Und so wollen wir denn unsere Feinde bekämpfen mit Bitten und Gebeten. Denn wenn die Alten in dieser Weise gegen bewaffnete Feinde stritten, so müssen wir uns dieser Kampfweise um so mehr gegen unbewaffnete bedienen. So hat Ezechias den Assyrier geschlagen, so Moses den Amalekiter, Samuel die Askaloniter, Israel die zweiunddreißig 788 Könige. Wenn nun Diese da, wo es auf Waffen und Kampf und Streit ankam, das Hauptgewicht nicht auf die Handhabung der Waffen, sondern auf das Gebet legten, um wie viel mehr müssen wir da beten, wo die Sache nur durch Gebet abgemacht werden kann! Aber, sagt man, in den angeführten Fällen haben die Anführer für das Volk gebetet, du aber verlangst, daß das Volk für den Anführer beten solle. Das weiß ich ganz wohl. Allein damals waren die Untergebenen nichtswürdige und elende Menschen, und sie wurden nur durch das Gottvertrauen und die Gottwohlgefälligkeit ihres Führers gerettet. Heutzutage aber, da die Gnade Gottes mächtiger geworden, mag es wohl vorkommen, daß auch unter den Untergebenen Viele oder wohl gar die Meisten den Vorsteher in mancher Beziehung übertreffen. Beraubet uns also nicht dieses eures Gebetsbeistandes im Kampfe! Unterstützet unsere Arme, damit sie nicht erschlaffen; öffnet uns den Mund, damit er nicht verstumme, flehet, ja flehet darum zu Gott! Dieses Gebet findet nun allerdings zunächst für mich statt, allein am Ende kommt der Nutzen davon doch wieder nur ganz und gar euch selber zu. Denn die Sorge für euer Wohl ist unser Beruf, und nur auf euer Bestes zielt unser Dichten und Trachten. Darum betet zu Gott ihr Alle, bete ein Jeder allein, betet Alle in Gemeinschaft!
Höret die Worte des hl. Paulus: „Damit,“ sagt er, „für die uns verliehene Gnadengabe von Vielen unserthalben gedankt werde,“ d. h. damit Gott recht Vielen seine Gnade schenke. Wenn nun schon bei uns Menschen das herbeiströmende Volk für die verurtheilten und zum Tode geführten Verbrecher Fürbitte einlegt und der König sich durch das Volk versöhnen läßt und das Urtheil aufhebt, so wird sich noch viel eher Gott durch euch versöhnen 789 lassen, nicht etwa eurer Anzahl, sondern eurer Tugend wegen. Ich habe es mit gewaltigen Feinden zu thun. Während ein Jeder von euch nur um das Seinige sorgt und sich kümmert, obliegt mir die Sorge für euch Alle zugleich. Ich stehe auf dem gefahrvollsten Posten. Gegen mich rüstet sich der Satan am meisten. Auch im Kriege trachtet der Feind ja darnach, vor allen Andern den Führer zu Boden zu strecken. Darum drängen sich um ihn alle Mitkämpfer in geschlossenen Reihen, darum ist um ihn das größte Waffengeklirr; Jeder will ihn der Gefahr entreißen, Jeder ihn mit seinem Schilde decken und sein theures Haupt beschirmen. Höret, was das ganze Volk zu David sprach (Ich sage das nicht, um mich mit David zu vergleichen, — so thöricht bin ich nicht, — sondern nur, um ein Beispiel von liebevoller Sorge eines Volkes für seinen Führer anzuführen.): „Ziehe nicht mit uns in den Krieg,“ sprachen sie, „damit nicht ausgelöscht werde die Leuchte Israels!“ In der That, eine liebevolle Rücksichtnahme auf den greisen König.
Ja, gar sehr bin ich eures Gebetes bedürftig! Niemand beraube mich aus übermäßiger Demuth, ich sage es wiederholt, dieser Hilfe und dieses Beistandes! Wenn es mir gut geht, so geht es euch um so besser. Wenn meinem Munde das Wort Gottes reichlich entströmt, so fließen euch diese Schätze zu. Denn was sagt der Prophet? „Weiden denn die Hirten sich selber?“ Wisset ihr nicht, daß Paulus diese Fürbitten unablässig für sich verlangt? Petrus wurde, ihr wißt es ja, aus dem Kerker befreit, „weil ohne Unterlaß für ihn gebetet wurde.“ Ich hege das feste Vertrauen, daß euer Gebet, wenn es so einmüthig für mich verrichtet wird, eine große Kraft habe. Bedenket nur, wie sehr es meine geringen Kräfte übersteigt, für eine 790 so große Menge Volkes vor Gott hinzutreten und zu beten! Wenn ich schon nur mit Zagen für mich selbst beten kann, um wie viel mehr muß ich zittern, wenn ich es für Andere thun will. Denn Gott um Gnade für Andere zu bitten, das kommt nur den Allerreinsten zu, die selbst bei ihm in Gnade stehen. Wer ihn aber selbst beleidigt hat, wie kann der für Andere um Barmherzigkeit flehen!