§ 1
An die möglichst kurze Darstellung der Lehre von dem Vater, dem Sohne, und dem heiligen Geiste, reiht sich die Untersuchung über vernünftige Wesen an; und zwar über ihre Abstufungen, ihre Ordnungen, und die Dienste der heiligen, wie der bösen Mächte; endlich auch über solche, die zwischen den guten und bösen in der Mitte stehen, und noch 53 im Kampfe begriffen sind. Wir finden in der hl. Schrift häufig die Namen von Ordnungen und Verrichtungen guter oder böser Engel. Vorerst geben wir diese; dann die Frage nach ihrer Bedeutung. Einige gute Engel nennt Paulus (Hebr. 1, 14.) „dienstbare Geister“, ferner finden wir bei ihm (ich weiß nicht, woher ) die Benennung „Thronen, Herrschaften und Fürstenthümer“ u. s. w. und nach Aufzählung aller dieser setzt er, andeutend, daß es noch andere 54 Stände und Ordnungen vernünftiger Wesen gebe (Eph. 1, 21.), hinzu: (Christus sey) über alles, was genannt mag werden, in dieser und jener Welt. Er gibt somit zu verstehen, daß es außer den genannten noch andere gebe, die in dieser Welt genannt werden, ohne von ihm aufgezählt oder sonst Jemanden bekannt zu seyn, und wieder andere, die in dieser Welt nicht, sondern nur in der zukünftigen werden genannt werden.
§ 2
Nun wird aber alles Vernünftige, das die Grenzen und Vorschriften der Vernunft überschreitet, durch die Verletzung des Guten sündhaft. Alle vernünftige Schöpfung also ist der Ehre und des Vorwurfs fähig: der Ehre, wenn sie nach der ihr inwohnenden Vernunft zum Bessern fortschreitet, des Vorwurfs, wenn sie von der Bahn des Rechten abweicht; mithin unterliegt sie auch der Belohnung und Bestrafung. Dieß muß denn auch vom Teufel selbst und seinen Anhängern die seine Engel heißen, gelten. Doch um mit unserm Gegenstande bekannt zu werden, wollen wir zuerst ihre Namen aufzählen. Der Name Diabolos, Satan, Poneros kommt häufig vor; auch wird er als Kind Gottes bezeichnet. Ebenso werden Engel von ihm, und der „Fürst dieser Welt“ genannt; ob dieß der Teufel selbst oder ein Anderer sey, wird nicht klar gemacht. Auch kommen Fürsten dieser Welt vor, die eine Weisheit besitzen, „welche zu nichte werden“ soll. Ob dieß nun eben jene Mächte sind, mit denen wir im Kampfe leben, oder andere, dieß scheint mir kaum ermittelt werden zu können. Nach den Herrschaften werden nehmlich auch Mächte genannt, gegen die wir zu kämpfen haben; dasselbe haben wir auch gegen die Fürsten dieser Welt, und gegen die Herrscher der Finsterniß zu thun. Ferner spricht der Apostel von Geistern der Bosheit unter den Himmlischen. Was ist nun besonders von den bösen und unreinen Geistern, den Dämonen, in den Evangelien zu halten? Wiederum werden himmlische Wesen mit gleichem Namen genannt, welche übrigens im Namen Jesu die Knie beugen, oder beugen werden: ferner irdische und unterirdische, wie sie Paulus der Reihe nach aufzählt. In der Lehre von den vernünftigen Naturen dürfen dann auch wir 55 Menschen nicht übergangen werden, die wir immerhin für vernunftbegabte Geschöpfe gelten; ebenso ist nicht zu vergessen, daß unter uns Menschen Klassen gemacht werden, wenn es heißt, (Deut. 32, 9.): „Des Herrn Theil ist sein Volk Jakob, Israel die Schnur seines Erbes:“ Als ein Theil der Engel werden auch die übrigen Völker (V. 8.) aufgezählt: Als der Höchste die Völker vertheilte, und die Söhne Adams zerstreue, da setzte er der Völker Grenzen, nach der Zahl der Engel Gottes. Mithin ist unter den übrigen der vernünftigen Wesen auch die Vernünftigkeit der menschlichen Seele ein Gegenstand der Untersuchung.
§ 3
Wir haben nun die Namen so vieler Gattungen von dienstbaren Geistern, deren wirkliches Daseyn nicht bestritten werden kann, so fragt sich, ob der Urheber aller Dinge einige von ihnen gleich von Anfang so heilig und selig erschaffen habe, daß sie für das Gegentheil schlechthin unempfänglich wären: andere so, daß sie sowohl des Guten als des Bösen fähig werden könnten; wieder andere so, daß sie für die Tugend durchaus unempfänglich waren. Nehmen wir nun zuerst die Namen besonders vor, so früge sich, ob die „heiligen Engel“ seit ihrem Daseyn immer heilig waren, es sind und seyn werden, ohne jemals einen Flecken der Sündhaftigkeit annehmen zu können? ferner, ob die sogenannten „heiligen Gewalten“, vom Augenblick ihrer Schöpfung an, gegen irgend welche, und zwar solche Untergebene ihre Macht auszuüben anfiengen, deren ursprüngliche Bestimmung die Unterwürfigkeit wäre? ob die „Mächte“ von Natur Machtvollkommenheit haben, oder durch ihr Verdienst, durch den Lohn der Tugend, dazu gelangt sind? Ob die „Thronen“ den unbe- 56 weglichen Sitz der Seligkeit, die „Herrschaften“ ihre Herrschaft durch den bloßen Willen des Schöpfers, zugleich mit ihrem Hervortreten in’s Daseyn, als natürliches, unentreißbares Vorrecht erhalten, nicht aber vermöge ihres Fortschreitens erreicht haben? Wollten wir dieß so unbedingt bejahen, so müßten wir folgerichtig dasselbe auch von den Geistern der entgegengesetzten Bestimmung gelten lassen. Wir müßten sagen, daß die Mächte, gegen die wir zu kämpfen haben, eben jenes starre Widerstreben gegen alles Gute nicht in Folge einer freiwilligen Abweichung vom Guten angenommen, sondern wesentlich und ursprünglich in sich tragen. Ebenso müßten die Fürsten der Finsterniß, die bösen, die unreinen Geister, die Dämonen u. s. w. nicht durch die Verkehrtheit ihres Zweckes, sondern durch ihr Verhängniß gefallen seyn. Ist aber dieß ungereimt (wie es denn gewiß ungereimt ist, die Ursache des Bösen in den bösen Geistern, abgesehen von der Richtung ihres freien Willens, schlechthin dem Schöpfer zuzuschreiben); wie sollten wir nicht genöthigt seyn, ebenso auch in den guten und heiligen Kräften keine Urwesentlichkeit des Guten anzuerkennen, welche, wie wir bewiesen haben, nur Christo und dem heiligen Geiste und natürlich auch dem Vater zukommt? Denn das Göttliche leidet keine Zusammensetzung, so daß ihm jene Eigenschaft erst zufallen könnte. Und daraus geht denn hervor, daß aller Abfall die natürliche Folge der eigenen 57 Willensrichtung ist; und daß, sowie die höheren Geister nicht nach einem Vorzugsrechte, sondern nach ihrem sittlichen Verdienst ihren Rang behaupten, die vernünftigen Geschöpfe überhaupt nur durch Trägheit und Erschlaffung in irdische Leiber versanken, und, weil sie in ihrem frühern Zustande gesündigt haben, hier gleichsam an einem Strafort sich befinden. Sie fallen aber, wie wir schon (Absch. 4. §. 9.) gezeigt haben, nicht plötzlich, sondern sinken allmählich von einer Stufe zur andern, bis sie auf die unterste, die fleischliche gelangen, nachdem sie verschiedene Umwandlungen durchgemacht haben. 58
§ 4
Damit es übrigens nicht scheine, wir reden von so hohen und wichtigen Dingen nur nach den Folgerungen der Vernunft und wollen dem Leser bloße Muthmaßungen als Ueberzeugung aufdringen, sehen wir uns nach Zeugnissen der Schrift um, kraft deren unsere Ansicht glaubhafter würde. Vorerst, was lehrt die Schrift von den bösen Geistern? Wir finden bei Ezechiel (c. 26. und 33.) zwei Weissagungen an den Fürsten von Tyrus, deren erste man, ohne die zweite gelesen zu haben, leicht auf einen wirklichen Fürsten von Tyrus beziehen könnte. Setzen wir inzwischen die erste ganz bei Seite: und nehmen einen Beleg aus der zweiten, weil diese offenbar nicht von der Person eines Menschen, sondern von einer höhern Macht zu verstehen ist, welche gefallen und zum Gemeinen und Schlechten herabgesunken; so ergibt sich daraus aufs klarste, daß jene feindlichen und bösartigen Mächte nicht als solche erschaffen, sondern erst aus guten zu schlechten geworden sind; und daß ebenso jene seligen Geister nicht ihrem Wesen nach so beschaffen sind, daß sie für das Gegentheil, auch wenn sie sich vergäßen und ihren seligen Zustand, einen Augenblick außer Acht setzten, schlechthin unempfänglich wären. Denn wenn der sogenannte Fürst von Tyrus, wie es heißt, „unter den Heiligen und ohne Wandel“ war, „im Lustgarten Gottes,“ mit der Krone der Herrlichkeit und Schönheit geschmückt, wie konnte er geringer seyn, als irgend der Heiligen Einer? Können wir uns doch jene heiligen und seligen Kräfte mit keiner größeren Auszeichnung denken, warum sollte er also nicht zu diesen gehören? Betrachten wir nur die eigenen Worte Ezechiels (c. 28, 12. sqq.), wer würde dabei an einen Menschen oder einen Heiligen, geschweige an einen Fürzen von Tyrus denken? was wird er von den „feurigen Steinen“ halten, unter denen Jemand „wandelte“? Was läßt sich „Fleckenloses vom Tage seines Werdens an“ denken, das nachher sich voll „Frevel“ fand, so daß es auf die Erde ver- 59 stoßen wurde? Und doch ist dem also. Ein deutlicher Beweis, daß, was hier von einem Fürsten von Tyrus gesagt, von einer widerstrebenden Kraft zu verstehen ist, die zuvor heilig und selig gewesen, von ihrer Seligkeit aber, nachdem Frevel in ihr erfunden worden, herabgestürzt und auf die Erde geworfen ist, und daß er also nicht seiner ursprünglichen Bestimmung nach in diesem Zustande sich befand. Vielleicht ist hier ein Engel gemeint, dem der besondere Dienst des tyrischen Volkes und die Hut ihrer Seelen aufgetragen war. Was für ein Tyrus, ob das phönicische oder ein ideales, und welche tyrische Seelen, die Bewohner des irdischen oder die des idealen Tyrus gemeint seyen, dieß zu untersuchen, ist dieses Orts nicht. Es sind dieß zu wichtige und geheimnißvolle Gegenstände, als daß wir sie nur so im Vorbeigeben mitnehmen dürften: sie erfordern vielmehr ein eigenes Werk.
§ 5
Ein Aehnliches ist es mit den Aeußerungen des Jesaja (14, 12. flg.) über ein anderes dämonisches Wesen. Offenbar war es nach diesen ein „Lichtträger,“ der vom Himmel fiel; denn, wäre er, wie Einige meinen, das Wesen der Finsterniß, wie könnte er vorher der Träger des Lichtes geheissen haben? Wie könnte er mit dem Morgen aufgehen, wenn er keine Gemeinschaft mit dem Lichte hatte? Der Herr vergleicht seinen Fall mit einem Blitz (Luc. 10, 13.); ganz bezeichnend, er war einst ein Licht. Nun vergleicht der Herr seine eigene glorreiche Ankunft (Matth. 24, 27.) ebenfalls mit dem Blitze. Mithin muß auch der Gefallene einst im Himmel gewesen seyn, zu den Heiligen gehört und an dem Lichte Antheil gehabt haben, vermöge dessen es „Engel des Lichtes“ gibt, und die Apostel von dem Herrn „das Licht der Welt“ genannt werden. So war auch er ein Licht, ehe er sich verkehrte und in solche Tiefe fiel, daß seine Herrlichkeit in den 60 Staub getreten, und seine Gestalt in einen irdischen Körper verwandelt wurde. Dieß ist eben das Loos der, Gottlosen, daß sie durch ihre frühere Trägheit in irdische Körper versunken sind, und deßwegen heißt auch jener der Fürst dieser Welt, nehmlich dieser irdischen Behausung. Denn er übt eine Herrschaft aus über alle, die in gleiche Verkehrtheit mit ihm gefallen sind: wie gesagt ist, „die Welt liegt im Argen“, d. h. im Abtrünnigen. Daß er der Abtrünnige sey, sagt der Herr auch bei Hiob (40, 20): Wirst du den Drachen herziehen mit dem Hamen, den Abtrünnigen? daß der Drache hier der Teufel ist, ist klar. Gewiß gehört aber dazu eine grenzenlose Selbstvergessenheit und Trägheit, wenn Geister so weit versinken und entkräftet werden, daß sie vermöge ihrer Lasterhaftigkeit an den groben Körper des unvernünftigen Viehes gefesselt werden können. Wenn also feindliche Kräfte genannt werden, die früher ohne Wandel gewesen, die Wandellosigkeit aber außer dem Vater, Sohn und Geiste Niemand wesentlich zukommt, sondern, alle Heiligkeit des Geschöpfes nur zufällig ist, das Zufällige aber auch abfallen kann: wenn ferner nicht nur jene 61 widerstrebenden Kräfte einmal fleckenlos waren, sondern unter denselben auch solche, die jetzt noch ohne Wandel sind; so folgt, daß überhaupt kein Wesen weder von Natur wandellos, noch von Natur befleckt seyn könne. Diesen Folgerungen gemäß müssen wir annehmen, daß einige (Geister) freiwillig in der Zahl der Heiligen und im Dienste Gottes seyen, andere durch eigene Schuld von der Heiligkeit abgefallen, und sich soweit verirrt haben, daß sie sich gerade auf das entgegengesetzte Extrem wandten; so wie wir auch von uns annehmen, daß es ganz in unsrer freien Bewegung liege, ob wir heilig und selig seyen, oder durch Trägheit und Selbstvergessenheit soweit sinken, daß eine ganz entgegengesetzte Macht in uns zur Herrschaft gelangt.