Anastasius, der Bischof, (sendet) allen germanischen und burgundischen Bischöfen Gruß im Herrn.
Auf euere an uns, als das Haupt, gerichteten Anfragen können wir anderer Geschäfte halber nur kurz antworten. Ihr habt uns berichtet, daß einige Priester in der Kirche beim Lesen der Evangelien sitzen und die Worte des Herrn nicht stehend, sondern sitzend anhören und sich hiefür auf die Tradition der Vorfahren berufen. Das duldet fürder nicht mehr und befehlen wir mit apostolischer Auctorität, daß, während die hl. Evangelien in der Kirche gelesen werden, die Priester und alle Übrigen nicht sitzend, sondern ehrerbietig verneigt im Angesichte des Evangeliums stehend die Worte des Herrn aufmerksam anhören und gläubig ver- 507 ehren.„ „Überseeische,bezüglich welcher ihr uns befragtet, wollet in die Würde des Klerikates nicht aufnehmen, wenn sie nicht durch die Unterschriften von fünf oder noch mehr Bischöfen ausgewiesen sind, weil Vieles durch Unterschleif zu geschehen pflegt.“Warnung vor der Gemeinschaft mit den Manichäern; er habe deren Viele in Rom entdeckt, einen Theil derselben bekehrt, die Unverbesserlichen seien verbannt worden. Sie mögen ihre Heerden wohl bewachen und hüten vor diesen Feinden, daß nicht viele Schwache durch Jene irregeführt würden. Gruß.
Dem geliebtesten Bruder Nerianus (sendet) Anastasius (seinen Gruß).
Anastasius lobt den Nerianus wegen seines Glaubens, seiner Frömmigkeit und der den Priestern seiner Gegend gewährten Unterstützungen. An dem Verluste seiner Eltern nimmt er den innigsten Antheil, tröstet und ermahnt ihn, sich nicht allzu großem und unchristlichem Schmerze hinzugeben. Denn „allenfalls haben Diejenigen eine gerechte Entschuldigung für einen langen Schmerz, welche das andere Leben nicht kennen, welche auf den Übergang aus dieser Welt in eine bessere nicht hoffen. Wir aber, die wir es kennen, die wir es glauben und lehren, dürfen über die Dahingehenden nicht allzu sehr trauern, damit nicht, was bei Anderen den Schein von Liebe hat, uns vielmehr zur Sünde gerechnet werde. Ist es doch ein Art Mißtrauen gegen das, was jeder die Gerechtigkeit liebende Prediger ver- 508 langt nach dem Worte des Apostels:„Wir wollen euch aber über die Entschlafenen nicht in Unwissenheit lassen, damit ihr nicht trauert gleich den Übrigen, welche die Hoffnung nicht haben."Nochmalige Ermahnung, die Trauer abzulegen und sich einem durch Freude gekräftigten Leben zu seinem und der Kirche Nutzen wiederzugeben.
Nebst den drei aus Pseudoisidor entlehnten Decreten citirt Gratian unter Anastasius’ (des wie vielten?) Namen noch Folgendes:
1. Wir verordnen, daß, wenn Jemand die Opfergaben der Kirche oder die Zehenten, welche das Volk geben muß, zu behalten sucht oder ausserhalb der Taufkirche vertheilen will ohne Wissen des Bischofes oder Desjenigen, der mit diesen Geschäften betraut ist; und nicht mit deren Rath handeln will, er (das Strafgeld zahlen und) der Gemeinschaft beraubt werden soll.
2. Das schon oben aus dem pseudoisidorischen Briefe des P.Damasus an Stephanus unter Nr.9 (S. 382 u. 384) angeführte Decret ist bei Gratian unter „Anastasius et Damasus Papa“ citirt. 509