„Wo ihrer zwei oder drei versammelt sind.“ Warum sagt er „zwei“? Wenn nur Einer in deinem Namen da ist, warum bist du da nicht bei ihm? Weil ich will, daß Alle vereint, nicht getrennt sein sollen. Darum wollen wir uns recht innig aneinander anschließen, uns in Liebe miteinander verbinden, Niemand soll uns trennen! Wenn Jemand zu klagen hat, wenn er beleidigt worden ist, so soll er es nicht auf dem Herzen behalten, sondern es mittheilen, entweder einem Nebenmenschen oder mir selbst. Diesen Gefallen müßt ihr mir schon, ich bitte euch, erweisen, daß ihr in solchen Fällen zu mir kommet, eure Klage vorbringet und auch meine Rechtfertigung vernehmet. „Stelle deinen Nächsten zur Rede,“ steht geschrieben, „vielleicht hat er es gar nicht gesagt.“ Stelle ihn zur Rede, „vielleicht hat er es nicht gethan; wenn er es aber gethan hat, damit er es nicht wieder thue!“ Entweder werde ich mich dann rechtfertigen können oder ich werde meine Schuld erkennen und um Verzeihung bitten und mich bemühen, nicht mehr in denselben Fehler zu fallen. Ein solches Verfahren ist nutzbringend für euch und für mich: falls ihr nämlich irrthümlich über mich geklagt habet, so vernehmet ihr den wahren Sachverhalt und werdet eines Besseren belehrt; habe aber ich unwissentlich einen Fehler begangen, so werde ich mich der Besserung befleißen. Euch können unbedachte Reden auf jeden Fall Nichts nützen, denn bekanntlich wird jedes unnütze Wort bestraft, ich aber kann mich dann von den Vorwürfen, mögen sie nun begründet oder unbegründet sein, reinigen; von den unbegründeten, indem ich ihre Haltlosigkeit nachweise, von den begründeten, 792 indem ich den Fehler fortan vermeide. Wie leicht kann ja Derjenige, dem die Sorge für so Viele obliegt, etwas versehen und aus Versehen einen Fehler begehen! Wenn schon ein Jeder von euch, der ein Haus besitzt und Weib und Kinder und mehr oder weniger Sklaven, trotz des leicht zu übersehenden Häufleins beim besten Willen dennoch, wie es eben in der Natur der Sache liegt, manchmal Etwas versieht, sei es, daß ihm Etwas entgeht, oder auch gerade wenn er einen beobachteten Mißstand abstellen will, um wie viel mehr muß das mir begegnen, der ich einer so zahlreichen Schaar vorzustehen habe! Aber der Herr mache euch noch zahlreicher und segne euch, Groß und Klein! Wenn auch in Folge dessen unsere Hirtensorgen wachsen, so hören wir doch nicht auf, zu beten, daß diese unsere Sorgen sich mehren und das Volk gedeihe und zunehme ohne Ende. So ist es ja auch bei den leiblichen Vätern; wenn ihnen die Zahl der Kinder auch noch so viel zu schaffen macht, sie wollen doch keines von ihnen verlieren. Alles habe ich mit euch gemein, gerade auch die höchsten Güter nicht ausgenommen. Ich empfange keinen größeren, ihr keinen geringeren Antheil von dem Tische des Herrn, sondern in gleicher Weise genießen wir davon. Wenn aber ich zuerst davon genieße, so ist das von keiner Bedeutung: auch von den Kindern einer Familie streckt der Ältere die Hand zuerst nach der Speise aus. Darum habe ich aber doch Nichts vor euch voraus, sondern wir sind in Allem gleich gehalten: Jeder von uns erhält mit der gleichen Ehre das Leben der Gnade, das Leben der Seele. Ich bekomme nicht an einem andern Lamme Antheil als ihr, sondern wir alle haben Antheil am gleichen Lamme. Wir alle haben dieselbe Taufe empfangen, sind desselben heiligen Geistes theilhaftig geworden. Wir alle pilgern nach demselben Himmel, wir sind Brüder Christi, der Eine wie der Andere, wir haben Alles mit einander gemein. In welchem Stücke nun bin ich euch voraus? In Bezug auf Sorgen und Arbeiten und Leiden und Kümmernisse, die ich euretwegen habe. Allein das ist mir die süßeste Bürde.