§ 171
1. Nun soll niemand das Gesetz wegen der von ihm verhängten Strafen als nicht schön und gut verklagen. Denn wenn der als Wohltäter angesehen wird, der eine körperliche Krankheit beseitigt, so muß doch gewiß derjenige, der die Seele von Ungerechtigkeit frei zu machen sucht, um ebenso viel höher als Fürsorger angesehen werden, als die Seele wertvoller ist als der Körper.
2. Nun ertragen wir ja der Gesundheit unseres Körpers wegen Schneiden und Brennen und das Einflößen von bitteren Arzneien, und derjenige, der all dies bei uns anwendet, wird Retter und Arzt genannt, da er nicht infolge irgendeiner Mißgunst oder Feindschaft gegen den Kranken, sondern so, wie es die Lehren seiner Kunst gebieten, verfährt und sogar ganze Glieder entfernt, damit die gesunden nicht zusammen mit ihnen zugrunde gehen, und niemand wird die ärztliche Kunst der Bosheit zeihen.
3. Sollten wir da nicht der Seele wegen in gleicher Weise Verbannung oder Geldstrafen oder Gefängnis ertragen, wenn man nur aus der Ungerechtigkeit je Gerechtigkeit gewinnen kann?
4. Denn das Gesetz, das sich der Gehorsamen fürsorglich annimmt, erzieht zur Gottesfurcht, befiehlt das, was man tun soll, und sucht jeden von den Verfehlungen abzuhalten, indem es für die geringeren Verfehlungen Strafen auferlegt; wenn es aber jemand so beschaffen sieht, daß er unheilbar erscheint, weil er den Gipfel der Ungerechtigkeit erreicht hat, dann erst entfernt es aus Fürsorge für die anderen, damit sie nicht von ihm ins Verderben gezogen werden, gleichsam ein Glied des ganzen Körpers und tötet einen solchen Menschen zum größten Segen für die anderen.
§ 172
1. „Wenn wir vom Herrn gerichtet werden“, sagt der Apostel, „werden wir gezüchtigt, auf daß wir nicht 142 mitsamt der Welt verdammt werden.“
2. Zuvor schon hatte ja der Prophet gesagt: „Hart züchtigte mich der Herr, aber dem Tode gab er mich nicht preis.“ „Um dich seine Gerechtigkeit zu lehren, züchtigte er dich“, heißt es, „und versuchte er dich und ließ dich in der Wüste Hunger und Durst leiden, damit alle seine Rechte und Gerichte, die ich dir heute verkündige, in deinem Herzen offenbar werden, und du wirst in deinem Herzen erkennen, daß so, wie ein Mensch seinen Sohn erzieht, dich der Herr, unser Gott, erziehen wird.“
3. Um zu zeigen, daß das Beispiel bessert, sagt er sogleich: „Wenn ein Kluger sieht, wie ein Schlechter bestraft wird, so wird er dadurch selbst wirksam erzogen.“ Denn „Anfang der Weisheit ist die Furcht vor dem Herrn“.
§ 173
1. Es ist aber die größte und vollkommenste Leistung, wenn jemand einen anderen vom Übeltun zur Tugend und zum rechtschaffenen Handeln zu bekehren vermag; dieses ist es aber, was das Gesetz bewirkt.
2. Wenn daher jemand von Frevelsinn und Habgier überwältigt wurde und so in eine Art unheilbarer Krankheit geraten ist, so ist der Tod doch wohl eine Wohltat für ihn.
3. Eine solche wohltätige Wirkung geht von dem Gesetz aus, das die einen, wenn sie nur auf seine Worte hören wollen, aus Ungerechten zu Gerechten machen kann, die anderen aber von den Übeln, in die sie verstrickt sind, befreit.
4. Denen nämlich, die sich entschließen, sittsam und gerecht zu leben, verheißt das Gesetz unsterbliches Leben. „Die Kenntnis des Gesetzes ist ein Zeichen vortrefflicher Gesinnung“; und an einer anderen Stelle heißt es: „Schlechte Leute verstehen das Gesetz nicht; die aber den Herrn suchen,werden alles Gute verstehen.“
5. In der Tat muß die über alles waltende Vorsehung Macht und Güte in sich verbinden; denn beide Eigenschaften bewirken Heil, die eine als Trägerin der Macht, indem sie durch Strafen bessert, die andere als Wohltäterin, indem sie sich durch Gutestun als liebreich erweist.
6. Es ist aber für jeden möglich, daß er nicht „ein Sohn des Ungehorsams“ ist, sondern „aus der Finsternis zum Leben hindurchdringt“ und, indem er der 143 Weisheit sein Ohr öffnet, zuerst ein rechtschaffener Knecht Gottes ist, sodann ein treuer Diener wird,der Gott, den Herrn, fürchtet; wenn aber jemand noch weiter emporsteigt, so ist es möglich, daß er unter die Söhne (Gottes) aufgenommen wird; und wenn „die Liebe die Menge der Sünden zugedeckt hat“, so kann er, eingereiht in die auserwählte Kindschaft, die als von Gott geliebt bezeichnet ist, und herangewachsen in der Liebe, die Erfüllung seliger Hoffnung erlangen und sodann das Gebet singen und sagen: „Der Herr soll mein Gott sein.“
§ 174
1. Die wohltätige Wirkung des Gesetzes hat der Apostel in dem an die Juden gerichteten Schriftabschnitt dargelegt, indem er etwa so schreibt: „Wenn du dich einen Juden nennst und dich auf das Gesetz verlässest und dich Gottes rühmst und Gottes Willen kennst und, unterwiesen aus dem Gesetz, das, worauf es ankommt, zu prüfen verstehst und dir zutraust, ein Führer für Blinde zu sein, ein Licht für die in Finsternis Lebenden, ein Erzieher der Unverständigen, ein Lehrer der Unmündigen, weil du im Gesetz die Verkörperung der Erkenntnis und der Wahrheit besitzest, - -“
2. Denn daß dies die Wirkung des Gesetzes ist, wird allgemein zugestanden, wenn auch diejenigen, die ihren Lebenswandel nicht nach dem Gesetz richten, sich brüsten, als ob sie in dem Gesetze lebten. „Wohl dem Menschen, der Weisheit fand, und dem Sterblichen,der Einsicht gewann; aus ihrem Mund“, dem der Weisheit selbstverständlich, „kommt Gerechtigkeit; Gesetz und Mitleid trägt sie auf ihrer Zunge.“
3. Denn eines einzigen Herrn Werk, der „Kraft und Weisheit Gottes“ ist, ist das Gesetz sowohl wie das Evangelium; und die gleiche Furcht, die vom Gesetz erzeugt wurde, ist auch barmherzig, um zum Heile zu führen. „Barmherzigkeit und Treue und Wahrheit sollen dich nicht verlassen; hänge sie dir um den Hals!“
§ 175
1. Ebenso wie Paulus macht die Weissagung dem Volk den Vorwurf, daß es das Gesetz nicht verstehe: „Vernichtung und Elend ist auf ihren Wegen, und den Weg des Friedens kennen sie nicht.“ „Keine Gottesfurcht steht vor 144 ihren Augen“
2. „Während sie sich ihrer Weisheit rühmten, sind sie zu Toren geworden.“ „Wir wissen aber, daß das Gesetz vortrefflich ist, wenn man es dem Gesetz entsprechend (d.i. richtig) gebraucht. Jene Leute aber, die Gesetzeslehrer sein wollen, verstehen nicht“, sagt der Apostel, „weder was sie sagen, noch was sie mit Bestimmtheit versichern. Das Endziel der Heilspredigt ist aber Liebe aus reinem Herzen und gutem Gewissen und ungeheuchelten Glauben.“