweit passenden Beispiels bedienen, als der Sohn, der, obwohl er göttliche Gestalt hatte, sich erniedrigte, gerade durch seine Erniedrigung uns die Fülle der Gottheit näher bringen will. Wie wenn es eine Bildsäule gäbe, die vermöge ihrer Größe die ganze Welt ausfüllte, und vermöge ihrer Unerreichbarkeit auch unsichtbar wäre: und es würde eine andere Bildsäule mit Gliederbau und Gesichtszügen, zwar durchaus gleich an Gestalt und Stoff, nur an Größe von jener verschieden, aufgestellt, damit, wer jene unermeßliche nicht betrachten könnte, doch diese sehen und somit sich sagen könnte, er habe jene gesehen, da sie beide durchaus ähnlich gebaut und gegliedert sind: gerade so etwa wird auch der Sohn Gottes, indem er sich der Gleichheit mit dem Vater entäußert und uns den Weg zu dessen Erkenntniß bahnt, das Ebenbild des Wesens Gottes. Weil wir die in der Größe seiner Gottheit ruhende Herrlichkeit des wunderbaren Lichtes nicht anschauen könnten, so gelangen wir durch den Anblick des uns erschienenen Abglanzes zur Anschauung des göttlichen Lichtes. Uebrigens wird das Gleichniß von den Bildsäulen, als leblosen Dingen, nur insofern zuläßig gefunden, als der Sohn Gottes, in niedrige Menschengestalt gekleidet vermöge seiner Verwandtschaft mit den Werken und Eigenschaften des Vaters eine unendliche und unsichtbare Größe in sich offenbarte; wie er selbst zu seinen Jüngern sagt: wer mich siehet, siehet den Vater (Joh. 14, 9.), und: ich und der Vater sind Eins (Joh. 10, 30.). Aehnlich ist auch zu verstehen die Stelle: „daß der Vater in mir ist, und ich in ihm“ (V. 58.).
§ 9
Betrachten wir nun auch den Sinn der obigen Stelle aus dem Buche der Weisheit (7, 25. 26.) In dieser Erklärung bezeichnet Salomo gewisse Eigenschaften als einzelne Merkmale der Weisheit Gottes: er nennt die göttliche Kraft, 34 Herrlichkeit, ewiges Licht, Wirksamkeit und Vollkommenheit. Er sagt aber nicht, die Weisheit sey der Hauch „der Herrlichkeit des Allmächtigen“, oder „des ewigen Lichtes“, oder „der Wirksamkeit des Vaters und seiner Vollkommenheit.“ Es wäre unpassend, dergleichen Dingen ein Hauchen zuzuschreiten; nein, ganz eigentlich nennt er die Weisheit ein Hauchen der göttlichen „Kraft.“ Unter Kraft Gottes verstehen wir nun diejenige, vermöge deren er thätig ist, durch die er alles Unsichtbare und Sichtbare ordnet, erhält und regiert, und die überall ausreicht, soweit seine Fürsehung geht, und Alles wie Eines umfaßt. Der Hauch also und so zu sagen, der Lebensgeist dieser so unermeßlichen Kraft geht zwar aus der Kraft, wie der Wille aus dem Gedanken hervor; gleichwohl aber wird der Wille Gottes selbst nichtsdestoweniger auch zur Kraft Gottes. Mithin gibt es eine andere gleich wesentliche Kraft, welche die Schrift einen Hauch nennt der ursprünglichen und unerschaffenen Kraft Gottes, welcher Alles, was ist, aus ihr hervorbringt. Es gibt aber keine Zeit, wo sie nicht 34 war. Denn wollte man sagen, sie habe früher nicht bestanden, sondern sey erst zum Daseyn gelangt, so gebe man den Grund an, warum der Vater, der sie in’s Daseyn rief, das nicht früher gethan. Setzt man nun je einen Anfang, von welchem aus jener Hauch aus der Kraft Gottes hervorgegangen, so fragen wir wiederum, warum wird der Anfang nicht früher gesetzt? und indem wir so immer nach dem Frühern fragen, und bei jener Antwort mit der Frage weiter hinaufgehen, werden wir endlich zu dem Grundsatz gelangen, daß, weil Gott immer konnte und wollte, auch nie ein Grund oder eine Möglichkeit vorhanden seyn konnte, daß er das Gute, das er wollte, nicht hatte. Daraus erhellt, daß jener Hauch der göttlichen Kraft ewig ist, und keinen Anfang hat ausser Gott selbst. Er konnte keinen andern Anfang haben, als das selbst, woraus er ist und wird, Gott. Und zwar sollte er nach dem Ausdruck des Apostels (1. Cor. 1, 24.), nicht bloß Hauch der göttlichen Kraft, sondern Kraft aus Kraft heißen.
§ 10
Sehen wir nun, was das bedeute: „er ist ein Strahl der Herrlichkeit des Allmächtigen“; für’s erste, was die Herrlichkeit des Allmächtigen, und dann: was der Strahl derselben sey? Wie man nicht Vater seyn kann, wo kein Sohn ist, noch Besitzer ohne Besitz, noch Herr ohne Sclaven; so, kann auch Gott nicht allmächtig heißen, wenn er Niemand hat, an dem er seine Macht ausübe; folglich ist zum Erweis der Allmacht Gottes nothwendig, daß Alles vorhanden sey. Denn will man, Gott habe einige Zeiten oder Räume, oder wie man das nenne, durchlaufen, als die Schöpfung noch nicht dastand: so gibt man unstreitig zu erkennen, daß Gott in jenen Zeiten oder Räumen nicht allmächtig war und erst nachher allmächtig wurde, sobald er Gegenstände hatte, seine Macht zu äußern. Demnach mußte er aber Fortschritte gemacht haben, und vom Niedrigern zum Höheren aufgestiegen seyn; wofern man nicht etwa in Zweifel 35 zieht, daß es ein Höheres sey, wenn er allmächtig, als wenn er es nicht ist. Ist es aber nicht ungereimt, daß Gott vom Nichthaben dessen, was ihm gebührt, zum Haben gelangt sey? Denn wenn er zu keiner Zeit nicht allmächtig war, so muß auch das immer gewesen seyn, vermöge dessen er allmächtig ist: und zwar immer unter seiner Macht stehend und von ihm abhängig. Doch davon mehr, wo von seinen Geschöpfen die Rede seyn wird. Nur kurz zwar, doch zur Sache gehörig, will ich hier, wo von der Weisheit die Frage ist, die Bemerkung vorausschicken, inwiefern die Weisheit „der reinste Strahl der Herrlichkeit des Allm.“ sey; damit es nicht scheine, als werde die Eigenschaft der Allmacht in Gott früher gesetzt, als das Entstehen der Weisheit, vermöge dessen er Vater heißt. Wer das annehmen möchte, der höre, wie sich die Schrift deutlich genug darüber erklärt; Ps. 103, 24. „Du hast alles in Weisheit geordnet“; u. Joh., 1, 3. Alles ist durch Ihn gemacht, und ohne Ihn ist Nichts gemacht &c.“; und lerne daraus, daß die Eigenschaft der Allmacht in Gott nicht früher seyn kann, als die Vaterschaft: denn durch den Sohn ist er allmächtig. Durch den öfters genannten Ausdruck wird eben zu verstehen gegeben, daß die Weisheit, durch welche Gott allmächtig, ist, an der Herrlichkeit der Allmacht Antheil habe. Denn durch die Weisheit, welche Christus ist, hält Gott Alles in seiner Gewalt, nicht blos vermöge der Macht des Gebieters, sondern auch vermöge freien Dienstes des Untergebenen. Zu weiterem Beweise von der Einheit (und Gleichheit) der Allmacht des Vaters und Sohnes dient auch die Stelle (Off. 1, 8.): „Das sagt der Herr, der da ist, und war und seyn wird, der Allmächtige.“ Denn wer ist „der seyn wird“, ausser Christus? Und wie es Niemand 36 anstößig findet, daß Christus Gott sey, wenn der Vater Gott ist: so darf man sich auch daran nicht stoßen, der Sohn Gottes allmächtig genannt wird, wenn der Vater allmächtig heißt“. Sagt er doch selbst (Joh. 17, 10.) „Alles, was mein ist, das ist dein, und was dein ist, ist mein.“ Wenn Alles, was des Vaters ist, auch Christi ist, unter Allem, was ist, aber auch die Allmacht des Vaters begriffen ist, so muß unstreitig auch der Sohn allmächtig seyn, damit Alles, was der Vater hat, auch der Sohn besitze. „Und ich bin verklärt in ihnen“, heißt es weiter. „Denn im Namen Jesu werden sich alle Kniee beugen derer die im Himmel, auf der Erde und unter der Erde sind, und alle Zungen werden bekennen, daß Jesus der Herr sey &c.“ (Phil. 2, 10. 11.). Mithin ist der Strahl der Herrlichkeit Gottes vermöge dessen, daß er allmächtig ist, die reine absolute Weisheit selbst, verherrlicht durch den Ausfluß der Allmacht oder Herrlichkeit. Um jedoch die Herrlichkeit der Allmacht näher zu erklären, füge ich noch folgendes hinzu. Gott ist als Vater allmächtig, weil er Macht hat über Alles, Himmel und Erde, Sonne, Mond und Sterne, und über alles was in ihnen ist. Diese Macht übt er aus durch sein Wort (λογος), weil im Namen Jesu sich alle Kniee beugen werden, derer die im Himmel, auf der Erde und unter der Erde sind. Mithin ist es auch Jesus, dem Alles unterthan ist, er ist es, der in Allem mächtig ist und durch den Alles dem Vater unterthan ist: denn durch die Weisheit, den göttlichen Logos, nicht durch Gewalt und Nothwendigkeit ist ihm Alles unterworfen. Und eben darin, daß er Alles in seiner Hand hält, beruht die Herrlichkeit; die reinste und lauterste Herrlichkeit der Allmacht aber ist, daß durch das Wort und die Weisheit, nicht durch Gewalt und Nothwendigkeit Alles unterthan ist. „Die reinste und lauterste“, sage ich, zur Unterscheidung von einer Herrlichkeit, welche nicht eigentlich und richtig Herrlichkeit heißt. Jede veränderliche, dem Wechsel unterworfene Natur kann zwar auch durch Werke der Weisheit und Gerechtigkeit 37 verherrlicht werden: allein weil in ihr die Weisheit und Gerechtigkeit nur zufällig ist, und das Zufällige auch wieder abfallen kann, so kann auch ihre Herrlichkeit niemals recht und lauter seyn. Daher kommt auch nur der Weisheit Gottes, die sein eingeborner Sohn ist, reine und wahrhafte Herrlichkeit, weil nur er unwandelbar und wechsellos und jedes Gute in ihm wesentlich ist, das niemals einer Veränderung oder einem Wechsel unterworfen ist.
§ 11
Drittens heißt die Weisheit „Glanz des ewigen Lichtes“; dessen Bedeutung schon im Vorigen dargelegt ist, indem wir die Sonne und den Glanz ihrer Strahlen als Beispiel angeführt und den Sinn dieses Gleichnisses nach Kräften erläutert haben. Nur eines möchte noch hinzuzufügen seyn. Ewig heißt eigentlich, was weder einen Anfang seines Seyns gehabt hat, noch irgendwann ein Ende desselben haben kann. Sagt nun Johannes (I. 1, 5.) „Gott ist ein Licht“, und die Weisheit ist der Glanz seines Lichtes; so ist die Weisheit, weil er nicht blos Licht, sondern ewiges Licht ist, ebenfalls ewig, und der Abglanz der Ewigkeit. Wird dieses recht verstanden, so ist der Sinn, daß das Seyn des Sohnes unmittelbar vom Seyn des Vaters abhängig ist, doch nicht der Zeit nach, nicht von einem Anfang aus, ausser, wie gesagt, von Gott selbst.
§ 12
Auch als „unbefleckter Spiegel der Wirksamkeit (ενεργεια) Gottes“ wird die Weisheit bezeichnet. Die Wirksamkeit der göttlichen Kraft nun ist eine gewisse Lebendigkeit, durch welche der Vater in der Schöpfung, in der Vorsehung, im Gericht und in der natürlichen Ordnung der Dinge wirkt. Wie nun in einem Spiegel alle Bewegungen und Handlungen dessen, der ihn beschaut, ganz getreu durch das Abbild wiedergegeben werden: so will es auch die Weisheit von sich verstanden wissen, wenn sie „der unbefleckte Spiegel der väterlichen Kraft und Wirksamkeit“ heißt; wie Christus, der die Weisheit ist, selbst von sich sagt „die Werke, welche der Vater thut, die thut auch der Sohn auf gleiche Weise“ (Joh. 5, 19.), und „der Sohn kann nichts aus sich selbst thun, er habe es denn zuvor vom Vater gesehen.“ Inwiefern nun der Sohn 38 in nichts von dem Vater verschieden ist, hinsichtlich der Werke, und auch nicht ein anderes Thun ist des Vaters, ein anderes des Sohns, sondern in Allem, so zu sagen, Eine und dieselbe Bewegung beider; so heißt der Sohn ein unbefleckter Spiegel, so daß dadurch keiner Unähnlichkeit zwischen Vater und Sohn Raum gegeben ist. Wie reimt es sich aber mit dem Evangelium, wo gesagt wird: „nicht Aehnliches thue der Sohn wie der Vater, sondern dasselbe auf gleiche Weise“, wenn man mit Einigen die Vergleichung von Schüler und Lehrer zu Hülfe nimmt und sagt, der Sohn thue das in der Körperwelt, was der Vater vorher in der geistigen vorgebildet habe?
§ 13
Endlich steht noch zu untersuchen, was „das Bild seiner Vollkommenheit“ sey. Ich glaube, es läßt sich hier dasselbe denken, was oben von dem Bilde gesagt ist. So halte ich dafür, daß man auch von, dem Heilande recht gut sagen kann, er sey das Bild der Vollkommenheit Gottes, aber nicht das Vollkommene an sich; vielleicht auch, er sey als Sohn vollkommen, aber nicht absolut vollkommen. Wie er ein Bild ist des unsichtbaren Gottes, und darum Gott, jedoch nicht derjenige, von dem Christus selbst sagt (Joh. 17,): „Daß sie dich, der du allein wahrer Gott bist, erkennen“; so ist er auch ein Bild der Vollkommenheit, doch nicht wie der Vater unwandelbar vollkommen. Denn dieser ist die Ur- 39 vollkommenheit, aus welcher der Sohn geboren, und ebendarum auch das Bild der Vollkommenheit des Vaters ist. Es gibt auch nicht eine andere, besondere Vollkommenheit in dem Sohne, als die des Vaters; daher er selbst sagt (Marc. 10, 18.): Niemand ist gut denn der einige Gott. Der Sohn ist nur insofern gut, als es der Vater ist, dessen Ebenbild er ist, und seine Vollkommenheit urständet aus nichts Anderem, als der Urvollkommenheit des Vaters. Es ist somit keine Lästerung irgend einer Art, zu sagen, „Niemand ist vollkommen ausser Gott, dem Vater“: als ob damit Christo oder dem heiligen Geiste die Vollkommenheit abgesprochen würde, vielmehr ist, wie gesagt, die Urvollkommenheit nur in Gott dem Vater zu denken, während Sohn und Geist die Natur seiner Vollkommenheit in sich darstellen, die nur in dem ihre Quelle hat, dem sie entstammen. Wenn nun aber in der Schrift auch noch andere Dinge, wie Engel, Mensch, Diener, Schatz, Herz oder Baum — „gut“ heißen, so ist dieß alles uneigentlich gesprochen, indem sie nur beziehungsweise Gutes enthalten, nicht ihrem Wesen nach gut (d. h. vollkommen) sind. Es wäre zu viel, und muß für eine andere Zeit und Arbeit vorbehalten bleiben, alle Namen des Sohnes Gottes aufzuzählen als da sind: „das wahre Licht, die Pforte, die Gerechtigkeit oder Rechtfertigung, die Erlösung“ und andere, 40 und die Bedeutung eines jeden auseinanderzusetzen. Genug hievon: wir können nun zu der nächstfolgenden Untersuchung fortschreiten,