Durch die wissenschaftlichen Arbeiten über oder eigentlich für Origenes, namentlich für die Übersetzung des origenistischen Werkes περὶ ἀρχῶν zog Rufinus immer mehr die allgemeine Aufmerksamkeit auf Origenes und zugleich auf sich. In Rom selbst entstanden zwei Parteien, eine für ihn und eine gegen ihn, welche letztere ihm die Ausbreitung des Origenismus zur Schuld legte. Ausserdem, daß Hieronymus gegen die ihm von Rufinus in der Vorrede seiner Übersetzung wegen der angeblichen Verehrung des Origenes gespendeten Lobsprüche protestirte, glaubte auch der P. Anastasius, der bisher, wie er selbst sagt, von Ori- 493 genes keine Notiz genommen hatte, sich jetzt, im J. 399, um die Sache annehmen zu müssen und citirte den Rufinus, der in seine Heimath Aquileja abgereist war, nach Rom. Rufinus kam nicht, entschuldigte aber sein Nichterscheinen und seine Rechtgläubigkeit durch den hier folgenden Brief. Ob sich der Papst damit in Betreff des Rufinus beruhigte oder ihn mit dem Banne belegte, ist zweifelhaft; gewiß ist dagegen, daß er den Origenes als einen Ketzer anathematisirte und andere Bischöfe ihm hierin beitraten.
Ich hörte, daß Einige, da sie bei deiner Heiligkeit Streitigkeiten bezüglich des Glaubens oder bezüglich anderer Fragen — ich weiß nicht welcher — erhoben, auch meinen Namen erwähnten. Deine Heiligkeit allerdings, welche gleichsam von der Wiege an in den Vorschriften der kirchlichen Überlieferung herangebildet wurde, lieh in Betreff des Abwesenden und ihr im Glauben und in der Liebe Gottes Bekannten den Verleumdern nicht ihr Ohr. Da jedoch die Nachricht von der Gefährdung meines Rufes an mich gelangte, hielt ich es für billig, daß ich, da ich eben nach 30 Jahren meinen Elternwiedergegeben bin und es allzu hart und unmenschlich wäre, sie so schnell zu verlassen, die ich sie so spät erst wiedergesehen, da ferner die Mühe einer so langen Reise mich zur Wiederholung von Strapazen zu sehr schwächte, deiner Heiligkeit schriftlich genügen möge, 494 nicht damit ich aus deiner heiligen Seele, welche wie ein Heiligthum Gottes etwas Ungehörigem ganz unzugänglich ist, die Makel des Argwohnes entferne, sondern daß ich für meine mich (wie Hunde) anbellenden Feinde den Stock meines Bekenntnisses darbiete, mit dem sie abgewehrt werden können.
Obwohl also unser Glaube zur Zeit der Verfolgung durch die Häretiker, da wir in der heiligen alexandrinischen Kirche lebten, im Kerker und Exil das um des Glaubens willen (über uns) verhängt wurde,bewährt ist, so möge dennoch auch jetzt Jeder, der unseren Glauben zu prüfen oder zu hören oder kennen zu lernen wünscht, wissen, daß wir bezüglich der Dreifaltigkeit also glauben, daß sie einer Natur sei, einer Gottheit, einer und derselben Kraft und Wesenheit, daß zwischen dem Vater und dem Sohne und dem hl. Geiste durchaus kein anderer Unterschied bestehe, als daß Jener Vater ist und Dieser Sohn und Jener heil. Geist, eine Dreifaltigkeit den bestehenden Personen nach, eine Einheit der Natur und Wesenheit nach.
Wir bekennen auch, daß der Sohn Gottes am Ende der Tage aus der Jungfrau und dem hl. Geiste geboren wurde, daß er das Fleisch und die Seele der menschlichen Natur angenommen habe, in welcherer gelitten hat, be- 495 graben wurde und von den Todten auferstand, da er in eben demselben Fleische erstand, welches in das Grab gelegt worden war; mit welchem Fleische und zugleich mit der Seele er nach der Auferstehung in den Himmel auffuhr, von wo seine Ankunft erwartet wird zum Gerichte über die Lebendigen und über die Todten.
Aber auch bezüglich der Auferstehung unseres Fleisches bekennen wir richtig und vollkommen, daß sie (eine Auferstehung) eben desselben Fleisches sein werde, in welchem wir jetzt leben. Wir sagen nicht, wie Einige uns verleumden, daß ein anderes statt dessen auferstehen werde, sondern daß dieses selbst (auferstehen werde), ohne daß ihm irgend ein Glied abgeschnitten oder irgend ein Theil des Korpers abnommen wird, so daß ihm von seiner Natur durchaus Nichts abgeht, ausser allein die Verweslichkeit. Denn Dieß verheißt der hl. Apostel,daß der Leib gesäet wird in Verweslicbkeit und aufersteht in Unverweslichkeit, daß er gesäet wird in Schwachheit, aufersteht in Kraft, gesäet wird in Unehre, aufersteht in Herrlichkeit, und daß gesäet wird ein thierischer Leib, aufersteht ein geistiger Leib. Das ist uns über die Auferstehung von Jenen gelehrt worden, von welchen wir die hl. Taufe in der aquileiensischen Kirche erhielten, was ebenso, wie ich glaube, auch der apostolische Stuhl zu überliefern und zu lehren pflegt.
Wir sagen auch, daß ein Gericht sein wird, bei welchem Gerichte ein Jeder empfangen wird. je nachdem er Gutes oder Böses gethan hat, an seinem Leibe. Wenn aber die Menschen nach Verdienst ihrer Werke empfangen werden, 496 um wie viel mehr erst der Teufel, welcher für Alle die Ursache der Sünde ward, von dem wir auch wissen, was im Evangelium geschrieben ist: „daß der Teufel und alle seine Engel" mit denen, welche seine Werke thun, d. i. die Brüder anklagen, zugleich mit ihm dasselbe Erbe des ewigen Feuers erhalten werden! Wenn also Jemand leugnet, daß der Teufel das ewige Feuer verdiene, der empfange mit ihm seinen Theil am ewigen Feuer, damit er fühle, was er geleugnet.
Ich höre, daß auch über die Seele Fragen aufgeworfen wurden. Ob hierüber eine Anklage anzunehmen oder zurückzuweisen sei, möget ihr prüfen. Frägt man mich aber um meine Ansicht, so gestehe ich, daß ich über diese Frage bei sehr Vielen verschiedene Abhandlungen gelesen habe. Ich las Einige, welche sagen, daß ebenso wie der Körper durch die Ergießung des menschlichen Samens, so auch die Seele ausgegossen werde und Dieß durch alle möglichen Behauptungen bekräftigten. Dieser Ansicht waren, wie ich glaube, unter den Lateinern Tertullianus, auch Lactantius,vielleicht auch noch Andere. Andere behaupten, daß für die im Leibe gebildeten Körper Gott täglich die Seelen erschaffe und ihnen eingieße; Andere, daß er die seit Langem, das ist, damals, als Gott Alles aus dem Nichts erschuf, erschaffenen (Seelen) nun nach seinem Willen dem Leibe mittheile. So denkt hierüber auch Origenes und einige andere Griechen. Ich aber sage vor Gott als Zeugen, daß ich nach Durchlesung dieser einzelnen (Meinungen) bis jetzt keine bestimmte und endgiltige Ansicht über diese Frage 497 festhalte, sondern ich überlasse es Gott zu wissen, was der Wahrheit entspricht, und dem, welchem etwa Gott Dieß zu offenbaren sich würdigen wird. Ich aber leugne es nicht. Dieß alles gelesen zu haben, und bekenne, daß ich bisher Nichts weiß, ausser dem, was die Kirche deutlich lehrte, daß Gott der Schöpfer der Seelen sowohl als der Körper sei.
In der That, weil ich höre, daß auch darüber verhandelt wurde, weil ich einige (Schriften) des Origenes, von den Brüdern dazu aufgefordert, aus dem Griechischen in’s Latein übersetzt habe, erkennen nach meiner Ansicht Alle, daß Dieß aus bloßem Neide gerügt wird. Denn gibt es Etwas, das am Autor mißfällt, warum wird es dem Übersetzer zur Last gelegt? Wie es im Griechischen steht, sollte ich es im Latein zeigen. Dem griechischen Inhalte gab ich nur lateinische Worte. Verdienen also jene Sätze irgendein Lob, so ist es nicht meines; verdienen sie eine Rüge, so geht sie ebenso wenig mich an. Überdieß habe ich, wie ich in meiner Vorrede erklärte, auch das gethan, daß ich, so viel als möglich, Einiges ausmerzte, doch (nur) Jenes, von dem ich vermuthete, daß es nicht von Origenes selbst so gesagt, sondern von Anderen eingeschoben worden sei, und zwar deßhalb, weil ich über dieselben Gegenstände an anderen Orten einen katholischen Ausspruch desselben Verfassers gelesen hatte. Niemand also möge mir deßhalb, ich bitte dich, heiliger und ehrwürdiger und seliger Vater, mißgünstig sein, Niemand Parteiungen und Schmähungen verursachen, weil in der Kirche Gottes Solches nicht gestattet ist. Wo soll denn die Einfalt und Unschuld sicher sein, wenn sie nicht da es ist? Bin ich doch weder der Ver- 498 theidiger des Origenes noch dessen Beschützer noch der erste Übersetzer; Andere vor mir hatten Dasselbe gethan, auch ich habe es gethan als der Letzte, aufgefordert von den Brüdern. Wird angeordnet, daß Etwas nicht geschehe, so pflegt der Befehl für die Zukunft beobachtet zu werden. Sind aber auch die schuldig, welche es vor dem Befehle’ gethan haben, so beginne die Beschuldigung bei den Ersten.
Denn ausser jenem Glauben, welchen ich oben erklärt habe, d.i. dem, welchen die römische und alexandrinische Kirche und unsere aquileiensische festhält, der auch in Jerusalem gepredigt wird, hatte ich weder je einen anderen, noch habe ich (einen solchen) im Namen Christi, noch werde ich (einen) haben. Wer immer anders glaubt, sei er wer immer, der sei im Banne. Rechenschaft aber werden am Tage des Gerichtes Jene geben, welche Anstoß, Zwist und Ärgerniß bei den Brüdern verursachen einzig aus Neid und Mißgunst.