Wer hier fleißig ein- und ausgeht, der wird in gesunden Tagen nicht pochen auf seine Körperkraft, und zur Zeit der Krankheit wird er großen Trost empfangen. Aber nicht zu diesem Zweck allein befinden sich jene Unglücklichen an den Pforten der Tempel, sondern auch deßhalb, damit du zur Barmherzigkeit und Bewunderung der Liebe Gottes angeleitet werdest und damit du nicht mit Stolz erfüllet werdest ob deiner hohen Stellung an einem Fürstenhofe; denn wenn Gott der Herr sich ihrer nicht schämt und sie in seinen Vorhöfen aufstellt, so hast du um so weniger Grund dazu.
Darum schäme dich nimmer, wenn der Arme dich anruft um eine Gabe und stoße ihn nicht zurück, wenn er sich dir bittend naht und deine Kniee flehentlich umfaßt, denn wisse, diese Armen sind in wundersamem Sinne gleichsam die Hunde des königlichen Hofes. Bewahre Gott, daß ich sie so nenne aus Mißachtung, nein, diese Bezeichnung soll ein Ehrentitel für sie sein! Sie bilden gleichsam die Ehrenwache des Palastes. Spende ihnen darum, denn die ihnen erwiesene Ehre wird gleichsam dem Fürsten selbst erwiesen. In den Palästen irdischer Könige macht sich prunkende Hoffart breit, hier aber herrschet die lautere Demuth. Gerade diese Vorhöfe aber lehren dich auch nachdrucksamst die Nichtigkeit alles Irdischen. Die sich dort aufhalten, mahnen dich, daß Reichthum in den Augen Gottes keinen Werth hat. Sie alle, die hier in großer 728 Anzahl sich aufhalten, rufen der ganzen Menschheit gleichsam mit lauter, unüberhörbarer Stimme die Wahrheit zu. „Alle irdische Herrlichkeit ist Schatten und Rauch nur!“ Wäre Reichthum eine Gott wohlgefällige Eigenschaft, nimmer würde dieser die Armen in seinen Vorhöfen weilen lassen. Deßhalb brauchst du dich aber doch nicht zu wundern, wenn er auch Reichen Zutritt gewährt. Denn nicht deßhalb läßt er sie zu, auf daß sie ob ihres Reichthums stolzen Sinnes blieben, sondern daß sie jeglichen Stolz und Hochmuth gänzlich ablegen.
„Gott und dem Mammon,“ spricht der Heiland, „könnt ihr nicht zugleich dienen;“ und: „Schwer ist es, daß ein Reicher in das Himmelreich eingehe,“ und wiederum: „Leichter geht ein Kameel durch ein Nadelöhr, als ein Reicher in das Himmelreich.“ Ja, deßhalb gewährt er auch den Reichen Zutritt, damit sie diese Worte hören, Verlangen nach unvergänglichen Reichthümern bekommen und dadurch überhaupt ihrem Streben eine höhere Richtung geben. Und sollen wir uns wundern, daß er den Unglücklichen gestattet, in seinen Vorhöfen zu weilen, da er sie sogar zuläßt zu seinem Gnadentische, zu jenem hochheiligen Liebesmahle? Ja, Alle dürfen kommen, der Hinkende und der Lahme, der Arme und der Alte, so gut wie der schmucke Jüngling, der stattliche Hofherr, und er selbst, dessen Stirne die Krone ziert; ja, ja, sie Alle dürfen kommen und theilnehmen an jenem Mahle, und empfangen Alle die gleiche hochheilige Speise.