„Und sie werden nicht verloren gehen in Ewigkeit“; du hörst dazwischen heraus, als hätte er gesagt: Ihr werdet auf ewig verloren gehen, weil ihr nicht aus meinen Schafen seid. „Es wird sie niemand aus meiner Hand rauben.“ Vernehmet aufmerksamer: „Was mein Vater mir gegeben, ist größer als alles“. Was vermag der Wolf? Was vermögen Diebe und Räuber? Sie verderben nur diejenigen, die zum Untergang vorherbestimmt sind. Von jenen Schafen aber, von welchen der Apostel sagt: „Der Herr kennt die Seinigen“, und: „Die er vorherwußte, die hat er auch vorherbestimmt; die er aber vorherbestimmte, die hat er auch berufen; die er aber berief, die hat er auch gerechtfertigt; die er aber rechtfertigte, die hat er auch verherrlicht“, ― von diesen Schafen raubt weder der Wolf, noch nimmt der Dieb, noch tötet der Räuber eines. Sicher ist er über ihre Zahl, der da weiß, was er für sie gegeben hat. Und das meint 705 er, wenn er sagt: „Es wird sie niemand aus meiner Hand rauben“, und desgleichen, wenn er zum Vater spricht: „Was mir mein Vater gegeben hat, ist größer als alles“. Was hat der Vater dem Sohne gegeben, was größer ist als alles? Daß er ihm der eingeborene Sohn Gottes sei. Was heißt also: „Er hat gegeben“? War der schon, dem er gab, oder hat er durch Zeugung gegeben? Denn wenn der schon war, dem er das Sohnsein erst gab, dann war er einmal, war aber nicht Sohn. Das sei ferne, daß Christus der Herr einmal war und nicht Sohn war. Von uns kann das gesagt werden: wir waren einmal Menschenkinder, aber wir waren keine Gotteskinder. Denn uns hat zu Söhnen Gottes die Gnade gemacht, jenen die Natur, weil er so geboren ist. Und es ist nicht an dem, daß du sagen kannst: Er war nicht, bevor er geboren wurde; denn es gab keine Zeit, wo der noch nicht geboren war, der mit dem Vater gleichewig war. Wer verständig ist, fasse es; wer es nicht faßt, der glaube es, lasse sich nähren, und er wird es fassen. Das Wort Gottes ist immer beim Vater und immer das Wort, und weil Wort, darum Sohn. Immer also ist der Sohn und immer gleich. Denn nicht dadurch, daß er wächst, sondern dadurch, daß er geboren wird, ist der gleich, der immer vom Vater als Sohn geboren ist, Gott von Gott, gleichewig vom Ewigen. Der Vater aber ist nicht vom Sohne Gott; der Sohn ist vom Vater Gott; darum hat der Vater dem Sohne durch die Zeugung gegeben, daß er Gott wäre, durch Zeugung ihm gegeben, daß er mit ihm gleichewig wäre, durch Zeugung ihm gegeben, daß er gleich wäre. Das ist es, was größer ist als alles. Wie* ist* der Sohn das Leben und* hat* der Sohn das Leben? Was er hat, das ist er; du bist etwas anderes, hast etwas anderes. Z. B. du hast Weisheit; bist du etwa die Weisheit selbst? Kurz, weil du nicht bist, was du hast, so kehrst du, wenn du verlierst, was du hast, zum Nichthaben zurück; bald gewinnst du es, bald verlierst du es; wie auch unser Auge nicht in sich selbst unzertrennlich das Licht hat, es öffnet sich und faßt es, es schließt sich und verliert es. Nicht so ist Gott, der Sohn Gottes, nicht so ist das Wort des Vaters, nicht so ist das Wort, das nicht im Erklingen 706 vergeht, sondern mittels Zeugung bleibt. Er hat so die Weisheit, daß er selbst die Weisheit ist und weise macht; er hat so das Leben, daß er das Leben ist und lebendig macht. Das ist es, was größer ist als alles. Es beschaute der Evangelist Johannes den Himmel und die Erde, da er vom Sohne Gottes reden wollte; er beschaute und überstieg sie; er betrachtete über dem Himmel die Tausende der Heerschar von Engeln; er betrachtete und überstieg, wie ein Adler die Wolken, mit seinem Geiste die gesamte Schöpfung; er überstieg alles Große, drang empor bis zu dem, was größer ist als alles, und sprach: „Im Anfang war das Wort“. Aber weil der, dessen Wort es ist, nicht vom Worte ist, das Wort aber von dem ist, dessen Wort es ist, darum sprach er: „Was der Vater mir gegeben hat“, d. h. sein Wort zu sein, sein eingeborener Sohn zu sein, sein Abglanz zu sein, „ist größer als alles“. Deshalb sagt er: „Niemand raubt meine Schafe aus meiner Hand. Niemand kann sie aus der Hand meines Vaters rauben“.