§ 1
11 1. „… damit du sie immer wieder liesest und sie befolgen kannst.“ Soll man aber überhaupt keine Schriften hinterlassen, oder sollen es nur bestimmte Leute tun? Und wenn das erstere, wozu ist dann die Schrift nütze? Wenn aber das andere, sollen es dann die Guten tun oder die, die nicht gut sind? Nun wäre es aber doch lächerlich, das Verfassen von Schriften durch die Guten zu verwerfen und bei denen zu billigen, die nicht gut sind.
2. Aber sollte man demnach dem Theopompos und dem Timaios, die unwahre Geschichten und Schmähschriften verfaßten, dazu auch Epikuros, dem Bahnbrecher der Gottlosigkeit, ferner dem Hipponax und dem Archilochos gestatten, so schamlose Bücher zu schreiben, dagegen den Verkündiger 12 der Wahrheit daran hindern, den nach ihm lebenden Menschen durch hinterlassene Schriften zu nützen? Es ist doch auch, wie ich meine, rühmlich, der Nachwelt wackere Kinder zu hinterlassen. Nun sind die Kinder Sprößlinge des Leibes, die Worte aber Sprößlinge der Seele.
3. So nennen wir doch Väter diejenigen, die uns unterwiesen haben. Die Weisheit ist aber ihrem Wesen nach freigebig und gütig. Salomon wenigstens sagt: „Mein Sohn, wenn du das Wort meines Gebotes aufnimmst und bei dir birgst, so wird dein Ohr Weisheit vernehmen.“
§ 2
1. Er deutet damit an, daß der ausgestreute Same des Wortes in der Seele des Lernenden wie in Erdreich geborgen werde, und dies ist geistige Aussaat. Deshalb fügt er auch hinzu: „Und du wirst dein Herz auf Einsicht hinwenden und wirst es hinwenden auf Ermahnung für deinen Sohn.“ Denn wenn sich bei der Aussaat des Wortes eine Seele mit einer anderen Seele und ein Geist mit einem anderen Geist verbindet, so bringen sie, meine ich, den ausgestreuten Samen zum Wachstum und lassen ihn lebendig werden. Als Sohn aber gilt jeder, der sich dadurch erziehen läßt, daß er dem Erziehenden gehorcht. „Mein Sohn“, so heißt es, „vergiß meine Satzungen nicht!“
2. Wenn aber die Erkenntnis nicht aller Sache ist, so sind die Schriften für die Masse das gleiche wie für einen Esel die Laute, um mit dem Sprichwort zu reden. Die Schweine freuen sich ja mehr am Schlamm als an reinem Wasser.
3. „Deshalb“, so sagt der Herr, „rede ich in Gleichnissen zu ihnen, weil sie mit sehenden Augen nicht sehen und mit hörenden Ohren nicht hören und nicht verstehen“, womit nicht gesagt ist, daß der Herr das Nichtverstehen bei ihnen herbeiführt (denn solches zu denken, wäre nicht recht), sondern daß er das bei ihnen vorhandene Nichtverstehen in prophetischer Weise aufzeigte und kundtat, daß sie das Gesagte nicht verstehen würden.
§ 3
13 1. Ferner sehen wir zum Überfluß noch, wie der Heiland selbst entsprechend der Fähigkeit jedes Empfängers, die es durch Übung zu steigern gilt, sein Vermögen unter seine Knechte verteilte und, nachdem er zurückgekommen war, mit ihnen abrechnete; da lobte er diejenigen, die sein Geld gemehrt hatten, „die im Geringen Treuen“, verhieß ihnen, „sie über viel zu setzen“, und gebot ihnen, „in die Freude ihres Herrn einzugehen“.
2. Dagegen zu dem, der das Geld, das ihm anvertraut worden war, damit er es auf Zinsen ausleihe, verborgen hatte und genau so viel, als er erhalten hatte, ungenützt zurückgab, sagte er: „Du schlechter und fauler Knecht, du hättest mein Geld bei den Bankhaltern anlegen sollen; dann hätte ich nach meiner Rückkehr das Meine abheben können.“ Zur Strafe dafür wird der unnütze Knecht „in die äußerste Finsternis“ geworfen werden.
3. Auch Paulus sagt: „Du nun werde stark in der Gnade, die in Christus Jesus ist, und was du von mir unter Bestätigung durch viele Zeugen gehört hast, das übergib zuverlässigen Menschen, die geeignet sein werden, auch andere zu lehren.“
4. Und wiederum: „Sei eifrig bemüht, vor Gott bewährt hinzutreten als ein untadeliger Arbeiter, der das Wort der Wahrheit richtig verwaltet.“
§ 4
1. Wenn nun beide das Wort verkünden, der eine mit der Schrift, der andere mit der Rede, wie sollten dann nicht beide Lob verdienen, da sie den Glauben durch die Liebe wirksam machen? Da die Schuld bei dem liegt, der nicht das Beste wählte, ist Gott ohne Schuld So ist es denn die Aufgabe der einen, das Wort auf Zinsen hinauszugeben, die Aufgabe der anderen, es zu prüfen und es entweder zu wählen oder zu verwerfen. Die Entscheidung darüber fällt bei ihnen selbst.
2. Aber die Tätigkeit des Verkündens (des göttlichen Wortes) hat es immer mit einer Botschaft zu tun, und sie ist heilsam, auf welche von den beiden Weisen sie auch wirken mag, sei es mit der Hand (bei der Schrift) sei es mit der Zunge (bei der Rede). „Denn wer auf den Geist sät, wird aus dem Geist ewiges Leben ernten; laßt uns aber nicht müde werden, 14 das Gute zu tun!“
3. Wer dank der göttlichen Vorsehung mit der Botschaft bekannt wird, dem verleiht sie jedenfalls die höchsten Güter: den Anfang des Glaubens, den Vorsatz, einen richtigen Wandel zu führen, das Streben nach Wahrheit, den regen Eifer im Forschen, die Wegspur zur Erkenntnis; sie eröffnet ihm, um es kurz zu sagen, den Weg zum Heil. Wer aber rechtmäßig in den Lehren der Wahrheit aufgezogen wurde, erlangt die Wegzehrung für das ewige Leben und wird für die Fahrt zum Himmel beflügelt.
4. In ganz bewundernswerter Weise sagt daher der Apostel: „Indem wir uns in jeder Hinsicht empfehlen als Gottes Diener, als Arme, die aber viele reich machen, als solche, die da nichts haben und doch alles besitzen. Unser Mund ist euch gegenüber aufgetan.“ Und in einem Brief an Timotheus sagt er: „Ich beschwöre dich vor dem Angesicht Gottes und Christi Jesu und der auserwählten Engel, daß du solches ohne Vorurteil beobachtest und nichts nach Gunst tust.“
§ 5
1. Diese beiden müssen sich also selbst prüfen, der eine, ob er würdig ist, zu reden und Schriften zu hinterlassen, der andere, ob er befugt ist, zu hören und zu lesen. So gestatten auch manche bei der üblichen Verteilung des Herrenmahles, daß sich jeder einzelne vom Volk selbst seinen Teil nimmt.
2. Denn die beste Hilfe für das richtige Wählen und Meiden ist das Gewissen; dessen sicherer Grundstein aber ist ein rechtschaffenes Leben zusammen mit der geziemenden Lehre; und ebenso ist der Anschluß an andere, die sich bereits bewährt und Treffliches geleistet haben, die beste Hilfe für die Erfassung der Wahrheit und für die Erfüllung der Gebote.
3. „Wer daher unwürdig das Brot ißt und den Becher des Herrn trinkt, wird sich an dem Leib und Blut des Herrn versündigen. Es prüfe sich aber ein Mensch selbst, und sodann esse er von dem Brot und trinke von dem Becher!“
§ 6
1. Für den, der sich die Förderung seiner Nächsten vorgenommen hat, dürfte es nun folgerichtig sein, zu erwägen, ob er sich nicht vorschnell und in eifersüchtigem Streben, anderen zuvorzukommen, an das Unterrichten herangemacht hat, ob er nicht durch die Mitteilung des Wortes eigene Ehre erstrebt, ob er nur den einen Lohn 15 gewinnen will, die Rettung seiner Zuhörer. Wer aber durch Schriften spricht, ist von vorneherein nicht der Vermutung ausgesetzt, daß er nach Gunst rede, und ebenso wenig dem Verdacht der Bestechlichkeit.
2. „Denn wir haben es weder jemals auf Schmeicheleien abgesehen, wie ihr wißt“, sagt der Apostel, „noch ließen wir uns von Habgier leiten, Gott ist des Zeuge, noch suchten wir Ehre von seiten der Menschen, weder von euch noch von anderen; wir hätten als Christi Apostel Anspruch auf Ehre erheben können; wir traten aber unter euch so liebevoll auf wie eine Mutter, die ihre Kinder pflegt.“
3. In gleicher Weise muß man auch bei denen, welche an den göttlichen Lehren Anteil nehmen wollen, sorgfältig darauf achtgeben, ob sie nicht aus Neugierde dazukommen, nur um sie kennenzulernen, so wie man die Gebäude einer Stadt anschaut; ob sie sich nicht heranmachen, um weltliche Vorteile dadurch zu erlangen, da sie wissen, daß diejenigen, die sich ganz Christus geweiht haben, freigebig von dem, was zum Leben nötig ist, austeilen. Aber solche Leute sind Heuchler, und wir wollen nicht weiter von ihnen reden. Wenn aber jemand „gerecht nicht scheinen, sondern sein will“, so muß er sich der edelsten Beweggründe bewußt sein.
§ 7
1. Wenn nun „die Ernte groß, der Arbeiter aber nur wenige sind“, dann muß man in der Tat darum bitten, daß uns das Glück möglichst zahlreicher Arbeiter zuteil werde. Die Arbeit aber auf diesem Ackerfeld ist doppelter Art: die eine geschieht ohne die Schrift, die andere mit der Schrift. Mag aber der Arbeiter des Herrn auf die eine oder die andere Weise die edlen Weizenkörner aussäen und das Wachsen der Ähren fördern und die Ernte einfahren, so wird er als wahrhaft göttlicher Ackersmann erfunden werden.
2. „Schaffet“, sagt der Herr, „nicht die Speise, die vergeht, sondern die Speise, die zu ewigem Leben bleibt!“ Mit Speise ist sowohl die materielle (die 16 mit Brot) als auch die geistige (die mit Worten) gemeint. Und wahrhaft „selig sind die Friedensstifter“; sie belehren diejenigen, die hier in diesem Leben und auf ihrem Irrweg von ihrer Unwissenheit bekriegt werden, eines Besseren und führen sie zu dem Frieden, der in einem gottgemäßen Reden und Leben besteht, und speisen die nach Gerechtigkeit Hungernden durch die Verteilung des Brotes.
3. Denn auch Seelen haben ihre eigene Nahrung; die einen gedeihen durch Erkennen und Wissen, die anderen finden ihre Weide in der griechischen Philosophie, von der freilich wie von den Nüssen nicht alles eßbar ist.
4. „Der Pflanzende aber und der Begießende“ beides Gehilfen dessen, der wachsen läßt, „gehören zusammen“ entsprechend ihrer Dienstleistung, „aber jeder von ihnen wird seinen besonderen Lohn erhalten entsprechend seiner besonderen Arbeit. Denn wir sind Gottes Mitarbeiter; ihr seid Gottes Ackerfeld, Gottes Bauwerk“ nach den Worten des Apostels.
§ 8
1. Man darf es daher den Hörern auch nicht gestatten, die Prüfung auf Grund von Vergleichung vorzunehmen; ebensowenig darf man die Lehre denen zur Musterung ausliefern, die in mannigfaltigen Redekünsten und in der machtvollen Wirkung großartiger rhetorischer Schlußfolgerungen aufgezogen sind, denen, deren Seele bereits in Vorurteilen befangen und nicht (für Aufnahme des Neuen) zuvor freigemacht ist.
2. Wenn sich aber jemand auf Grund seines Glaubens dazu entschließt, zum Gastmahl zu kommen, so ist er zuverlässig geeignet zur Aufnahme göttlicher Lehren, da er als vernünftigen Entscheidungsmaßstab den Glauben besitzt. Daraus folgt für ihn zum Überfluß noch die Überzeugung. Und dies ist füglich der Sinn jenes Prophetenwortes: „Wenn ihr nicht glaubet, so versteht ihr auch nicht.“ „Da wir also noch Zeit und Gelegenheit haben, lasset uns das Gute an allen tun, am meisten aber an den Glaubensgenossen!“
3. Ein jeder von diesen lasse mit den Worten des seligen David das Danklied erschallen: „Du wirst mich mit Ysop besprengen, und ich werde gereinigt werden; du wirst mich waschen, und ich werde weißer werden als Schnee. Du wirst mich 17 Freude und Wonne hören lassen; es werden die gedemütigten Gebeine frohlocken. Wende weg dein Antlitz von meinen Sünden und tilge meine Missetaten!
4. Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz und gib mir in meinem Innern einen neuen , festen Geist! Verwirf mich nicht von deinem Angesicht und nimm deinen Heiligen Geist nicht von mir! Gib mir wieder das Frohlocken über dein Heil und mache mich stark durch den führenden Geist!“
§ 9
1. Wer nun zu Anwesenden spricht, der nimmt bei der Prüfung (der Hörer) Rücksicht auf die Zeit und trifft seine Entscheidung auf Grund seiner Urteilskraft und sondert so von den übrigen den aus, der zu hören fähig ist, indem er dabei achtet auf die Worte, die Sitten, die Sinnesart, die Lebensweise, die Bewegungen, die Haltung, den Blick, die Stimme, den Kreuzweg, den Felsen, den Weg, auf dem alles zertreten wird, die fruchtbare Erde, die mit dichtem Gestrüpp bewachsene Gegend, das ergiebige und gute und wohlangebaute Land, das die Aussaat vielfältig wiedergeben kann.
2. Wer dagegen in Schriftwerken spricht, der sucht sich ein reines Gewissen Gott gegenüber zu schaffen, indem er in seiner Schrift folgendes laut bezeugt, daß er nicht um Gewinnes willen, nicht eitler Ehre zuliebe schreibe, daß er sich nicht von leidenschaftlicher Liebe bestimmen, nicht von Furcht knechten, nicht von Freude betören lasse, daß er keinen anderen Genuß haben wolle als das Heil seiner Leser, einen Genuß, dessen er nicht einmal sogleich in der Gegenwart teilhaftig wird, sondern nur durch Hoffnung, indem er zuversichtlich auf die Vergeltung wartet, die ihm ohne Zweifel von dem zuteil werden wird, der den Arbeitern den Lohn nach ihrem Verdienst auszuzahlen versprochen hat.
3. Aber wer in den Stand der Männer aufgenommen sein (wer als Mann gelten) will, der darf nicht nach Belohnung streben. Denn hat nicht der, der sich einer guten Tat rühmt, die Belohnung bereits durch die ihm zuteilgewordene Ehre erhalten, und ist nicht andererseits der, der eine Pflicht nur wegen der damit verbundenen Belohnung erfüllt (sei es, daß er als Rechtschaffener sie zu erhalten bestrebt ist, 18 sei es, daß er als Übeltäter die Strafe zu vermeiden sucht) in der weltlichen Gewohnheit befangen? Man muß aber soviel wie möglich den Herrn nachahmen.
4. Das wird aber bei dem der Fall sein, der den Willen Gottes zu erfüllen beflissen ist, der umsonst gibt, wie er umsonst empfangen hat und als ansehnlichen Lohn das Bürgerrecht selbst empfängt. „Nicht soll in das Heiligtum Hurenlohn kommen“ heißt es.
§ 10
1. Verboten ist jedenfalls, „das für den Verkauf eines Hundes gewonnene Geld“ zum Altar herzuzubringen Wem aber durch schlechte Erziehung und Lehre „das Auge der Seele“ gegen das ihr eigentümliche Licht stumpf geworden ist, der gehe zu der Wahrheit, die in Schriften das Ungeschriebene offenbart! „Ihr Dürstenden, geht zum Wasser“ sagt Jesaias, und „Trinke das Wasser aus deinen eigenen Wasserbehältern!“ mahnt Salomon.
2. Und in den Gesetzen z.B. befielt Platon, der von den Hebräern beeinflußte Philosoph, den Landleuten, kein Wasser von anderen zur Bewässerung herzuleiten oder zu nehmen, wenn sie nicht zuvor bei sich selbst bis zu der sogenannten jungfräulichen Erde nachgegraben und den Boden ohne Wasser gefunden haben
3. „Denn dem Mangel abzuhelfen, ist billig, dagegen Faulheit zu unterstützen, ist nicht gut“ So sagte auch Pythagoras, es sei vernünftig, beim Aufnehmen einer Last mitzuhelfen. dagegen gezieme es sich nicht, beim Ablegen der Last zu helfen
4. Die Schrift facht aber den Funken der Seele an und lenkt das dieser eigentümliche Auge auf das Schauen hin, wobei sie vielleicht auch etwas einsetzt, so wie es der Landmann beim Pfropfen tut, und die in ihr vorhandene Anlage anregt.
5. „Denn unter uns sind“, nach dem Wort des göttlichen Apostels, „viele Schwache und Kranke, und viele sind schon entschlafen. Wenn wir uns selbst richtig beurteilen, würden wir nicht gestraft“
§ 11
19 1. Was nun dieses Werk betrifft, so ist es keine Schrift, die mit großer Kunst ausgearbeitet wurde, um damit zu prunken; sondern ich mache mir Aufzeichnungen und hebe sie für das Greisenalter auf, ein Hilfsmittel gegen das Vergessen geradezu ein Bild und Gemälde jener anschaulichen und lebensvollen Reden und jener seligen und wahrhaft bedeutenden Männer, die zu hören ich gewürdigt wurde.
2. Von ihnen war der eine in Griechenland, der Ionier, die anderen in Großgriechenland (von diesen beiden stammte der eine aus Kölesyrien, der andere aus Ägypten) andere aber im Osten; und hiervon war der eine aus dem Lande der Assyrer, der andere, in Palästina, war seiner Abstammung nach ein Hebräer. Als ich aber einen letzten angetroffen hatte, (seiner Wirkung nach war er jedoch der erste) da gab ich weiteres Suchen auf, nachdem ich ihn in Ägypten, wo er verborgen war, aufgespürt hatte. Er war in der Tat eine sizilische Biene, indem er aus den Blumen der prophetischen und apostolischen Wiese Honig sog und in den Seelen seiner Zuhörer ein lauteres Erkenntnisgut erzeugte.
3. Jene Lehrer aber, die die wahre, unmittelbar von den heiligen Aposteln Petrus und Jakobus, Johannes und Paulus stammende Überlieferung der seligen Lehre unversehrt bewahrten, indem immer ein Sohn sie von seinem Vater übernahm (nur wenige sind es, die ihren Vätern ähnlich sind), kamen in der Tat mit Gottes Hilfe auch zu uns, um jene von den Vätern ererbten und apostolischen Samenkörner (in uns) niederzulegen.
§ 12
1. Und ich weiß gewiß, daß sie frohlocken werden, 20 nicht, meine ich, weil sie über diese meine Darstellung erfreut wären, sondern nur weil die Überlieferung durch die Aufzeichnung erhalten wurde. Denn eine derartige Darstellung ist, wie ich glaube, das Werk einer Seele, die das Verlangen in sich trägt, die selige Überlieferung unverlierbar zu bewahren. „Wenn aber ein Mann Weisheit liebt, so wird sich sein Vater freuen.“
2. Die Brunnen, aus denen man schöpft, geben klareres Wasser, dagegen wird das Wasser in denen schlecht, die niemand benützt. Auch das Eisen erhält der Gebrauch blank, der Nichtgebrauch dagegen läßt Rost an ihm entstehen. Denn überhaupt bewirkt Übung gesundes Befinden bei Geist und Körper.
3.„Niemand zündet ein Licht an und stellt es unter den Scheffel“, sondern vielmehr auf den Leuchter, damit es denen leuchtet, die des nämlichen Gastmahls gewürdigt sind. Denn was ist eine Weisheit wert, die den nicht weise machen kann, der fähig ist zu hören? Ferner bringt auch der Heiland immer Heil und wirkt immer, wie er es den Vater tun sieht; wenn man lehrt, so lernt man selbst dazu, und wenn man redet, so hört man oft zusammen mit seinen Zuhörern. „Denn einer ist der Lehrer“ sowohl für den Redenden wie für den Hörenden, er, der das Verständnis und das Wort hinzuströmen läßt.
§ 13
1. Darum hat der Herr auch nicht davon abgehalten, mit Gutestun den Sabbat zu feiern, sondern erlaubt, an den göttlichen Geheimnissen und an jenem heiligen Licht denen Anteil zu geben, „die imstande sind, es zu fassen“.
2. Er offenbarte ja nicht vielen, was nicht für viele bestimmt war, sondern nur wenigen, von denen er wußte, daß es ihnen zukam, denen, die es aufzunehmen und sich darnach gestalten zu lassen imstande waren. Die Geheimnisse aber wie (die Lehre von) Gott werden nur dem Worte anvertraut, nicht der Schrift.
3.Und wenn jemand sagt, es sei doch geschrieben: „nichts ist verborgen, was nicht wird 21 offenbart werden, und nichts verhüllt, was nicht wird enthüllt werden“, so möge er auch von uns hören, daß der Herr durch dieses Wort weissagte, das Verborgene werde dem im Verborgenen Hörenden offenbart werden, und daß das Verhüllte wie die Wahrheit dem kundgetan werden wird, der imstande ist, das ihm Übergebene in verhüllter Weise zu erfassen, und daß das der großen Masse Verborgene das ist, was den wenigen offenbar werden wird.
4. Denn warum kennen nicht alle die Wahrheit, wenn alle die Wahrheit erfassen können? Und warum wurde die Gerechtigkeit nicht (von allen) geliebt, wenn die Gerechtigkeit eine Sache aller ist? Aber die Geheimnisse werden ja im geheimen weitergegeben, damit sie nur im Munde des Sprechenden und dessen seien, zu dem gesprochen wird, vielmehr nicht in ihrer Sprache, sondern in ihrem Denken.
5.„Gott hat aber“ der Kirche „die einen als Apostel gegeben, die andern als Propheten, wieder andere als Evangelisten oder als Hirten und Lehrer, um die Heiligen zur Dienstleistung auszurüsten, zur Auferbauung des Leibes des Christus.“
§ 14
1. Nun ist freilich, wie ich wohl weiß, die schriftliche Aufzeichnung dieser meiner Erinnerungen kraftlos im Vergleich mit jenem begnadeten Geiste, den zu hören wir gewürdigt wurden; aber vielleicht ist sie doch ein Bild, das den an das Urbild erinnert, der vom Schlag des Thyrsos getroffen ist. Denn „sprich mit einem Weisen“, so heißt es, „und er wird noch weiser werden“, und „dem, der hat, wird noch dazu gegeben werden“.
2. Meine Schrift macht sich nicht anheischig, die Geheimnisse vollständig zu verkünden, weit gefehlt, sondern nur zu erinnern, sei es sooft wir etwas vergaßen, sei es, damit wir gar nicht vergessen. Aber viel ist uns, wie ich wohl weiß, entfallen, da es infolge der langen Zeit, weil es nicht aufgeschrieben 22 wurde, verlorenging. Um daher mein schwaches Gedächtnis zu unterstützen, lege ich mir als eine nützliche Stärkung meines Gedächtnisses eine geordnete Zusammenstellung der Hauptgedanken an und bin somit gezwungen, diese Form der Darstellung zu verwenden.
3. Es gibt nun freilich manches, was wir nicht einmal in der Erinnerung festhalten konnten (denn vielseitig war die Begabung jener seligen Männer), manches, was, obwohl unaufgezeichnet, doch erhalten geblieben war, ist jetzt infolge der langen Zeit entschwunden; all das aber, was in meinen Gedanken allmählich einzutrocknen und zu erlöschen drohte (da ja eine solche Aufgabe für die darin nicht Bewährten nicht leicht ist), will ich durch Aufschreiben wieder lebendig machen. Dabei werde ich aber sorgfältig auswählen und manches mit Absicht übergehen, indem ich vermeide, Dinge niederzuschreiben, bei denen ich mich auch davor gehütet hätte, sie in mündlicher Rede zu erwähnen, durchaus nicht, weil ich es anderen nicht gönnte (das wäre ja nicht recht), sondern weil ich fürchte, meine Leser könnten vielleicht nach der anderen Seite hin in die Irre gehen, und es könnte sich erweisen, daß wir es machten wie Leute, die, um den sprichwörtlichen Vergleich zu bringen, dem Kinde ein Schwert geben.
4. „Denn es läßt sich nicht vermeiden, daß das Geschriebene unter die Leute kommt“, mag es auch von mir selbst unveröffentlicht geblieben sein; wenn aber eine Schrift aufgerollt wird, so kann sie doch stets nur mit einem Wort, nämlich dem niedergeschriebenen, auf die an sie gerichteten Fragen antworten und mit nichts anderem, als was in ihr geschrieben steht. Zu weiterer Erklärung hat sie ja unbedingt eine Hilfe nötig, sei es den Verfasser selbst oder irgendeinen anderen, der die gleiche Richtung eingeschlagen hat.
§ 15
1. Manches wird meine Schrift auch nur andeuten, und bei dem einen Punkt wird sie länger verweilen, den 23 anderen nur kurz erwähnen; sie wird auch versuchen, etwas verborgen zu sagen und verhüllt auszusprechen und schweigend deutlich zu machen.
2. Meine Schrift wird auch die Lehrmeinungen der hervorragendsten Sekten vortragen und wird ihnen all das entgegenhalten, was vor der durch das höchste unmittelbare Schauen vermittelten Erkenntnis sichergestellt sein muß. Deshalb wird sie „entsprechend der berühmten und erhabenen Richtschnur der Überlieferung“ fortschreiten, wobei wir von der Entstehung der Welt ausgehen wollen; sie wird das vorausschicken, was vor der Naturlehre zuerst durchgenommen werden muß, und wird zuvor die Schwierigkeiten beseitigen, die der folgerichtigen Behandlung im Wege stehen, damit die Ohren für die Aufnahme der wissenschaftlichen Überlieferung bereit seien, indem gleichsam das Land in sachverständiger Weise zuvor von den Disteln und allem Unkraut für die Anlage des Weinberges gereinigt ist.
3. Denn ein Kampf ist auch die Vorübung zum Kampf, und Mysterien sind auch die vor den Mysterien vollzogenen Weihen, und unsere Aufzeichnungen werden auch keine Bedenken tragen, die schönsten Stücke der Philosophie und der übrigen Vorstufen der Bildung zu verwenden.
4. Denn es ist nicht nur, wie der Apostel sagt, verständig, wegen der Hebräer und der unter dem Gesetz Stehenden ein Jude zu werden, sondern auch wegen der Griechen ein Grieche, auf daß wir alle gewännen.
5. Und in dem Brief an die Kolosser schreibt er: „Ermahnend jedermann und ihn in aller Weisheit unterrichtend, um einen jeden in Christus zur Vollkommenheit zu führen.“
§ 16
1. Aber auch sonst paßt für die Niederschrift unserer Denkwürdigkeiten der Schmuck der wissenschaftlichen Darstellung. So ist auch der Reichtum an ausgewählten Lesefrüchten den würzigen, der Speise eines Wettkämpfers beigemengten Zutaten zu vergleichen, der dadurch nicht Neigung zum Schwelgen, sondern die rechte Lust zum Essen bekommen soll. Beim Saitenspiel lassen wir doch auch die allzu starke Spannung des feierlichen Ernstes (wie zu stark gespannte Saiten) maßvoll nach.
2. Wie die, 24 die zum Volke reden wollen, dies oft durch einen Herold tun, damit das Gesagte besser vernehmbar werde, so müssen wir es auch hier machen; denn das Wort, das wir vor der eigentlichen Lehrüberlieferung sprechen, richtet sich an viele; wir müssen ihnen also die ihnen vertrauten Worte und Anschauungen vortragen, die ihnen immer wieder das laut zurufen, wodurch die Hörer leichter dazu gebracht werden, sich zu bekehren.
3. Und um es kurz zu sagen (denn unter den vielen kleinen Perlen ist „die eine“, und unter der Masse der gefangenen Fische ist der „Schönfisch“), mit der Zeit und mit Mühe wird die Wahrheit hervorleuchten, wenn sich ein guter Helfer findet; denn durch Menschen werden von Gott die meisten Wohltaten dargeboten.
§ 17
1. Nun sehen freilich wir alle, die wir unsere Augen gebrauchen können, das, was in ihr Gesichtsfeld rückt; aber die einen achten dabei auf dies, die anderen auf jenes. So sieht der Metzger und der Hirte das Schaf nicht unter dem gleichen Gesichtspunkt an; denn jener kümmert sich darum, ob es fett ist, dieser achtet darauf, ob es zur Zucht geeignet ist. Einer mag die Milch des Schafes melken, wenn er Nahrung braucht, und die Wolle mag er scheren, wenn er Kleidung nötig hat.
2. So soll mir auch die Frucht aus der Verwendung griechischer Weisheit erwachsen. Ich glaube nicht, daß irgend jemand eine Schrift für so gar glücklich hält, der niemand widerspricht; aber jene Schrift muß man für vernünftig halten, der niemand mit vernünftigen Gründen widerspricht. So darf man auch nicht eine Handlung oder eine Entscheidung loben, die von niemand getadelt wird, sondern die, an der keiner etwas mit Recht auszusetzen hat.
3. Und wenn einer eine Tat nicht um ihrer selbst willen ausführt, so folgt noch nicht sofort, daß er sie unter dem Zwang von äußeren Umständen vollführt, vielmehr wird er handeln, indem er auf 25 Grund seiner Kenntnis göttlicher Dinge eine Sache in Angriff nimmt und sich den Verhältnissen anpaßt; denn wer die Tugend bereits besitzt, hat den Weg zur Tugend nicht mehr nötig, und ebensowenig braucht der Starke Erholung.
4. Aber ebenso wie die Landleute zuerst den Boden bewässern und dann den Samen hineinlegen, so bewässern auch wir mit dem, was von den Lehren der Griechen trinkbar ist, ihr Erdreich, so daß es den darauf gestreuten geistigen Samen aufnehmen und ihn leicht zum Wachstum bringen kann.
§ 18
1. Die „Teppiche“ werden aber die Wahrheit stets mit den Lehren der Philosophie vermischt enthalten, vielmehr in sie verhüllt und in ihnen verborgen, wie in der Schale der eßbare Kern der Nuß steckt. Denn wie ich meine, ziemt es sich, daß die Samenkörner der Wahrheit allein für die Ackersleute des Glaubens aufbewahrt werden.
2. Ich kenne freilich ganz gut das Gerede mancher Leute, die törichterweise vor jedem Geräusch erschrecken und behaupten, man müsse sich nur mit dem Nötigsten und nur mit dem beschäftigen, was für den Glauben unentbehrlich ist, dagegen müsse man das, was darüber hinausgehe, und alles Überflüssige übergehen, da es unsere Kraft unnütz aufreibe und uns bei dem festhalte, was für das Endziel nichts beitrage.
3.Andere glauben sogar, daß die Philosophie vom Übel sei und zum Verderben der Menschen durch irgendeinen bösen Erfinder in unser Leben eingedrungen sei.
4. Ich werde aber in meinen ganzen „Teppichen“ zeigen, daß das Schlechte von Natur schlecht ist und nie irgend etwas Gutes hervorbringen kann; dabei werde ich zugleich andeuten, daß auch die Philosophie in gewisser Hinsicht ein Werk göttlicher Vorsehung ist.