Dieses Schreiben sandte der Papst dem Bischofe Johannes als Antwort auf dessen Anfrage, ob Rufinus wegen der Übersetzung der Bücher des Origenes περὶ ἀρχῶν zu verurtheilen sei. In demselben wird Origenes vom Papste entschieden als Häretiker verurtheilt, über Rufinus aber gesagt, daß er nur dann für schuldig zu erkennen sei, wenn er die Übersetzung in böser Absicht, um Origenes zu loben und zu vertheidigen, gemacht hätte; daß Anastasius über die Gesinnung des Rufinus im Reinen war, ist nirgends gesagt, daher auch nicht sicher, ob er ihn verurtheilt habe. Rufinus aber hielt diesen Brief für ein dem Papste von Hieronymus unterschobenes Machwerk, worüber ihn Hieronymus in sarkastischer Weise (lib. 2. adv. Ruf.) zur Rede stellt. Der Brief ist nach Hieronymus in dem dem Tode des Anastasius vorhergehenden Jahre geschrieben, also im J. 400 oder höchstens 401. 502
Es ist jedenfalls ein Beweis deiner vortrefflichen Gesinnung, daß du als Priester über einen Priester dich lobend aussprichst. Für die so große Lobpreisung, welche du meinen Verdiensten in so überreichem Maße zu Theil werden ließest, sage ich sowohl deiner Liebe Dank, wie auch dem Glanze deiner Heiligkeit und den Tugenden, welche du im Herrn besitzest, einigermaßen das anerkennende Wort unserer Wenigkeit folgt. Denn so sehr strahlst du, trefflichster aller Männer, im Glanze deines Lobes, daß dem Verdienste das Wort nicht entsprechen kann. So viele Gründe aber fordern mich (zu deinem Lobe) auf, daß ich zu unternehmen nicht ablasse, was ich (würdig) zu leisten ausser Stande bin. Schon das gereicht dir zum Ruhme, daß du mich nur wegen der Reinheit jener himmlischen Gesinnung gelobt hast. Denn deine Bischofswürde, erhaben und über den weiten Erdkreis hin gleichsam strahlend, warf den Schimmer ihres Glanzes auch bis zu uns. Du schenkst mir deine ganze Freundschaft ohne alle Prüfung. Oder, wenn du mit Recht mich lobst, solltest du nicht ebenso wieder Lob verdienen? In beider Hinsicht beschwöre ich dich, abzustehen von meinem Lobe; denn eine doppelte Ursache zwingt mich (zu dieser Bitte), damit nicht der Seele deines Mitpriesters entweder das falsche Lob Schmerz verursache oder das wahre die Schamröthe hervorbringe.
Doch damit ich zu (unserem) Gegenstande zurückkehre: Rufinus, über welchen du mich zu befragen geruhtest, hat die göttliche Majestät zur Schiedsrichterin seines Gewissens. 503 vor welcher er sich selbst mit aller Ehrfurcht verantworten möge.
Was aber Origenes, dessen Werke er in unsere Sprache übersetzte, vorher gewesen, und welche Ansichten er ausgesprochen habe, steht unserem Vorhaben ferne;doch wie ich hierüber denke, will ich in Kürze mit deiner Heiligkeit besprechen. Das also ersah ich, was der Bevölkerung unserer Stadt das Lesen bezüglich der übersetzten (Bücher) des Origenes offenbarte, daß Jenerwie durch einen über den reinen Geist sich lagernden blind machenden Nebel den durch die Überlieferung der Apostel und Vorfahren bekräftigten Glauben durch verschiedene Redewendungen habe zerstören wollen.
Es ist hier am Platze, kennen zu lernen, was es mit der Übersetzung in die römische Sprache für eine Bewandtniß habe. Ich billige sie, wenn sie den Autor anklagt und dem Volke die verabscheuungswürdige That vorstellt, damit endlich mit Recht gehaßt werde, den der Ruf schon längst gezeichnet hatte. Wenn aber der Übersetzer zu so großem 504 und vielem Bösen zustimmt und es dem Volke bekannt gibt, damit sie es lesen sollen, so hat er durch seine Arbeit nichts Anderes erzweckt, als daß er mit seinem eigenen Willen das, was allein, was vor Allem, was bei den katholischen Christen im wahren Glauben schon von den Aposteln her bis auf unsere Zeit festgehalten wird, auf Grund einer unerhörten Behauptung zerstöre.
Das sei ferne von der katholischen Lehre der römischen Kirche! Niemals wird es in der That geschehen, daß wir auf irgend eine Weise zulassen, was wir nach Recht und Gebühr verurtheilen. Deßhalb wird jene Vorsehung Christi, unseres Gottes, welche sich über die ganze Erde erstreckt, es zu rechtfertigen sich würdigen, daß wir durchaus Nichts billigen können, was die Kirche befleckt, gute Sitten zerstört, die Ohren der Umstehenden verletzt, Streit, Haß und Zwietracht verursacht. Was für ein Schreiben unsere Wenigkeit deßhalb an unseren Bruder und Mitbischof Venerius mit genauerer Sorgfalt geschrieben und übersendet habe, wirst du aus dem Beigefügten ersehen können. Darum möge es jener Übersetzer mit sich abmachen und sein Gewissen wahren; ich gebe mich keiner überflüssigen Furcht noch einem leeren Schrecken hin. Ich werde es gewiß nicht an Sorgfalt fehlen lassen, den evangelischen Glauben unter meinem Volke zu bewachen und auch die über die verschiedenen Räume der Erde (ausgebreiteten) Glieder meines Leibes nach Kräften brieflich zu ermahnen, daß nicht eine fremde Übersetzung sich einschleiche, welche fromme Seelen durch ihre Finsterniß zum Wanken zu bringen versuchen möchte. Auch das, worüber ich mich freue, kann ich nicht 505 verschweigen, daß eine Antwort unserer seligsten Herrscher ergangen sei, durch welche ein jeder Diener Gottes von der Lesung des Origenes abgemahnt wird, und daß ein Jeder durch den Ausspruch der Herrscher verurtheilt sei, welchen die gottlose Lesung als Schuldigen verräth.Dieß nun ist meine Ansicht.
Daß dich aber die Klage der Menge über Rufinus beunruhigt, so daß du Einige mit leerem Argwohn verfolgst, diese deine Meinung will ich durch ein Beispiel der göttlichen Schrift rügen, wo es heißt: „Nicht so wie Gott ist der Mensch; denn Gott steht in das Herz, der Mensch in’s Angesicht." Daher laß’, theuerster Bruder, allen Argwohn bei Seite und erwäge selbst, ob Rufinus die Worte des Origenes in’s Latein übersetzte und billigte; nicht unähnlich ist dem Schuldigen, wer fremden Fehlern zustimmt. Das aber mögest du wissen, daß ervon unseren Theilenderart fern gehalten wird, daß wir wünschen, es gar nicht zu erfahren, was er thut, und wo er ist. Er selbst möge endlich sehen, wo er freigesprochen werden könne. 506