1. Staunen aber muß man, o Kaiser, über die Griechen, daß sie, obwohl an Gesittung und Vernunft alle 45 übrigen Völker überragend, toten Götzen und unbeseelten Bildern nach in die Irre gegangen sind, obgleich sie sehen, daß ihre Götter von ihren Verfertigern gesägt, geschlichtet, zugestutzt, abgeschnitten, gebrannt, geformt und in jegliche Gestalt verwandelt werden. 2. Und wenn sie alt werden und mit [der Länge] der Zeit vergehen, und (um)gegossen und zerschlagen werden, wie mochten sie denn darüber nicht zur Einsicht kommen, daß sie keine Götter sind? Und wie können diejenigen, die ihre eigene Rettung nicht vermögen, für die Menschen Sorge tragen?
3. Vollends haben ihre Dichter und Philosophen irrtümlicherweise von ihnen aufgebracht, daß sie Götter seien. Die so Verfertigten (würden ja nur) zu Ehren des allmächtigen Gottes (verfertigt), und irrtümlicherweise wollen sie, daß sie Gott gleichen, von dem nie jemand gesehen, wem er gleicht, ja den (überhaupt) niemand sehen kann 4. Und dabei bringen sie über die Gottheit auf, als fände sich in ihr ein Mangel, indem sie (nämlich) behaupten, sie nehme Schlachtopfer an und fordere Brand- und Trankopfer, Menschenmorde und Tempel, indes Gott bedürfnislos ist und ihm von alledem nichts Not tut. Es ist klar, daß die Menschen in dem irren, was sie sinnen.
5. Aber ihre Dichter und Philosophen bringen 46 auf und behaupten, daß die Natur all ihrer Götter eine sei, ohne einzusehen, daß Gott. unser Herr, während er einer ist, in allem ist. Sie irren also; denn wenn am menschlichen Körper, obwohl er vielteilig ist, kein Glied das andere fürchtet, sondern, obgleich der Körper zusammengesetzt ist, ein jedes (Glied) mit dem andern übereinstimmt, so kommt nun auch Gott, der seiner Natur nach einer ist, eine Wesenheit zu, indem er in seiner Natur und Wesenheit übereinstimmt und sich nicht vor sich selbst fürchtet. Wenn also die Natur der Götter eine ist, so schickt es sich nicht, daß ein Gott den andern verfolgt und mordet und ihm Übles tut. 6. Wenn nun Götter von Göttern verfolgt und durchbohrt, gewisse geraubt und andere vom Blitz erschlagen wurden, so ist klar, daß die Natur ihrer Götter nicht eine ist, und daraus, o Kaiser, erhellt, daß es ein Irrtum ist, wenn sie die Naturen ihrer Götter (zusammen-)rechnen und auf eine Natur bringen.
7. Wenn wir uns also wundern müssen über einen Gott, der gesehen wird, aber nicht sieht, um wieviel mehr ist bewundernswert, daß man an eine unsichtbare, aber allsehende Natur glaubt? Und wenn es sich ferner geziemt, das Werk eines Künstlers zu betrachten, um wieviel mehr geziemt es sich, den Schöpfer des Künstlers zu preisen? 47
8. Ja als sich die Griechen Gesetze gaben, sahen sie nicht ein, daß sie durch ihre Gesetze ihre Götter verurteilen. Sind nämlich ihre Gesetze gerecht, so sind ungerecht ihre Götter, die die Gesetze übertraten, indem sie einander mordeten und Zauberei, Ehebruch, Raub und Diebstahl verübten und mit Männlichen schliefen, zu ihren übrigen Missetaten hin. Wenn aber ihre Götter bei all dem (oben) Geschilderten löblich handelten, so sind ungerecht der Griechen Gesetze, die nicht nach dem Willen ihrer Götter gegeben worden sind.
9. Und hierin hat die ganze Welt geirrt. Denn ihre Göttergeschichten sind teils Sagen, teils natürlich(e Vorgänge), teils Gesänge und Lieder. Die Gesänge und Lieder nun sind leere Worte und Schall. Haben sich aber die natürlichen (Vorgänge) so zugetragen, wie man erzählt, so sind die keine Götter mehr, die solches taten, erlitten und erduldeten; sind sie aber bildlich (aufzufassen), so sind (sie wie) die Sagen matte Reden, die gar keinen Sinn haben.