Aber wie kommt es, daß er bei den Worten: „Den Frieden hinterlasse ich euch“, nicht beifügte „meinen“, 895 bei den Worten aber: „gebe ich euch“, hinzusetzte „meinen“? Ist etwa „meinen“ mitzudenken, auch wo es nicht gesagt ist, weil man, auch was nur einmal gesetzt ist, auf beides beziehen kann? Oder ist vielleicht auch hier etwas verborgen, was zu erbitten und zu suchen ist, und was den Klopfenden aufgetan werden soll? Wie, wenn er unter seinem Frieden den verstanden wissen wollte, den er selbst hat; der Friede aber, den er uns in dieser Welt hinterläßt, viel mehr der unserige zu nennen ist als der seinige? Bei ihm nämlich herrscht kein Widerspruch im Innern, der da durchaus keine Sünde hat; wir aber haben jetzt einen solchen Frieden, in dem wir noch sprechen müssen: „Vergib uns unsere Schulden“. Wir haben also einen gewissen Frieden, weil wir Freude haben am Gesetze dem inneren Menschen nach, aber es ist kein voller Friede, weil wir ein anderes Gesetz in unsern Gliedern haben, welches dem Gesetze unseres Geistes widerstreitet. Desgleichen haben wir unter uns selbst Friede, weil wir einander glauben, daß wir einander lieben, aber auch dies ist kein voller Friede, weil wir die Gedanken unseres Herzens gegenseitig nicht sehen und manches* von* uns, was nicht* in* uns ist, gegenseitig entweder im guten oder im schlimmen Sinne vermuten. Also dieser Friede ist, obwohl er ihn uns hinterlassen hat, der unserige; denn ohne ihn hätten wir nicht einmal einen solchen, aber er hat keinen solchen. Wenn wir ihn bis zum Ende festhalten, so wie wir ihn empfangen haben, werden wir einen solchen haben, wie er ihn selbst hat, dort wo uns nichts mehr widerstrebt aus uns selbst und uns nichts verborgen ist in unseren Herzen. ― Ich weiß indes, daß man die Worte des Herrn auch so auffassen kann, daß man darin eine Wiederholung desselben Satzes erblickt: „Den Frieden hinterlasse ich euch“, „meinen Frieden gebe ich euch“, so daß er das Wort „Friede“ wiederholte, indem er sprach: „meinen Frieden“, und das Wort: „hinterlasse ich euch“ wiederholte, indem er sagte: „gebe ich euch“. Nehme es jeder nach seiner Wahl: mir aber macht es 896 Freude, ich glaube, auch euch, meine geliebten Brüder, diesen Frieden, wo wir den Widersacher einträchtig besiegen, so festzuhalten, daß wir jenen Frieden ersehnen, wo wir keinen Widersacher mehr haben werden.