22. Vermeidet jeden Schein des Bösen!
Nicht bloß diesen oder jenen, sondern jeden Schein sollt ihr vermeiden, auf daß ihr Wahres und Falsches unterscheidet und das eine verabscheuen, das andere aber festhalten möget. Denn dann wird der Haß gegen das Falsche und die Liebe zum Wahren recht groß werden, wenn wir nicht blindlings und unüberlegt, sondern in jeder Beziehung recht vorsichtig handeln.
23. Er selbst aber, der Gott des Friedens, heilige euch in Allem, damit ganz euer Geist und die Seele und der Leib sonder Tadel bewahrt werde auf die Ankunft unsers Herrn Jesu Christi.
Sehet hier wieder die Liebe des Lehrers! Auf die Ermahnung nämlich läßt er ein Gebet folgen und zwar in dem Briefe selbst. Denn guter Rath und Gebet sind in gleicher Weise nothwendig. Darum verrichten auch wir Gebete für euch, nachdem wir euch belehrt haben. Das wissen auch alle Eingeweihten. St. Paulus konnte das freilich mit mehr Fug und Recht thun, weil er mit großer Zuversicht zum Herrn sprechen konnte. Wir aber können nur mit Schüchternheit und Zagen vor den Herrn hintreten. Nur weil unser Amt uns diese Pflicht auferlegt, obgleich wir unwürdig sind, auch nur den Platz der letzten Schüler einzunehmen. Weil aber die Gnade Gottes auch durch unwürdige Werkzeuge wirkt, nicht wegen dieser, son- 719 dern wegen derjenigen, denen sie Nutzen bringen will, so trage ich das Meinige bei. —
„Er heilige euch in Allem, damit ganz euer Geist und die Seele und der Leib sonder Tadel bewahrt werde auf die Ankunft unsers Herrn Jesu Christi.“ Was versteht der Apostel hier unter Geist? Die Gnade (des hl. Geistes). Wenn zur Zeit unsers Absterbens unsere Lampen hell brennen, werden wir eintreten dürfen zum Bräutigam, wenn sie erloschen sind, wird uns der Eintritt versagt sein. Darum sagt der Apostel: „Euer ganzer Geist.“ Denn wenn dieser (euer Geist) unversehrt bleibt, so bleibt es auch jener (Geiste der Gnade). „Und Seele und Leib,“ heißt es. Denn dann kann auch diesen beiden nichts Schlimmes widerfahren.
24. Getreu ist er, der euch berufen hat, der auch das Vollbringen bewirken wird.
Beachtet die Demuth des Apostels. Nachdem er eben für die Gläubigen gebetet hat, will er jetzt mit diesen Worten sagen: Glaubet nicht, daß die oben bezeichneten Gnaden euch auf mein Gebet zu Theil werden; nein, denn das geschieht nach dem Willen Gottes, der euch berufen hat. Denn wenn er, der Wahrhaftige, euch berufen hat, so wird er euch auch nach seinem Willen das Heil spenden.
25. Brüder, betet für uns!
O Wunder apostolischer Demuth! Aus Demuth nämlich richtet der Apostel diese Bitte an die Gläubigen; und wenn ich nun aber die gleichen Worte euch zurufe, so thue ich dieß nicht aus Demuth, sondern um durch euer Gebet großen Nutzen und bedeutenden Vortheil zu erlangen. Denn wenn ihr auch von mir keinen bedeutenden oder außerordentlichen Nutzen habet, so betet für mich wenigstens 721 meiner Würde und meines Amtes wegen! Ein Vater wäre wohl berechtigt, seinen Kindern, auch wenn sie keinen Nutzen von ihm ziehen, lediglich aus dem Grunde, weil er ihr Vater ist, etwa den Vorwurf zu machen: Nicht einen Tag habt ihr mich Vater genannt! Und so rufe denn auch ich euch zu: „Betet für mich!“ Und dieses Wort ist in meinem Munde keine leere Redensart, sondern aus dem Grunde meines Herzens ersehne ich euer Gebet. Denn wenn mir das Hirtenamt über euch alle obliegt, und wenn ich darob dereinst Rechenschaft geben muß, so muß ich doch wohl von eurer Seite durch Gebet unterstützt werden. Und wenn die Last meiner Verantwortung wegen euch größer geworden ist, so muß mir auch von eurer Seite desto kräftigere Unterstützung zu Theil werden.