344 Nach einer allgemeinen Schilderung der Festfreude und einer eindringlichen Ermahnung, dem Nebenmenschen diese Freude nicht zu verkümmern, handelt der Redner von unserer eigenen einstigen Auferstehung und widerlegt die dagegen erhobenen Einwendungen durch den Hinweis auf die Allmacht Gottes, die sich in anderen Thaten noch großartiger zeige, als in der Auferweckung der menschlichen Leiber. So verrathe es z. B. eine größere Macht, den Menschen aus Nichts zu erschaffen, als den aufgelösten Leib wieder herzustellen und neu zu beleben. Ebenso weist er auf andere ähnliche sich beständig wiederholende Wunderwerke in der Natur hin. Da die Seele ohne den Leib weder das Gute noch das Böse vollbringt, so muß auch der Leib an Belohnung und Strafe Theil nehmen und 345 darum wieder erweckt werden. Auch kann der Glaube an die Auferstehung allein uns von sinnlichen Ausschweifungen zurückhalten und zu jeder Tugend stärken.
§ 1
Arme Leute, welche die Festtage lieben und mit sehnsüchtigem Herzen und in glänzendem Äussern sich an den Festlichkeiten betheiligen wollen, entlehnen, wenn sie auch selbst den Schmuck, in dem sie zu erscheinen wünschen, nicht bestreiten können, von ihren Freunden und Bekannten den ganzen kostspieligen Aufwand, und bewirken so, daß ihnen für das augenblickliche Bedürfniß Nichts mangelt. Dieß, glaube ich, begegnet heute auch mir. Denn da ich nichts Großartiges zur gegenwärtigen Lobrede aus mir selbst beitragen kann, so werde ich zu dem heiligen Gesange, den wir soeben gesungen haben, meine Zuflucht nehmen. Indem ich von daher den Stoff nehme, werde ich meiner Aufgabe zu genügen suchen, indem ich auch das Meinige mit den Worten der Schrift verwebe, falls auch dem armen Knechte einige Lobpreisungen der Dankbarkeit gegen den Herrn zu Gebote stehen. Es sprach also soeben David und wir mit ihm: „Lobet den Herrn alle Geschlechter, preiset ihn alle Völker.“ Jeden Menschen von Adam an ruft er zum Lobgesang und läßt Keinen ungerufen, sondern die vom Niedergang und Aufgang und die zu beiden Seiten, mag Einer in der Nähe des Nordpols oder gegen Mittag wohnen, Alle sucht er zugleich durch den Psalm zu bewegen. Und anderswo spricht er gesondert zu einigen Menschen, indem er entweder die Heiligen ruft oder die Knaben zu Lobgesängen aufmuntert, jetzt aber führt er mit seinem 346 Psalmengesang Geschlechter und Völker zusammen. Denn „wenn die Gestalt dieser Welt,“ wie der Apostel sagt, „vorübergegangen,“ und Christus Allen als Gott und König erschienen ist, und er jede ungläubige Seele überzeugt und jede gotteslästerische Zunge gebändigt, und der Thorheit der Heiden und der Verblendung der Juden und der unbezähmten Faselei der Irrlehrer Einhalt gethan hat, dann werden alle Geschlechter und Völker von Ewigkeit her sich niederwerfen und ohne Widerrede anbeten, und es wird eine wunderbare Übereinstimmung in der Lobpreisung herrschen, indem die Heiligen nach ihrer Gewohnheit ihre Lobgesänge anstimmen, die Gottlosen nothgedrungen um Hilfe flehen, und dann wird in Wahrheit der Siegesgesang von Allen einstimmig erhoben werden, sowohl von den Besiegten, als den Siegern; dann wird man auch sehen, wie der Urheber der Verwirrung, der unnütze Knecht, der sich die Würde eines Gebieters herausnahm, von den Engeln zur Strafe fortgeschleppt wird, und über alle Diener und Gehilfen seiner Bosheit werden die verdienten Strafen und Züchtigungen verhängt werden. Einer aber wird als König und Richter erscheinen, und als gemeinsamer Herr von Allen erkannt werden, und es wird Ruhe herrschen, wie wenn der Herold, da der Richter zu Gericht sitzt, Schweigen gebietet, die Menschen aber voll Spannung mit Augen und Ohren auf die Worte des Redners merken. Deßhalb preiset den Herrn, alle Geschlechter, lobet ihn, alle Völker, preiset ihn wegen seiner Macht, lobet ihn wegen seiner Menschenfreundlichkeit, weil er die Gefallenen und Todten wieder lebendig gemacht und das abgenützte Gefäß wieder erneuert, die eckelhaften Überreste in den Gräbern in menschenfreundlicher Weise in ein unvergängliches Wesen umgestaltet und die Seele, die vor viertausend Jahren den Körper verließ, wie nach langer Abwesenheit in die ihr zugehörige Wohnung zurückgeführt hat, die nicht in Folge von Zeit und Vergessenheit dem ihr zugehörigen Organismus 347 entfremdet war, sondern rascher ihm nahte, als der Vogel in sein Nest fliegt.
§ 2
Wollen wir nun auch von Dem reden, was eigentlich zum Feste gehört, damit wir in einer der Sache entsprechenden und geziemenden Weise die Festfeier begehen! Denn was unpassend und ungeziemend ist, versündigt sich, ausserdem daß es keinen Nutzen bringt, gegen die Ordnung und die Natürlichkeit, nicht bloß in den Abhandlungen über Religion und Gottesfurcht, sondern auch über profane Gegenstände und die Weltweisheit. Denn welcher Rhetor ist so unverständig und macht sich in so hohem Grade lächerlich, daß er, zu einer fröhlichen Hochzeit gerufen, die entsprechende und zierliche Redeweise, die an der Heiterkeit und Fröhlichkeit des Festes Antheil nimmt, aufgibt und traurige, weinerliche Klagelieder singt und das Jammergeschrei eines Trauerspiels beim Hochzeitsgelage erhebt, oder wenn er wieder beauftragt ist, einem Verstorbenen die letzte Ehre zu erweisen, das Leid vergißt und vor der tieftrauernden Versammlung sich fröhlich zeigt? Wenn aber in irdischen Dingen Ordnung und Schicklichkeitsgefühl etwas Schönes sind, so sind sie noch entsprechender in den großen und himmlischen.
Christus ist also heute auferstanden, nicht mehr dem Leiden, nicht mehr dem Tode unterworfen. Halte etwas inne, o Heide, und lache nicht vorschnell, bis du Alles gehört. Nicht gezwungen litt er, noch wurde er genöthigt, vom Himmel herabzusteigen, noch wurde ihm die Auferstehung wider Erwarten als unverhoffte Wohlthat zu Theil, sondern indem er den Ausgang aller Dinge wußte und in dieser Weise den Anfang machte, indem er in den Augen seiner Gottheit die Kenntniß Dessen besaß, was bevorstand, und bevor er vom Himmel herabstieg, die Verwirrung der Völker und die Verhärtung Israels sah, sowie den zu Gericht sitzenden Pilatus und den Kaiphas, der seine Kleider zerriß, die Wuth des aufrührerischen Volkes, den Verrath des Judas und die Vertheidigung durch Petrus, und wie er 348 bald darauf sich durch die Auferstehung in die Herrlichkeit der Unvergänglichkeit umgestalten sollte, und indem die ganze Zukunft ihm klar vor Augen stand, verzögerte er nicht die Gnade gegen den Menschen, noch schob er die Heilsordnung länger auf, sondern wie Diejenigen, welche einen Kraftlosen von der Strömung fortgerissen sehen, obschon sie wissen, daß sie in den Stromwirbel hineingerissen und von den vom Wasser fortgerollten Steinen verletzt werden können, dessenungeachtet aus Mitleid gegen Den, der in der Gefahr schwebt, keinen Anstand nehmen, sich hineinzustürzen, so nahm in gleicher Weise unser liebevoller Erlöser freiwillig den Hohn und Spott hin, um Den zu erlösen, der durch Hinterlist verloren gegangen war, und kam auf die Erde herab, da er die herrliche Himmelfahrt vorher wußte. Er gab sich für die Menschheit dem Tode hin, da er auch die Auferstehung vorher wußte. Denn nicht wie Einer von den gewöhnlichen Menschen ging er wagehalsig ans Werk, indem er den Ausgang der ungewissen Zukunft überließ, sondern als Gott ordnete er, was er vorhatte, nach einem bestimmten und bewußten Ziele. „Das ist also der Tag, den der Herr gemacht hat, laßt uns jubeln und an ihm uns freuen,“ nicht in Trinkgelagen und Schmausereien, nicht in Tänzen und Trunkenheit, sondern in gottseligen Betrachtungen! Heute kann man sehen, wie die ganze bewohnte Erde wie* ein* Haus in* einer* gewohnten Beschäftigung in Überereinstimmung sich zusammenfindet, und wie durch ein verabredetes Zeichen in Gebetseifer versetzt wird. Ferne sind die Wanderer von den Heerstraßen, frei ist das Meer von Schiffern und Passagieren. Der Landmann legt den Spaten und Pflug auf die Seite und hüllt sich in den festlichen Schmuck, die Handelsleute lassen ihre Geschäfte ruhen, der Lärm schwindet, wie der Winter beim Erscheinen des Frühlings. Das Geräusch, die Unruhe und 349 Verwirrung des Lebens sind dem Frieden des Festes gewichen, der Arme schmückt sich wie ein Reicher, der Reiche trägt einen größeren Glanz als gewöhnlich zur Schau, der Greis eilt wie ein Jüngling, um an der Freude Theil zu nehmen, der Kranke überwindet selbst seine Krankheit, das Kind begeht durch den Wechsel der Kleider auf sinnliche Weise die Festfeier, da es dieß auf geistige Weise noch nicht vermag. Die Jungfrau hat übermäßige Freude im Herzen, daß sie das Gedächtniß ihrer Hoffnung so glänzend geehrt sieht, die Verheirathete freut sich mit ihrem ganzen Hause der Festfeier. Denn jetzt sind sowohl sie, als auch ihr Lebensgefährte, sowie ihre Kinder, Diener und sämmtliche Hausgenossen in festlicher Stimmung. Und wie der junge neu angesetzte Bienenschwarm zuerst aus seinem Schlupfwinkel oder den Körben in die Luft oder in’s Licht ausfliegt, und dann ganz und zusammengedrängt an den Ast eines Baumes sich anschmiegt, so sammeln sich an diesem Feste sämmtliche Familienglieder am häuslichen Herde. Und mit Recht wird mit dem künftigen (jüngsten) Tag der gegenwärtige wegen wirklicher Ähnlichkeit zusammengestellt. Denn an beiden versammeln sich die Menschen, an jenem in ihrer Gesammtheit, an diesem theilweise oder vielmehr, um uns genauer auszudrücken, insoweit es auf Freude und Fröhlichkeit ankommt, ist dieser anziehender als der erwartete, weil man dort auch Die schauen muß, welche einen Jammer erheben, weil ihre Sünden aufgedeckt werden. Die Heiterkeit des heutigen Tages aber kennt keine Betrübten. Denn der Gerechte freut sich; wer kein gutes Gewissen hat, erwartet seine Aufrichtung durch die Sinnesänderung, und jede Traurigkeit wird am heutigen Tage gelindert. Keiner ist so sehr von Schmerzen gefoltert, daß er am herrlichen Festtag keine Erleichterung fände. Jetzt wird der Gefesselte von den Banden befreit, dem Schuldner wird nachgelassen, der Sklave wird durch den guten und liebevollen Ruf der Kirche frei gelassen, nicht in entehrender Weise auf die Wange geschlagen und durch einen Schlag von den Schlägen befreit, noch wie im 350 Schaugepränge auf hoher Bühne dem Volke gezeigt, so daß mit Hohn und Beschämung seine Freiheit beginnt, sondern er wird in so anständiger Weise entlassen, wie es bekannt ist. Auch Dem wird Gutes erwiesen, der noch Sklave bleibt. Denn wenn er auch viele und schwere Vergehen sich zu Schulden kommen ließ, zu groß, um Entschuldigung und Nachsicht zu finden, so berücksichtigt der Herr den heiteren und menschenfreundlichen Charakter des Tages und nimmt den Verstoßenen und mit Schmach Überhäuften in Gnaden auf, wie Pharao den Mundschenk aus dem Kerker. Denn er weiß, daß auch er am Tag der Auferstehung, wegen dessen Ähnlichkeit wir den gegenwärtigen Tag in Ehren halten, die Barmherzigkeit und Güte des Herrn nöthig hat, und indem er jetzt die Barmherzigkeit auf Zinsen leiht, erwartet er zu seiner Zeit die Wiedererstattung.
Ihr Herren habt es gehört, befolget meine Worte, da sie gut sind, bringt mich bei eueren Sklaven nicht in üblen Ruf, als ob ich in lügenhafter Weise den Tag lobe, nehmt von den bedrängten Seelen den Schmerz weg wie der Herr den Tod von den Leibern. Setzt die für ehrlos Erklärten wieder in ihre bürgerliche Ehre ein, verhelft den Bedrängten zur Freude, den Vertrauenslosen zum Vertrauen, führet die Vernachlässigten aus dem Winkel wie aus Gräbern hervor; wie eine Blume blühe für Alle der Schmuck des Festes. Denn wenn der Geburtstag eines menschlichen Königs das Gefängniß öffnet, soll der Siegestag, der auferstandene Christus, nicht die Bedrängten befreien? Ihr Armen, umarmt euere Ernährerin, ihr mit entstelltem und mißhandeltem Körper Den, der eure schlimmen Zustände 351 heilt. Denn wegen der Hoffnung der Auferstehung wird die Tugend gesucht und das Laster gehaßt, da, wenn die Auferstehung nicht mehr stattfindet,* eine* Rede bei Allen in Kraft stehen wird: „Laßt uns essen und trinken, denn morgen werden wir sterben.“ Auf diesen Tag schauend mißachtet der Apostel das zeitliche Leben und sehnt sich nach dem künftigen und sagt, indem er die sichtbaren Dinge gering anschlägt: „Wenn wir auf dieses Leben unsere Hoffnung gesetzt haben, sind wir bedauernswerther als alle Menschen.“ Wegen dieses Tages sind die Menschen Erben Gottes und Miterben Christi. Wegen dieses Tages wird der Theil des Körpers, den die Fleisch fressenden Vögel vor tausend Jahren verzehrt haben, sich wieder finden, ohne daß Etwas mangelt, und was die Wallfische, Hunde und Seethiere verschlungen haben, das wird mit dem auferweckten Menschen wieder auferstehen, und was das Feuer verbrannt und der Wurm in den Gräbern verzehrt, kurz alle Körper, welche nach der Geburt die Verwesung vernichtet hat, werden ganz und unversehrt aus der Erde zurückgegeben werden, und in einem Augenblicke, wie Paulus lehrt, wird die Auferstehung vollendet werden. Ein Augenblick aber ist das Schließen der Augenlider, und eine größere Schnelligkeit als diese könnte es nicht geben. Und wenn du in menschlicher Weise nach deiner Fassungskraft es überlegest, so kannst du in deiner Seele nicht die großen Zwischenräume der Zeit dir vorstellen, erstens, damit die verfaulten und in Erde verwandelten Knochen wieder zu einer festen und abgerundeten Masse sich verbinden und nach ihrer Auflösung wieder vereinigt zu einem harmonischen Ganzen und in ihre natürliche Verbindung zusammentreten, kannst ferner nicht begreifen die Umhüllung des Fleisches und die ausgebreiteten Nervenbänder und die feinen Kanäle der Adern und Blutgefäße, die unter der Haut hinlaufen, dann an Seelen eine unaussprechliche und unzählbare Menge aus gewissen 352 geheimen Wohnungen, von denen aber jede einzelne den ihr zugehörigen Leib als ihr auserlesenes Kleid erkennt und diesen wieder schnell bewohnt und bei einer so großen Zahl von verwandten Geistern eine sichere Wahl trifft. Denn denke an die Seelen von Adam an und die Leiber von ihm an, da so viele Wohnungen eingestürzt sind und die Hauseigenthümer nach langer Verbannung zurückkehren, und wie Alles auf unerwartete Weise vollbracht wird. Denn weder wird das Haus langsam aufgebaut, noch irrt der Bewohner umher und bleibt an der Thüre stehen, indem er sucht, was ihm als besonderes Eigenthum zugehört, sondern er geht rasch darauf los, wie eine Taube in ihren Schlag, wenn ihrer auch Viele und sie dichtgedrängt am nämlichen Orte sind, die durch gleiche Gestalt sich auszeichnen. Woher kommt wieder die Erinnerung und die Reflexion über das frühere Leben und der Gedanke an jede Handlung, welcher so schnell mit dem lebenden Wesen, das vor so vielen Jahrhunderten sich auflöste, vollkommen hergestellt wird? Weiß doch der Mensch, selbst wenn er aus einem tiefen Schlafe erwacht, auf einige Zeit nicht, was er ist und wo er sich befindet und kann sich der gewöhnlichen Dinge nicht entsinnen, bis der wache Zustand die Betäubung zerstreut und das Gedächtniß und die Thatkraft wieder anfacht. Dieses und ähnliches, wenn die Menge in ihren Gedanken darauf verfällt, erfüllt den Geist mit übermäßigem Staunen und verleitet durch das Staunen zugleich zum Unglauben. Denn da der Verstand keine Lösung der Zweifel und Fragen findet, und sein unruhiges Forschen durch kein Resultat und keine Lösung befriedigen kann, gibt er sich sofort bei der Schwäche der eigenen Denkkraft dem Unglauben hin, indem er die Wahrheit der Thatsachen verwirft und zurückweist.
§ 3
353 Wollen wir aber lieber, da wir im Verlaufe der Rede bei einem oft behandelten Thema angelangt sind, und der Stoff dem gegenwärtigen Feste entspricht und mit ihm verwandt ist, den vorliegenden Gegenstand auf einen entsprechenden Anfang zurückführen und Die zu überzeugen suchen, welche über ganz offenbare Dinge in ungeeigneter Weise zweifeln. Der Schöpfer des Weltalls, da er den Menschen schaffen wollte, setzte ihn nicht als ein verächtliches Wesen, sondern als das geehrteste von allen ins Dasein und machte ihn zum König der ganzen Schöpfung unter dem Himmel. Da er dieß wollte und ihm solche Weisheit und Gottähnlichkeit verlieh und ihn mit hoher Gnade zierte, hat er ihn etwa in dieser Absicht ins Dasein gerufen, daß er nach seiner Geburt verderbe und dem gänzlichen Untergange preisgegeben werde? Gewiß ein unbedeutendes Ziel, und sehr unwürdig ist es, einen solchen Gedanken Gott zuzuschreiben! Denn in dieser Weise wird er Kindern gleich gesetzt, die schnell einen Bau aufführen und schnell wieder zerstören, da ihre Gedanken auf kein nützliches Ziel gerichtet sind. Wir haben aber gerade das Gegentheil gehört, daß er den ersten Erschaffenen mit Unsterblichkeit schuf; als aber dann die Übertretung und Sünde geschah, er zur Strafe der Sünde ihn der Unsterblichkeit beraubte. Hierauf strömte die Quelle der Güte über von Menschenliebe, und zum Werke ihrer eigenen Hände sich beugend, schmückte sie es mit Weisheit und Einsicht, da sie beschloß, uns im alten Zustande wieder zu erneuern. Das entspricht auch der Wahrheit und ist der Vorstellung von Gott würdig. Denn es bezeugt ausser seiner Güte auch seine Macht. Aber sich gleichgiltig und hart gegen Das zu verhalten, was uns unterworfen und unserer Hut anvertraut ist, kommt nicht einmal hochherzigen und guten Menschen zu. In dieser Weise will der Schafhirt, daß seine Heerde in gesundem Zustande sich befinde und fast unsterblich sei; der Rinderhirt sorgt für das Gedeihen der Rinder durch vielfache Bemühungen, und der Ziegenhirt wünscht, daß die Ziegen immer zwei Junge zur Welt bringen, und es wünscht überhaupt jeder Heerdenbesitzer, 354 daß die Heerde ihm in blühendem Zustand erhalten bleibe, und verfolgt dabei irgend einen nützlichen Zweck. Da nun Dieß sich so verhält, und in Dem, was wir soeben gesagt haben, der Beweis geliefert ist, daß es für den Schöpfer und Baumeister unseres Geschlechtes sich am Meisten gezieme, das verweste Geschöpf wieder neu zu bilden, so ist es offenbar, daß Die, welche Das, was daraus folgt, nicht glauben, aus keinem anderen Grunde dagegen kämpfen, als weil sie glauben, daß es für Gott unmöglich sei, das Todte und Zerfallene wieder zu erwecken. Fürwahr ist es die Denkweise von gefühllosen Leichen, bei Gott an Ohnmacht und Unmöglichkeit zu denken und seine eigene Schwachheit auf die allmächtige Herrlichkeit überzutragen. Damit wir über ihren Unverstand mit überführenden Reden züchtigen, soll aus der Vergangenheit und Gegenwart die Zukunft nachgewiesen werden, an die sie nicht glauben. Du hast gehört, daß ein Gebilde aus Lehm gemacht wurde und der Mensch entstand. Zeige mir also, ich bitte, der du Alles mit deiner Weisheit umfassen willst, wie der dünne zerstreute Staub sich sammelte, wie die Erde Fleisch wurde, und der nämliche Stoff Knochen, Haut, Fett und Haare bildete, wie, da das Fleisch nur* eines* ist, die Gattungen, Eigenschaften und die Berührungen der Glieder verschieden sind, wie die Lunge weich zu berühren und von schwarzer Farbe, die Leber fest und roth, das Herz dicht und der härteste Theil im Fleische, die Milz dünn und schwarz, das Gedärmnetz weiß und ein von der Natur zusammengefaltetes Fischernetz ist?
Wollen wir auch Das betrachten, wie das erste Weib aus einem kleinen Theil der Seite ein vollkommenes lebendes Wesen wurde, gleich dem vollendeten ersten, und der Theil zu Allem genügte, und aus dem Wenigen Alles entstand, aus der Seite das Haupt, Hände und Füße, die gewundene und mannigfaltige Bildung der Eingeweide, Fleisch, Haare, Auge, Nase und Mund, und kurz, um nicht die Rede in die Länge zu ziehen, Alles, was 355 uns Kleinen wunderbar und ausserordentlich erscheint. Bei Gott aber ist die Erklärung des Baues naheliegend und ganz unbestritten. Wie werden nun Die vernünftig scheinen, welche zugeben, daß aus einer Seite ein Mensch geworden, aber nicht glauben, daß aus der gesammten Masse des Menschen der nämliche neu geschaffen werde? Es ist nicht möglich, ja nicht möglich, durch menschliches Nachdenken die Kraft Gottes auszugrübeln! Denn wenn uns Alles begreiflich wäre, so wäre ja der Bessere nicht besser als wir. Was rede ich von Gott? Nicht einmal mit den unvernünftigen Thieren halten wir in Betreff einiger Kräfte den Vergleich aus, sondern stehen auch ihnen nach. Im Laufe übertreffen uns z. B. die Pferde, die Hunde und viele andere; an Stärke aber die Kameele und Maulesel, an Kenntniß der Wege die Esel, und der scharfe Blick des Rehes findet sich in unsern Augen nicht. Deßhalb kommt es verständigen und weisen Menschen zu, den Worten Gottes zu glauben, nach der Art und Weise und den Ursachen der Wirkungen aber, als unsern Verstand überragend, nicht zu fragen. Denn man kann einem Vorwitzigen sagen: Weise mir nach, wie das Sichtbare Substanz angenommen hat! Sage mir, durch welche Kunst er diese vielgestaltige Arbeit zu Stande gebracht hat. Denn wenn du das entdeckst, findest du es mit Recht sonderbar und bist ungehalten, daß du die Umbildung der Wiedergeburt nicht kennst, da dir doch der Vorgang der Geburt bekannt ist. Wenn aber Jenes für dich ein Traumbild ist, und von allen Seiten dir die Erkenntniß schwierig erscheint, so sei nicht ungehalten, wenn du, da du den Vorgang der Zubereitung nicht kennst, auch die Wiederherstellung des Verwesten nicht begreifst. Der Nämliche ist der Künstler sowohl bei der ersten Schöpfung als auch bei der folgenden Umgestaltung. Er weiß, wie er das eigene Werk, nachdem es der Auflösung anheim gefallen ist, wieder in den alten Zustand zusammenfügen wird. Ist Weisheit nöthig, so ist bei ihm die Quelle der Weisheit; ist Kraft nöthig, so bedarf er keinen Mitarbeiter und Gehilfen. Dieser ist es, der nach dem Ausspruch des 356 weisesten Propheten mit der Hand das Wasser mißt, den großen unermeßlichen Himmel umspannt und die Erde mit seiner Hand umfaßt. Betrachte die Bilder, welche die Thätigkeit der unaussprechlichen Macht darstellen, und unsere Einsicht zur Verzweiflung bringen, daß wir nichts der Natur Gottes Würdiges uns vorstellen können. Er ist und heißt allmächtig. Wohl wirst du nicht dagegen streiten, sondern du wirst es als ausgemacht bestehen lassen. Für Den, welcher Alles vermag, ist Nichts unausführbar und unmöglich. Du hast viele Unterpfänder des Glaubens, welche dich nöthigen, unseren Worten beizustimmen, zuerst die ganze mannigfaltige und vielfach zusammengesetzte Schöpfung, die deutlicher als jede Predigt ihre Stimme erhebt, daß es ein großer und weiser Künstler ist, der alles Sichtbare gemacht hat; ferner Gott, der für Diese Vorsorge trägt und auf die kleinen Seelen der Ungläubigen von ferne schaut, bekräftigte die Auferstehung der Todten durch die That, indem er viele Leiber der Todten in’s Leben rief. Deßhalb ging Lazarus vier Tage nach seinem Tode aus dem Grabe hervor, und der einzige Sohn der Wittwe wurde seiner Mutter zurückgegeben, von der Todtenbahre und dem Leichengepränge unter die Lebenden zurückgerufen, und so unzählige Andere, die aufzuzählen jetzt zu umständlich wäre.
Was rede ich von Gott und dem Erlöser, da er, damit die Zweifler desto mehr beschämt würden, sogar seinen Dienern, den Aposteln, die Kraft verlieh, die Todten zu erwecken? Der Beweis ist also klar. Warum also belästigt ihr uns in eurer Zanksucht, als ob wir unbeweisbare Ansichten aufstellten? Wie Einer auferweckt wurde, so werden es auch zehn, und wie zehn auch dreihundert, und wie dreihundert so auch eine größere Zahl. Denn der Künstler, der* eine* Statue hergestellt hat, wird leicht auch unzählige 357 verfertigen. Seht ihr nicht bei den Baukünstlern, wie sie von großen und umfangreichen Gebäuden die Grundrisse und Modelle im Voraus bilden? Und das Verhältniß im Kleinen findet ebenso statt in den vielen großen Bauwerken. Groß ist der Himmel, ein Kunstwerk Gottes. Da aber Gott den Menschen zu einem vernünftigen Wesen gemacht hat, damit er durch das Verständniß seiner Werke den weisen und kunstgeübten Schöpfer verherrliche, so kannst du die Kugel des Sternkundigen sehen, die zwar klein ist, aber in der Hand des Verständigen sich so bewegt, wie der Himmel von Gott in Bewegung gesetzt wird, und ein ganz kleiner Körper wird Bild des großen Weltenbaues und durch das Verhältniß im Kleinen wird das Größere und was unsere Empfindung überschreitet, erklärt. Wozu habe ich aber dieß erörtert? Damit du erkennst, daß, wenn du mich auch fragst, wie die Auferstehung der Leiber, die von jeher gewesen sind, vor sich gehen werde, du sogleich die Gegenfrage vernehmen sollst, wie Lazarus nach vier Tagen auferweckt wurde. Denn es ist offenbar, daß der Vernünftige die Überzeugung bei* einem* in gleicher Weise auch auf Mehrere übertragen wird. Indem du Gott als den Urheber annimmst, so nenne Nichts unmöglich und glaube nicht, daß die Weisheit des Unergründlichen von deiner Einsicht erfaßt werden könne. Denn weder ist für Jenen Etwas unermeßlich, noch kannst du den Unermeßlichen ergründen.
§ 4
Wir werden aber dieses Verhältniß gut einsehen, wenn wir nach Dem, was wir bisher gesagt, auch die Art und Weise unserer Geburt prüfen, nicht jene erste und älteste, die von Gott kam, über die im Vorgehenden Dieß gesagt worden ist, sondern Die, welche bis jetzt nacheinander von der Natur vollbracht wurde. Denn diese ist undurchdringlich und dem menschlichen Verstande unzugänglich. Denn wie erstarrt der Same, ein feuchtes, gestaltloses und formloses Ding, zum Haupte, nimmt feste Gestalt an in den Beinen und Rippen, und bildet das Gehirn, weich und 358 klebrig, und den umgebenden Knochen, so fest und hart den mannigfachen Bau des lebenden Wesens, um es kurz zu sagen und nicht durch Eingehen auf die einzelnen Punkte mich zu sehr in Kleinigkeiten zu verlieren? Wie nun der Same, der anfangs gestaltlos ist, Gestalt annimmt und sich zu einem großen Umfang auswächst, indem er von der geheimnißvollen Kunst Gottes bearbeitet wird, so ist es keineswegs auffallend, sondern ganz natürlich, daß die Materie in den Gräbern, die nicht Gestalt hatte, sich wiederum zur alten Form erneuert, und daß aus dem Staube wiederum ein Mensch wird. Wie er nun am Anfang von daher seinen Ursprung nahm, so wollen wir Gott so viel Macht zuerkennen, als der Töpfer besitzt. Denn wollen wir untersuchen, was dieser thut! Er nimmt gestaltlosen Lehm und verarbeitet ihn zu einem Gefäße, und indem er dieses dem Sonnenstrahle aussetzt, trocknet er es und macht es fest. Das Gebilde aber ist ein Krug oder eine Schüssel oder ein Faß. Wenn nun Etwas zufällig darauf fällt und es umstürzt, so wird es beim Umfallen zerbrochen und wird zu gestaltloser Erde. Der Künstler aber, wenn es ihm beliebt, macht den Unfall rasch wieder gut, und indem er mit seiner Kunst wiederum den Lehm gestaltet, stellt er ein eben so gutes Gefäß wie das frühere wieder her. Und dieser Töpfer ist ein kleines Geschöpf der göttlichen Macht. Gott aber glaubt man nicht, wenn er verspricht, er wolle den Gestorbenen wieder zu neuem Leben zurückrufen? Das verräth großen Unverstand.
Wollen wir auch das Gleichniß vom Weizen betrachten, mit dem der hochweise Paulus die Unverständigen belehrt, indem er sagt: „Thor, was du säest, ist nicht der Körper, der entstehen soll, sondern ein bloßes Korn, etwa ein Weizenkorn, oder sonst ein Samenkorn. Gott aber gibt ihm einen Körper, wie es ihm beliebt.“ Wollen wir 359 genau Acht haben auf die Entstehung des Weizens, und wir werden bald die Erklärung der Auferstehung finden. Der Weizen wird in die Erde gestreut. Wenn er aber in der Feuchtigkeit verfault und so zu sagen abgestorben ist, wird er zuletzt zu einer milchigen Substanz, die, wenn sie etwas fest geworden, sich zu einem spitzigen und weissen Stachel bildet. Ist sie aber so weit entwickelt, daß sie aus der Erde hervordringt, so schlägt sie aus der weissen Farbe allmählig ins Grüne um. Hierauf wird es ein Gräschen und ragt wie das Haupthaar über die Schollen. Wenn es sich über ihnen ausgebreitet und dieselben mäßig bedeckt hat, so nährt es von unten die vielästige Wurzel und setzt für die zukünftige Schwere eine Stütze in Bereitschaft. Und wie die Mastbäume der Schiffe von allen Seiten mit sehr vielen Tauen angezogen werden, damit sie mit gleicher Kraft nach verschiedenen Seiten gezogen feststehen, so werden auch die strickartigen Abzweigungen der Wurzel zu Handhaben und Stützen der Ähren. Wenn aber der Weizen in den Halm schießt und in die Höhe emporstrebt, stützt ihn Gott durch Glieder und Knoten, indem er ihn wie ein Haus mit Klammern befestigt wegen der in Aussicht stehenden Schwere des Haarwuchses. Wenn hierauf die Kraft in Bereitschaft steht, durchbricht er den Kelch und treibt die Ähre. Und da gibt es wieder größere Wunder. Denn in einer Reihe umgibt sie der Weizen, und jedes Korn hat seinen besonderen Behälter, und an der Spitze sind die scharfen und feinen Hacheln angebracht, ich glaube, als Waffen gegen die Körner fressenden Vögel, damit sie, von ihren Spitzen gestochen, die Frucht nicht verletzen. Siehst du, was für ein Wunderwerk ein einziges abgefaultes Korn zu Stande bringt, und mit wie vielen es, da es allein in die Erde gesenkt ward, aufersteht? Ein Mensch aber erhält keinen weiteren Zuwachs, sondern nimmt wieder, was er hatte, und deßhalb erscheint unsere Wiedererneuerung weniger schwer als der Anbau des Weizens.
Gehe von da über zur Betrachtung der Bäume, wie 360 bei ihnen der Winter in jedem Jahre die Stelle des Todes vertritt. Denn es fällt das Obst ab, und sinkt das Laub hernieder und dürre stehen die Bäume, jeden Schmuckes beraubt. Kommt aber die Zeit des Frühlings heran, so werden sie mit den anmuthigsten Blüthen übergossen, und nach den Blüthen bildet sich die Hülle des Laubes und zieht dann als ein schönes Schauspiel die Blicke der Menschen auf sich und wird zu einer Werkstätte der singenden Vögel, die auf den Blättern sich niederlassen, und es umstrahlt sie eine wunderbare Anmuth, so daß Viele ein mit Gold und thessalischen und lakonischen Steinen verziertes Haus verließen und im Aufenthalte unter Bäumen ein größeres Vergnügen fanden. Deßhalb schlug auch der Patriarch Abraham unter einer Eiche sein Zelt auf, keineswegs als ob er kein Haus hätte bauen können, sondern weil er vom Vergnügen bezaubert wurde, das von den Zweigen kam.
§ 5
Es verleitet mich zum Vergleiche mit dem vorliegenden Gegenstand auch das Leben der kriechenden Thiere. Denn es erstarrt auch bei ihnen zur Zeit des Winters die belebende Kraft, und sie liegen eine Zeit von sechs Monaten in ihren Höhlen ganz unbeweglich. Wenn aber die festgesetzte Zeit gekommen ist, und der Donner in der Welt erdröhnt, so vernehmen sie das Getöse wie ein Zeichen des Bebens und springen rasch auf, und nach langer Zeit befassen sie sich wieder mir der gewohnten Arbeit. Wozu sage ich dieß? Es sage mir, wer die Thaten Gottes prüft und erkennt, und belehre mich, wie er zugibt, daß durch den Donner die Schlangen aus der todten Erstarrung erwachen, und nicht annimmt, daß die Menschen belebt werden, wenn die Trompete Gottes vom Himmel ertönt, wie das Wort Gottes sagt: „Denn er wird die Posaune ertönen lassen, und die Todten werden auferstehen“, und anderswo wieder 361 deutlicher: „Und er wird seine Engel aussenden mit der großen Stimme der Posaune, und seine Auserwählten sammeln.“
Wollen wir also an die Veränderungen und Erneuerungen glauben! Denn das Leben der Gewächse und verschiedenen Thiere und selbst der Menschen belehrt uns, daß Nichts von Dem, was der Verwesung und Geburt unterworfen ist, im gleichen Zustand bleibt, sondern dem Wechsel und der Veränderung unterliegt. Und zuerst wollen wir, wenn es beliebt, den Wechsel in unsern Lebensaltern betrachten. Wir nehmen wahr, wie es sich mit dem Säugling verhält. Ist eine kurze Zeit verstrichen, so bekommt er die Kraft zum Kriechen und unterscheidet sich in Nichts von den jungen Hunden, indem er sich auf vier Füße stützt. Im dritten Jahre erhebt er sich aufrecht und stößt einen lallenden, stammelnden Laut aus; hierauf bringt er es zu articulirten Lauten und entwickelt sich zu einem anmuthigen Knaben. Von diesem Alter rückt er vor zum mannbaren Jüngling wo der Milchbart die Wange umschattet, bald mit dichtem Barte bewachsen und bald so bald anders, dann ein reifer Mann, rauh und abgehärtet. Wenn aber vier Jahrzehnte vorüber gegangen sind, beginnt die Umkehr und bleicht das Haupt, und die Kraft neigt sich zur Schwäche, und es erscheint zuletzt das Greisenalter, das völlige Schwinden der Kraft. Es neigt sich aber der Leib und krümmt sich zur Erde wie die zu sehr gedörrten Ähren, und an der glatten Haut bilden sich Runzeln, und es wird wieder zum Kinde, der einst als Jüngling sich hervorthat, und stammelt, benimmt sich kindisch und kriecht in gleicher Weise wie früher auf Händen und Füßen. Für was hältst du Dieß alles? Nicht für eine Veränderung, nicht für vielfältige Umwälzung, nicht für abwechselnde Umgestaltungen, die auch vor dem Tode das sterbliche Geschöpf umwandeln? 362 Wie sollten ferner unser Schlaf und unser Wachen für die Weisen nicht eine Aufklärung über den Gegenstand der Untersuchung sein? Denn jener ist ein Bild des Todes, dieses aber eine Nachahmung der Auferstehung. Deßhalb nannten auch einige ausser dem Christenthum stehende Weise den Schlaf einen Bruder des Todes wegen der Ähnlichkeit der im Gefolge beider befindlichen Zustände. Denn Vergessen und Unkenntniß des Vergangenen und Zukünftigen herrscht auf beiden Seiten und der Körper liegt ohne Empfindung da, ohne einen Freund zu erkennen oder einen Feind wahrzunehmen, oder die um ihn herumstehen und ihn beobachten, zu sehen, kraftlos, todt und jeder Thätigkeit ermangelnd, in Nichts unterschieden von Denen, die in Gräbern und Särgen liegen. So kannst du auch, wenn du willst, den Schlafenden wie einen Todten plündern, das Haus ausleeren, ihm Fesseln anlegen, ohne daß er von Dem, was vorgeht, Etwas empfindet. Etwas später, wenn ein Nachlassen und eine Erleichterung des Zustandes eintritt, erhebt sich der Mensch wie neu belebt, indem er allmählig zum Bewußtsein seiner selbst und Dessen kommt, was um ihn vorgeht, und langsam wieder seine Thätigkeit beginnt und gleichsam durch das Erwachen wieder belebt wird. Wenn aber, da das Geschöpf noch besteht und lebt, bei Tag und Nacht so viele Abwesenheiten des Geistes, Veränderungen, Umwandlungen, Vergeßlichkeiten und Erinnerungen im Leben vorkommen, so verräth es Unverstand und Widerspruchsgeist in hohem Grade, Gott nicht zu glauben, wenn er die* letzte* Erneuerung vorherverkündet, da er doch die* erste* Bildung zu Stande gebracht hat.
§ 6
Was aber die Vertreter der gegentheiligen Ansicht am meisten waffnet und zum Unglauben verleitet, das ist, wie ich glaube, vor Allem die Annahme, daß eine gänzliche Zerstörung der Leiber eintrete. So aber verhält es sich nicht. Denn sie werden nicht völlig vernichtet, sondern in ihre Bestandtheile aufgelöst und befinden sich im Wasser, in der Luft, in der Erde und im Feuer. Da aber die 363 ursprünglichen Elemente bleiben, Das aber, was aus ihnen gebildet ist, sich nach der Auflösung mit ihnen verbindet, so bleiben im Ganzen auch die Theile erhalten. Für Gott aber ist es ganz leicht, aus Nichts Etwas zu erschaffen, denn so trat im Anfang Alles in’s Dasein, aber aus einem bestehenden Anfang Etwas ins Dasein rufen, ist gewiß bei Weitem das Leichteste und Bequemste. So wollen wir also die schöne Hoffnung der Menschen nicht zerstören, die sich auf die Aufrichtung unserer Ohnmacht bezieht, und wie man sagen könnte, auf unsere zweite Geburt, die frei ist vom Tode, und wollen wir nicht im Übermaß der Genußsucht die gute und menschenfreundliche Verheissung Gottes verachten. Denn mir scheinen die Gegner der vorliegenden Lehre Freunde des Schlechten und Feinde der Tugend, geil, habsüchtig, unenthaltsam in den Augen zu sein, und mit dem Gehör, dem Geruch und allen Sinnen die auf sie einströmende Lust aufzufangen. Da aber die Abhandlung von der Auferstehung es mit dem Gericht zu thun hat, und wir in der heiligen Schrift deutlich vernehmen, daß unser Leben von Rechenschaft nicht frei ist, sondern daß wir, wenn wir zum zweiten Leben erneuert werden, alle vor dem Richterstuhl Christi erscheinen werden, um von jenem Richter den im Leben verdienten Lohn zu empfangen, so läugnen sie, da sie sich der schändlichsten Thaten bewußt sind, welche schwere Strafe verdienen, aus Abneigung gegen das Gericht auch die Auferstehung, wie böse Knechte, die das Vermögen ihres Herrn verschwendet haben, den Tod und Untergang ihres Herrn sich einbilden und nach ihrem eigenen Verlangen sich leeren Gedanken hingeben.
Aber kein Vernünftiger wird so denken. Denn welchen Gewinn bringt Gerechtigkeit, Wahrheit, Rechtschaffenheit und alles Gute? Weßhalb plagen sich die Menschen und streben nach Weisheit, indem sie die Gelüste des Bauches bezähmen, sich der Mäßigkeit hingeben, den Schlaf abkürzen, Ungewitter und Hitze ertragen, wenn es keine Auferstehung gibt? Wollen wir mit den Worten des Paulus 364 ausrufen: „Laßt uns essen und trinken, denn morgen werden wir sterben?“ Wenn es keine Auferstehung gibt, sondern das Ende des Lebens der Tod ist, so unterlaß die Anklagen und Beschuldigungen, gestatte dem Mörder volle Freiheit, gewähre dem Ehebrecher, ohne Scheu die Ehen zu zerrütten, übermüthig behandle seine Gegner der Wucherer, Niemand halte den Schmähsüchtigen im Zaum, beständig schwöre der Meineidige. Denn der Tod erwartet auch Den, dem der Eid heilig ist. Ein Anderer möge lügen, so viel ihm beliebt, denn die Wahrheit bringt keinen Gewinn. Niemand erbarme sich des Armen. Denn die Barmherzigkeit erhält keine Belohnung. Diese Gedanken bewirken eine ärgere Verwirrung als die Sündfluth, und verscheuchen jede vernünftige Überlegung, verschärfen dagegen jeden wahnsinnigen und raublustigen Gedanken. Denn wenn es keine Auferstehung gibt, gibt es auch kein Gericht. Ist aber das Gericht beseitigt, so wird zugleich auch die Furcht Gottes abgelegt. Wo aber die Furcht nicht in Schranken hält, dort hält der Teufel mit der Sünde seinen Freudentanz. Und sehr passend hat David gegen Solche jenen Psalm geschrieben: „Der Thor sprach in seinem Herzen: Es ist kein Gott. Sie ärnteten Verderben und Abscheu in ihren Bestrebungen.“ Wenn es keine Auferstehung gibt, so ist eine Fabel Lazarus und der Reiche und die schreckliche Kluft und die unerträgliche Feuerhitze und die brennende Zunge und der ersehnte Wassertropfen und die Fingerspitze des Armen. Denn es ist deutlich, daß Dieß alles die bevorstehende Auferstehung sinnbildlich darstellt. Denn unter Zunge [ber: „Zunge“ statt „Zeuge“] und Finger sind nicht Glieder der körperlosen Seele, sondern Körpertheile zu verstehen, und Niemand halte dieß für etwas bereits Geschehenes, sondern für die Vorherverkündung der Zukunft. Es wird aber dann geschehen, wenn die Umgestaltung den Todten 365 belebt und Jeden zur Rechenschaft über sein Leben zieht, wenn er wie früher zusammengesetzt ist und aus Leib und Seele besteht.
Was wollte der gottbegeisterte Ezechiel, der die großen Gesichte schaute, andeuten, als er jene weit ausgebreitete Ebene sah, die mit Menschengebeinen angefüllt war, über welche zu prophezeien ihm aufgetragen wurde? Und es wuchs um sie sogleich Fleisch, die von einander getrennten und ordnungslos durch einander geworfenen Gebeine aber verbanden sich wieder mit einander zu einer bestimmten Ordnung und Verbindung. Ist es nicht offenbar, daß er durch solche Worte die Wiederbelebung dieses Fleisches uns hinlänglich anzeigt? Mir aber scheinen Die, welche diese Lehre bekämpfen, nicht nur gottlos, sondern sogar wahnsinnig zu sein. Denn Auferstehung, Wiederbelebung, Umgestaltung und alle ähnlichen Namen lenkt die Gedanken Desjenigen, der diese Namen vernimmt, auf den Leib, welcher der Verwesung ausgesetzt ist, da die Seele für sich betrachtet niemals auferstehen wird, da sie nicht stirbt, sondern unverwüstlich und unvergänglich ist. Während sie aber unsterblich ist, hat sie einen sterblichen Theilnehmer an ihren Handlungen, und deßhalb wird sie vor dem gerechten Richter zur Zeit der Rechenschaft wieder bei ihrem Lebensgenossen wohnen, damit sie gemeinsam mit ihm Strafe oder Belohnung empfange. Wollen wir aber vielmehr, damit die Untersuchung uns mehr regelgerecht verlaufe, in folgender Weise die Betrachtung anstellen. Was nennen wir Mensch, beide Theile oder den einen von ihnen? Es ist nun klar, daß die Verbindung beider das lebende Wesen ausmacht, und es geziemt sich nicht, bei unbezweifelten und bekannten Dingen länger zu verweilen.
366 Da aber Dieß sich so verhält, so wollen wir auch Jenes noch erwägen, ob wir Das, was die Menschen thun, als Ehebruch, Mord, Diebstahl und Alles, was damit in Zusammenhang steht oder ihm entgegengesetzt ist, Mäßigung, Enthaltsamkeit und jede dem Laster entgegengesetzte Thätigkeit, als Wirkungen beider erklären oder die Thaten der Seele allein zuschreiben. Aber auch hier liegt die Wahrheit offen da. Denn nirgends trennt sich die Seele vom Leibe, um einen Diebstahl auszuüben oder einen Einbruch zu unternehmen, noch auch gibt sie allein dem Hungrigen Brod oder tränkt den Durstigen oder eilt munter zum Gefängnisse, um gegen Den dienstfertig zu sein, der im Gefängnisse schmachtet, sondern bei jeder Handlung verbinden sich beide miteinander und bringen die That zu Stande. Wie nun trennst du, da dieß sich so verhält und du zugibst, daß es ein Gericht über die Thaten des Lebens geben werde, das Eine vom Andern, und beschränkst, da die Thaten gemeinsam sind, das Gericht bloß auf die Seele? Wenn Einer die menschlichen Verirrungen genau beurtheilen und sorgfältig untersuchen will, woher die Sünde ihren ersten Ursprung nimmt, so wird er wohl finden, daß bei den Verschuldungen zuerst der Körper ausschreite. Denn oft, wenn die Seele ohne Aufregung ist und eine ungetrübte Ruhe genießt, nimmt das Auge mit Leidenschaft wahr, was es besser nicht gesehen hätte, und verwandelt, indem es der Seele die Krankheit mittheilt, die Ruhe in Sturm und Brandung. Ebenso strömt das Gehör, wenn es unzüchtige oder reizende Reden vernimmt, wie durch gewisse ihm eigene Kanäle den Unrath der Aufregung und des Schmutzes in die Vorstellung aus. Manchmal versetzt auch die Nase durch den Geruch und die Dünste den inneren Menschen in große und unbegreifliche Leiden. Auch die Hände vermögen durch die Berührung die Festigkeit einer starken Seele zu schwächen. Und indem ich so Alles einzeln durchgehe und betrachte, finde ich als Ursache der vielen Sünden den elenden Körper. Er erträgt aber auch die Anstrengungen für die Tugend und leidet Mühsal in den Kämpfen für das 367 Gute, indem er sich mit Eisen schneiden, mit Feuer brennen, mit Geißeln zerfleischen und mit schweren Ketten fesseln läßt und jede Mißhandlung erträgt, um nicht die heilige Lehre zu verrathen, die wie eine wohlbefestigte Stadt vom Krieg der Bosheit umringt ist. Wenn er also bei guten Thaten in Verbindung mit der Seele thätig ist und bei Sünden nicht ferne weilt, welchen Grund hast du, um sie allein ohne den Körper vor den Richterstuhl zu führen? Fürwahr, das Verfahren ist weder gerecht noch vernünftig, wenn sie allein und ohne Gesellschaft gesündigt hat, wird sie ein gerechter Richter auch allein strafen. Wenn sie aber offenbar einen Genossen hat, so wird er diesen nicht leer ausgehen lassen.
Ich höre aber, daß die Schrift auch Dieses sagt, daß über die Verurtheilten gerechte Strafen werden verhängt werden, das Feuer, die Finsterniß, der Wurm, was lauter Strafen der zusammengesetzten und materiellen Leiber sind. Denn die Seele für sich allein würde niemals vom Feuer ergriffen, noch von der Finsterniß gepeinigt, da sie keine Augen und Sehwerkzeuge hat. Was würde ihr aber auch ein Wurm zufügen, welcher die Leiber verzehrt, aber nicht die Geister? Und deßhalb werden wir von allen Seiten durch folgerichtige Schlüsse zur Annahme der Auferweckung der Todten gedrängt, welche Gott zu seiner Zeit bewerkstelligen wird, indem er seine Verheissungen in der That erfüllt. Wollen wir also Dem glauben, welcher sagt: „Er wird mit der Trompete blasen, und die Todten werden auferstehen,“ und wiederum: „Es kommt die Stunde, in der Alle, die in den Gräbern sind, seine Stimme hören werden, und es werden hervorkommen, die Gutes gethan haben, zur Auferstehung des Lebens, die aber Böses thun, zur Auferstehung des Gerichtes.“ Denn er verheißt nicht 368 nur, sondern er zeigt auch durch die Werke, die er täglich verrichtet, deutlich seine Allmacht. Denn weder macht ihm am Anfang seine Schöpfung Mühe, noch wird es ihm zur Umgestaltung an Weisheit gebrechen. Wollen wir die Gegenwart betrachten, und wir werden in Betreff der Zukunft nicht ungläubig sein. Denn da jede Thätigkeit Gottes das Erstaunen im Gefolge hat, und groß und unaussprechlich die Verwunderung ist, wenn wir sehen, daß die Abbilder der Väter und Urgroßväter genau auf die Gestalten der Nachkommen übergehen und die Kinder Abdrücke der Großväter werden, so staune ich vorzugsweise die unendlich weise Kunst Gottes, des besten Künstlers und Erhalters, ungemein an, wie Nachbildungen von weder bestehenden noch erscheinenden Originalen durch ein tiefes Geheimniß geschaffen und gebildet werden, indem sie die Todten gleichsam in anderer Gestalt durch den Ausdruck der Formen hervorbringen. Oft aber werden auch die besonderen Eigenschaften vieler Personen zugleich in* einem* Körper ausgeprägt, vom Vater die Nase, vom Großvater das Auge, vom Onkel der Gang, von der Mutter die Sprache, und ein einzelner Mensch nimmt sich aus wie ein Baum, auf den die Zweige mehrerer Bäume gepflanzt worden sind, und von dem man eine große Zahl von Fruchtgattungen abpflücken kann. Dieß alles ist nun wunderbar, und wir wissen nicht, wie es geschieht, aber für den Schöpfer ist es ohne Schwierigkeit und wird, wie wir wissen, mit großer Leichtigkeit vollbracht. Es ist aber sehr ungereimt und ein Zeichen der Unwissenheit, zuzugeben, daß die Kennzeichen der verfaulten und verwesten Körper in Dem, was jetzt täglich an’s Licht tritt, auferweckt werden, und daß das Fremde auf Andere übergeht, aber nicht zuzugeben, daß das Eigene und Besondere an Denen selbst, die es einst besaßen, sich erneuere und wieder auflebe, sondern es im Gegentheil zu 369 verwerfen und zu bekämpfen und die Verheissung Desjenigen für eine Fabel und nicht für Wahrheit zu halten, der diese ganze sichtbare Welt hervorgebracht und, wie es ihm beliebte, eingerichtet hat. Wir aber glauben an die Auferstehung und erweisen die Ehre dem Vater, dem Sohne und heiligen Geiste, jetzt und immer von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.VI. Vierte Rede auf das heilige und heilbringende Osterfest.