Athanasius von Alexandrien · Contra Gentes · Kapitel 9
Kaum war nämlich der menschliche Geist von Gott abgekommen, da sanken die Menschen in ihrer Einsicht und in ihrem Urteil und übertrugen die Gott schuldige Ehre zuerst auf den Himmel, die Sonne, den Mond und die Sterne, und sie hielten diese Gestirne nicht nur für Götter, sondern auch für die Begründer der übrigen, zeitlich späteren Dinge. Dann sanken sie in ihrem verfinsterten Urteil noch tiefer und nannten den Äther, die Luft und die Erscheinungen in der Luft Götter. Noch weiter gingen sie im Bösen und priesen schon auch die Elemente und Urstoffe der Körperbildung, die Wärme, die Kälte, die Trockenheit und Feuchtigkeit als Götter. Wie aber die, die ganz hinfallen, nach Art der Erdschnecken auf der Erde kriechen, so haben die Gottlosesten unter den Menschen, nachdem sie gefallen und von der Vorstellung (des wahren) Gottes abgekommen waren, nunmehr Menschen und Gestalten von Menschen, sei es noch während ihres Lebens, sei es nach ihrem Tode unter die Götter versetzt. Ja, als ihr Sinnen und Trachten noch verkommener wurde, übertrugen sie gar auf Steine und Holzstücke, auf Kriechtiere im Wasser und auf dem Land und auf unvernünftige wilde Tiere den göttlichen und überirdischen Namen Gottes, erwiesen ihnen alle göttliche Ehre und kehrten sich ab vom wahren und wahrhaft seienden Gott, dem Vater Christi. 543 Aber wäre doch wenigstens die Verwegenheit der Toren hierbei stehen geblieben, und hätten sie sich doch nicht noch mehr erniedrigt und mit Gottlosigkeit befleckt! Einige sanken ja geistig gar so tief, und ihr Verstand wurde so sehr verfinstert, daß sie sogar Dinge, die überhaupt nie und nirgends existieren und in der Welt vorkommen, gleichwohl sich einbildeten und zu Göttern erhoben. Sie vermischten vernünftige Wesen mit unvernünftigen, kombinierten naturverschiedene Dinge und verehren sie als Götter. Dahin gehören bei den Ägyptern die Götter mit Hunds-, Schlangen- und Eselsköpfen, bei den Libyern Ammon mit dem Widderkopf. Wieder andere nahmen die Körperteile: Haupt, Schulter, Hand und Fuß für sich gesondert, versetzten einen jeden unter die Götter und verehrten ihn göttlich, wie wenn sie nicht genug hätten an ihrem Kult für den ganzen, ungeteilten Körper. Andere treiben die Gottlosigkeit noch weiter: sie vergöttern und verehren den Lockruf zur Erfindung dieser Götter und zu ihrer eigenen Bosheit, die Lust und die Begierde. So liegt es bei ihrem Eros und der Aphrodite in Paphos. Andere bei ihnen erkühnten sich, als wollten sie sich in der Schlechtigkeit überbieten, ihre Regenten oder deren Kinder unter die Götter zu versetzen, bald aus Verehrung gegen die Herrscher, bald aus Furcht vor deren Tyrannei: Dahin zählen ihr hochberühmter Zeus auf Kreta, und der arkadische Hermes, bei den Indern Dionysos, bei den Ägyptern 544 Isis, Osiris und Oros und jetzt Antinous, der Liebling des römischen Kaisers Hadrian, den sie wohl als einen Menschen kennen, und dazu als einen Menschen, der statt ehrwürdig zu sein voll Geilheit war, den sie aber doch verehren aus Furcht vor dem, der es gebot. Als nämlich Hadrian in Ägypten weilte, befahl er die Verehrung des verstorbenen Antinous, des Werkzeuges seiner Lust, weil er den Knaben auch nach dem Tode noch liebte — übrigens zugleich ein konkreter Beweis und das Zeugnis dafür, daß eben alle Idololatrie bei den Menschen nicht anderswie aufkam als auf dem Wege der Begierlichkeit auf seiten derer, die sie gestalteten, wie auch schon die Weisheit Gottes bezeugt: „Der Anfang der Unzucht ist die Erfindung der Götzen“. Doch wundere dich nicht und halte das Gesagte nicht für so unglaublich, wo doch noch unlängst oder vielleicht bis 545 in die Gegenwart herein der römische Senat die Regenten, die je einmal seit Anfang über die Römer geherrscht haben, alle oder in beliebiger Auswahl unter die Götter dekretiert und ihre göttliche Verehrung vorschreibt. Denen sie nämlich nicht gewogen sind, die geben sie als von Natur feindlich aus und nennen sie Menschen; die sie aber sympathisch finden, diese sollen wegen ihrer Tugend verehrt werden, als stünde es in ihrer Macht, Götter zu schaffen, sie, die doch selbst Menschen sind und ihre Sterblichkeit nicht leugnen können. Sie müßten aber, wenn sie Götter schaffen wollen, zuerst selbst Götter sein. Denn das erschaffende Prinzip muß höher stehen als das Ding, das gemacht werden soll: der Richter muß über dem stehen, den er richtet, und der Geber gibt jedenfalls nur, was er hat, wie gewiß auch jeder König nur verleiht, was er hat, und mächtiger und größer ist als der Empfänger. Wenn sie aber die als Götter kanonisieren, die sie haben wollen, so müßten sie erst selbst Götter sein. Doch das Auffallende daran ist, daß sie als Menschen selbst auch sterben und damit ihren Beschluß über die von ihnen Vergötterten als trügerisch verwerfen.