§ 1
Das Nächste ist, die Lehre vom heiligen Geiste kürzlich zu entwickeln. Wer immer an eine Vorsehung glaubt, bekennt sich auch zum Glauben an einen ewigen Gott, der Alles erschaffen und geordnet, und erkennt in ihm den Vater des Weltalls, daß dieser einen Sohn habe, behaupten nur wir, so sonderbar und unglaublich dieß denen vorkommen mag, die bei Griechen und Nichtgriechen für Philosophen gelten. Zwar scheinen auch Einige von diesen eine Vorstellung gehabt zu haben, wenn sie behaupten, daß Alles durch den Logos entstanden sey; wir dagegen, getreu der Lehre, die wir unumstößlich gewiß für göttliche Eingebung halten, sind der Ueberzeugung, daß, der höhere und göttlichere Begriff von Sohn Gottes auf keine andere Weise entwickelt und erkennbar gemacht werden könne, als allein aus den vom heiligen Geiste eingegebenen Schriften, nehmlich der Evangelisten und Apostel, und, worauf Christus selbst hinweist, des Gesetzes und der Propheten. Von dem Daseyn des heiligen Geistes aber konnte Keiner auch nur eine Ahnung haben, der nicht mit Gesetz und Propheten 41 vertraut war, oder sich zum Glauben an Christus bekennt. Von Gott dem Vater läßt sich nehmlich, obgleich er unaussprechlich ist, doch die Vorstellung aus der sichtbaren Welt und aus den Ahnungen des menschlichen Geistes entnehmen: und diese kann überdieß durch die heilige Schrift bestätigt werden. Auch von dem Sohne Gottes, wenn gleich Niemand den Sohn kennt, denn nur der Vater bildet sich der menschliche Geist die richtigen Begriffe nach der heiligen Schrift, und zwar nicht blos nach dem Neuen, vielmehr auch nach dem Alten Testament, vermöge der bildlich auf Christum bezogenen Thaten der Heiligen, in welchen entweder seine göttliche oder die von ihm angenommene Menschennatur vorgebildet ist.
§ 2
Ueber den heil. Geist aber belehren uns viele Schriftstellen, wie David im 50. Ps. sagt: Nimm deinen heiligen Geist nicht von mir; und Daniel (4, 6.): der heilige Geist, der in dir ist. Im Neuen Testament dagegen bieten sich überreiche Zeugnisse dar, wo von ihm gesagt ist, daß er auf Jesum herabgekommen, wo der Herr selbst nach seiner Auferstehung die Jünger anweht mit den Worten: Nehmet hin den heiligen Geist (Joh. 20, 22.); wo der Engel der Maria verkündet, der heilige Geist wird über dich kommen; und wo Paulus schreibt: Niemand kann den Herrn Jesum anrufen, ohne in dem heiligen Geist (1 Cor. 12, 3.). In der Apostelgeschichte wird durch Händeauflegen der Apostel in der Taufe der heilige Geist mitgetheilt. Alles hinlängliche Zeugnisse, daß das Wesen des heiligen, Geistes solche Kraft und Hoheit in sich trage, daß eine heilsame Taufe ohne Anrufung des Vaters, Sohnes und 42 heiligen Geistes nicht verrichtet werden könne, und dem unerschaffenen Gotte und seinem eingebornen Sohne auch der Name des heiligen Geistes beigesellt werden müsse. Wer staunt nun nicht über die Hoheit des Geistes, wenn er hört, daß wer den Sohn lästert, Vergebung hoffen könne, wer aber den heiligen Geist gelästert habe, weder in dieser noch in jener Welt Vergebung erlangen werde?
§ 3
Daß nur von Gott Alles Erschaffene stammt, und kein Geschöpf ist, das nicht von ihm sein Daseyn empfangen hätte, beweisen viele Stellen der Schrift, wodurch alle die falschen Meinungen von einer Gott gleichewigen Materie, oder von unerschaffenen Geistern, denen Gott nicht sowohl das Daseyn, als Maaß und Ordnung gegeben hätte, verworfen und niedergeschlagen werden. In dem Buche des Hermas „der Hirte oder der Führer zur Buße“ heißt es: „Vor 45 allem glaube, daß Ein Gott ist, der Alles erschaffen hat, der Alles aus dem Nichtseyn hervorgerufen: der selbst Alles begreifend, von Niemand begriffen wird.“ Auch im Buche Enoch liest man Aehnliches. — Nur vom heiligen Geiste konnten wir bis auf diese Stunde keine Stelle der heiligen Schrift finden, worin er Geschöpf genannt würde: nicht einmal in dem Sinne, wie es nach dem obigen Salomo von der Weisheit gebraucht, oder wie die Worte. „Leben, Wort“ und andere vom Sohne Gottes zu verstehen sind. Gleichwohl müssen 46 wir annehmen, daß auch der heilige Geist, wenn nach Joh. 1, 3. durch den Logos Alles gemacht ist, durch ebendenselben geschaffen sey. Und vielleicht ist eben der Geist, der nach der Schöpfungsgeschichte auf den Wassern schwebte, nichts anderes als der heilige Geist, wie ich dieß in meiner Erklärung zu dieser Stelle genommen habe, natürlich nicht im geschichtlich-wirklichen, sondern im geistigen Sinne.
§ 4
Dann haben wohl auch schon einige meiner Vorgänger bemerkt, daß so oft im Neuen Testament der Geist ohne nähere Bestimmung genannt wird, der heilige Geist zu verstehen sey, wie in Gal. 5. 22. die Frucht des Geistes ist &c., und Gal. 3, 5. Ich glaube aber, daß sich auch im Alten Testament jene Unterscheidung anwenden läßt, wo es heißt: „der dem Volke, das auf der Erde ist, den Odem gibt und den Geist denen, die darauf gehen.“ Ohne Zweifel ist Jeder, der die Erde (das Irdische und Vergängliche) betritt, des heiligen Geistes theilhaftig, sofern er ihn von Gott empfängt. Es sagte mir auch der Hebräer, jene zwei sechsflügelichten Seraphim bei Jesaias, die gegeneinander rufen und sprechen: „Heilig, heilig, heilig ist Gott, der Herr Zebaoth“ seyen der eingeborne Sohn Gottes und der heilige Geist; und ich glaube, daß auch in dem Liede Habakuks die Worte, „in Mitten 45 zweier Wesen wirst du erkannt werden“, von Christus und dem heiligen Geiste zu verstehen seyen. Denn alles Wissen von dem Vater wird nur mitgetheilt durch die Offenbarung des Sohnes im heiligen Geiste, so daß diese beiden, die der Prophet lebende Wesen nennt, der Grund des Wissens von Gott dem Vater sind. Wie von dem Sohne gesagt wird, daß Niemand ausser ihm den Vater sehe, als wem er ihn will offenbaren, so sagt der Apostel (1 Cor. 2, 10.) von dem heiligen Geiste: uns hat Gott geoffenbaret durch seinen Geist; denn der Geist erforscht alle Dinge, auch die Tiefen der Gottheit. Ja selbst der göttliche Erlöser, wo er der göttlichen und tiefern Lehren erwähnt, die seine Jünger noch nicht fassen könnten, sagt zu den Aposteln: Ich habe euch noch viel zu sagen, — — wenn aber der Tröster, der heilige Geist kommt, der wird euch Alles lehren &c. (Joh. 16, 12.). Wie demnach der Sohn, der allein den Vater kennt, ihn nur offenbart, wem er will: so ist anzunehmen, daß auch der heilige Geist, der allein die Tiefen der Gottheit erforscht, Gott offenbart, wem er will. Denn „der Geist weht wo er will“ (Joh. 3, 8.). Uebrigens darf man sich das nicht so denken, als ob der Geist nur vermittelst der Offenbarung des Sohnes erkenne. Denn wenn er nur durch diese den Vater erkennt, so kommt er aus dem Mitwissen zur Erkenntniß; nun ist es aber ebenso unfromm als ungereimt, einen heiligen Geist zu bekennen und ihm Mangel an Wissen zuzuschreiben. Er war aber auch nicht zuvor etwas Anderes, als heiliger Geist, so daß er auf dem Wege der Entwicklung heiliger Geist geworden wäre; und man kann nicht sagen, er habe, als er noch nicht heiliger Geist gewesen, nichts vom Vater gewußt, und erst nachdem er zur Erkenntniß gekommen, sey er heiliger Geist geworden; in diesem Falle würde er gewiß nie mit dem Wesen des unwandelbaren Gottes, Vaters und Sohnes zusammengedacht. Dieß ist nur insofern möglich, als er von Ewigkeit heiliger Geist war. Es sind jedoch die Worte „von Ewigkeit“ und „war“ und ähnliche Zeitbestimmungen, die wir gebrauchen, unverfänglich und mit Nachsicht zu nehmen, sofern ihre Bedeutung, eine endliche und zeitliche ist, das aber, wovon wir hier nach, mensch- 46 licher Weise reden, seiner Natur nach alle Begriffe des endlichen Verstandes übersteigt.
§ 5
Hier scheint es mir am rechten Orte zu seyn, nach der Ursache zu fragen, warum der, welcher durch Gott wiedergeboren wird zur Seligkeit, sowohl des Vaters, als des Sohnes, wie des heiligen Geistes bedarf, und derselben nicht theilhaftig würde ohne die drei, auch nicht des Vaters oder des Sohnes innewerden kann, ohne den heiligen Geist. Bei dieser Frage müssen wir wohl vor allem die eigenthümliche Thätigkeit des heiligen Geistes und die eigenthümliche des Vaters und Sohnes beschreiben. Gott der Vater nehmlich, der das All zusammenhält, reicht bis zu jedem Einzelnen, indem er jedem aus seinem eigenen Seyn das Daseyn mittheilt, denn er ist der Seyende: geringer im Verhältniß zum Vater ist der Sohn, der nur die vernünftige Welt durchdringt: denn er ist der zweite nach dem Vater. Noch eine Stufe niedriger steht der heilige Geist, welcher nur über die Heiligen sich verbreitet; so daß dem zu Folge die Macht des Vaters über dem Sohne und heiligen Geiste steht; größer ist wiederum die des Sohnes, als die des heiligen Geistes; und ebenso steht auch die Macht des heiligen Geistes weit über den übrigen heiligen Wesen. Die eigenthümliche Kraft des heiligen Geistes also beschränkt sich nicht erst durch die leblose oder belebte, die vernünftige oder vernunftlose Natur, denn sie geht nicht auf die vernünftige Welt, die noch im Argen liegt, sondern ganz allein auf diejenigen vernünftigen Wesen, die sich zum Bessern wen- den und Christi Wege gehen, d. h. in guten Werken und in Gott bleiben.
§ 6
Daß aber die Thätigkeit des Vaters und Sohnes in Allen, Sündern wie Heiligen, ist, dieß geht daraus hervor, daß alle vernünftigen Wesen des Logos theilhaftig sind und eben dadurch den Samen der Weisheit und Gerechtigkeit in 47 sich tragen, welcher ist Christus. Der Ausspruch „ich bin, der ich bin“ (Ex. 3, 14.) beweist, daß Alles was ist, aus Gott urständet, und mithin die Thätigkeit des Vaters alles Seyn, Gutes und Böses, Vernünftiges und Unvernünftiges durchgreift. Auch lehrt Paulus, daß Alle an Christo Theil haben, Röm. 10, 8.; Christus, will er sagen, ist in Aller Herzen, weil sie nur durch Theilhaftigwerdung des Wortes vernünftig sind (λογου μετεχοντες λογικοι εισιν). So sagt Christus Joh. 15, 22. „wenn ich nicht gekommen wäre, so hätten sie keine Sünde &c.“, was denen wohl verständlich ist, die wissen, bis zu welchem Zeitpunkt der Mensch ohne Sünde ist, und von wo an er der Sünde verfallen ist. Der Mensch hat Sünde von dem Innewerden der Vernunft an; sobald er nehmlich des Erkennens mächtig ist, und die ihm inwohnende Vernunft die Unterscheidung des Guten und Bösen an die Hand gibt, so daß er mit Bewußtseyn Böses thut, dann ist er der Sünde verfallen. Daher heißt es: „sie haben keine Entschuldigung für ihre Sünde“, sobald ihnen der göttliche Logos den Unterschied des Bösen und Guten zu Gemüthe geführt hat. Daß ferner die ganze Menschheit nicht von der Gemeinschaft Gottes ausgeschlossen ist, lehrt der Erlöser im Evangelium: das Reich Gottes ist in Euch (Luc. 17, 21.). Ist es aber nicht wohl dasselbe, wenn Genes. 2, 7. gesagt wird: „Er blies ihm ein den Odem des Lebens &c.“? Ist dieser allgemein allen Menschen gegeben, so haben alle einen Theil aus Gott.
§ 7
Ist es dagegen vom heiligen Geiste zu verstehen, weil Einige gefunden haben wollen, daß Adam Prophet gewesen, so darf man es eben deswegen nicht allgemein, sondern nur in Beziehung auf die Heiligen nehmen. Auch zur Zeit der Fluth, da alles Fleisch den Weg des Herrn verlassen hatte, finden wir den Ausspruch Gottes über die Unwürdigen und Sünder: mein Geist wird fortan nicht in jenen Menschen bleiben, weil sie Fleisch sind; zum klaren Beweis, daß der gött- 48 liche Geist von jeden Unwürdigen genommen wir . Vergleiche Ps. 103, 29., wo vom heiligen Geiste gesagt ist, er werde nach Vertilgung der Sünder sich ein neues Volk schaffen, das den alten Menschen durch die Erneurung im Geiste ablegen und ein neues Leben beginnen werde. Mit vollem Recht sagen wir also, der heilige Geist wohne nicht in Allen, nicht in denen, die Fleisch sind, sondern nur in den Wiedergeborenen. Daher wurde auch von den Aposteln nach der Taufhandlung durch Händeauflegen die Gnade und Offenbarung des heiligen Geistes mitgetheilt. Und selbst der göttliche Erlöser spricht nach seiner Auferstehung, als schon das Alte vergangen und Alles neu geworden war, als ein neuer Mensch und der Erstling unter denen, die da schlafen, zu den durch den Glauben an seine Auferstehung ebenfalls erneuerten Aposteln: nehmet hin den heiligen Geist. Dieß ist es, was der Herr im Evangelium von den neuen Schläuchen sagt (Marci 9, 16. 17). Sonach geht die Thätigkeit des Vaters und Sohnes ohne Ausnahme auf die ganze Schöpfung: der Wirksamkeit des heil. Geistes haben sich nur die Frommen zu erfreuen. Daher heißt es: „Niemand kann Jesum einen Herrn heißen, ohne durch den heiligen Geist“ (1 Cor. 12, 3.); und an einer andern Stelle werden die Apostel (Apostelgesch. 1, 8.) nur erst später gewürdigt, ihn zu empfangen. Daraus leite ich auch die Folge ab, daß einer, der sich an des Menschen Sohn versündigt hat, Vergebung erlangen kann, weil der der göttlichen Vernunft (λογος) Theilhaftige, wenn er aufhört vernünftig zu handeln, in Unwissenheit und Thorheit gefallen seyn kann und deswegen Verzeihung verdienen mag; wer aber einmal der Mittheilung des heiligen Geistes gewürdigt und wieder rückfällig geworden ist, der hat durch Werk und That den heiligen Geist gelästert. Nur glaube man nicht, wir haben dadurch, daß wir dem heiligen Geiste blos Thätigkeit in den Heiligen zuschreiben, die Wirksamkeit des Vaters und Sohnes dagegen auf Gute und Böse ergehen lassen, den Geist dem Vater oder Sohne vorgezogen oder ihm einen höhern Hang angewiesen; der Schluß wäre ganz unrichtig. Wir haben nur die Eigen- 49 thümlichkeit seines Wirkens beschrieben. Auch der Vater hat wieder eine eigenthümliche Thätigkeit ausser jener, vermöge welcher er Allem das Daseyn verleiht: und der Sohn hat einen eigenen Wirkungskreis in denen, welchen er die Vernünftigkeit verleiht, indem er schafft, daß sie, was sie sind, recht sind. Ebenso ist auch die Gnade des Geistes, die den Würdigen zukommt, durch Christum vermittelt, von dem Vater gewirkt nach Verdienst derer, die derselben fähig werden. Dieß meint der Apostel, wenn er die ganze göttliche Wirksamkeit als Eine darstellt, 1 Cor. 12, 4. 5. 6. Es sind mancherlei Gaben, aber es ist Ein Geist &c. &c., was mithin eine Gabe des Geistes heißt, wird vermittelt durch den Sohn und gewirkt vom Vater. „Alles, aber wirkt Ein- und derselbe Geist“, 1 Cor. 12, 11.
§ 8
Doch, nehmen wir den Faden der Untersuchung wieder auf. Gott als Vater gibt Allem das Seyn: die Einwirkung Christi, weil er die göttliche Vernunft ist, schafft die Vernünftigkeit. Das Vernünftige nun kann verdienstvoll oder schuldig seyn. Weil es der Tugend und der Sünde fähig ist. Dazu kommt nun nothwendigerweise die Mitwirkung des heiligen Geistes, damit das, was seinem Wesen nach nicht heilig ist, es werde durch Mittheilung desselben. Wenn wir also das Seyn aus dem Vater, die Vernünftigkeit aus dem Logos, die Heiligung aus dem heiligen Geiste empfangen, so wird wiederum Christi, sofern er die Gerechtigkeit ist, nur derjenige 50 theilhaftig, der schon durch den heiligen Geist geheiligt ist; und wer durch die Heiligung des Geistes bis auf diese Stufe gelangt ist, der wird nichts destoweniger die Gabe der Weisheit durch die Wirksamkeit des Vaters erhalten. Dieß nehme ich für den Sinn der paulinischen Rede, „es sind mancherlei Wirkungen, aber es ist Ein Gott, der da wirket Alles in Allen“. Daher ist auch die Wirksamkeit des Vaters, vermöge welcher Alles ist, herrlicher und erhabener; während einer durch das Innewerden Christi, als der Weisheit, der Erkenntniß und der Heiligung, noch fortschreitet und zu hohem Stufen gelangt; und durch Inwohnung des heiligen Geistes erst reiner und geläuterter wird, und nur erst nach Reinigung und Vertilgung aller Flecken der Unwissenheit und Verderbniß zu dem Grade von Reinheit und Lauterkeit gelangt, daß sein von Gott empfangenes Seyn so ist, wie es Gottes, der das Seyn immerhin rein und vollkommen gibt, würdig ist: daß das Seyn gleich würdig ist, wie der Urheber des Seyns. So wird auch, wer den Zwecken seines Urhebers vollkommen entspricht, ein ewiges und unendliches Bestehen der Tugend von Gott erlangen. Um dahin zu gelangen, und damit unaufhörlich und unzertrennlich, neben dem, der ist, das sey, was von ihm erschaffen ist, bedarf es der Weisheit, um dasselbe durch die fortwährende Kräftigung und Heiligung des heiligen Geistes, vermöge welcher es allem Gott fassen kann, zur Vollkommenheit zu führen. So können wir also nur durch die fortgesetzte Einwirkung des Vaters, Sohnes und Geistes auf uns, durch die verschiedenen Stufen der Vervollkommnung, wenn je einmal, das heilige und selige Leben anschauen: in welchem wir, da wir nur durch viele Kämpfe dahin gelangen konnten, auch so verharren müssen, daß uns niemals eine Uebersättigung von diesem Gute anwandeln darf; vielmehr, je mehr wir von jener Seligkeit genießen, um so mehr muß auch die Sehnsucht danach in uns erweitert und verstärkt werden, indem wir Vater, Sohn und Geist immer inbrünstiger fassen und festhalten. Wenn je einmal einen von denen, die auf der höchsten Stufe des vollkommenen Lebens stehen, Uebersättigung ergreifen sollte, so glaube ich doch nicht, daß er 51 plötzlich entleert würde und abfiele: sondern er müßte allmählich und Stufenweise versinken. Und wenn auch einer augenblicklich zu Fall käme, so wird er, wenn er sich wieder besinnt und umkehrt, doch nicht ganz fallen, sondern sich bald erholen und das Versäumte wieder einbringen können.
§ 9
Um ein solches Versehen (Cap. IV. Schwachheitssünde ) zu verdeutlichen, wollen wir uns eines Gleichnisses bedienen. Ein Geometer z. B., ein Arzneikundiger u. dgl. der seine Wissenschaft durch langen Unterricht und eigene Uebung vollkommen erlernt hat, ein solcher hat wohl nicht zu befürchten, daß er als Gelehrter einschlafe, und wenn er aufwache, von seiner Kunst nichts mehr wisse. (Eine zufällige Verletzung oder Schwächung kann nicht hieher gezogen werden, sie entspricht dem beabsichtigten Gleichnisse nicht). So lang also der Arzt, oder Geometer sich im Nachdenken über seine Kunst und in verständigen Versuchen übt, bleibt ihm auch seine Wissenschaft. Wofern er aber sich der Uebung und dem Fleiße entzieht, fällt ihm anfangs Eines nach dem Andern aus, dann Mehreres, und so vergißt er mit der Zeit Alles. 52 Doch ist es möglich, daß er, wenn er von anfänglichen und unbedeutenden Rückschritten wieder umkehrt und es nicht weiter kommen läßt, das Verlorne einhole und das Halbvergessene wieder lerne. Dasselbe ist es bei dem, der sich auf göttliche Wissenschaft und Weisheit legt, dessen Kenntniß und Fleiß alles Aehnliche unvergleichbar weit übertreffen muß: mögen wir nun auf den Wachsthum des Wissens sehen, oder auf dessen Abnahme in Folge des angenommenen Gleichnisses; zumal wenn wir den Ausspruch des Apostels (2 Cor. 3, 18.) beherzigen, daß wir die (Vollkommenen,) die Herrlichkeit Gottes von Angesicht zu Angesicht schauen werden.
§ 10
Jedoch, wir sind da, wo wir die göttliche Einwirkung des Vaters, Sohnes und Geistes auf uns entwickeln wollten, auf eine Abschweifung gerathen, und haben dabei die Lehre von der Seele, wenn auch nur kurz, berühren zu müssen geglaubt. Indem wir aber nun zu der Lehre von der vernünftigen Schöpfung übergehen, finde ich es geneigter, von den vernünftigen Wesen überhaupt nach ihrer dreifachen Abstufung in einem eigenen Abschnitt zu reden.