297 Nach einigen allgemeinen Betrachtungen über die Gnade des Tages, mit Berücksichtigung der Vorbilder des alten Bundes, wird auf die Frage eingegangen, in welcher Weise angenommen werden könne, daß Christus drei Tage im Grabe gelegen sei. Unser Kirchenvater sucht die Frage durch die Annahme zu lösen, daß Christus schon bei dem letzten Abendmahle in mystischer Weise den Tod erlitten habe, und daß durch die Finsterniß bei dem Tode Jesu der Freitag in zwei Tage und eine Nacht zertheilt worden sei. So haben wir mit dem folgenden Sabbat drei Tage sowie auch drei Nächte, nämlich vor Freitag, innerhalb des Freitags und vor Samstag. Als Zeit der Auferstehung wird der Abend des samstags angenommen. Ferners wird noch erörtert, wie Christus zu gleicher Zeit in der Unterwelt, im Paradiese und in den Händen des Vaters sein konnte, und 298 warum die Christen in Betreff der Osterfeier sich nur theilweise an die mosaischen Vorschriften halten. Daran schließt sich eine Betrachtung über die symbolische Bedeutung des Kreuzes. Den Epilog bildet eine Aufmunterung zur würdigen Feier des Osterfestes in lebendiger Erinnerung und in lebendigem Glauben an die Auferstehung des Herrn und in freudiger Hoffnung der uns aus seiner Auferstehung erwachsenden Güter.
§ 1
Wenn irgend eine Segnung der Patriarchen, die auf den Geist Gottes sich stützt, wenn irgend ein Gut der geistigen Gesetzgebung in Folge der Verheissung von Denen gehofft wird, die einen guten Lebenswandel führen, wenn man glaubt, daß in den geschichtlichen Sinnbildern irgend eine Wahrheit vorher verkündet sei, wenn irgend eine prophetische Stimme das Übernatürliche als frohe Botschaft uns verkündet, so ist Das alles im heutigen Gnadengeschenke enthalten. Und wie in dem unsern Augen sich darbietenden Anblick* ein* Licht uns umstrahlt, das aus unzähligen Lichtquellen in unsere Augen strömt, so wird uns durch die ganze Segnung Christi, welche wie ein Feuermeer durch sich selbst leuchtet, dieses große Licht verschafft, das aus vielen und mannigfaltigen Strahlen der Schrift zusammengesetzt ist. Denn aus jedem der göttlichen Aussprüche kann man Etwas entnehmen, was der heutigen Festfeier entspricht. Suchst du die „Segnung Abrahams“, so findest du Das, was du suchest, wenn du auf den heutigen Tag blickst. Du siehst „die Sterne des Himmels;“ ich meine diese Gestirne, die soeben durch den Geist uns aufgegangen sind und sogleich die Kirche zum Himmel gemacht haben; denn die strahlende Gnade ihrer Seele wird durch die Strahlen der feurigen Körper bezeichnet. Wenn Jemand diese für die wahren Kinder Abrahams erklärt, die er nach der Verheissung bekommen hat, und die mit den Sternen des Himmels verglichen werden, so wird er von der Wahrheit nicht 299 abirren. Und du bewunderst den erhabenen Moses, der die ganze Schöpfung Gottes mit seiner hohen Einsicht umfaßt. Sieh’ da den gesegneten Sabbat der ersten Schöpfung! Erkenne in jenem Sabbat diesen Sabbat, den Tag der Ruhe, den Gott gesegnet hat vor den übrigen Tagen. Denn an diesem ruhte in Wahrheit von allen seinen Werken der eingeborene Gott aus, indem er in der Heilsordnung des Todes dem Fleische nach den Sabbat feierte, und in der Auferstehung, indem er zu dem, was er war, wieder zurückkehrte, Alles, was darniederlag mit sich wieder auferweckte, und denen, die in der Finsterniß und im Schatten des Todes sitzen, Leben, Auferstehung, Aufgang und Tag geworden ist. Angefüllt ist die Geschichte mit verwandter Segnung: Der Vater jenes Isaak, der den Geliebten nicht schonte, und der Eingeborene, der die Opfergabe und das Schlachtopfer wurde, und das Lamm, das statt seiner geschlachtet wurde. Denn man kann in der Geschichte das ganze Geheimniß der Gottseligkeit sehen. Das Lamm hängt am Holze und wird an den Hörnern festgehalten. Der Eingeborne aber trägt selbst das Holz zum Opfer. Du siehst, wie der Nämliche, der Alles trägt durch das Wort seiner Kraft, auch die Last unseres Holzes trägt und vom Holze aufgenommen wird, tragend als Gott und getragen als Lamm, indem so der heilige Geist das große Geheimniß sinnbildlich auf beide Theile überträgt, auf den geliebten Sohn und auf das daneben zugleich sich zeigende Lamm, so daß in dem Lamme das Geheimniß des Todes, im Eingebornen aber das Leben sich zeigt, das vom Tode nicht getroffen wird. Wenn du aber auf den Moses selbst schauen willst, der durch das Ausspannen der Arme das Kreuz darstellt und durch diese Haltung des Körpers den Amalech besiegt, so kannst du in der Wahrheit das Sinnbild sehen und den Amalech, der von dem Kreuze überwunden wird. Du hast auch den Isaias, der nicht wenig zur Gnade des heutigen Tages beiträgt. 300 Denn durch ihn hast du im Voraus vernommen von der Mutter ohne Mann, von dem Fleische ohne Vater, von den wehelosen Wehen, von der unbefleckten Geburt, da der Prophet also spricht: „Sieh, die* Jungfrau* wird empfangen und einen Sohn gebären, und sie werden ihm den Namen Emmanuel geben, d. h. Gott mit uns.“
Daß aber die Geburt ohne Wehen eintreten mußte, da rüber soll dich zuerst die Billigkeit der Sache belehren. Da nämlich jedes Vergnügen mit dem Schmerz unzertrennlich verbunden ist, so muß nothwendig von zwei Dingen, die man eng verbunden sieht, wenn das eine nicht stattfindet, auch das andere nicht vorhanden sein. Wo also die Lust der Geburt nicht vorherging, da ist auch kein Schmerz nachgefolgt. Dann aber wird es auch durch die Worte des Propheten bewiesen, die also lauten: „Bevor ihre Geburtswehen eintraten, entkam sie denselben und gebar einen Knaben,“ oder wie ein anderer Uebersetzer sagt: Sie gebar, bevor sie Wehen empfand. Von dieser jungfräulichen Mutter, sagt er, wurde uns ein Kind geboren, und ein Sohn uns geschenkt, dessen Herrschaft auf seiner Schulter der Engel des großen Rathschlusses, u. s. w. Dieses Kind, dieser Sohn wurde wie ein Schaf zur Schlachtbank geführt und wie ein Lamm, das seine Stimme nicht erhebt gegen den, von dem es geschoren wird. Oder vielmehr ist, wie Jeremias sagt, dieß das sanftmüthige Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird. Dieß ist das Brod, auf welches die Feinde des Brodes und Holzes das Holz werfen. Wollen wir aber vielmehr das Bekannteste und Deutlichste von Allem aus dem Propheten entnehmen, wodurch das Geheimniß deutlich im Voraus beschrieben wird, ich meine den Jonas, der, ohne Schaden zu leiden, vom Seeungeheuer verschlungen ward und unverletzt aus dem Seeungeheuer hervorkam, der auch durch seinen drei 301 Tage und ebenso viele Nächte dauernden Aufenthalt in den Eingeweiden des Seeungeheuers, das Verweilen des Herrn in der Unterwelt vorher verkündete. Dieß und Ähnliches mußt du in jeder Schriftstelle aufsuchen und auslesen. Denn Dieß alles siehst du an dem, was heute vorgeht, und am heutigen Glanze hängt das ganze Gesetz und die Propheten, wie irgendwo das Evangelium sagt. Und jedes von Gott eingegebene Wort und Gesetz ist in dieser Gnade zusammengefaßt nach dem Ausspruch des Paulus. Denn das ist das Ende des Mißgeschicks und der Anfang des Guten.
§ 2
So zum Beispiel herrschte der Tod, der mit Adam seine verderbliche Macht begann, aber auch zur Zeit des Moses behielt er seine böse Gewalt bei, da das Gesetz die böse Macht des Todes in keiner Weise abschwächte. Es kam die Herrschaft des Lebens, und die Macht des Todes wurde gebrochen. Und es entstand ein anderes Geschlecht, ein anderes Leben, eine andere Gestalt des Lebens, selbst eine Umwandlung unserer Natur, ein Geschlecht, das nicht aus Blut, nicht aus dem Willen des Mannes noch aus dem Willen des Fleisches, sondern aus Gott geboren ist. Wie so? Deutlich werde ich dir in meiner Rede die Gnade darstellen. Diese Geburt ist durch den Glauben empfangen und wird durch die Wiedergeburt der Taufe an’s Licht gebracht. Amme ist für sie die Kirche, Muttermilch die Lehre, Nahrung das himmlische Brod, Reife des Lebens die erhabene Lebensweise, Ehe das Zusammenleben mit der Weisheit, Kinder die Hoffnungen, Häuser die Herrschaft, Erbschaft und Reichthum die Freuden des Paradieses, Ende statt des Todes das ewige Leben in der Seligkeit, die den Heiligen aufbewahrt ist. In dieser Gnade sieht auch der große Zacharias den Anfang der Umwandlung zum Guten und schwankt über die Benennung, wie man die Gnade des 302 heutigen Tages passend bezeichnen soll. Denn nachdem er die übrigen Wunder des Leidens erörtert hat, sagt er über diese Zeit auch Dieses: „Es ist kein Tag und keine Nacht,“ wodurch er andeutet, daß von einem Tage keine Rede sein könne, wo die Sonne fehlt, daß es aber auch keine Nacht gibt, weil auch keine Finsterniß vorhanden ist. Denn die Finsterniß nannte Gott Nacht, wie Moses sagt. Da es nun der Zeit nach Nacht ist, wegen des Lichtes aber Tag, so sagt deßhalb der Prophet: „Es ist weder Tag noch Nacht.“ Wenn nun nach dem Ausspruch des Propheten die gegenwärtige Zeit keine Nacht ist, so ist nothwendig, die Gnade des heutigen Tages etwas Anderes, als dieß, und führt einen andern Namen. Soll ich sagen, was mir in den Sinn kommt? Das ist der Tag, den der Herr gemacht hat, es ist dieß ein anderer, als die Tage im Anfang der Schöpfung, die als Zeitmaß dienen. Der Anfang einer anderen Schöpfung ist dieser Tag. Denn an diesem Tage macht Gott einen neuen Himmel und eine neue Erde, wie der Prophet sagt. Was für einen Himmel? Das feste Himmelsgewölbe des Glaubens an Christus. Was für eine Erde? Das gute Herz, sage ich, wie der Herr es ausgesprochen hat, die Erde, die den Regen trinkt, der auf dieselbe herabkommt, und welche die schwere Ähre zur Reife bringt. In dieser Schöpfung ist Sonne das reine Leben, sind Sterne die Tugenden, ist Luft das hervorleuchtende Leben, Meer die Tiefe des Reichthums der Weisheit und Erkenntniß, Gras und Kräuter die gute Lehre und die göttlichen Glaubenssätze, die das Volk der Weide, das heißt, die Heerde Gottes abweidet, Fruchtbäume aber die Erfüllung der Gebote. An diesem Tage wird geschaffen der wahrhafte Mensch, der nach dem Ebenbild und Gleichniß Gottes gemacht ist. Siehst du, welche Welt diesen Anfang hat, den Tag, den der Herr gemacht hat, von dem der Prophet 303 Zacharias sagt, daß er nicht ein Tag ist wie die anderen Tage, noch eine Nacht wie die anderen Nächte?
Und noch nicht ist in der Rede die Auszeichnung der gegenwärtigen Gnade geschildert. Diese Gnade hat den Schmerz des Todes aufgehoben. Diese hat den Erstgebornen der Todten zum Leben gebracht. Durch diese wurden die eisernen Pforten des Todes zerbrochen, durch diese die ehernen Riegel der Unterwelt zertrümmert. Jetzt öffnet sich das Gefängniß des Todes. Jetzt wird den Gefangenen die Loslassung verkündet. Jetzt wird den Blinden das Gesicht wieder zu Theil. Jetzt sehen die, welche in Finsterniß und im Schatten des Todes sitzen, den Aufgang aus der Höhe. Wollt ihr auch Etwas über den dreitägigen Termin erfahren? Es genügt, so viel zu wissen, daß in einem so kurzen Zeitraum die allmächtige Weisheit, die sich im Herzen der Erde befand, der Herr, jenen „großen Sinn“, der in ihr sich aufhält, in Thorheit zu verwandeln vermochte. Denn so nennt ihn der Prophet, indem er ihn einen großen Sinn heißt und einen Assyrier. Da nun das Herz gleichsam ein Heerd des Sinnes ist, denn man glaubt, daß in demselben das herrschende Princip wohne, deßhalb befindet sich der Herr im Herzen der Erde, welches der himmlische Aufenthalt jenes Sinnes ist, so daß er seinen Rathschluß in Thorheit verwandelt, wie der Prophet sagt, und den Weisen in seiner Verschmitztheit fängt und seine weisen Unternehmungen ins Gegentheil verwandelt. Denn da es unmöglich war, daß der Herrscher der Finsterniß dem ungemischt erscheinenden Lichte nahte, ohne einen Theil des Fleisches an ihm wahrzunehmen, deßhalb hoffte er, als er das göttliche Fleisch sah und auch die Wunder sah, die von der Gottheit selbst gewirkt wurden, er würde, wenn er über das Fleisch im Tode siegte, auch die ganze in ihm ruhende Macht besiegen. Und deßhalb wurde er, da er nach der 304 Lockspeise des Fleisches sich gierig sehnte, von der Angel der Gottheit durchbohrt und so wurde der Drache an der Angel geführt, wie Job sagt, der durch dieselbe die Zukunft vorher sagt, indem er spricht: „Du wirst den Drachen an der Angel führen.“
Wollen wir die Stimme des Propheten hören, was es war, was dieses Herz der Erde gegen das Weltall im Schilde führte, als es gegen das Fleisch des Herrn den Mund öffnete. Was sagt Isaias zu ihm, indem er es tadelt? „Du hast gesagt in deinem Herzen: ich will zum Himmel steigen, über den Wolken werde ich meinen Thron errichten und dem Höchsten gleich sein.“ Das führte das böse Herz bei sich im Schilde. Und wollen wir noch zuvor wieder aus dem Ausspruch des Isaias hören, was der in der Bosheit große Sinn, der böse Assyrier, ihm vortrug, da er sagte: „Durch die Kraft meiner Hand werde ich es thun, und durch meine weise Einsicht werde ich die Grenzen der Völker wegnehmen und ihre Kraft verheeren und die bewohnten Städte erschüttern und die ganze bewohnte Erde wie ein Vogelnest ergreifen und wie zurückgelassene Eier wegnehmen, und Niemand wird mir entrinnen oder mir widersprechen“. Mit dieser Hoffnung nimmt er Den in sich auf, der aus Menschenfreundlichkeit unter den Erdbewohnern lebte. Was ihm aber statt des Gehofften zu Theil wird, setzt die Prophezeiung deutlich auseinander, welche sein Leiden ausspricht, wie Lucifer vom Himmel fiel, wie er auf die Erde geschmettert wurde, er, der auf Fäulniß gebettet ist, dessen Kleidung die Würmer sind, und Alles, was er sonst über seine Vernichtung erörtert, was Einer, der es will, aus den Schriften selbst genau erfahren kann.
§ 3
Ich aber muß in meiner Rede zum vorgesteckten Ziele zurückkehren. Deßhalb verweilt die wahre Weisheit in diesem großsprecherischen Herzen der Erde, um aus ihr den 305 großen Geist der Bosheit zu vertilgen, und damit das Dunkel erleuchtet und die Sterblichkeit vom Leben verschlungen und das Böse der Vernichtung preisgegeben werde, wenn der größte Feind, der Tod, unschädlich gemacht worden ist. Das hat die dreitägige Frist bewirkt. Ist das etwa eine langsame Gnade? Ist ein so großer Gewinn mit großem Zeitverlust erzielt worden? Willst du das Uebermaß der Macht aus dem erkennen, was in so kurzer Zeit zu Stande gebracht wurde? Zähle mir alle dazwischen liegenden Geschlechter auf vom ersten Beginn der Uebel bis zu ihrer Vertilgung, wie viele Menschen in allen einzelnen Geschlechtern zu Tausenden sich zählen lassen. Es ist nicht möglich, die Menge derer in einer Zahl zu bestimmen, deren Bosheit nacheinander sich ausbreitete. Und der verderbliche Reichthum der Bosheit wurde bei der Vertheilung auf die Einzelnen mit jedem Einzelnen größer und so pflanzte sich in vielfachen Zeugungen mit den immer nachrückenden Geschlechtern die Bosheit fort und ergoß sich dem Umfange nach über alle Grenzen, bis sie den höchsten Gipfel im Bösen erreicht hatte und die ganze menschliche Natur beherrschte, wie in dieser Weise der Prophet sich allgemein ausdrückt: Alle sind abgewichen und unnütz geworden, und es gab Nichts unter allen Dingen, was nicht ein Werkzeug der Bosheit war. Hat nun Derjenige, der diesen großen Haufen des Bösen vom Beginn der Welt bis zur Heilsordnung des Herrn im Leiden in drei Tagen in die Lüfte zerstreut hat, dir einen geringen Beweis seiner übermäßigen Macht gegeben, oder nicht einen stärkeren, als alle Wunder der heiligen Geschichte? Denn wie die Wunderthat des Samson nicht bloß darin groß erscheint, daß er den Löwen bewältigt hat, sondern auch darin, daß er ohne Anstrengung mit bloßer und bewaffneter Hand das Thier wie zum Spiele zerriß, so ist auch der Umstand, daß der Herr ohne alle Mühe eine so umfangreiche Bosheit vertilgte, ein größerer 306 Beweis seiner übermäßigen Macht. Nicht der Andrang endloser Gewässer, die von den Schleusen des Himmels auf die Erde herabstürzten, nicht die Abgründe, welche ihre natürlichen Grenzen überschritten und wie Meere die Erde überschwemmten, noch die ganze Erde, die wie ein Schiff sammt den Bewohnern in den Abgrund versenkt wurde, noch Berge, die in die Tiefe sanken und überschwemmte Berggipfel, noch wie es bei Sodoma der Fall war, ein Feuerregen, der durch das Feuer die Verdorbenheit reinigte, noch sonst etwas Ähnliches, sondern bloß das einfache und unbegreifliche Erscheinen des Lebens und Lichtes hat bei denen, die in der Finsterniß und im Schatten des Todes saßen, ein gänzliches Verschwinden und Aufhören der Finsterniß und des Todes bewerkstelligt.
Soll ich zu dem Gesagten noch etwas Weiteres hinzufügen? Das Böse nahm seinen Ursprung von der Schlange. Das Weib unterlag der Versuchung des Drachen. Hierauf unterlag dem Weibe der Mann. Aus drei Quellen nahm das Böse seinen Ursprung. Was beabsichtigte ich mit dieser Bemerkung? Man kann eine gewisse Ordnung des Guten aus der Ordnung des Bösen abnehmen. Diesen dreifachen Sitz des Bösen nehme ich wahr; als ersten den, in dem es sich zuerst niederließ, als zweiten, in den es überging, als dritten, in dem es von da an sich zeigte. Da also in diesen drei Sitzen die Bosheit sich ausbreitete, nämlich in der Natur des Teufels, im weiblichen Geschlechte und in der Vollendung der Männer, deßhalb wird folgerichtig die Krankheit in drei Tagen beseitigt, indem für jede Gattung der in der Bosheit erkrankten ein Tag zur Heilung bestimmt ist. An einem Tag werden die Männer von der Krankheit gereinigt, am zweiten wird das Frauengeschlecht geheilt, als letzter Feind wird am letzten Tage der Tod beseitigt mit seiner Umgebung, den Herrschaften, Mächten und Gewalten zugleich mit den Fürsten der feindlichen Gewalten. Wundere dich nicht, wenn die Schöpfung des Guten in Zeiträume zerlegt wird. Denn auch bei der ersten Entstehung der Welt konnte die göttliche Macht alle Dinge in einem 307 Augenblicke vollenden, aber gleichwohl nimmt sie bei der Schöpfung der Dinge auch die Zeiträume zu Hilfe, so daß am ersten Tage ein Theil der Schöpfung, am zweiten ein zweiter vollendet wird, und in gleicher Weise wurden nacheinander alle Dinge vollendet, indem in der angegebenen Zahl der Tage Gott die ganze Schöpfung ins Werk setzte. So wird auch hier nach dem unaussprechlichen Verfahren seiner Weisheit das Uebel in drei Tagen aus der Welt geschafft, aus den Männern, den Frauen, dem Geschlecht der Schlangen, unter denen zuerst die Natur der Bosheit ihren Ursprung nahm.
Aber in Bezug auf die Richtigkeit der Zahl der Tage haben wir folgende Muthmaßung, ob mit Recht oder Unrecht wollen wir dem Urtheil der Zuhörer überlassen. Denn nicht eine bestimmte Behauptung wollen wir aufstellen, sondern nur eine Übung und Untersuchung anstellen. Suchst du den Termin dieser Tage in der Wirklichkeit genau zu erkennen, ― denn in der Zahl fehlt es nicht unbedeutend, wenn man die Zeit von der neunten Stunde der Parasceve rechnet, in welcher er den Händen des Vaters seinen Geist empfahl, ― so gedulde dich ein wenig und es wird dir vielleicht mein Wort diese Sache deutlich machen. Welches Wort? Schaue auf die Größe der göttlichen Macht, und es wird dir, was du hier suchest, nicht entgehen. Erinnere dich an den Ausspruch des Herrn, was er über sich selbst ausspricht, er, der die Macht über das Weltall in sich vereinigt, wie er durch selbstständige Macht, nicht aus Naturnothwendigkeit, seine Seele vom Körper scheidet, indem er sagt: „Niemand nimmt meine Seele von mir, sondern ich gebe sie von selbst hin. Ich habe die Gewalt, sie hinzugeben, und habe die Gewalt, sie wieder zu nehmen.“ Das soll mir feststehen, und was wir suchen, liegt am Tage. Denn der Alles in seiner Herrschermacht anordnet, wartet nicht die Nothwendigkeit in Folge des Verrathes ab, noch 308 den räuberischen Anfall der Juden und das ungerechte Urtheil des Pilatus, so daß ihre Bosheit die Urheberin und Veranlassung der gemeinsamen Rettung der Menschen würde, sondern er kommt in seiner Heilsordnung zuvor in der geheimen und für die Menschen unsichtbaren Weise des Opfers, und er brachte sich selbst als Opfergabe und Schlachtopfer für uns dar, zugleich Priester und das Lamm Gottes, das die Sünden der Welt hinwegnimmt. Wann that er dieß? Da er seinen Leib als Speise zum Genuß hingab und sein Blut seinen Jüngern zum Getränke reichte. Denn das ist jedem klar, daß von einem Menschen ein Lamm nicht genossen würde, wenn nicht dem Genusse die Schlachtung vorherginge. Derjenige also, der seinen Jüngern seinen Leib zur Nahrung gibt, gibt klar zu erkennen, daß in der Gestalt des Lammes das Opfer vollendet sei. Denn nicht wäre der Körper des Opfers zur Speise geeignet, wenn er belebt wäre. Als er also seinen Jüngern seinen Leib zur Speise und sein Blut zum Tranke darreichte, war bereits der Leib dem Willen nach durch die Macht dessen, der das Geheimniß wirkt, still und unbemerkt geschlachtet. Und die Seele befand sich da, wohin sie mit der ihr beigemischten göttlichen Kraft die Macht dessen versetzt hat, der das Geheimniß wirkt, an jener Stelle im Herzen verweilend. Es wird also Jemand, wenn er von dem Zeitpunkte an, wo vom großen Hohepriester, der sein Lamm für die gemeinsame Sünde still und unbemerkt geschlachtet hat, das Opfer Gott dargebracht wurde, die Zeit rechnet, von der Wahrheit nicht abirren. Es war nämlich Abend, als jener heilige gesegnete Leib genossen wurde, und die Nacht vor Parasceve folgte auf jenen Abend. Hierauf kommt der Tag der Parasceve, der durch die eingeschobene Nacht zerlegt wird und in eine Nacht und zwei Tage zerfällt! Denn wenn Gott die Finsterniß Nacht nannte, in den drei Stunden aber auf der ganzen Erde Finsterniß eintrat, so ist dieß die mitten im Tage neu eingeführte Nacht, welche die durch Theilung entstandenen Tage begrenzt, den von Morgen bis zur sechsten Stunde und den von der neunten Stunde bis zum Abend, 309 so daß wir bis dahin zwei Nächte und zwei Tage haben. Hierauf eine Nacht vor dem Sabbat und nach dieser der Tag des Sabbats gibt die drei Tage und drei Nächte. Erforsche nun die Stunde der Auferstehung, und du wirst in dem Gesagten die Wahrheit finden.
§ 4
Wann nun geschah dieß? Am Abend der Sabbate ruft Matthäus. Das also ist die Stunde der Auferstehung nach dem Worte des Engels. Das ist der Termin des Aufenthaltes des Herrn im Herzen der Erde. Denn als bereits später Abend geworden ist, ― es war aber der Abend der Anfang jener Nacht, auf welche der erste Tag der Sabbate folgt, ― da tritt das Erdbeben ein. Da wälzt der Engel in glänzendem Gewande den Stein vom Grabe. Die Frauen aber, die sich etwas vor Tagesanbruch auf den Weg machten, als bereits die Morgendämmerung anbrach, und im Aufgang sich einiger Sonnenglanz zeigte, erfahren, daß bereits die Auferstehung geschehen sei. Diese nahmen das Wunder wahr, über die Stunde wurde ihnen nichts mitgetheilt. Denn* daß* er auferstanden sei, sagte ihnen der Engel,* wann* aber, fügte er nicht bei. Aber der große Matthäus hat allein unter allen Evangelisten die Zeit genau angegeben, indem er sagt, der Abend des Sabbats sei die Zeit der Auferstehung. Wenn aber dieß sich so verhält, so haben wir den Termin in Ordnung, indem wir vom Abend nach dem fünften bis zum Abend des Sabbats die Zeit bemessen, und durch die eingeschobene Macht [wohl eher „Nacht“ statt „Macht“], wie gesagt die Parasceve in zwei Tage und eine Nacht getheilt wird. Denn es mußte Der, welcher in seiner Macht über die Zeit selbst gebietet, seine Thaten nicht nothwendig nach bestimmten Zeitmaßen bemessen, sondern nach Erforderniß der Umstände das Zeitmaß neu gestalten, und es mußte, da die göttliche Macht das Gute mit wenigeren Umständen vollbringt, das Zeitmaß kürzer zusammengefaßt werden, so daß die Zeit nicht kürzer als zu drei Tagen und drei Nächten gezählt wird. Denn diese Zahl verlangt die mystische und geheimnißvolle Anschauungsweise, und nicht, daß die göttliche Macht, indem sie die gewöhnlichen 310 Zeiträume der Tage und Nächte abwartet, in der raschen Wirksamkeit aufgehalten werde. Denn der die Macht hatte, die Seele abzulegen und sie wieder zu nehmen, wann er wollte, hatte als Schöpfer der Zeiten die Macht, in seinen Werken sich nicht sklavisch an die Zeit zu binden, sondern seinen Werken die Zeit anzupassen.
Aber noch hat die Rede den wichtigsten Punkt nicht berührt. Denn die Lernbegierigen müssen untersuchen, wie der Herr in der nämlichen Zeit Dreien sich hingibt, dem Herzen der Erde, dem Paradiese mit dem Schächer und den Händen des Vaters. Denn zu den Pharisäern sagt er, daß, wie Jonas im Bauche des Seethieres war, so der Menschensohn im Herzen der Erde eine Zeit von drei Tagen sein werde; zu dem Räuber: „Heute wirst du bei mir im Paradiese sein“; zum Vater: „In deine Hände empfehle ich meinen Geist.“ Es wird doch Niemand das Paradies in der Unterwelt, noch die Unterwelt im Paradiese suchen, so daß er in beiden zugleich wäre, oder die Hand des Vaters darunter zu verstehen wäre. Aber das bedarf für fromme Forscher ohnehin keiner Untersuchung. Denn der durch seine göttliche Macht überall ist, ist auch bei jedem Dinge zu treffen und ist nirgends abwesend.
Ich habe jedoch hierüber auch eine andere Erklärung gefunden, die ich euch, wenn ihr es nicht verschmäht, kurz auseinandersetzen will. Als der heilige Geist auf die Jungfrau herabkam, und die Kraft des Höchsten sie überschattete, da der neue Mensch in ihr den Anfang nahm, der deßhalb neu heißt, weil er nach Gott, nicht in menschlicher Weise geschaffen wurde, so daß er eine nicht von Menschenhänden gemachte Wohnung Gottes ward, denn es wohnt der Höchste, nicht in Werken von Händen, in solchen nämlich, die von Menschen gemacht sind, da, als ihnen die Weisheit das Haus baute, und durch die Umschattung der 311 Kraft wie in einem Siegelabdruck im Innern das Gebilde Gestalt annahm, da tritt zu beiden Bestandtheilen der menschlichen Natur, nämlich zu Seele und Leib, die göttliche Kraft hinzu, und geht mit beiden eine entsprechende Mischung ein. Denn da diese beiden durch den Ungehorsam dem Tode verfallen waren, so mußte, indem der Tod der Seele im Verluste des wahren Lebens, der des Leibes aber in der Verwesung und Auflösung bestand, durch die Beimischung des Lebens an diesen beiden der Tod verbannt werden. Da nun mit beiden Theilen des Menschen sich in entsprechender Weise die Gottheit vereinigt hatte, so traten an beiden Theilen die Merkmale der stärkeren Natur hervor. Denn der Körper gab die in ihm wohnende Gottheit zu erkennen, indem er durch die Berührung die Heilungen bewirkte, die Seele aber zeigte durch jenen mächtigen Willen die göttliche Kraft. Denn wie dem Körper die Sinnestätigkeit des Tastsinnes, so ist auch der Seele die Willensbewegung eigen. Es tritt hinzu der Aussätzige, schon in körperlicher Auflösung und in körperlichem Verfalle begriffen. Wie nimmt an ihm der Herr die Heilung vor? Die Seele will, der Leib berührt ihn, durch beide wird die Krankheit gehoben. Denn es verließ ihn, heißt es, der Aussatz. Wiederum will er diejenigen, die zu vielen Tausenden in der Wüste ihn umgeben, nicht nüchtern entlassen, und er bricht mit seinen Händen die Brode. Du siehst, wie durch Beides die in jedem Theile wohnende Gottheit sich offenbart, durch den thätigen Leib und durch den Akt des in der Seele befindlichen Willens.
§ 5
Doch warum soll ich alle in ähnlicher Weise vollbrachten Wunder durchgehen und über bekannte Dinge Worte verschwenden? Ich will vielmehr zu dem zurückkehren, weßhalb ich das Gesagte erwähnt habe. Wie ist der Herr zugleich in der Unterwelt und im Paradiese? Die eine 312 Lösung dieser Frage ist die, daß Gott, durch den Alles besteht, Nichts unzugänglich ist; eine andere aber mit der wir uns jetzt befassen, daß, da Gott den ganzen Menschen durch die Vereinigung mit ihm in die göttliche Natur umgestaltet hatte, zur Zeit der Heilsordnung des Leidens, das, was er einmal angenommen, nicht vom anderen Theile zurücktrat, denn niemals bereut Gott seine Geschenke. Jedoch freiwillig trennte die Gottheit die Seele vom Leibe, gab aber ihr Verweilen in beiden kund. Denn durch den Körper, in dem sie das Verderben des Todes nicht zuließ, vernichtete sie den, der die Nacht [wohl eher „Macht“ statt „Nacht“] des Todes hat, durch die Seele aber bahnte sie dem Räuber den Eingang in’s Paradies. Und Beides wird zugleich in’s Werk gesetzt, indem die Gottheit durch Beides die gute That vollbringt, durch die Unverweslichkeit des Körpers die Vernichtung des Todes, durch die Seele aber, die ihrer Heimath zueilt, die Rückkehr der Menschen zum Paradiese. Denn da der Mensch ein doppeltes Wesen ist, einfach aber und ohne Zusammensetzung die göttliche Natur, so scheidet sich bei der Trennung der Seele vom Leibe nicht zugleich mit dem Zusammengesetzen das Untrennbare, sondern es geschieht das Gegentheil. Denn durch die Einheit der göttlichen Natur, welche in gleicher Weise in beiden Theilen sich befindet, vereinigt sich das Getrennte wieder gegenseitig. Und so tritt der Tod ein durch die Trennung des Verbundenen, die Auferstehung aber durch die Vereinigung des Getrennten. Wenn du aber fragst, wie er, da er im Paradiese wohnt, sich den Händen des Vaters übergibt, so wird der erhabene Isaias dir auch hierüber den gewünschten Aufschluß ertheilen. Denn Jener sagte im Namen Gottes über das himmlische Jerusalem, unter dem wir kein anderes als das Paradies verstehen: „In meinen Händen habe ich deine Mauern gezeichnet.“ Wenn nun in die Hände des Vaters jenes Jerusalem eingezeichnet ist, welches das Paradies ist, so ist es offenbar, daß 313 der, welcher im Paradies sich befindet, in den Händen des Vaters weilt, in welchen die göttliche Stadt gezeichnet ist.
So weit nun dieß. Was wir aber die Juden als schwere Anklage gegen unsere Anordnung vorbringen hören, dürfte verdienen, in unserer Untersuchung noch kurz bewährt zu werden. Sie sagen nämlich, es sei im Gesetze über das Osterfest den Juden die Beobachtung des vierzehnten Tages des Mondumlaufes von Moses vorgeschrieben, so daß sie sieben Tage ungesäuertes Brod essen und zum Ungesäuerten Bitterkräuter als Zukost fügen. Wenn euch also an der Feier des vierzehnten Tages liegt, so sollt ihr euch zugleich auch, sagt der Jude, an das Bitterkraut und das Ungesäuerte halten, wenn aber dieß keine Beachtung verdient, warum kümmert ihr euch um jene Feier? Man halte doch nicht vom gleichen Gesetzgeber das Eine für gerecht und für einen Gewinn der Seelen, das Andere aber für unnütz und verwerflich, sondern wir müßten nothwendig entweder Alles, was über das Osterfest festgesetzt ist, aufrecht halten, oder uns über Alles hinwegsetzen. Was sollen nun wir darauf erwidern? Gedenken wir der Ermahnung, daß wir die Schmähungen der Menschen nicht fürchten, und von ihren Verunglimpfungen uns nicht überwältigen lassen sollen. Wir kennen die heilsame Beobachtung des Ungesäuerten und den Nutzen der Bitterkräuter und die Heilsamkeit des vierzehnten Tages. Unsere Ansicht aber, die wir kurz darlegen wollen, ist diese. Das Gesetz, das den Schatten der künftigen Güter in sich faßt, hat vorzugsweise ein Ziel, daß der Mensch durch die verschiedenen Gebote von der ihm anklebenden Bosheit gereinigt werde. Dieß wird in der Beschneidung, dieß in der Sabbatfeier, dieß in der Beobachtung der Speisen, dieß in den mannigfachen Thieropfern, dieß in allen Beobachtungen des Gesetzes bezweckt. Es wäre zu weitläufig, das, was vom Gesetze über jeden Punkt zur Reinigung des Lebens uns in Bildern geoffenbart wird, 314 genau darzustellen. Wie nun durch die geistig vollzogen Beschneidung die Natur die Leidenschaft ablegt und das fleischliche Leben abstreift, durch die Sabbatfeier aber zur Unthätigkeit in Bezug auf das Böse angeleitet wird, das Schlachten der Thiere aber die Leidenschaften hinschlachtet, und die angeordnete Unterscheidung der unreinen Speisen dir den Rath gibt, das schmutzige und unreine Leben abzulegen, so weist dich auch dieses Fest auf jenes Fest hin, zu dem die Seele durch das Ungesäuerte sich rüstet, indem sie sieben Tage hindurch vom Genuß des Gesäuerten sich rein hält, wodurch im Bilde Folgendes angedeutet wird.
Die Zahl der sieben Tage zeigt dir diese vorübergehende Zeit an, die in Wochen ihren Kreislauf vollbringt, in welcher für den heutigen Tag jeder Ueberrest der gestrigen Bosheit sorgfältig vernichtet werden muß, damit nicht die Bosheit des gestrigen Tages durch ihre Beimischung dem heutigen Teige einen zusammenziehenden saueren Geschmack verleihe. Die Sonne soll über euerem Zorn nicht untergehen, sagt der Apostel, der uns auffordert, nicht im alten Sauerteige, nicht im Sauerteig der Bosheit und Schalkheit, sondern im ungesäuerten Teige der Lauterkeit und Wahrheit das Fest zu feiern. Was uns aber über die eine Gattung der Bosheit klar geworden ist, das müssen wir folgerichtig auch von den übrigen Gattungen der Bosheit annehmen. Denn die Bitterkräuter entfernen die Trägheit und Erschlaffung des Lebens, und erzeugen dafür ein kräftiges, abgehärtetes, den Sinneseindrücken, widerstehendes Leben, da jede Abtödtung für den Augenblick nicht Vergnügen, sondern Schmerz bereitet. Der also die ganze Woche dieses Lebens hindurch sich von der alten Bosheit unberührt und immer den gegenwärtigen Tag vom Sauerteige rein erhält, indem er die Selbstbeherrschung zur Speise des Lebens macht, der scheidet sich selbst von jeder Verbindung mit der Finsterniß. Denn das gibt der vierzehnte 315 Tag des Mondlaufes zu erkennen. Da nämlich sämmtliche Tage des Mondlaufes neunundzwanzig einen halben betragen, innerhalb welcher vom Neumond an der aufnehmende Mond seine Scheibe vollendet und beim Abnehmen wieder sein Licht gänzlich verliert, so ist offenbar die Hälfte der angeführten Zahl vierzehn und etwas darüber. Wenn nun also der Mond diese Gestalt angenommen hat, so ergänzt er, indem er zur Nachtszeit seinen Lauf fortsetzt, seine Scheibe, so daß er, wenn sie ganz beleuchtet ist, auch eine Leuchte zum Glanze des Tages fügt, und so weder am Abend noch am Morgen die Beleuchtung durch die Finsternis eine Unterbrechung leidet, und der Glanz durch den Wechsel des Lichtstoffes fortdauert. Denn bevor noch die Sonnenstrahlen ganz verschwunden sind, erscheint der Sonne gerade gegenüber der Mond und erleuchtet aus der ihm zugekehrten Seite die Erde. Und wiederum, bevor seine Scheibe ganz unter den Horizont gesunken ist, vermischt sich mit den Resten des Mondlichtes der Glanz des Tages. Und so wird von jenem Tage des Vollmondes das Dunkel entfernt, indem es durch den Morgens und Abends eintretenden Wechsel der Leuchten erhellt wird. Was nun mit dem sinnlich wahrnehmbaren Lichte am vierzehnten Tage geschieht, daß es den ganzen Tag und die ganze Nacht hindurch keiner Mischung mit dem Dunkel zugänglich ist, das will das geistige Gesetz denen, welche die geistige Feier begehen, zum Sinnbild dienen lassen, daß sie die ganze Woche des Lebens hindurch ein erleuchtetes und unverdunkeltes Osterfest aus ihrer gesammten Lebenszeit machen. So verhält es sich mit den Vorschriften für die Christen in Betreff des Osterfestes. Deßhalb nehmen wir auf den vierzehnten Tag Rücksicht und gelangen durch dieses sinnliche und materielle Licht zur Vorstellung des immateriellen und geistigen, so daß wir dem Scheine nach den Vollmond suchen, der sein Licht die ganze Nacht hindurch uns in genügendem Maße gewährt, in der That aber uns nichts Anderes zur Aufgabe setzen, als daß unsere ganze in Tag und Nacht getheilte Zeit der 316 hinlänglichen Beleuchtung nicht entbehre und sich von der Mischung mit finsteren Werken frei erhalte.
So viel von diesem Punkte. Alle die Betrachtungen aber, die das Kreuz in sich schließt, indem das Geheimniß des Leidens vollbracht wird, wer könnte sie leicht in der Rede klar entwickeln? Denn hätte es nicht unzählige Todesarten gegeben, durch welche es möglich gewesen wäre, die Heilsordnung des für uns erlittenen Todes zu vollbringen? Aber unter allen wurde diese von dem festgesetzt, der nach Belieben selbst sein Leiden festsetzt. Denn er sagt: „Der Menschensohn* muß,“ er sagte nicht: „Der Menschensohn wird* das und das leiden,“ wie einer der die Zukunft vorhersagt, einfach sagen würde, sondern er spricht in seinen Worten aus, was in gewisser geheimnißvoller Weise nothwendig geschehen muß, wenn er sagt, daß der Menschensohn Vieles leiden und verworfen und gekreuzigt werden, und am dritten Tage wieder auferstehen muß. Denn betrachte nur den Sinn des Wortes „muß,“ aus welchem folgt, daß das angekündigte Leiden durchaus nicht anders, als durch das Kreuz stattfinden dürfe. Wie läßt sich nun dieß erklären? Nur dem großen Paulus, der durch die geheimen Reden belehrt wurde, die er im Heiligthum des Paradieses hörte, kommt es zu, auch dieses Geheimniß aufzuklären, wie er im Briefe an die Ephesier theilweise das Verborgene dunkel andeutet, indem er sagt: „Damit ihr mit allen Heiligen zu begreifen vermöget, welches die Breite und Länge, Tiefe und Höhe, und zugleich zu erkennen im Stande seid, daß die Liebe Christi die Erkenntniß übersteigt, damit ihr die ganze Fülle Gottes in euch aufnehmt.“ Denn nicht umsonst hat jenes göttliche Auge des Apostels die Gestalt des Kreuzes in Anregung gebracht, sondern er hat dadurch deutlich gezeigt, daß Jeder, der die Schuppen der Unwissenheit aus den Augen entfernt hat, ungetrübt die nackte Wahrheit sieht. Denn er weiß, daß 317 diese Figur in vier Vorsprünge von dem Vereinigungspunkt in der Mitte sich zertheile und dadurch die Alles durchdringende Kraft und Fürsorge dessen anzeige, der an demselben erschienen ist, und deßhalb benennt er jeden Vorsprung mit einem besonderen Namen, indem er die Ausdehnung von der Mitte abwärts Tiefe, die Ausdehnung nach oben Höhe, Breite und Länge, aber die Ausdehnung vom Mittelpunkt nach rechts und links nennt, so daß die auf der einen Seite der Mitte Breite, die auf der anderen Länge genannt wird, wodurch er mir dieß deutlich auszusprechen scheint, daß es kein Ding gibt, das nicht von der göttlichen Natur durchdrungen und beherrscht wird, das Himmlische, Unterirdische, und was sich an die äussersten Grenzen der Dinge nach allen Seiten hin in die Quere ausdehnt. Denn er bezeichnet durch die Höhe das, was höher liegt, durch die Tiefe das Unterirdische, durch die Länge und Breite aber die dazwischen liegenden Ausdehnungen, die von der Alles beherrschenden Nacht umschlossen werden.
Es mag dir das, was in deiner Seele vorgeht, bei der Betrachtung Gottes zum Beweis für das Gesagte dienen. Denn schaue zum Himmel und wende deine Gedanken nach den unteren Tiefen, kehre deinen Sinn seitwärts und nach dem äussersten Punkte der ganzen Schöpfung, und bedenke, welche Kraft dieß zusammenhält und gleichsam wie ein Band Alles zusammenbindet, und du wirst sehen, daß die Betrachtung der göttlichen Macht wie von selbst die Figur des Kreuzes in unseren Geist einprägt, die sich von der Höhe in die Tiefe erstreckt und nach der Quere sich bis an die äussersten Spitzen ausdehnt. Diese Figur hat auch der große David, indem er von sich selbst spricht, verherrlicht: „Wohin soll ich gehen vor deinem Geiste und wohin fliehen von deinem Angesicht? Steige ich in den Himmel hinauf, ― das ist die Höhe, ― steige ich unter die Erde hinab, ― das ist die Tiefe, ― würde ich mich mit meinen Flügeln am Morgen erheben, das heißt, beim Aufgang der Sonne, ― das ist die Breite, ― würde ich an den äussersten 318 Grenzen des Meeres meine Wohnung aufschlagen, so nennt er nämlich den Untergang, ― das ist die Länge. Siehst du, wie er in diesen Worten die Figur des Kreuzes beschreibt? Du bist Der, will er sagen, der Alles durchdringt, ein Band der Dinge, und umfassest in dir alle Grenzen. Oben bist du, unten bist du da, an dieser Grenze ist deine Hand, an jener leitet deine Rechte. Deßhalb sagt auch der große Apostel, daß, wenn Alles im Glauben und in der Erkenntniß vollführt ist, der, welcher über jeden Namen erhaben ist, im Namen Jesu Christi von den Himmlischen, Irdischen und Unterirdischen angebetet werde. Hinwiederum theilt er auch hier die Anbetung des Kreuzes nach der Gestalt des Kreuzes. Denn der überirdische Antheil erweiset im oberen Theile des Kreuzes dem Herrn die Anbetung, der irdische in der Mitte, der unterirdische hält sich an die Tiefe. Das ist auch nach meiner Ansicht das Jota, das neben dem Strichlein erscheint, das dauerhafter als der Himmel, fester als die Erde, und beständiger als der ganze Weltbau ist. Himmel und Erde werden vergehen, und die Gestalt der ganzen Welt verschwindet, ein Jota oder ein Strichlein verschwindet nicht aus dem Gesetze. Eine senkrechte Linie, von oben nach unten gezogen, heißt Jota, die seitwärts gezogene aber heißt Strichlein, wie man dieß auch von den Schiffern erfahren kann. Denn das Holz, welches sich seitwärts über den Mastbaum zieht, an welches man das Segeltuch befestigt, nennen sie Strichlein* (κεράια)* [keraia] von seiner Gestalt. Deßhalb scheint mir das göttliche Wort des Evangeliums das anzudeuten, daß das, worin das Ganze ruht, es ist, was länger dauert, als was von ihm umschlossen wird, das seine Macht, die alle Dinge erhält, in der Gestalt des Kreuzes wie durch ein Bild und eine Art Spiegel zu erkennen gibt. Deßwegen ja sagt er, daß der Menschensohn nicht einfach sterben, sondern an’s Kreuz geschlagen werden 319 müsse, damit das Kreuz, wie ein Gottesgelehrter durch seine Gestalt den Einsichtsvolleren die allmächtige Gewalt Desjenigen predige, der an demselben erscheint und Alles in Allem ist.
Wollen wir auch nicht schweigen, Bruder, von jenem Rathsherrn, dem Josef von Arimathäa, der jenen unbefleckten und heiligen Leib empfängt, ihn in reine Leinwand hüllt und in ein reines Grab legt. Die That jenes edlen Rathsherrn diene uns zur Richtschnur, daß wir in gleicher Weise zu Werke gehen, und wenn wir jenes Geschenk des Leibes empfangen, es nicht in beschmutzter Leinwand unseres Gewissens empfangen und es nicht in ein von todten Gebeinen und jeder Unreinigkeit übelriechendes Grab unseres Herzens legen, sondern, wie der Apostel sagt, Jeder sich selbst prüfe, damit dem, der die Gnade unwürdig empfängt, die Gnade nicht zum Gerichte wird. Aber selbst während ich spreche, fühle ich mich vom glänzenden Gewand des Engels umstrahlt, und mit Wollust wird mein Herz durch jenes erfreuliche Erdbeben erfüllt, das den schweren Stein vom menschlichen Grabe wegwälzt, wodurch Allen die Thüre der Auferstehung sich öffnet. Wollen auch wir hineilen, das unerwartete Schauspiel zu sehen! Schon ist der Sabbat vorüber, wollen wir nicht hinter den Frauen zurück bleiben! Auch in unseren Händen wollen wir Wohlgerüche tragen, den Glauben und das Gewissen. Denn das ist der Wohlgeruch Christi. Wollen wir nicht mehr den Lebenden unter den Todten suchen! Denn Jenen, der ihn so sucht, stößt der Herr von sich, indem er sagt: „Rühre mich nicht an. Wenn ich zum Vater aufgestiegen bin, dann kannst du mich berühren,“ 320 d. h. stelle dir nicht die leibliche Knechtsgestalt in deinen Glauben vor, sondern den, der die Herrlichkeit des Vaters hat, und in der Gestalt Gottes erscheint, dieses Wort, das Gott ist, bete an, nicht die Gestalt des Knechtes. Wollen wir auch die frohe Botschaft vernehmen, die uns das Weib bringt, das im Glauben mit Recht dem Manne vorauseilt, damit es, indem es im Guten den Anfang macht, das Unheil gut zu machen suche, das es angestiftet hat. Wie lautet also die Freudenbotschaft des Weibes, die in Wirklichkeit nicht von Menschen kommt und nicht durch Menschen, sondern durch Jesus Christus verkündet wird? Höret also, sagt es, was der Herr uns aufgetragen hat, euch mitzutheilen, euch, die er auch seine Brüder nennt. „Ich gehe zu meinem Vater und euerm Vater, meinem Gott und euerm Gott.“ O schöne und herrliche Botschaften! Der unsertwegen unter uns gelebt, erhebt sich, damit er mit uns gleichen Geschlechtes werde und uns zu seinen Brüdern mache, in seiner Menschheit zum wahren Vater, um durch sich Alle, die gleichen Geschlechtes sind, emporzuziehen, daß die nicht mehr Schmach trifft, die, ohne von Natur Götter zu sein, in Knechtschaft leben, indem sie wieder zum lebendigen und wahren Gott geführt und nicht von der väterlichen Erbschaft ausgeschlossen und zurückgewiesen werden, da sie dem Sohne durch die Annahme an Kindesstatt nachfolgen. Der sich zum Erstgeborenen unter vielen Brüdern im Fleische gemacht hat, hat die ganze Schöpfung, an der er durch die Vereinigung mit dem Fleische Theil genommen hat, an sich gezogen. Da aber die Nahrung vor dem Osterfeste im ungesäuerten Brode, die Zukost in Bitterkräutern besteht, so laßt uns sehen, durch welche Würze uns das Brod nach Ostern versüßt wird. Siehst du bei dem Fischfang des Petrus in den Händen des Herrn Brod und Honigfladen? 321 Gedenke, was dir von der Bitterkeit des Lebens bereitet wird. Wollen also auch wir ablassen vom Fischfang in der Rede und zum Brode eilen, das der Honigfladen der guten Hoffnung uns versüßt in Christus Jesus, unserem Herrn, dem die Herrlichkeit und die Kraft sei mit dem Vater und dem heiligen Geiste jetzt und allzeit von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.IV. Zweite Rede über die Auferstehung unseres Herrn Jesus Christus.