Dieß habe ich euch nun erzählt, damit wir solche Beschwörungen nicht verachten, besonders wenn es sich handelt um erlaubte Dinge, um Almosen, um Gnade und Schonung.
724 Nun sitzen aber Bettler mit lahmen oder verstümmelten Füßen an den Straßen; sie sehen dich vorübergehen und weil sie dir nicht nachlaufen können, so hoffen sie dich durch die Rücksicht auf eine Beschwörung wie mit einem Hacken festzuhalten; darum strecken sie die Hände aus und bitten dich mit einer Beschwörung um ein paar Obolen. Du aber gehst ungerührt vorüber, obgleich der Arme dich bei deinem Herrn beschworen hat!
Wenn derselbe aber dich bittet um der Augen deines verreisten Mannes willen oder deines Sohnes oder deiner Tochter, da wirst du gleich nachgiebig, da hüpft dein Herr vor Lust und Freude. Um Gottes willen aber wenn man dich bittet, gehst du kalt vorüber. Ja, ich kenne Manche, die das gethan haben, die aber den Bittenden freudigen und weichen Herzens weit die Hand aufgethan haben, wenn diese ihnen Schmeicheleien wegen ihrer Schönheit machten. So weit ist es gekommen, daß die armen Unglücklichen den Dienst der Spaßmacher verrichten müssen. Weil das eindringlichste Flehen derselben keinen Eindruck mehr macht, so müssen sie auf Worte sinnen, die ihr recht gerne hört, und so tief sind wir gesunken, daß wir verlangen, der Unglückliche, der vom Hunger Gepeinigte soll uns über unsere Schönheit Schmeicheleien vorsagen.
Das ist aber noch nicht alles, man treibt es noch ärger. Man zwingt die Armen, die Rolle von Gaucklern, Zotenreißern und Spaßmachern zu spielen. Denn wenn Einer Becher, Gläser, Trinkgefäße in den Händen verschwinden läßt, wenn er Paucken und Cymbeln schlägt, wenn Einer die schmutzigsten Lieder mit lauter Stimme singt oder auf der Flöte die Melodie derselben bläst, da sammelt sich gleich eine Menge Leute um denselben, und der Eine gibt ihm ein Stück Brod, der Andere eine Münze, der Andere Dieß und Das. Männer und Weiber freuen sich an solchen Dingen und sehen und hören lange zu. Ist das nicht arg, ist das nicht beklagenswerth? Es sind das schein- 725 bar Kleinigkeiten und man hält sie auch häufig dafür. Es kann aber arge Sittenverderbniß daraus entspringen. Denn der Schmutz eines zotenhaften, aber wohltönenden Liedes verschafft sich oft nur zu leicht Eingang in die Herzen Unverdorbener und gereicht auch der Seele des Sängers selbst zum Verderben; aber die Stimme desjenigen Armen, der um Gottes willen fleht und uns tausendmal Gutes wünscht, verhallt wirkungslos an unserm Ohre, wer dagegen Possen vormacht, der wird aufmerksam angehört.