und daß die Evangelisten, ohne sich zu widersprechen, die Ereignisse bei der Auferstehung des Emmanuel in verschiedener Weise erzählen.
322 Diese Rede sucht den bekannten scheinbaren Widerspruch der vier Evangelisten in Betreff des Zeitpunktes der Auferstehung Christi auszugleichen. Einfach wird dieser Widerspruch durch die Bemerkung gehoben, daß die Evangelien überhaupt den Zeitpunkt der Auferstehung nicht bestimmt angaben, sondern nur sagten, wann die Frauen und Apostel zum Grabe kamen. Diese aber seien eben zu verschiedenen Zeitpunkten dahin gekommen. Den Zeitpunkt der Auferstehung Christi versetzt der Redner in die Nacht vom Samstag auf den Sonntag, in Widerspruch mit der vorhergehenden Rede, in welcher der Abend des Samstags als die Zeit der Auferstehung angenommen wird, 323 und Tillemont meint deßhalb, es könnten nicht beide Reden zugleich von Gregor von Nyssa sein, wenn man nicht annehmen wolle, er habe über diesen Punkt seine Meinung geändert. Letzteres wäre wohl möglich, zumal da der Redner in der vorhergehenden Rede sagt, er wolle nicht eine feste Behauptung, sondern nur eine Muthmaßung aussprechen.
§ 1
So ziemlich Alle, meine Geliebten, geben zu, daß die Lesung der heiligen Evangelien über die Auferstehung unseres großen Gottes und Heilands Jesus Christus in der Nacht des Herrn in entsprechender Weise von uns eingeführt worden sei. Einige aber geben den Nutzen zu, behaupten aber, indem sie auf die Sache gründlicher Acht zu geben vermeinen, daß sie verwirrt würden, weil die Evangelisten über den gleichen Gegenstand nicht das Gleiche, sondern Entgegengesetztes berichteten und so den Zuhörer mehr zum Unglauben verleiteten. Denn welchem soll man glauben, dem Matthäus, welcher schreibt, daß die Auferstehung am Abend der Sabbate geschehen sei, oder dem Johannes, der erzählt, daß sich dieß Nämliche am Morgen, als es noch dunkel war, zugetragen habe, oder dem Lukas und Markus, von denen der Eine die erste Morgenröthe, der Andere den Aufgang der Sonne als eben diesen Zeitpunkt bezeichnet? Zur Lösung der vorliegenden Schwierigkeit und der übrigen Fragen, die bei der Untersuchung des Gesagten auftauchen, müssen wir, wenn wir auch schwach sind, vom auferstandenen Gotte uns erwecken lassen und eine deutliche Erklärung geben. Denn der, welcher den Samen der Lesung in den Ohren Aller ausgestreut, hat mit Recht auch über die daraus entspringenden Fragen Rechenschaft zu geben. Ich werde nun versuchen das zu thun und aus den Einwendungen 324 der Zweifler selbst die Lösung herbeizuführen. Die heiligen Verfasser der Evangelien sagten nämlich nicht, „am Abend der Sabbate,“ oder nachdem der größte Theil der Nacht vorüber war, oder hinwiederum „zur Zeit der Morgenröthe“ oder „beim ersten Morgenstrahl“ sei der Herr auferstanden. Denn nur dann ständen die Schriftsteller unter einander in Widerspruch, indem sie für das Eintreten eines Ereignisses nicht auch* einen,* sondern* mehrere* Zeitpunkte angäben. Nur von den Frauen schrieben sie das eine Mal, daß sie zu dieser, das andere Mal, daß sie zu jener und nicht zur nämlichen Zeit am Grabe gewesen, (wie auch anders, da sie zu verschiedener Zeit hingingen?) und daß sie alle in gleicher Weise von den Engeln in Betreff des Erlösers hörten: „Er ist auferstanden und nicht hier,“ ohne Hinzufügung der Zeit, so daß mit Uebereinstimmung und ohne Widerspruch in jene göttliche Nacht die Auferstehung versetzt wird, Keiner aber die Stunde angibt, die Allen unbekannt ist ausser dem auferstandenen Gotte und dem Vater, der allein den Sohn so kennt, wie er selbst vom Sohn erkannt ist, und dem Geiste, der Alles, auch die Tiefen Gottes erforscht. Denn Matthäus hat gesagt, daß Maria Magdalena und die andere Maria am Abend der Sabbate sich aufgemacht haben, das Grab zu sehen, daß ein großes Erdbeben entstanden, daß ein Engel vom Himmel herabgestiegen sei, dessen Gestalt wie der Blitz, und dessen Kleid wie der Schnee, um durch das Furchtbare der Erscheinung die Wächter zu erschrecken, die auch den Anblick nicht ertrugen und beinahe umkamen und vor Furcht todt zur Erde fielen, durch den Glanz aber die Frauen herbeizulocken und ihnen, die von Natur schüchtern und furchtsam waren, Muth einzuflößen und schon in der äussern Erscheinung die Auferstehung auf fröhliche Weise zu verkünden. Denn deßhalb war er auch abgesendet worden. Als er nämlich den Stein weggewälzt hatte, fand er, daß der Herr auferstanden sei und das verschlossene mit Siegeln verwahrte und von den Soldaten bewachte Grab in göttlicher Weise verlassen habe, wie er auch bei verschlossenen Thüren den Jüngern in ihrer Wohnung erschien. 325 Deßhalb sagte der Engel auch: ,Er ist nicht hier, sondern auferstanden,“ indem er andeutete, daß vor seiner Ankunft die Auferstehung des Erlösers in wunderbarer Weise geschehen sei, die er als Gott durch eigene Kraft vollführte und so die Heilsordnung wirkte, ohne des Beistandes eines Engels zu bedürfen. Denn wäre das nicht der Fall gewesen, würde er gesagt haben: Sieh, er steht von den Todten auf, indem er ausgesprochen hätte, was im Augenblicke vor sich ging. Da es aber früher geschehen war, sagte er, indem er die vergangene Zeit gebrauchte: Er ist nicht hier, sondern ist auferstanden. Und daraus geht hier auch deutlich hervor, daß die Apostel bei der Verkündigung des Evangeliums wegen der Schwachheit Derer, zu denen sie redeten, sagten, daß Christus vom Vater auferweckt worden sei, und auf diese Weise ihre Worte verständlich machten, der Engel aber, der in die Worte, welche die Freudenbotschaft der Auferstehung meldeten, ausbrach, die der Gottheit ganz würdige Macht des Auferstandenen unverhüllt ans Licht stellte und ausrief: Er ist nicht hier, sondern ist auferstanden. Und daß es heißt, er sei vom Vater auferweckt worden, wird, wie ich sagte, durch die Schwäche Derer veranlaßt, zu denen er spricht, hat aber den nämlichen Sinn und keinen andern. Denn worin ist der Vater thätig? Offenbar in seiner eigenen Kraft. Welches ist aber die Kraft des Vaters? Niemand anders als Christus. Denn Christus ist Gottes Kraft und Gottes Weisheit. Es hat also der Erlöser sich selbst auferweckt, wenn es auch heißt, daß er vom Vater sei auferweckt worden. Der Abend der Sabbate aber bedeutet nicht den Abend nach Sonnenuntergang. Denn er sagt nicht in der Einheit: am Abend des Sabbats, sondern in der Mehrheit: am Abend der Sabbate. Die Sabbate aber pflegen die Hebräer die ganze Woche zu nennen. So sagen z. B. gleich die Evangelisten „am ersten der Sabbate“ statt am ersten 326 Tage der Woche. So haben wir es ja auch in der Gewohnheit und nennen den zweiten und dritten der Sabbate den zweiten und dritten Tag der Woche. Er sagte nun nicht „spät am Sabbat“ oder „am Abend des Sabbats“, um den Abend jenes Sabbats zu bezeichnen, sondern spät an den Sabbaten, um die spätere und weit entfernte Zeit zu bezeichnen. Denn wir pflegen wohl manchmal auch zu sagen: Du kommst spät in der Zeit oder in später Stunde oder spät zum Geschäfte, und wir bezeichnen nicht den Abend und die Zeit nach Sonnenuntergang, sondern geben auf diese Weise zu erkennen, daß es zu spät geschehen sei, später als es nöthig und die rechte Zeit war. Und spät an den Sabbaten bedeutet weiter hinaus und später als das Ende der Woche. Jede Woche aber geht zu Ende mit dem Sonnenuntergang des Sabbats. So deutet auch Matthäus den weiten Abstand der Zeit vom Ende der vollendeten Woche an und fügt, wie um seine Worte genauer zu erklären, hinzu: „Welcher leuchtet an dem ersten der Sabbate.“ Es war, sagt er, die Nacht so weit vorgerückt, daß es um die Zeit des Hahnenrufes war, der das Licht des bevorstehenden Tages vorher verkündet. Da also und um diese Zeit und nicht am Abend nach dem Sabbat hören wir zu fasten auf und beginnen das Freudenfest, indem die überall geltende Gewohnheit unser Verfahren rechtfertigt.
§ 2
Um diese Zeit also gingen Maria Magdalena und die Andere gleichen Namens zum Grabe und sahen den vom Himmel herabgestiegenen Engel in der vorhin beschriebenen Weise, wie er den Stein weggewälzt hatte und auf ihm saß, auf dessen Einladung sie den Ort ansahen, wo der Herr geruht hatte, und auf den Auftrag, zu den Jüngern zu eilen und ihnen die Botschaft zu bringen, schnell das Grab verließen. Als sie nun davon eilten, begegnete ihnen Jesus und sprach: „Seid gegrüßt!“ Denn es mußte das 327 * weibliche Geschlecht* zuerst die frohe Botschaft von der Auferstehung durch den Engel erhalten und zuerst den Herrn sehen und zuerst seine Stimme vernehmen in den Worten „Seid gegrüßt!“ Hatte ja auch das Weib zuerst die Trugworte der Schlange vernommen, zuerst widergesetzlich die Frucht des verbotenen Baumes angeschaut und war (zuerst) zur Trübsal verurtheilt worden. Darum auch gestattet (ihnen) als den zuerst von ihm Abgefallenen und Entfremdeten der Erlöser, (zuerst) ihn anzubeten und seine Füße zu umfassen, und beauftragt sie, den Jüngern die Freudenbotschaft zu bringen, weil er wollte, daß das Weib, welches dem Adam Vermittlerin der Trübsal gewesen, den Männern Verkünderin der Freude sei. ― „Während sie nun hingingen,“ sagt er, um den Jüngern die Botschaft zu bringen, „siehe, da kamen Einige von der Wache in die Stadt und meldeten den Hohenpriestern Alles, was geschehen war. Und als diese mit den Ältesten zusammengetreten waren und Rath gehalten hatten, gaben sie den Soldaten viel Geld und sprachen: Saget: es sind seine Jünger in der Nacht gekommen und haben ihn, während wir schliefen, gestohlen. Und wenn Dieß dem Landpfleger zu Ohren kommt, so werden wir ihn bereden und euch Besorgniß ersparen. Diese aber nahmen das Geld und thaten, wie sie belehrt worden. Und es verbreitete sich dieses Gerede unter den Juden bis auf den heutigen Tag.“
Die andere Maria nun (zu glauben, daß es die Gottesgebärerin gewesen, ist ganz folgerichtig; war sie ja selbst beim Leiden nicht gewichen, sondern, wie Johannes erzählt, unter dem Kreuze gestanden, und ziemte es ihr daher, auch die Freudenbotschaft zu bringen, ihr, welche die Wurzel der Freude ist und den herrlichen Gruß gehört hatte: „Sei gegrüßt, du Gnadenvolle, der Herr ist mit dir“) erfüllte den Auftrag des Herrn und verkündigte den Jüngern Alles 328 getreulich. Denn es war keine Berechtigung vorhanden, Das, was so weise geordnet und aufgetragen war, nicht zu vollführen, mochten auch Die, welche die Kunde vernahmen, ihr keinen Glauben schenken, wie Dieß ja oftmals auch bei der Meldung ungewöhnlicher Wunder zu geschehen pflegt; denn sie würden nicht unthätig geblieben sein, wenn sie geglaubt hätten. Der Magdalena aber, die mit der Gottesgebärerin fortging und in gleicher Weise die Botschaft beeilte, begegnete auch etwas Menschliches. Und wie Petrus, als er von Herodes ergriffen und durch den Engel aus freien Stücken der Fesseln erledigt und vom Gefängniß befreit wurde, obschon er einen langen Weg zurückgelegt und schon das Stadtthor überschritten hatte, nicht an einen wirklichen Vorfall glaubte, sondern ein Gesicht zu sehen meinte, so däuchte auch ihr das Übermaß des Wunders gleichsam ungeeignet zu sein; und da zugleich die Wächter zuvorgekommen waren und den Anfang gemacht hatten, mit den Hohepriestern die Verleumdung gegen die Auferstehung auszuspinnen, ging sie, indem sie gewiß ungefähr sich so Etwas zuflüstern hörte, auf die Zweifel ein, und ohne auf die Verkündung und den Befehl des Erlösers zu achten, ging sie des Morgens, als es noch dunkel war, zum Grabe, wie Johannes sagt. Denn wie der Herr dem Thomas gestattete, in seinem Unglauben zu sagen: „Wenn ich nicht die Spur der Nägel in seinen Händen sehe und meinen Finger an die Stelle der Nägel lege und meine Hand in seine Seite lege, so werde ich es nicht glauben,“ und wie durch seinen vorwitzigen Unglauben und sein Anrühren* wir* im Glauben befestigt worden sind, indem wir glauben, daß Emmanuel in eben dem Körper, in dem er gelitten hat, auch auferstanden sei, und alle grundlosen Einwendungen eines bloßen Scheines von uns weisen, auf die gleiche Weise gestattete er es auch der Maria Magdalena, die wieder zum Unglauben zurückkehrte und mit großer Leichtigkeit in denselben fiel. Denn nicht 329 unbekannt ist die Unbeständigkeit der weiblichen Natur. Er gestattete ihr, durch ihr neugieriges Forschen das Wunder der Auferstehung glaublicher zu machen, da es über jeden Glauben und jede Vernunft erhaben war. Als sie hierauf in Zweifel gerieth und nur den Stein vom Eingang des Grabes weggewälzt, nicht aber wie früher den Engel auf ihm sitzen sah, ließ sie sich vom Unglauben besiegen und hielt den Anblick für ein Gesicht und eine Einbildung und nicht für wahr, sondern für trügerisch. Und sie eilte zu Petrus und dem andern Jünger, den Jesus lieb hatte, und rief aus und sprach: „Sie haben den Herrn vom Grabe weggenommen, und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben.“ Du siehst, daß in Folge Dessen, was zur Nachtszeit bei den Juden nach der Botschaft der Wächter sich verbreitete, auch sie von etwas Ähnlichem umtönt war und ihr Sinn sich verwirrte, und daß sie glaubte, die Feinde hätten den Leichnam Jesu gestohlen, um den Diebstahl den Aposteln aufzubürden.
Doch Petrus und Johannes erhoben sich sogleich und eilten zum Grabe. Denn was man sagte, kam ihnen nicht unerwartet, so daß sie in Betreff der Auferstehung nicht hätten glauben sollen, vielmehr war es glaubwürdig und stand in Einklang mit der jüdischen Bosheit. Ohne Furcht aber thaten sie Dieß, da Ruhe herrschte und es noch finster war und Gott ihnen Muth einflößte. Als sie aber angekommen waren, fanden sie die deutlichen Zeichen der Auferstehung. Denn sie sehen im Grabe die Leichentücher liegen. Das wäre aber wohl nicht der Fall gewesen, wenn der Leichnam wäre gestohlen worden. Denn erstens lieben es die Diebe zu plündern, dann aber, den Diebstahl gar rasch auszuführen, damit sie nicht ertappt werden und schwere Strafe leiden. Über den Leichnam Jesu hat aber Johannes ungefähr so geschrieben: Sie wickelten ihn in 330 Tücher mit Spezereien, wie es bei den Juden Sitte war zu begraben. Wie nun, ist es für die Diebe nicht mühselig, die Bande zu lösen und den Leichnam von den Leichentüchern frei zu machen, welche fast unzertrennbar damit zusammengeklebt sind und zerreissen, bevor sie herabgezogen werden? Denn mit einer Mischung von Aloe und Myrrhe, die Nikodemus gebracht hatte, waren sie herumgewunden. Aber auch das Schweißtuch, das an seinem Haupte war und nicht bei den Leintüchern, sondern an einem abgesonderten Platze zusammengewickelt lag, verrieth keine Eilfertigkeit wie bei Dieben, die den Leichnam stahlen. Denn wie hätten auch die Diebe eine solche Muße und Furchtlosigkeit, daß sie sogar die Kopfbedeckung in Ordnung zusammenwickelten und an einen abgesonderten Platz legten? So zeigt auch Dieß deutlich die Wahrheit der Auferstehung. Zugleich aber deutete es auch ein göttliches Geheimniß an, da das Haupt die Stelle der Gottheit einnimmt nach dem Ausspruche: „Das Haupt Christi ist Gott,“ und über dasselbe Reden bestehen, die nach der Menschwerdung noch wie eingewickelt und unauflöslich sind, auch wenn Das, was auf Erden in Betreff der Heilsordnung im Fleische und des Verweilens auf Erden unter den Menschen stattfand, wovon die Leintücher das Sinnbild sind, möglichst gelöst und betastet ist.
§ 3
Und als Dieß Petrus und sein Begleiter wahrnahmen, glaubten sie, indem sie nicht bloß einfach, sondern auch mit dem besseren und apostolischen Geiste sahen. Denn das Grab war voll von Licht, so daß sie, wenn es auch noch Nacht war, das Innere in doppelter Weise sahen, sowohl durch sinnliche als auch durch geistige Wahrnehmung. Denn wenn nach der Schrift den* Gerechten* stets Licht zu Theil wird, gilt das viel mehr von dem* Gott* der Gerechten. Sie glaubten aber nicht, sagt er, da sie die Schrift noch nicht verstanden, daß er von den Todten auferstehen müsse. 331 Und doch wußten sie es, da der Erlöser ihnen oft vorherverkündet hatte, daß er auferstehen werde, aber nicht wie von der Schrift überzeugt und von den Vorhersagungen, die dort vorkommen, von denen es unmöglich war, daß sie sich nicht erfüllten, sondern als Solche, die noch im Glauben schwankten. Daß aber Jesus nackt, ohne die Leintücher, auferstanden ist, deutet an, daß er niemals mehr im Fleische wird erkannt werden als Einer, der Speise oder Trank oder die Umhüllung der Kleider bedürfen wird. Und indem er die Heilsordnung vollzog, unterwarf er sich dem freiwillig, da er an der nämlichen Natur wie wir Theil nahm, dann aber zeigt er auch die Rückkehr des Adam in den alten Zustand, als er im Paradiese nackt war und sich nicht schämte. Fortan ist er als Gott, wenn auch im Fleische, in ganz göttliche Herrlichkeit gehüllt, da er es ist, der, wie der Prophet David sagt, Licht wie ein Kleid anzieht.
Petrus und Johannes, gläubig geworden durch Das, was sie gesehen, kehrten nach Hause zurück, der Maria aber sagten sie Nichts. Denn es ordnete der allein Weise es so, daß er sie von ihrem Unglauben mehr durch Das, was sie sah, als was sie hörte, zurückbrachte. Sie stand also aussen vor dem Grabe und weinte. Und als sie sich vorwärts neigte, sah sie zwei weisse Engel in schimmerndem Gewande, von denen der eine am Haupte, der andere bei den Füßen saß an der Stelle, wo der Leichnam Jesu geruht hatte. Und obschon sie ihr Weinen hätte in Freude verwandeln sollen, so ließ sie doch von ihren Thränen nicht ab, so daß die Engel wie mit einem Vorwurf sagten: „Weib, warum weinst du?“ wie wenn sie sagten: Diese Thränen sind weibisch und zeigen keinen verständigen Sinn. Denn wie läßt sich nach solchem Anblick das Weinen rechtfertigen? Und Jene ließ vom nämlichen Unglauben nicht ab, ― denn der leidende Zustand dauerte fort, damit sie durch 332 allmählige Zunahme zum Glauben vollkommen gereinigt würde, ― und sagte zu ihnen: „Weil sie meinen Herrn aus dem Grabe genommen haben und ich nicht weiß, wo sie ihn hingelegt haben.“ Und als sie das gesagt hatte, wendete sie sich um und sah Jesum stehen und wußte nicht, daß es Jesus wäre, theils weil sie in Folge der Thränen umdunkelt und wie von Finsterniß beschwert war, theils weil Jesus es so einrichtete, daß er von ihr nicht erkannt wurde. Deßhalb sagte er auch: „Weib, warum weinst du? Wen suchst du? Jene glaubte, es sei der Gärtner und sagte zu ihm: Herr, wenn du ihn weggetragen hast, so nenne mir die Stelle, wo du ihn hingelegt, und ich werde ihn fortnehmen.“ Vielleicht aber hat sie nicht unpassend Jesum für den Gärtner angesehen. Denn in der That war er der wahre und unsterbliche Bebauer des Paradieses, der im Garten des Grabes wie im Paradiese das Weib zur Besserung führte, das aus Ungläubigkeit den Adam, den ersten Gärtner, hintergangen hatte. So ist also Alles geheimnißvoll und erfüllt von göttlichem und erhabenem Sinne. Aber als Maria das gesagt hatte und bei der Aufsuchung des Leichnams krankhaft aufgeregt war und bereits sich zum Rückweg anschickte, da entriß sie Derjenige, welcher bis zur Trennung der Seele und des Geistes, der Knochen und des Markes dringt und die Gesinnungen und Gedanken des Herzens erforscht, da er sie hinlänglich geängstigt sah, durch ein einziges Wort dem Unglauben und stärkte den Blick des Weibes, ihn zu erkennen, indem er nur, da er selbst sie erkannte, an sie gewendet ausrief: Maria! Und plötzlich wendete sie sich um und sprach zu ihm: Rabuni, d. h.: „Meister.“ Und sie suchte jene göttlichen Füße zu umklammern und vernahm die Worte: „Rühre mich nicht an, denn ich bin noch nicht zu meinem Vater aufgestiegen.“ Da du bereits die Gnade dieses Wortes erlangt, will er sagen, und mich mit der andern Maria berührt und 333 angebetet und meine Füße umschlungen hattest, so hast du doch vor mir eine so geringe Achtung gehabt, daß du ungläubig warst, und hattest keine hohe Meinung von mir, sondern suchtest mich noch im Grabe, der ich in göttlicher Kraft oben bei dem Vater war. Und jetzt rühre mich nicht an, wenn du in gleicher Gesinnung glaubst, daß ich noch nicht zum Vater aufgestiegen sei. Denn nach deiner Meinung bin ich noch nicht zum Vater aufgestiegen. Vielmehr gehe zu meinen Brüdern und sage es ihnen: „Ich steige auf zu meinem Vater und euerm Vater, zu meinem Gott und zu euerm Gott.“ Da ich, will er sagen, dem Fleische nach der Erstgeborne unter vielen Brüdern bin, so will ich jetzt nicht für mich, sondern für euch Brüder dem Leibe nach aufsteigen zu meinem Vater und euerm Vater, zu meinem Gott und euerm Gott. Denn wenn er nicht* mein* Gott genannt würde, da er in mir die Tadellosigkeit der menschlichen Natur sieht, weil ich die Sünde nicht kenne, wie das Menschengeschlecht im Urzustande, so würde er nicht euer Vater oder der Gott Derjenigen heissen, die ihm entfremdet sind. Deßhalb sagte auch Paulus im Brief an die Hebräer: „Denn nicht in ein von Menschenhänden gemachtes Heiligthum, als in das Bild des wahren, ist Christus eingetreten, sondern in den Himmel selbst, um jetzt für uns vor dem Angesichte Gottes zu erscheinen.“
Es geht nun Maria Magdalena hin und meldet den Jüngern, daß sie den Herrn gesehen und er Dieß zu ihr gesprochen hat. Als sie aber angelangt ist und ihre Botschaft hinterbracht hat, findet sie wieder die Maria, die Tochter des Jakobus und der Johanna, und Andere ausser ihnen, welche mit einem Vorrath von Wohlgerüchen und Salben zum Grabe eilten, als das Dunkel wich und der Morgen dämmerte, das heißt mit genauer Noth soeben seinen ersten 334 Anfang nahm, wie Lukas sagt, und indem sie sich zu denselben gesellte, ging sie mit ihnen und schien wegen ihres heissen Verlangens nach Jesus unter ihnen den Vorrang zu haben, da sie von den Evangelisten auch zuerst aufgeführt ist, wegen des Ansehens, das sie hiedurch erlangte. Denn sie hatte das Verlangen, daß auch sie nicht durch Das, was sie von ihr und der andern Maria hören würden, sondern durch die göttliche Erscheinung selbst oder durch die von Engeln zum Glauben an die Auferstehung gelangen möchten, und sie wandelte unter ihnen in vernünftigem Stillschweigen, indem sie zu ihnen auf dem Wege kein Wort sagte, sondern das Zeugniß der Thatsachen abwartete und sich dem Glauben hingab, auch sie würden mit eigenen Augen auf irgend eine besondere Weise sich überzeugen. Und als sie nun den Stein vom Grabe weggewälzt sahen, traten sie ein, und als sie den Leichnam Jesu nicht fanden und in Verlegenheit waren, sahen sie zwei Männer in strahlenden Kleidern vor sich stehen und vernahmen von ihnen die Worte: „Was sucht ihr den Lebenden unter den Todten? Er ist nicht hier, sondern auferstanden“ u. s. w. Und sie kehrten, heißt es, vom Grabe zurück und meldeten Dieß alles den Eilfen und allen Übrigen. Aber als ob sie zum großen Haufen gehört hätten, waren sie noch ungläubiger, spotteten über die Meldung und verachteten sie. Denn ihre Worte erschienen ihnen als leeres Gerede, und sie glaubten ihnen nicht, so daß Petrus bei ihrem Unglauben sich erhob und selbst allmählig in Verwirrung versetzt und schwankend gemacht wieder zum Grabe eilte, hineinschaute und wieder die Leintücher liegen sah wie damals, als er früher hineingetreten war und die Sache genauer in Augenschein genommen hatte, weßhalb er sich begnügte, nur hinzuschauen, und, als er keine Änderung wahrnahm, wieder verwundert und erstaunt über den Vorfall und unter Lobpreisungen Desjenigen, der Dieß in’s Werk gesetzt hatte, 335 fortging. Und wieder lief Maria Magdalena, wie sie mit den Begleiterinen der Johanna, welche Salben und Wohlgerüche trugen, die sie vor dem Sabbat hergerichtet hatten, bei der ersten Dämmerung gegangen war, in der nämlichen Weise auch mit Salome, einem zu den übrigen Genannten neu hinzugekommenen Weibe, das wohl spät, aber gleichwohl Wohlgerüche, wenn auch nach dem Sabbat gekauft hatte, unverdrossen mit der nämlichen Gesinnung mit und nahm auch Maria, die Tochter des Jakobus, mit sich, so daß sie auch gemeinsam die Wohlgerüche angekauft zu haben scheinen. Denn da sie den Weg gemeinsam machten, so überlegten sie die ganze Unternehmung gemeinsam. Und ganz frühe am ersten der Sabbate gehen sie zum Grabe.
§ 4
Es wird in den genaueren Exemplaren der Schrift berichtet, daß ausser den bereits geschehenen Besuchen am Grabe auch dieser Besuch der Frauen noch geschah. Markus aber, indem er die Worte „sehr frühe“ erklärt, fügt hinzu: „als die Sonne aufgegangen war.“ Und sie sprachen zu einander, sagt er: Wer wird uns den Stein vom Grabe wegwälzen? Und als sie aufblickten, sahen sie den Stein weggewälzt. Er war aber sehr groß. Denn da Salome mit Recht in Verlegenheit war, indem sie noch gar niemals am Grabe gewesen war, und Dieß ihren Begleiterinen mittheilte, schwiegen diese in der oben bezeichneten Weise und antworteten, indem sie ihre Augen erhoben, mit ihren Blicken. Denn der weggewälzte Stein fiel ihnen in die Augen. Weil sie aber gemeinschaftlich mit einander gingen, heißt es in der Schrift, daß sie unter einander in Verlegenheit gewesen und mit einander geredet haben, wenn wir auf die Wahrheit und Natur der Dinge schauen und untersuchen, wem es zukam, verlegen zu sein. Denn daß Die, welche schon oft den Stein weggewälzt sahen, deßhalb in Sorge gewesen seien, ist nicht glaublich. Aber da unter diese Frauen bei Markus die Person der Salome, der Nichts bekannt war, versetzt wird, so findet das Wort unbestreitbaren Glauben. Denn es passen auch für Jene die 336 Worte nicht: Wer wird uns den Stein wegwälzen? da die Juden den Eingang des Grabes versiegelt und die Wache der Soldaten vor dasselbe gestellt hatten und der dritte Tag angebrochen war. Denn zu Pilatus sagten die Bösewichter: Wir erinnern uns, daß jener Verführer, als er noch am Leben war, sagte: Nach drei Tagen werde ich auferstehen. Wenn nun die Frauen um das vom Engel gewirkte Wunder wußten, sowie um die Wegwälzung des Steines und die durch Furcht bewirkte Betäubung und Flucht der Wächter, wie konnten sie wegen der Wegwälzung des Steines in Verlegenheit gerathen? Wenn sie aber vom Wunder Nichts wußten, so mußten sie an die Soldatenwache denken und nicht mit der Öffnung des Grabes in ihren Vorstellungen sich befassen. Aber es war, wie ich sagte, der Salome Dieß unbekannt, und von ihr allein kamen diese Worte. Denn Maria Magdalena und die andere Maria, die, wie Matthäus erzählt, dem Grabe gegenüber saßen und emsig dort Wache hielten, sahen sowohl die Siegel der Juden als auch die Wachen der Bewaffneten. Als aber Salome mit beiden Marien eintrat, sahen sie alle einen Jüngling zur Rechten sitzen, in ein weisses Kleid gehüllt, und erschracken, Jene, weil sie schwächer im Glauben war und ihr etwas Menschliches begegnete, Diese aber, weil sie oft am Grabe erschienen und um die Auferstehung nun über Gebühr sich zu kümmern schienen. Deßhalb erschien ihnen auch der Jüngling, der durch seine Größe erschrecken und Furcht einflößen konnte, und indem er in der weissen Farbe des Kleides, wie sie dem festlichen Tage entsprach, damit sie nicht vor Furcht erstarrten, mit dem Furchtbaren das Heitere verband, sprach er mit ihnen in strengerem Tone, indem er sie durch seine Worte belehrte, sie sollten, nachdem sie so oft es gesehen, nicht eine überflüssige Thätigkeit entfalten, sondern vielmehr auf Das, was sie geschaut, fest bauen. Denn er sagt: „Gehet hin und saget es seinen Jüngern und dem Petrus,“ ― den Jüngern, weil sie oft ungläubig waren, dem Petrus, weil er mit der gleichen Vielgeschäftigkeit, wie ihr, zum zweiten 337 Mal zum Grabe ging, ― „daß er euch nach Galiläa voraus gegangen ist, dort werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat,“ euch Frauen nämlich, als er am Abend der Sabbate, welcher leuchtet am ersten der Sabbate, euch erschienen, wie Matthäus schreibt, denn den Jüngern hatte er es offenbar noch nicht gesagt, daß er ihnen nach der Auferstehung in Galiläa erscheinen werde, es müßte denn Jemand sagen, es sei, wie Matthäus und Markus geschrieben haben, als sie nach dem geheimnißvollen Mahle nach dem Dankgebet auf den Ölberg gingen, von dem Erlöser so Etwas gesagt worden: „Nach meiner Auferstehung werde ich euch nach Galiläa vorangehen.“ Als aber die beiden Marien und die Salome das Grab verlassen, ergriffen sie, von Furcht und Schrecken erfaßt, die Flucht und sagten Niemand Etwas. Denn sie fürchteten sich, theils wegen der furchtbaren Erscheinung des Jünglings, theils weil der Tag schon vorgerückt war, und ohne Zweifel die mordlustigen Juden überall herum gingen.
In den genaueren Abschriften schließt das Evangelium nach Markus mit den Worten: „Denn sie fürchteten sich.“ In einigen aber sind auch diese Worte beigefügt: „Aber am Morgen am ersten der Sabbate auferstanden, erschien er zuerst der Maria Magdalena, aus der er sieben Teufel ausgetrieben hatte.“ Das scheint aber mit Dem, was wir bisher gesagt haben, in einigem Widerspruch zu stehen. Denn da die Stunde der Nacht unbekannt war, in welcher der Erlöser auferstand, wie kann hier die Schrift sagen, daß er am Morgen auferstanden sei? Aber es wird sich im Gesagten kein Widerspruch zeigen, wenn wir die Stelle mit wissenschaftlicher Genauigkeit lesen, denn man muß auch mit Verstand verbinden: „Auferstanden aber“, und dann fortfahren: „erschien er am Morgen des Sabbats zuerst der 338 Maria Magdalena,“ so daß das Wort „auferstanden“ in Übereinstimmung mit Matthäus sich auf die frühere Zeit bezieht, das Wort „am Morgen“ aber auf die der Maria gewordene Erscheinung bezogen wird, da sie zuerst mit der andern Maria und dann wieder allein den Herrn sah. Denn zum Morgen gehört der ganze Zeitraum nach dem Hahnenruf. Da nun die Frauen zu vier verschiedenen Zeiten am Grabe ankamen, so lenkte es der heilige Geist, daß jeder Evangelist* einen* Zeitpunkt aufzeichnete, und Matthäus berichtet von den Frauen, die am Abend der Sabbate zum Grabe kamen, und von* einem* Engel, der vom Himmel herabstieg und den Stein wegwälzte; Johannes hat geschrieben, daß Maria Magdalena allein, als es noch dunkel war, vor Tagesanbruch gekommen sei und zwei Engel im Grabe gesehen habe; Lukas, daß die übrigen um die gleiche Morgenröthe, Markus, daß eine andere bei Sonnenaufgang gekommen sei, zu der sich einige gesellt hätten ausser Denen, die bereits dort waren, und daß die einen zwei Männer vor sich stehen, die anderen aber einen Jüngling sitzen sahen, und daß alle in weisse Kleider gehüllt waren, so daß man, wenn man nach der Ordnung der Zeiten Das, was ein Jeder geschrieben hat, zusammenstellt,* eine* Harmonie und* einen* Körper der ganzen Geschichte herstellen kann, wie wenn Einer Alles geschrieben hätte, und nicht Mehrere.
Denn wenn die vier Evangelisten von* einer* Ankunft der Frauen Erwähnung thäten, die zu* einer* Zeit geschah, und sagen würden, daß nicht die nämlichen Engel erschienen seien, oder wenn sie alle von ein und derselben Erscheinung oder ein und derselben Vision sprechend sagen würden, daß diese in verschiedenen Zeiten geschehen sei, und nicht jeder ein und dieselbe Zeit erwähnen würde, so würde die 339 Darstellung der Vorwurf des Widerspruches treffen. Wenn aber sowohl die Zeiten als auch die Personen verschieden und die Erscheinungen nicht die nämlichen waren, indem Gott auf vielfache Weise das unglaubliche Wunder der Auferstehung bestätigen wollte, und wenn Das, was der eine Evangelist nicht sagte, der andere berichtet, wie ist da nicht die ganze Erzählung makellos und frei von jedem Tadel? Da aber mehrere Marien in den Evangelien erwähnt werden, so müssen wir annehmen, daß ihrer im Ganzen drei waren, welche Johannes mit einander aufführt, indem er sagt: Es standen am Kreuze Jesu seine Mutter und die Schwester seiner Mutter, Maria, die Tochter des Kleophas, und Maria Magdalena. Denn wir glauben, daß Maria, die Mutter des Jakob, auch die Mutter des Jose von den andern Evangelisten genannt, die Gottesgebärerin und keine andere sei. Denn wie wegen der göttlichen Heilsordnung, und um die göttliche Geburt zu verbergen und den blutdürstigen Juden nicht offenbar werden zu lassen, geschrieben steht, sie habe vom heiligen Geiste empfangen, gerade bevor sie in den Ehestand treten sollte, so daß Joseph als ihr Mann und als Vater Jesu galt, auf gleiche Weise wurde die Gottesgebärerin Mutter des Jose und Jakob genannt und geheissen, welche Kinder des Zimmermanns Joseph aus einer früheren Ehe mit einem bereits verstorbenen Eheweib waren und im Kindesalter standen. Das brachten gegen den Erlöser auch die Juden vor mit ihrem Lästermaul: „Ist dieser nicht der Sohn des Zimmermanns? Heißt nicht seine Mutter Maria und seine Brüder Jakob und Jose und Simon und Judas?“ Und deßhalb nannte Johannes, indem er frei über göttliche Dinge sich aussprach, Die, welche am Kreuze stand, nach dem eigentlich wahren Verhältnisse die Mutter Jesu, die übrigen Evangelisten meist die Heilsordnung wahrend, nannten sie der Heilsordnung gemäß Mutter des Jakob und Jose, denn diese 340 waren die ersten und bekanntesten Söhne Josephs, indem die Schrift dieß deutlich kundgibt, daß nach dieser Heilsordnung und der entsprechenden Annahme Maria ohne Gefahr beim Leiden des Erlösers zugegen war. Denn wenn sie von der Menge als Jungfrau erkannt worden wäre, so wäre sie von den feindseligen Juden getödtet worden. Man kann sie aber bei den Evangelisten auch als Mutter* eines* der Söhne Josephs bezeichnet finden, als Maria, die Mutter Jakobs, und als Maria, die Muter [ber.: Mutter] des Jose. Markus nannte sie Mutter Jakob des Kleinen und des Jose, da es noch einen anderen Jakob, Sohn des Alphäus, gab, deßhalb der Große genannt, weil er unter die Zahl der zwölf Apostel gehörte. Denn der Kleine war nicht darunter.
Darüber aber dürfte wohl Jemand nicht im Klaren sein, wie der Erlöser, der den Jüngern theils durch die Engel, theils durch sein eigenes Wort versprochen, nach Galiläa zu kommen und sich zu zeigen, sein Versprechen auch in Jerusalem erfüllte, indem er nach Lukas am Auferstehungstage selbst mit den Eilfen zusammenkam, nach Johannes aber an diesem und am achten Tage sich zeigt, indem er in ihrer Mitte steht und spricht: „Der Friede sei mit euch,“ und dem Thomas gestattet, ihn zu berühren. Aber dieß zeigt den Reichthum freigebiger Liebe und verdient nicht den Vorwurf der Lüge. Denn er sagte nicht: „Ihr werdet mich nur in Galiläa sehen,“ noch auch erschien er ihnen zwar in Jerusalem, zeigte sich aber nicht nach seinem Versprechen in Galiläa, ― denn das hieße seinen Reden untreu werden, ― wenn er ihnen aber auch in Jerusalem, als sie aus Furcht vor den Juden sich in einem Saale eingeschlossen hatten, erschien, da sie seiner Gegenwart bedurften, und er durch seine Erscheinung in Galiläa seine Verheissung erfüllte, so entgeht Beides jedem Vorwurf, indem es zugleich der Liebe und Wahrheit entspricht. Mir aber scheint, was bei Matthäus über die Jünger gesagt ist, einen besonderen Nachdruck zu enthalten, wo es heißt: „Sie sollen nach Galiläa gehen und dort werden 341 sie mich sehen.“ Denn da ihnen viele Erscheinungen zu Theil werden sollten, so ist die Verheissung vor den übrigen vorzugsweise auf* eine* gerichtet, nach welcher er ihnen auf dem Berge erscheinen würde. Denn dort sagte er, als Einige sich näherten und ihn anbeteten, Andere zweifelten, mit göttlicher Kraft: „Mir ist alle Gewalt gegeben im Himmel und auf Erden.“ Denn was er von der Natur als Gott hatte, das, heißt es, habe er in seiner Menschwerdung nach der Heilsordnung angenommen. Deßhalb sagte er auch: „Verherrliche mich du, o Vater, bei dir mit der Herrlichkeit, die ich, bevor die Welt war, bei dir hatte.“ Denn wenn er sie als Gott nicht zum Eigenthum gehabt hätte, wäre es unmöglich gewesen, daß er sie aus fremder Hand empfing, da Gott und der Vater durch den Propheten sagt: „Meine Herrlichkeit werde ich keinem Andern geben.“ Hierauf spricht er die Worte aus, nach denen sie die ganze Welt ins Netz fangen sollten, und in denen das ganze Geheimniß der Gottseligkeit liegt: „Denn geht hin,“ sagt er, „lehret alle Völker und taufet sie im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes, und lehret sie Alles halten, was ich euch aufgetragen habe.“ Und er fügt hinzu, was die Erfüllung dieser Worte verbürgt: „Sieh, ich bin bei euch alle Tage bis an’s Ende der Welt. Amen.“ Deßhalb sagte er: „Meldet meinen Brüdern, sie sollen nach Galiläa gehen und dort werden sie mich sehen,“ indem er, wie gesagt, auf diese Erscheinung als eine besondere und hervorragende hindeutete, die er ihnen auch durch andere Worte noch mehr vorherverkündete, die in den evangelischen Schriften nicht enthalten sind. Denn wäre das nicht der Fall, so würde Matthäus nicht sagen: „Die eilf Jünger gingen nach Galiläa auf den Berg, wie es ihnen der Herr befohlen hatte,“ während nirgends in den Evangelien der Herr auf dem Berge zu erscheinen verspricht, da er vor 342 dieser Erscheinung auf dem Berge ihnen auch am See Tiberias, der in Galiläa ist, erschienen war, da ihrer sieben an der Zahl waren, dem Petrus und Thomas und Nathanael und den Söhnen des Zebedäus und zwei anderen Jüngern, wie Johannes schreibt, aber auf den Berg, wie ihnen Jesus aufgetragen, zielten die Worte: Dort werden sie mich sehen, indem er ihnen mit göttlicher Würde den Befehl gab: „Geht hin, lehret alle Völker und taufet sie im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes.“ Denn es scheint mir auch nicht zwecklos, daß diese Worte auf dem Berge in Galiläa und nicht anderswo gesagt worden sind. Denn Galiläa heißt übersetzt die Bewegliche, weßhalb auch Gelgel das Rad bedeutet. Wie nun diese Worte von einem hohen Berge herab aus dem Munde des Erlösers kamen und nach Art eines Rades sich über die Welt hinwälzten und sich überallhin verbreiteten, so wurden Alle getauft, Völker und Städte, im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes. Als aber die Jünger diese Worte gehört hatten, gingen sie zu keinem Volke sogleich, sondern blieben in Jerusalem bis zum fünfzigsten Tage, und erwarteten die Ankunft des heiligen Geistes, der in feurigen Zungen auf sie herabkam. Denn als er ihnen so vierzig Tage hindurch zu verschiedenen Malen erschien und in ihrer Mitte weilte, wie Lukas im Eingang der Apostelgeschichte sagt, gab er ihnen den Auftrag und ermahnte sie, von Jerusalem sich nicht zu entfernen, sondern die Verheissung des Vaters zu erwarten, die sie von ihm vernommen, daß Johannes mit Wasser taufte, sie aber mit dem heiligen Geiste taufen würden.
Gar treffend aber ist der Ausdruck gewählt, sie sollten sich nicht entfernen, das heißt nicht weit fortgehen und nicht 343 in der Ferne weilen. Er sagte nicht, sie sollten Jerusalem gar nicht verlassen. Denn wie hätte das Der sagen sollen, der ihnen auftrug, nach Galiläa zu gehen? Und was Lukas am Schlusse seines Evangeliums sagt: „Indem er sie segnete, entfernte er sich von ihnen und fuhr in den Himmel,“ in gleicher Weise auch Das, was bei Markus geschrieben steht: „Nachdem nun der Herr zu ihnen gesprochen, wurde er in den Himmel aufgenommen, und setzte sich zur Rechten des Vaters,“ muß nach Dem, was in der Apostelgeschichte erzählt wird, so aufgefaßt werden, daß es am vierzigsten Tage geschehen ist. Denn was sie in den Evangelien kurz zusammengefaßt haben, das wird in der weiteren geschichtlichen Darstellung entwickelt und erklärt. Das ist es, was in den evangelischen Lesestücken für die Nacht des Herrn enthalten ist und den Unwissenden verwirren könnte, worin wir auch euch gegenüber unsere Pflicht glaubten erfüllen zu müssen. Was aber ihr, indem ihr dieß höret, zu thun schuldig seid, erröthe ich zu sagen, wenn ich an euere Schaulust und an die Tollheit der Menge denke. Möge uns aber der Herr Kraft verleihen, dem Bösen auszuweichen und das Gute zu thun durch die Gnade und Liebe des Herrn und Gottes und unsers Erlösers Jesus Christus, dem Herrlichkeit und Kraft sei mit dem heiligen Geiste jetzt und alle Zeit und in alle Ewigkeit. Amen.V. Dritte Rede auf das heilige Osterfest und über die Auferstehung.