Wo fände sich da noch eine Verteidigung, wo noch ein Beweis für die Gottheit solcher Figuren auf seiten derer, die in diesem Götzenwahn befangen sind? Denn aus dem eben erst Gesagten schloß die Vernunft, daß sie Menschen sind, und zwar keine ehrenwerten. Doch vielleicht wollen sie sich jetzt darauf hinausreden und stark pochen auf die von ihnen gemachten praktischen Erfindungen und behaupten, sie würden deshalb auch für Götter gehalten, weil sie den Menschen nützlich geworden sind. Zeus soll ja die Plastik, Poseidon die Kunst des Steuermannes, Hephäst das Schmiedehandwerk, Athene die Webekunst, Apollo die Musik, Artemis die Jagd, Hera die Bekleidungskunst, Demeter den Ackerbau und andere wieder andere Künste erfunden haben, wie die Schriftsteller von ihnen berichtet haben. Doch diese und derlei Künste hätten die Menschen nicht ihnen allein gutschreiben sollen, sondern der allgemeinen Menschennatur, dank deren Beobachtungsgabe die Menschen die Künste erfinden; denn die Kunst, heißt es allgemein, ist Nachahmung der Natur. Wenn sie also in den Künsten, mit denen sie sich abgaben, bewandert geworden sind, so braucht man sie deshalb auch nicht für Götter zu halten, sondern viel eher für Menschen. Denn nicht von ihnen sind die 558 Künste ausgegangen, vielmehr haben die Menschen dabei die Natur nachgeahmt. Denn da die Menschen laut Definition von Natur für die Wissenschaft empfänglich sind, so ist es kein Wunder, wenn sie selbst mit ihrem menschlichen Verstand auf ihre eigene Natur sahen und auf einfache Beobachtung hin die Künste erfanden. Oder wenn sie es billig finden, jene dank der Erfindung der Künste als Götter anzusprechen, so muß man auch die Erfinder der übrigen Künste Götter nennen, und zwar mit demselben Recht, mit dem auch jene dieses Namens gewürdigt wurden. Denn das Alphabet erfanden die Phönizier, das Heldenepos Homer, die Dialektik der Eleate Zeno, die Rhetorik Korax von Syrakus, die Bienenzucht Aristäus, die Aussaat des Weizens Triptolemos, die Gesetze Lykurg von Sparta und Solon von Athen; die Verbindung der Buchstaben und die Zahlen, Maße und Gewichte erfand Palamedes. Wieder andere brachten andere und verschiedenartige für das menschliche Leben nützliche Entdeckungen, wie die 559 Geschichtschreiber uns bezeugen. Wenn also die Künste zu Göttern erheben, und dank ihnen es geschnitzte Götter gibt, so müssen auch die späteren Erfinder von Künsten wie jene Götter sein. Oder aber sie würdigen diese nicht göttlicher Ehre, sondern betrachten sie als Menschen, dann folgt, daß man auch Zeus, Hera und die anderen nicht Götter zu nennen, sondern zu glauben hat, daß auch sie Menschen gewesen, und dies um so mehr, da sie nicht einmal ehrwürdig waren, wie sie auch schon durch die Anfertigung von Bildwerken beweisen, daß sie nichts weiter als Menschen gewesen sind.