253 Das Geburtsfest des Herrn entspricht dem Laubhüttenfest des alten Bundes. Wir feiern dieses Fest, da die Tageslänge wieder zuzunehmen beginnt. Seit der Geburt des Herrn wächst das Böse nicht mehr. Diesen Zeitpunkt wartete der Herr ab, um Heilung zu bringen, gleichwie der Arzt das höchste Stadium der Krankheit abwartet, um sie dann, wenn sie sich vollständig entwickelt hat, auch vollständig heilen zu können. Wenn auch jetzt noch viel Böses geschieht, so kommt es daher, daß zwar das Haupt der Schlange zertreten, aber ihr Rumpf noch nicht ganz abgestorben ist. Dann wird übergegangen auf die Prophezeiung der Geburt Christi und auf die wunderbare Weise und die wunderbaren Umstände dieser Geburt. Hiebei wird Etwas über die Lebensgeschichte der seligsten Jungfrau aus einem apokryphen Evangelium mitgetheilt. Dann wird die 254 Anbetung der Weisen und der bethlehemitische Kindermord, letzterer besonders lebhaft geschildert. Zum Schluß wird die Gnade der Geburt Christi hervorgehoben, die dem Geheimnis der Auferstehung nicht nachstehe, da dieses ohne jene nicht möglich gewesen wäre. Es werden dabei Die zurechtgewiesen, welche glauben, daß die Menschwerdung für Gott eine ungeziemende Erniedrigung sei.
§ 1
„Laßt ertönen die Trompete beim Neumond an euerem herrlichen Festtag!“ spricht David. Die Gebote der göttlichen Lehre sind ein unabweisbares Gesetz für Die, welche sie hören. Wollen also auch wir, da unser herrlicher Festtag erschienen ist, das Gesetz erfüllen und die Trompete blasen am heiligen Festtag. Die Trompete des Gesetzes aber ist, wie der Apostel zu verstehen gibt, das Wort. Denn er sagt, daß der Schall der Trompete nicht undeutlich sich gestalten dürfe, sondern die Laute so bestimmt ertönen müssen, daß Die, welche den Schall hören, ihn auch verstehen. Wollen also auch wir, Brüder, einen hellen und vernehmbaren Laut von uns geben, der keinen geringeren Werth hat als der, welcher aus dem Horn kommt! Denn auch das Gesetz, das in den Schattenbildern die Wahrheit vorbildlich darstellt, hat bei dem Laubhüttenfest den Trompetenstoß angeordnet. Der Gegenstand des heutigen Festes ist das Geheimniß der wahren Laubhütten. Denn in diesen wird die Hütte des Menschen aufgeschlagen durch Den, der unsertwegen den Menschen angezogen; in diesen werden die vom Tode zerstörten Hütten wieder von Dem aufgeschlagen, der von Anfang an unsere Wohnung gebaut hat. Stimmen auch wir ein in die Worte des Psalmes, indem wir mit dem erhabenen David jubeln: „Gelobt sei, der da 255 kommt im Namens des Herrn.“ Wie kommt er? Nicht wie auf einem Schiffe oder Wagen, sondern indem er mit jungfräulicher Unversehrtheit zum menschlichen Leben durchdringt. Dieser unser Gott, dieser unser Herr erschien uns, daß er dieses Fest einführte „in Laubgewinden bis zu den Hörnern des Altars“.
§ 2
Gewiß aber, o Brüder, erkennen wir das Geheimniß in diesen Worten. Die ganze Schöpfung nämlich ist eine Residenz des Herrn der Schöpfung. Aber da, als die Sünde Eingang fand, der Mund Derer, die in der Sünde befangen waren, verschlossen wurde und die Stimme des Jubels schwieg und der Einklang der Gäste des Festes in Trümmer ging, da das Menschengeschöpf nicht Theil nahm an dem Feste der überirdischen Natur, so kamen deßwegen die Trompeten der Propheten und Apostel, von denen das Gesetz sagt, daß sie von Horn seien, weil sie vom wahren Einhorn verfertigt sind, und welche in der Kraft des Geistes beständig das Wort der Wahrheit ertönen ließen, damit, wenn das Gehör bei Denen sich öffnete, bei welchen es durch die Sünde verschlossen war, es ein einziges zusammenstimmendes Fest würde, das durch den Schmuck der Laubhütten der irdischen Schöpfung mit den hervorragenden und höheren Kräften am himmlischen Altare mit ertönt. Denn die Hörner des geistigen Altars sind die höheren und hervorragenden Kräfte der geistigen Natur, Herrschaften, Kräfte, Mächte, Throne, Oberherrschaften, mit denen in gemeinsamer Festfeier durch das Laubhüttenfest der Auferstehung die Menschennatur sich verbindet und durch die Erneuerung der Körper geschmückt wird. Denn* (πυκάζεσθαι)* [pykazesthai] ist soviel als geschmückt und umhüllt werden, wie die Sprachkenner es erklären.
Wohlan denn, laßt uns unsere Seelen zum geistigen Reigen erheben, und laßt uns David zum Anordner, Leiter und Führer des Reigens machen! Wollen wir mit ihm 256 jene süßen Worte sprechen, die wir vorhin gesungen; und wollen wir sie wieder anstimmen: „Das ist der Tag, den der Herr gemacht hat, wollen wir jubeln und an ihm uns freuen,“ an dem die Finsterniß zu schwinden beginnt und die Länge der Nacht durch das Übergewicht des Sonnenstrahls zum Abnehmen gebracht wird. Nicht zufällig, Brüder, hat sich eine solche Anordnung des Festes etwa von selbst ergeben, daß jetzt das göttliche Leben dem menschlichen Leben erschienen ist, sondern ein Geheimniß stellt durch die äussere Erscheinung die Schöpfung den Einsichtsvolleren dar, indem sie beinahe eine Stimme vernehmen läßt und Den, der hören will, belehrt, was vor dem Angesicht des Herrn ein zunehmender Tag und eine abnehmende Nacht bedeutet. Denn mir kommt es vor, als ob ich ungefähr so die Schöpfung sprechen hörte: „O Mensch, erwäge, welches Geheimniß dir durch die äusseren Erscheinungen geoffenbart wird. Siehst du, daß die Nacht das äusserste Maß der Länge erreicht hat und nicht mehr vorwärts sich ausdehnt, sondern rückwärts zusammenschrumpft? Bedenke, daß die böse Nacht der Sünde, nachdem sie so lange als möglich zugenommen und durch alle Arten des Bösen hindurch den äussersten Gipfel der Bosheit erreicht hatte, heute in ihrer weiteren Ausbreitung gehemmt wurde und von nun an der Abnahme und Vernichtung entgegengeführt wird. Siehst du nicht den Lichtstrahl ergiebiger und die Sonne höher als gewöhnlich? Denke an die Gegenwart des wahren Lichtes, das mit den evangelischen Lichtstrahlen die ganze Erde beleuchtet.“
Vielleicht aber könnte Einer* dafür,* daß der Herr nicht Anfangs erschienen ist, sondern am Ende der Zeiten dem menschlichen Leben die Erscheinung seiner Gottheit als Gnade gewährt hat, Dieß mit Recht als Grund annehmen, daß Der, welcher mit der menschlichen Natur sich 257 vereinigen wollte, um die Sünde auszurotten, nothwendig abwartete, bis alle Sünde, die vom Feinde in die Erde gesäet worden, emporgewachsen war, ― denn dann, wie das Evangelium sagt, legte er die Axt an die Wurzel. Denn auch die in ihrer Kunst hervorragenden Ärzte geben, wenn noch das Fieber den Körper im Innern durchglüht und allmählig durch die Ursachen der Krankheit sich entzündet, dem Krankheitszustande nach, bis das Leiden den höchsten Punkt erreicht, und kommen dem Kranken durch Arzneimittel nicht zu Hilfe. Wenn aber das Übel Halt macht, dann wenden sie ihre Kunst an, da die ganze Krankheit zum Ausbruch gekommen ist. So wartete auch der Arzt der Seelenkranken ab, bis die Krankheit der Bosheit, von welcher die Menschennatur überwältigt wurde, sich ganz enthüllt hatte, damit nicht etwas Verborgenes ohne Heilung bliebe, indem der Arzt nur Das heilen kann, was zum Vorschein gekommen ist. Daher bringt er weder in den Zeiten des Noe, da alles Fleisch in Ungerechtigkeit verdorben war, durch sein Erscheinen die Heilung, weil noch nicht der Keim der sodomitischen Bosheit sich entwickelt hatte, noch auch erscheint der Herr zur Zeit des Untergangs der Sodomiter, weil noch viele andere Übel in der Menschennatur verborgen waren. Denn wo ist der gegen Gott kämpfende Pharao? Wo ist die unbezwingbare Bosheit der Ägyptier? Auch nicht einmal damals, nämlich zur Zeit der Bosheit der Ägyptier, hielt der Verbesserer der Welt es für den geeigneten Zeitpunkt, in’s Leben einzutreten, sondern es mußten noch die Gesetzesübertretungen der Israeliten an’s Licht kommen. Es mußte auch die Herrschaft er Assyrier und der Übermut des Nabuchodonosor, der noch unter der Asche glimmte, im Leben offenbar werden. Es mußte die Blutschuld an den Heiligen wie eine böse und dornige Pflanze aus der bösen Wurzel des Teufels emporsprossen. Es mußte die Wuth der Juden gegen die Heiligen Gottes an den Tag treten, indem sie die 258 Propheten tödteten und Die steinigten, welche zu ihnen gesandt wurden, und zuletzt zwischen dem Tempel und Altar die Blutschuld des Zacharias auf sich luden. Füge zur Reihe der bösartigen Gewächse noch hinzu den Kindermord des Herodes!
§ 3
Als nun die ganze Macht der Bosheit aus der bösen Wurzel sich entwickelt hatte und vielgestaltig in den Gesinnungen Derer, die in jedem Zeitalter durch ihre Bosheit sich bemerklich machten, sich entfaltete, da sah Gott, wie Paulus zu den Athenern sagt, die Zeiten der Unwissenheit nach und erschien in den letzten Tagen, als kein Mensch war der Gott erkannte und suchte. Als Alle vom rechten Pfade abwichen und unnütz wurden, als Alles von der Sünde umschlossen war, als das Unrecht überhand nahm, als die Finsterniß der Bosheit das höchste Maß erreicht hatte, da erschien die Gnade, da leuchtete der Strahl des wahren Lichtes auf, da erschien die Sonne der Gerechtigkeit Denen, die in der Finsterniß und im Schatten des Todes sitzen, da zerschmetterte er die vielen Häupter der Schlange, indem er auf sie seinen Fuß setzte, indem er im Menschenfleisch sie an die Erde drückte und zertrat.
Und Niemand glaube, wenn er auf die gegenwärtigen Zustände im Leben blickt, daß das Wort lüge, welches sagt, daß der Herr in den letzten Zeiten die Welt erleuchtet habe. Es mag nämlich Einer vielleicht die Einwendung machen, daß Der, welcher die Zeiten abwartete, wo die Bosheit an’s Tageslicht käme, um sie, wenn sie groß geworden, sammt der Wurzel auszurotten, sie* ganz* hätte vernichten sollen, so daß keine Spur von ihr im Leben übrig geblieben wäre. Nun aber werden Mordthaten, Diebstähle, Ehebrüche und alle Schlechtigkeiten frech ausgeübt. Aber wer darauf sieht, 259 möge durch ein bekanntes Beispiel seinen Zweifel über diesen Punkt lösen. Wie man nämlich bei der Tödtung von Schlangen wahrnehmen kann, daß nicht zugleich mit dem Haupte der gewundene Theil des Körpers das Leben einbüße, sondern das erstere todt, letzterer aber noch von dem ihm eigenen Leben beseelt und der Lebenskraft nicht beraubt ist, so hat auch der Verderber der Schlange, als das Thier mit allen einzelnen Geschlechtern der Menschen zugenommen hatte und grob geworden war, indem er das Haupt, das heißt die Kraft tödtete, die das Gute vernichtet und viele Köpfe in sich faßt, keine Rücksicht auf den angehängten Rumpf genommen und die Bewegung im todten Thiere zurückgelassen, um den Späteren eine Gelegenheit zur Übung zu verschaffen.
Welches ist nun das zertretene Haupt? Das, welches durch den bösen Rath den Tod brachte und das tödtliche Gift durch seinen Biß dem Menschen beibrachte. Der also die Macht des Todes vernichtete, hat die Macht im Haupte der Schlange zerschmettert, wie der Prophet sagt; der übrige Rumpf des Thieres aber beschwert, mit dem menschlichen Leben vermischt, so lange die menschliche Natur den Bewegungen der Bosheit ausgesetzt ist, beständig durch die Schuppen der Sünde unser Leben. Im Wesentlichen ist er wohl bereits todt, nachdem das Haupt entseelt ist. Wenn aber die Zeit vorüber ist und die Bewegung in der erwarteten Vollendung dieses Lebens ihren Stillstand erreicht, dann wird der letzte und äusserste Theil des Feindes der Lebenskraft beraubt. Das ist aber der Tod. Und so wird die gänzliche Vernichtung der Bosheit zu Stande kommen, wenn Alle durch die Auferstehung in’s Leben zurückgerufen und die Gerechten sogleich in die himmlische Erbschaft versetzt, die aber der Sünde gedient haben, dem höllischen Feuer übergeben werden.
§ 4
260 Aber wollen wir wieder zurückkehren zur gegenwärtigen Freude, welche den Hirten die Engel verkünden, welche den Magiern die Himmel mittheilen, die der prophetische Geist mannigfaltig und vielfach ankündigt, so daß auch die Magier Verkünder der Gnade werden. Denn der die Sonne aufgehen läßt über Gerechte und Ungerechte und regnen läßt über Gute und Böse, trug den Strahl der Erkenntniß und den Thau des Geistes auch auf fremde Zungen über, so daß durch das Zeugniß der Gegner uns die Wahrheit noch mehr bekräftigt wurde. Du hörst, wie der Wahrsager Balaam, von einer besseren Einsicht begeistert, einem fremden Volke prophezeit: „Ein Stern wird aufgehen aus Jakob.“ Du siehst, daß die von ihm abstammenden Magier in Folge der Vorhersagung ihres Stammvaters den Aufgang des neuen Sternes beobachten, der im Widerspruch mit der Natur der übrigen Sterne sowohl Bewegung als Stillstand hat und nach Bedürfniß den einen oder andern Zustand annimmt. Denn während die übrigen Sterne theils, nachdem sie einmal an der festen Kugel befestigt sind, einen unveränderlichen Stillstand erlangt haben, theils sich in beständiger Bewegung befinden, so bewegt sich dieser nicht nur vorwärts, indem er den Magiern den Weg zeigt sondern er bleibt auch stehen und zeigt ihnen den Ort.
Du hörst, wie Isaias ausruft: „Ein Kindlein wurde uns geboren, und ein Sohn wurde uns geschenkt.“ Vernimm vom Propheten selbst, wie uns ein Kindlein geboren wurde. Wie wurde uns ein Sohn geschenkt? Etwa nach dem Gesetze der Natur? Nein, sagt der Prophet. Nicht diente den Gesetzen der Natur der Herr der Natur. Aber wie, sage mir, wurde das Kindlein geboren? „Sieh,“ sagt er, „eine Jungfrau wird im Leibe empfangen und einen Sohn gebären, und man wird ihm den Namen Emmanuel 261 geben, d. h. übersetzt: „Gott mit uns.“ O Wunder! Die Jungfrau wird Mutter und bleibt Jungfrau. Du siehst die neue Ordnung der Natur. Von den übrigen Weibern ist keine Mutter, so lange sie Jungfrau ist. Wenn sie aber Mutter geworden, ist sie nicht mehr im Besitze der Jungfrauschaft. Hier aber vereinigen sich beide Namen zu einer Einheit, denn die Nämliche ist Mutter und Jungfrau. Und so hat weder die Jungfrauschaft der Geburt ein Hinderniß in den Weg gelegt, noch auch die Geburt der Jungfrauschaft verlustig gemacht. Denn es geziemte sich, daß Der, welcher im menschlichen Leben erschien, um das Weltall unversehrt zu erhalten, von der Unversehrtheit bei seiner Geburt den Anfang nahm. Denn unversehrt pflegen die Menschen Die zu nennen, welche keinen Mann kennt. Das, glaube ich, hat jener große Moses aus der im Lichte ihm zu Theil gewordenen Erscheinung Gottes vorher erkannt, als im Dornstrauch das Feuer brannte, ohne daß der Dornstrauch verzehrt wurde. „Denn ich will hinzutreten“, sagt er, „und diese große Erscheinung betrachten,“ indem er nicht, wie ich glaube, durch das Hinzutreten die nämliche Bewegung andeutet, sondern das Durchschreiten der Zwischenzeit. Denn was damals im Feuer und Dornstrauch vorgebildet wurde, das ward, als die dazwischen liegende Zeit vorüber war, deutlich im Geheimniß der Jungfrauschaft enthüllt. Denn wie dort vom Gebüsch das Feuer umfaßt wird und das Gebüsch doch nicht brennt, so wird auch hier von der Jungfrau das Licht geboren ohne Verlust der Jungfräulichkeit. Wenn aber ein Dornstrauch den die Gottheit gebärenden Körper der Jungfrau vorbildet, so erröthe nicht über das Gleichniß! Denn alles Fleisch ist durch die Aufnahme der Sünde gerade deßhalb allein, weil es Fleisch ist, Sünde. Die Sünde aber wird von der Schrift mit dem Namen der Dornen bezeichnet.
262 Wenn wir aber von unserm Gegenstande uns nicht zu weit abführen lassen, so ist es vielleicht nicht unpassend, den Zacharias, der zwischen dem Tempel und Altare getödtet wurde, als Zeugniß für die unbefleckte Mutter aufzustellen. Dieser Zacharias war Priester, aber nicht bloß Priester, sondern auch mit der Gabe der Weissagung ausgestattet. Die Kraft der Weissagung aber wird in dem Buche der frohen Botschaft schriftlich verkündet. Da die göttliche Gnade den Menschen den Weg bahnt, das Gebären einer Jungfrau nicht für unglaublich zu halten, und sie durch die geringeren Wunder zur Annahme des Unglaublichen vorbereitet, so wird der Unfruchtbaren, die schon im Alter vorgerückt ist, ein Sohn geboren. Das bildet die Einleitung zum Wunder der Jungfrauschaft. Denn wie Elisabeth nicht durch natürliche Kraft Mutter wird, nachdem sie kinderlos ein hohes Alter erreicht hat, sondern die Geburt des Kindes dem göttlichen Willen zugeschrieben wird, so erhält auch die Unglaublichkeit einer gebärenden Jungfrau ihre Beglaubigung durch die Zurückführung auf Gott. Da aber dem Sohne der Jungfrau der Sohn der Unfruchtbaren vorhergeht, welcher bei der Stimme Derjenigen, die den Herrn unter dem Herzen trug, im Mutterleibe aufsprang, bevor er das Licht der Welt erblickte, so wird, sobald der Vorläufer des Wortes geboren ist, Zacharias durch den prophetischen Geist von der Stummheit befreit, und Alles, was Zacharias ausspricht, war eine Vorhersagung der Zukunft. Dieser nun, der durch den prophetischen Geist zur Kenntniß des Verborgenen geleitet wurde, erkannte das Geheimniß der unbefleckten Geburt und wies im Tempel von dem Platze, der nach dem Gesetze für die Jungfrauen bestimmt war, die Mutter nicht zurück, die keinen Mann erkannte, und lehrte so die Juden, daß der Werkmeister aller Dinge und der König der ganzen Schöpfung, wie Alles, so auch die Menschennatur sich unterworfen hat, indem er durch seinen Willen sie nach Belieben leitet, nicht selbst von dieser beherrscht wird, so daß es in seiner Macht liegt, eine neue Art der Geburt zu Stande zu bringen, ohne 263 daß die Mutter der Jungfrauschaft beraubt wird. Deßhalb sonderte er sie im Tempel von den Jungfrauen nicht ab. Der ihnen angewiesene Platz aber war der Raum zwischen dem Tempel und Altare. Als sie nun hören, daß der König der Schöpfung nach der Heilsordnung in’s Menschenleben eingetreten sei, tödten sie aus Furcht, unter die Herrschaft des Königs zu gelangen, den Priester, der Dieß über die Geburt bezeugt, als er gerade am Altar opfert.
§ 5
Aber wir sind weit von unserm Gegenstand abgeirrt und müssen in unserer Rede auf das im Evangelium erwähnte Bethlehem zurückkommen. Denn wenn wir in Wahrheit Hirten sind und über unsere Heerden wachen, so sind unbezweifelt an uns die Worte der Engel gerichtet, welche diese große Freude verkünden. Schauen wir also auf das himmlische Heer, schauen wir auf den jubelnden Chor der Engel, vernehmen wir ihren göttlichen Lobgesang! Welches ist ihr Ruf bei der Festfeier? Sie rufen: „Ehre sei Gott in der Höbe!“ Warum verherrlicht die Stimme der Engel die Gottheit, die in der Höhe wahrgenommen wird? Weil, sagen sie, auch auf Erden Frieden ist. Mit großer Freude wurden die Engel über die Erscheinung erfüllt. Friede auf Erden! Sie, die Anfangs verflucht war und Dornen und Disteln trug, das Land des Krieges, der Verbannungsort der Verurtheilten, sie hat Frieden bekommen. O Wunder! „Die Wahrheit ist aus der Erde aufgegangen, und die Gerechtigkeit hat vom Himmel herabgeblickt.“ Eine solche Frucht hat die Erde der Menschen aus sich hervorgetrieben. Und Dieß geschieht für den guten Willen der Menschen. Gott vermischt sich mit der menschlichen Natur, damit zur Höhe Gottes sich die Menschheit erhebe. Indem wir Dieß hören, laßt uns nach Bethlehem gehen, laßt uns das neue Schauspiel sehen, wie die Jungfrau sich über 264 ihre Geburt erfreut, wie Die, welche keinen Mann kennt, ihr Kind pflegt.
Zuerst aber wollen wir, wer sie ist und woher, von Denen vernehmen, die über sie berichten. Ich habe also eine unterschobene Geschichte kennen gelernt, welche Folgendes von ihr erzählt. Ein durch genaue Gesetzeserfüllung ausgezeichneter und unter den Besten hervorragender Mann, der Vater der Jungfrau, alterte kinderlos, weil seine Ehegattin zur Kindererzeugung sich ihm nicht geeignet erwies. Es genoßen aber nach dem Gesetze die Mütter eine Ehre, die den Kinderlosen nicht zu Theil wurde. Auch Diese ahmt nun nach, was von der Mutter des Samuel erzählt wird. Sie begibt sich in das innerste Heiligthum und fleht zu Gott, sie möge des Segens des Gesetzes nicht verlustig gehen, da sie Nichts gegen das Gesetz gefehlt habe, und sie möge Mutter werden, dann würde sie das Kind Gott heiligen. Da fand sie bei Gott Erhörung und erlangte die erflehte Gnade. Als aber das Kind geboren war, nannte sie es Maria, um auch mit dem Namen das göttliche Gnadengeschenk anzudeuten. Als aber das Mädchen bereits herangewachsen war, so daß es nicht mehr gesäugt zu werden brauchte, beeilte sie sich, es Gott zu übergeben, das Versprechen zu erfüllen und es in den Tempel zu führen.
Die Priester aber hätten Anfangs nach dem Beispiel des Samuel das Kind unter den Heiligen auferzogen und, als es groß geworden war, bei sich berathen, was sie mit dem heiligen Körper anfangen sollten, ohne gegen Gott zu sündigen. Denn sie dem Gesetze der Natur zu unterwerfen und durch die Ehe der Herrschaft eines Mannes preiszugeben, mußte als ganz ungeeignet erscheinen. Denn man 265 hätte es geradezu für einen Gottesraub gehalten, daß der Mensch über ein göttliches Weihgeschenk Herr würde, da der Mann nach dem Gesetze den Auftrag erhielt, über seine Ehegattin zu herrschen. Daß aber zugleich mit den Priestern ein Weib im Tempel sich aufhalte und im Heiligthum sich blicken lasse, war einerseits dem Gesetze nicht gemäß, und zugleich verstieß es anderseits gegen die Ehrbarkeit. Als sie hierüber zu Rathe gingen, wurde ihnen von Gott der Rath zu Theil, sie einem Manne unter dem Vorwand der Verlobung zu übergeben. Dieser aber müsse so beschaffen sein, daß er zur Bewachung ihrer Jungfrauschaft sich eigne. Es fand sich also Joseph, ein Mann, wie er dem Zwecke entsprach, aus der nämlichen Zunft und dem nämlichen Stamm wie die Jungfrau, und nahm nach dem Rathe der Priester das Mädchen zur Braut. Die Verbindung überschritt den Brautstand nicht.
§ 6
Dann wird die Jungfrau von Gabriel in den göttlichen Willen eingeweiht. Die Worte der Einweihung aber hatten einen herrlichen Inhalt. „Sei gegrüßt,“ sagt er, „du Gnadenvolle, der Herr ist mit dir.“ Im Gegensatze zum ersten Worte, das an ein Weib erging, wird jetzt zur Jungfrau gesprochen. Jenes wurde zu den Geburtswehen wegen der Sünde verurtheilt, an dieser aber wird durch die Freude der Schmerz entfernt; an jenem gingen die Geburtsschmerzen vorher, bei dieser beseitigt die Freude den Geburtsschmerz. „Fürchte dich nicht!“ sagt er. Während jedem Weibe die Erwartung der Geburt Furcht bereitet, wird durch die Verkündung der süßen Geburt die Furcht entfernt. „Du wirst empfangen und einen Sohn gebären und seinen Namen Jesus nennen; denn er wird sein Volk von seinen Sünden erlösen.“ Was sagt nun Maria? Höre die Rede einer reinen Jungfrau! Der Engel bringt ihr die frohe Botschaft, daß sie gebären werde, und jene 266 klammert sich an ihre Jungfrauschaft und schätzt ihre Unversehrtheit höher als die Verkündigung des Engels. Und sie kann weder dem Engel den Glauben versagen, noch auch wird sie ihrem Entschlusse untreu. Ich habe, sagt sie, dem Umgang mit einem Manne entsagt. „Wie wird mir Dieß zu Theil werden, da ich keinen Mann erkenne?“ Diese Worte Mariens sind ein Beweis für die unterschobene Darstellung. Denn wenn Joseph sie als Ehegattin angenommen, wie hätte es sie befremden können, wenn der Engel ihr verkündete, daß sie gebären werde, da auch sie nach dem Gesetze der Natur hoffen mußte, einmal Mutter zu werden? Aber da der Gott geweihte Leib wie eines von den heiligen Weihgeschenken unverletzt erhalten werden mußte, deßhalb sagt sie, ist es geradezu unmöglich, wenn du auch ein Engel bist und vom Himmel kommst und die Erscheinung eine überirdische ist, daß ich einen Mann erkenne. Wie werde ich Mutter sein ohne einen Mann? Denn den Joseph kenne ich zwar als meinen* Verlobten,* aber einen* Mann* erkenne ich nicht.
Was erwidert hierauf Gabriel, der an die Jungfrau abgesandt ist? Welches Ehebett zeigt er der reinen und unbefleckten Ehe? „Der heilige Geist“, sagt er, „wird über dich herabkommen, und die Kraft des Allerhöchsten wird dich überschatten.“ O glückseliger Leib, der wegen des Übermaßes der Reinigkeit die Güter der Seele an sich gezogen hat! Denn bei allen Übrigen würde kaum eine reine* Seele* die Gegenwart des heiligen Geistes ertragen, hier aber wird der* Leib* ein Gefäß des Geistes. „Aber auch die Kraft des Höchsten wird dich überschatten.“ Was versteht hierunter das Wort in geheimnißvollen Ausdrücken? Daß Christus die Kraft Gottes und die Weisheit Gottes ist, wie der Apostel sagt. Die Kraft des höchsten Gottes 267 also, welche Christus ist, nimmt durch die Herabkunft des heiligen Geistes in der Jungfrau Gestalt an. Denn wie der Schatten sich nach der Gestalt der Körper bildet, so werden die Gestalt und die Kennzeichen der Gottheit des Sohnes in der Kraft des Geboren durchscheinen, ein Bild, ein Abdruck, ein Schatten und Abglanz des Urbildes, und durch wunderbare Kraftäusserung an’s Licht treten.
Aber die Freudenbotschaft des Engels treibt uns an, in unserer Rede nach Bethlehem zurückzukehren und die Geheimnisse in der Höhle zu betrachten. Was ist das? Ein Kind, das in Windeln eingewickelt ist und in der Krippe liegt; und die nach der Geburt Jungfrau blieb, die unversehrte Mutter, ist um das Kind beschäftigt. Wollen wir wie die Hirten aussprechen die Worte des Propheten: „Wie wir gehört haben, so haben wir es gesehen in der Stadt des Herrn der Mächte, in der Stadt unseres Gottes.“ Ist Dieß zufällig, wie es sich gerade traf, geschehen und von Christus berichtet worden, und ist im Bericht keine besondere Wahrheit verborgen? Wozu dient dem Herrn der Aufenthalt in der Höhle? wozu das Liegen in der Krippe? wozu, daß er zur Zeit der Aufschreibung der Abgaben in das Leben eintrat? Es ist offenbar, daß, wie er vom Fluche des Gesetzes uns befreit, indem er selbst für uns den Fluch hinnimmt und er auch unsere Wunden auf sich nimmt, damit wir durch seine Wunden geheilt werden, er sich so auch der Abgabe unterzieht, damit er uns von den bösen Banden befreie, denen die Menschheit preisgegeben war, indem sie dem Tode den Tribut zahlen mußte. Wenn du aber die Höhle siehst, in welcher der Herr geboren wird, so denke an das dunkle und unterirdische Leben der Menschen, in welchem er geboren wird und Denen erscheint, die in der Finsterniß und im 268 Schatten des Todes sitzen. In Windeln aber wird Der gehüllt, welcher die Bande unserer Sünden sich anlegen läßt. Die Krippe aber, in welcher das Wort geboren wird, ist der Wohnort der Thiere, „damit der Ochs seinen Eigenthümer und der Esel die Krippe seines Herrn erkenne.“ Der Ochs ist Der, welcher an das Gesetz gespannt ist; der Esel ist das lasttragende Thier, das beladen ist mit der Sünde des Götzendienstes. Aber die den Thieren entsprechende Lebensnahrung ist Gras. Denn der Prophet sagt: Der das Gras wachsen läßt für das Vieh. Das vernünftige Geschöpf lebt vom Brode. Deßhalb wird nun in der Krippe, welche der Herd der Thiere ist, das vom Himmel herabgekommene Brod des Lebens vorgesetzt, damit auch die unvernünftigen Thiere an der vernünftigen Nahrung Theil nehmen und vernünftig leben. Es liegt also in der Krippe mitten zwischen Ochs und Esel der Herr beider, damit er die Zwischenwand zerstöre und beide in sich zu einem neuen Menschen erschaffe, indem er dem einen das schwere Joch des Gesetzes abnimmt, den anderen von der Last des Götzendienstes befreit.
§ 7
Aber schauen wir auf die himmlischen Wunder! Denn sieh, nicht nur die Propheten und Engel bringen uns diese Freudenbotschaft, sondern auch die Himmel verkünden durch ihre Wunder den Ruhm des Evangeliums. „Aus Juda ist uns der Herr aufgegangen,“ wie der Apostel sagt; aber der Jude wird von Dem nicht beschienen, der aufgegangen ist. Fremd ist den Magiern die Verheissung der Testamente, ferne liegt ihnen die Segnung der Väter; aber sie kommen mit ihrer Erkenntniß dem israelitischen Volke zuvor, erkennen den Himmelsstern, und auch der König in der Höhle bleibt ihren Augen nicht verborgen. Jene bringen 269 Geschenke, Diese bereiten Nachstellungen. Jene beten an, Diese verfolgen. Jene freuen sich, als sie den Gesuchten finden. Diese gerathen über die Geburt des Angekündigten in Bestürzung. „Denn“, heißt es, „als die Magier den Stern über der Stelle sahen, wo das Kind war, hatten sie eine große Freude.“ Als aber Herodes die Rede vernahm, erschrack er und ganz Jerusalem mit ihm. Diese bringen ihm Weihrauch als einem Gotte und verehren die königliche Würde im Golde, und das bevorstehende Leiden zeigen sie mit einer gewissen Prophetengabe durch die Myrrhe an. Jene aber beschließen die gänzliche Vernichtung jeder Neugeburt. Dadurch, glaube ich, verdienen sie nicht nur den Vorwurf der Härte, sondern auch des äussersten Unverstandes. Denn was bezwecken sie mit dem Kindermord? Und zu welchem Zwecke haben die Mörder eine solche Blutschuld auf sich geladen? Weil, sagt man, ein neues himmlisches Wunderzeichen den Magiern das Erscheinen des Königs gezeigt hat. Wie nun? Glaubst du, daß das verkündende Zeichen Wahrheit melde, oder hältst du es für ein leeres Gerücht? Denn wenn er so beschaffen ist, daß er sich die Himmel unterworfen hat, ist er nicht ganz über deine Macht erhaben?
Wenn er aber Leben und Tod in deine Hände gibt, so bist du vor einem Solchen vergeblich in Furcht. Denn warum leidet Der Nachstellungen, welcher in solcher Lage ist, daß er deiner Macht sie unterwerfen muß? Warum wird jener furchtbare Befehl erlassen, der verruchte Urtheilsspruch gegen die Unmündigen, daß die unglücklichen Kinder sollen beseitigt werden? Was haben sie verbrochen? Welche Schuld der Todesstrafe haben sie auf sich geladen? Nur* eines* Vergehens sind sie schuldig, daß sie geboren sind und das Licht der Welt erblickt haben, und deßhalb 270 mußte die Stadt sich mit Henkern füllen und sich eine Schaar von Müttern und Unmündigen sammeln, während zugleich viel Volk sich eingestellt hatte und sowohl die Väter als auch Alle, welche blutsverwandt waren, natürlicher Weise auf die Trauerbotschaft hin zusammen kamen. Wer könnte das Unglück durch die Rede schildern? Wer vermöchte durch die Erzählung den Schmerz vor Augen zu stellen, jene vereinigten Thränenströme, jene vereinigten Schmerzensrufe der Kinder, Mütter, Verwandten, Väter, die bei der Drohung der Henker ihren Jammerruf erhoben? Wie möchte Jemand den Henker schildern, der mit bloßem Schwerte vor dem unmündigen Kinde steht, mit grimmigem und mörderischem Blicke und entsprechender Rede, wie er mit der einen Hand das Kind an sich zieht und mit der andern das Schwert erhebt, und die Mutter, die von der andern Seite das Kind an sich zieht und ihren eigenen Hals der Schärfe des Schwertes darbietet, um nicht ihr unglückliches Kind mit eigenen Augen von den Händen des Scharfrichters hingemordet zu sehen? Wie möchte Jemand das Verhalten der Väter schildern, die Ausrufungen, die Seufzer, die letzten Umarmungen der Kinder und zugleich vieles ähnliche, was in gleicher Weise geschah? Wer möchte wohl das vielgestaltige und mannigfaltige Unglück gebührend schildern, die doppelten Wehen der Frauen, die vor Kurzem geboren, die bitter brennenden Schmerzen der Natur, wie das unglückliche Kind zugleich an der Mutterbrust hing und die tödtliche Wunde in das Herz aufnahm, wie die unglückliche Mutter dem Säugling die Brust reichte und das Blut des Kindes ihren Busen bespritzte? Mit* einem* Schlage und* einem* Schwerthiebe traf wohl manchmal der Scharfrichter das Kind und die Mutter, und* ein* Blutstrom bildete sich durch Vermischung aus der Verletzung der Mutter und der tödtlichen Wunde des Kindes.
Da aber der verruchte Befehl des Herodes auch Dieß in sich faßt, daß das Todesurtheil nicht bloß gegen die 271 Neugebornen ausgesprochen wird, sondern auch die Kinder, die im 2. Jahre standen, hingeschlachtet werden sollten, ― denn es heißt in der Schrift: „von zwei Jahren und darunter,“ ― so sieht das Wort hierin natürlich ein zweites Leiden, indem dieser Zeitraum die nämliche Frau oft zur Mutter zweier Kinder gemacht hatte. Was bot sich also bei Diesen wieder für ein Schauspiel dar, da zwei Henker bei einer Mutter beschäftigt waren, indem der eine das neben der Mutter herlaufende Kind an sich riß, der andere den Säugling mit Gewalt ihr abnahm? Was mag hiebei die unglückliche Mutter gelitten haben? Da ihre Natur sich auf zwei Kinder spaltete, da beide in gleicher Weise in den Eingeweiden der Mutter das Feuer entzündeten, war sie unschlüssig, an welchen der bösen Henker sie sich halten sollte, da der eine von dieser, der andere von jener Seite den Unmündigen an sich zog, um ihn zu morden. Soll sie zu dem jüngsten eilen, das ein noch undeutliches und unartikulirtes Jammergeschrei ausstößt? Aber sie hört bereits das andere schreien und mit lallender Stimme unter Thränen den Namen der Mutter rufen. Was soll sie anfangen? Was soll aus ihr werden? Auf welche Stimme soll sie antworten? In welchen Jammer soll sie einstimmen, welchen Tod beweinen, da die Natur den Schmerz über den Tod beider Kinder in ihr aufregt?
§ 8
Aber wenden wir unsere Aufmerksamkeit ab von dem Jammer über die Kinder und lenken wir unsere Gedanken auf fröhlichere und dem Feste mehr entsprechende Dinge, wenn auch nach dem Propheten Rachel ihre Stimme erhebt und den Tod ihrer Kinder beweint. Denn am Festtage schickt es sich, wie der weise Salomo sagt, die Leiden zu vergessen. Was für ein Fest ist glänzender als dieses? An diesem hat die Sonne der Gerechtigkeit die 272 verderbte Finsterniß des Teufels zerstreut und verbreitet über die Natur Licht durch unsere eigene Natur. An derselben ist das Gefallene aufgerichtet, wird, was in Feindschaft gerathen, ausgesöhnt, wird, was verbannt, zurückgerufen, kehrt, was aus dem Leben verstoßen war, wieder in’s Leben zurück, wird, was in Gefangenschaft und Knechtschaft gerathen, wieder zur Würde des Königthums aufgenommen, und was in den Banden des Todes gefesselt war, kehrt wieder frei zurück in’s Land der Lebendigen. Jetzt werden nach dem Propheten die ehernen Pforten des Todes zertrümmert, die eisernen Riegel zerbrechen, hinter denen früher das Menschengeschlecht im Gefängniß des Todes abgesperrt war. Jetzt öffnet sich, wie David sagt, das Thor der Gerechtigkeit, jetzt hört man auf der ganzen Erde den einstimmigen Laut der Festfeier: „Durch einen Menschen der Tod und durch einen Menschen die Erlösung.“ Der erste fiel in Sünde, der zweite hob den Gefallenen auf. Das Weib ist vom Weibe in Schutz genommen worden, das erste gewährte der Sünde den Eingang, dieses war dem Eingang der Gerechtigkeit verhilflich. Jenes nahm den Rath der Schlange an, dieses brachte den Mörder der Schlange hervor und gebar den Urheber des Lichtes; jenes brachte durch das Holz die Sünde in die Welt, dieses dagegen durch das Holz die Tugend. Holz nenne ich das Kreuz, die Frucht dieses Holzes aber blüht beständig und wird Denen, die sie genießen, unverwelkliches Leben.
Und Niemand nehme an, daß dem Geheimniß des Osterfestes allein hiefür Dank gebühre. Denn man muß bedenken, daß das Osterfest das Ende der Heilsordnung ist. Wie aber könnte das Ende stattfinden, wenn nicht der Anfang vorherginge? Was ist an Alter dem Andern 273 voraus? Offenbar ist die Geburt älter als das Eintreten des Leidens. Also sind auch die Güter des Osterfestes ein Theil der Segnungen des Geburtsfestes. Und wenn Jemand die Wohlthaten in Dem, was in den Evangelien berichtet ist, aufzählt und die wunderbaren Heilungen durchgeht, sowie die Ernährung in Noth und Mangel, die Rückkehr der Verstorbenen aus dem Grabe, die Erzeugung des Weines durch den bloßen Willen, die Austreibung der bösen Geister, die Umwandlung der mannigfaltigen Krankheiten in den Zustand der Gesundheit, das Gehen der Lahmen, die Erlangung des Gesichtes durch aufgelegte Erde, die göttlichen Lehren, die gegebenen Gesetze, die Einführung in hohe Wahrheiten durch Parabeln, so begreift Das alles die Gnade des gegenwärtigen Tages in sich. Denn mit diesem nahmen die darauffolgenden Güter ihren Anfang. Wollen wir also, wie der Prophet ermahnt, an demselben jubeln und uns freuen, ohne die Vorwürfe der Menschen zu fürchten oder durch ihre Geringschätzung uns abwendig machen zu lassen, wie auch der Prophet ermahnt, wenn sie die Heilsordnung verspotten, als ob es nicht geziemend sei, daß der Herr die leibliche Natur annehme und durch die Geburt ins Menschenleben eintrete. Sie kennen offenbar hierin das Geheimniß nicht, wie die Weisheit Gottes unser Heil wirkte. Wir waren durch unseren eigenen Willen unsern Sünden überantwortet und nach Art von Sklaven dem Feinde unseres Lebens unterworfen. Was wünschtest du vom Herrn am meisten zu erhalten? Nicht, vom Unglück befreit zu werden? Was kümmerst du dich um die Art und Weise? Was willst du dem Wohlthäter Gesetze vorschreiben und begnügst dich nicht mit der Wohlthat? Das nimmt sich gerade so aus, wie wenn Jemand auch den Arzt von sich stieße und die Wohlthat bemängelte, daß er nicht so, sondern anders die Heilung bewerkstelligte.
Wenn du aber aus übertriebener Neugierde die Größe der Anordnung erforschest, so genügt es dir, zu wissen, 274 daß die Gottheit nicht bloß eines der Güter, sondern Alles ist, was zum Begriff eines Gutes gehört: Macht, Gerechtigkeit, Güte, Weisheit, und daß sie alle Namen und Begriffe des göttlichen Wesens in sich faßt. Erwäge nun, ob nicht Alles, was wir angeführt haben, in Dem sich vereinigt, was uns zu Theil geworden ist, die Güte, Weisheit, Kraft, Gerechtigkeit. In seiner Güte liebte er den Abtrünnigen; in seiner Weisheit faßte er den Plan, Die, welche in die Sklaverei gerathen waren, wieder zu gewinnen; in seiner Gerechtigkeit thut er Dem keine Gewalt an, welcher einen Sklaven in seiner Gewalt hat und durch Kauf in rechtlicher Weise in dessen Besitz gelangt ist, sondern er hat sich selbst als Lösegeld für die Unterworfenen hingegeben, um gleich einem Bürgen die Schuld auf sich zu nehmen und den Unterworfenen von seinen Zwingherren frei zu machen. Bei seiner Macht gewann die Unterwelt keine Gewalt über ihn und sah sein Fleisch keine Verwesung. Denn unmöglich konnte der Herr des Lebens der Verwesung unterliegen.
Aber es ist entehrend, ein Mensch zu werden und den menschlichen Zuständen sich zu unterwerfen? Du berufst dich auf das Übermaß der Wohlthat. Da nämlich die Menschheit von so vielen Übeln anders nicht befreit werden konnte, so übernahm es der ganz leidenslose König, seine Herrlichkeit für unser Leben einzusetzen. Und die Reinheit erscheint in unserm Schmutze, wie das Evangelium sagt: „Das Licht leuchtet in der Finsterniß, und die Finsterniß hat es nicht begriffen.“ Denn durch das Erscheinen des Lichtes wird das Dunkel vernichtet, nicht wird die Sonne durch das Dunkel verdüstert. „Die Sterblichkeit wird vom Leben verschlungen,“ wie der Apostel sagt, nicht wird das Leben vom Tode aufgezehrt. Was dem Verderben anheim gefallen war, wird zugleich mit dem 275 Unverdorbenen gerettet, nicht dehnt das Verderben sich auf das Unverdorbene aus. Deßhalb entsteht eine gemeinsame Harmonie der ganzen Schöpfung, welche unter allen Denen eintritt, welche die Lobpreisung zum Herrn der Schöpfung emporschicken, indem im Himmel, auf Erden und unter der Erde alle Zungen ausrufen: Unser Herr ist Jesus Christus in der Herrlichkeit Gottes des Vaters, gepriesen von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.II. Rede auf den Festtag der Lichter, an dem unser Herr getauft wurde. (Epiphanie.)